Warum es für mich der schönste Beginn in das Jahr 2016 ist

Januar 3, 2016

Es gab Momente in den letzten zwei Jahren, da wusste ich, dass es kommt. Da war ich mir sicher, dass es mich bald überrumpeln würde. Ich war mir so sicher, dass ich mich bereits mit Schmerzmitteln und jeder Menge Kamillentee eindeckte. Ich fing irgendwann auch an die Tage zu zählen und im Kalender durchzustreichen. Manchmal rechnete ich mir sogar aus, wann es wieder kommen könnte.
Es gab Momente in den letzten zwei Jahren, da wusste ich, dass es kommt. Da war ich mir sicher, dass es mich bald überrumpeln würde. Ich habe es gefühlt. Ich habe es gespürt. Aber es kam nicht. Nicht ein einziges Mal. Nicht ein einziges verdammtes Mal in den letzten zwei Jahren.
Und irgendwann habe ich aufgehört Schmerzmittel und Kamillentee zu kaufen. Ich habe aufgehört die Tage zu zählen und im Kalender durchzustreichen. Irgendwann vergaß ich auch den Rechenweg.

Die Nacht von Freitag auf Samstag war wohlmöglich die schlimmste Nacht seit langem. Von Albträumen geplagt, wachte ich stündlich, schweißnass gebadet auf. Jedes Mal erfuhr mir ein leiser Schrei, jedes Mal schreckte ich hoch und fischte mir mit der Hand eine klitschnasse Haarsträhne aus dem Gesicht, die wie Kaugummi an meinen glühend heißen Wangen klebte. Der schleimige Rotz aus der Nase verband sich mit den salzigen Tränen, die meine Wangen hinunter kullerten und tropfte auf meine nackte Haut. Ich war nackt. Das Nachthemd hatte ich ausgezogen. Ich war splitterfasernackt. Genau wie in dem Albtraum, indem ich immer rannte und rannte, die Lunge schon zu bersten drohte, die Luft mir den Hals zuschnürte, mein Herz wild pochte, das Blut in meinen Adern pulsierte und jeder Knochen meines Körpers schmerzte. Ich immer weiter rannte. Rannte und rannte. Durch dornige Sträucher stolperte, mir Arme und Beine zerkratzte und mir das Kleid jedes Mal an ein und demselben Dornenstrauch aufriss. Ich trotzdem immer weiter hastete. Bis ich stolperte, über irgendwas auf dem dunklen Waldboden, und fiel.
Ich war schweißnass gebadet und splitterfasernackt, genau wie in meinem Albtraum, indem das letzte was ich spürte eine kalte fleischige Hand war, die mir das Kleid vom Leib riss. Indem das letzte was ich sah mein eigenes Blut war.
Sobald die Uhr zur vollen Stunde schlug, wachte ich auch, gab einen leisen Schrei von mir und schreckte hoch. Ich tastete mich ab, nur um zu prüfen, ob noch alles da war. Die Zehen, die Füße, der Bauch, der Po, die Brust und das kleine Muttermal am rechten Oberschenkel.
Mit einem tiefen Seufzer und einem Hauch von Erleichterung ließ ich mich in die Kissen fallen und schlief wieder ein. Bis mich der Albtraum wieder einholte; ich rannte und rannte, stolperte, über irgendwas auf dem kalten Waldboden, fiel, eine fleischige Hand spürte und das Blut erspähte. Jede Menge Blut.
Irgendwann am Morgen, es musste gegen halb sieben gewesen sein, dann, wenn mein Nachbar, für gewöhnlich aufsteht, ins Badezimmer stiefelt und sich für den Arbeitstag frisch macht, wachte ich auf.
Seine tiefe Stimme, die den Radiomoderatoren anschnauzte endlich den gewünschten Schnee anzukündigen, anstatt Plusgerade und Sonnenschein für die kommenden Tage zu verkünden, weckte mich auf.
Ich hörte, wie er die Klospülung drückte, ein paar Sekunden später das Duschwasser über seinen Körper brausen ließ, und dabei das Wasser gegen die Wand klatschte. Und ich fragte mich wie jeden Morgen, ob der arme Herr Nachbar wirklich ein Stinktier ist oder einfach nur unter einem Hygienetick leidet.
Die Augen hatte ich noch geschlossen. Ich spürte wie eine dicke Haarsträhne in meinem Gesicht klebte. Mit der Hand wischte ich mir die Haare aus dem Gesicht, die sich mit Nasenrotz und salzigen Tränen zu dicken Würmer zusammengebunden hatten.
Ich rümpfte die Nase. Es roch gewaltig. Es roch schmutzig. Irgendwie dreckig. Es roch nach Metall. Nach Eisen und ein bisschen Kupfer.
Der Geruch ekelte mich und ich grub mich ein bisschen tiefer in die Bettritze ein und stülpte die Bettdecke weit übers Gesicht.
Hier war ich sicher, sicher von Klospülungen, Stinktieren, Menschen mit Hygienetick, dicken „Haarsträhnen-Würmern“ und jeglichem Gestank. Dachte ich zumindest.
Doch der Gestank, der schmutzige metallische Geruch drang mir wieder ins Bewusstsein, bahnte sich seinen Weg durch meine Nasenhöhlen. Ich versuchte vergeblich den Geruch zu „umschnuppern“, aber selbst die kleinen dunklen Nasenhärchen konnten ihn nicht aufhalten. Er drang mir so tief ins Bewusstsein, dass er sich beinahe anfühlte wie die kalte fleischige Hand, die mir die Kleider vom Leib riss.
Ich muss hier weg.
Ich warf die Bettdecke vom Bett, hievte meinen nackten Oberkörper hoch und verharrte urplötzlich in einer Starre. In einer starren Sitzposition. Es war so still, als hätte man die Welt für einen kurzen Moment ausgeschaltet. Das einzige was ich hörte war das dunkelrote Blut, dass auf das weiße Betttuch tropfte. Mein Blut, das tropfte, aus meinem Körper, als wäre er tatsächlich da gewesen und hätte mir die Kleider vom Leib gerissen und mich bluten lassen.
Ich ließ einen scheuen Blick durchs Zimmer schweifen, um nach dem Täter zu suchen. „Du kannst rauskommen“, hörte ich mich flüstern. Aber nichts. Nichts hörte ich. Außer die Stille und das tropfen meines Blutes.
Es schien niemand da zu sein.
Ich kroch aus dem Bett und stolperte über mein Nachthemd, dass auf den Dielen ruhte und tapste in den Flur. Ich drücke den Griff meiner Türklinke nach unten. Die Tür war noch immer verschlossen. Das Schlüsselband baumelte noch immer im Türschloss. Die Schuhe und Kleider standen noch am selben Platz. Alles sah genauso aus wie gestern Abend.
Es schien niemand hier gewesen zu sein.
Ich watschelte in Richtung Bad und hinterließ eine kleine Blutspur auf den weißen Fliesen. Dann setzte ich mich auf den Toilettendeckel und lehnte den klebrigen, schweißnassen Rücken an die kalten Wandfliesen, lies den Kopf in den Nacken fallen und versuchte ich meine Gedanken zu sammeln, zu verstehen, was passiert war. Wer der Täter war. Vergangene Nacht, als ich doch eigentlich nur schlafen wollte.
Die Müdigkeit holte mich ein und ich schlief schneller wieder ein, als ich „denken“ nur sagen konnte.
Und ich fiel wieder. Fiel wieder in einen Traum. Aber dieses Mal, war er anders.
Ich rannte und rannte, die Lunge drohte wieder zu bersten, die Luft schnürte mir den Hals zu, mein Herz pochte wie wild, das Blut in meinen Adern pulsierte und ich spürte wieder wie jeder Knochen meines Körpers anfing zu schmerzen. Trotzdem rannte ich, wie zuvor, weiter. Rannte und rannte. Stolperte durch die selben dornigen Sträucher, zerkratze mir die Arme und Beine und riss mir das Kleid am selben Dornbusch auf. Ich blieb nicht stehen. Hastete weiter. Bis ich stolperte, über irgendwas auf dem dunklen Waldboden, und fiel. Bis ich meine Hand spürte, wie sie mir das Kleid vom Leib riss und ich das Blut sah. Das Blut, dass aus meinem Unterkörper hinausströmte. Das letzte was ich sah, war, wie ich meine Finger abzählte und anfing zu lächeln. Es war tatsächlich wieder da. Nach zwei Jahren war es wieder gekommen und hatte mich überrumpelt.
Dann wachte ich auf. Ich saß noch immer auf dem Toilettendeckel und hörte wie ein Blutstropfen nach dem anderen die weißen Fliesen bedeckte.
Ich sah an mir runter und fing an zu lächeln. Ein Freudenschrei entfuhr mir und für einen kurzen Moment lang, einen winzigen Atemhauch von Zeit, vergass ich, den Gestank, die klebrigen Würmer in meinem Gesicht und meinen schweißnassen Körper.
Aber für einen langen Moment, einen großen Atemhauch von Zeit, einen langen, niemals endenden Atemzug war und bin ich unglaublich froh.
Froh zu riechen, froh zu bluten und überaus froh der Täter meiner selbst gewesen zu sein.
Ich saß nun da, eine ganze Ewigkeit. Saß einfach nur so da und strahlte. Weil ich nach zwei Jahren wieder bluten darf, so komisch es auch klingt. Weil ich jetzt wieder die Tage im Kalender zählen kann. Weil ich jetzt wieder ausrechnen kann, wann es wieder kommt.
Aber noch viel schöner ist das Gefühl, dass ich bald wieder Frau sein kann, fühlen und spüren kann. Weil ich bald wieder geben und nehmen kann. Weil ich bald wieder ja sagen kann. Weil ich bald wieder „ich liebe dich“ sagen und fühlen kann, falls du es noch einmal zu mir sagst.
Das Gefühl bald wieder fühlen zu können, den Eisberg in mir zu brechen, ist das schönste Gefühl, seit langem und der schönste Beginn des Jahres, den ich mir nur hätte vorstellen können.

14 Comments

  • uwerichtersfotoblog Januar 3, 2016 at 17:04

    Du hast soooo ein ubglaubliches Talent mit Sprache umzugehen!! Hut ab!

  • Beat(e)s Welten Januar 4, 2016 at 1:46

    Wenn das Leben wieder zu fliessen beginnt… Eine starke Erfahrung stark beschrieben! Kompliment!
    Und viel Glück und lebendige Gefühle im 2016!

  • wayymagazine Januar 6, 2016 at 15:55

    hey, ich bearbeite mit lightroom und hab mir meine filter selber erstellt 🙂 liebe grüße!

  • miriam rosendahl Januar 7, 2016 at 13:54

    Liebe Mona! Du bist so mutig, über deine erste Blutung nach so langer Zeit und deine Gefühle zu schreiben, und dann auch wieder so talentiert und sprachgewaltig! Ich kenne das Gefühl, das unglaubliche, ungläubige, das eine Ex-Magersüchtige durchströmt, die wieder angefangen hat zu essen und sich auf dem laaaaaangen Weg der inneren und äußeren Heilung begeben hat! Weiter so, dein Schreiben und Genesen sind wunderbar!

    • Mona Kuehlewind Januar 7, 2016 at 14:25

      Oh, das ist so lieb von dir. Danke Dir sehr für deine lieben Worte.
      Ich wünsche dir alles Liebe und es war wirklich schön, deinen Kommentar gelesen zu haben!

  • cyanlotos Januar 7, 2016 at 22:02

    Nun habe ich dich zum 2. Mal entdeckt und frage mich, warum ich dich nicht beim ersten Mal bereits abonniert habe. Du schreibst wunderbare Texte! Ich finde es unglaublich toll, wie du dich über deine wieder einsetzende Periode freust! Ja, fast bin ich beim Lesen etwas neidisch geworden. Bei mir bewirkt die Periode leider immer fast genau das Gegenteil. Sie triggert meine ES und wenn es richtig blöd läuft auch Flashbacks und Panikattacken. Ich wünsche dir, dass die Freude anhält und alles wieder in geordneten Bahnen läuft!

    • Mona Kuehlewind Januar 7, 2016 at 22:06

      Das ist sehr schön, dass du wieder hier bist und lieben Dank für die netten Worte.
      Ich habe mich zunächst ein bisschen gescheut einen solchen Text zu schreiben, aber dann war die Freude doch zu groß, und mit irgendwem muss ich sie doch teilen 🙂
      Ich hoffe sehr, dass du bald lernst, damit besser umzugehen und dich bei deiner nächsten Periode mehr freuen kannst.
      Glaub mir, es ist so viel schöner, du bist so viel mehr, wenn du sie hast und vor allem bist du dann du selbst mit einem Körper, der „Ja“ zu dir sagt.

      Alles alles Liebe,
      Mona

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