2015: Ich bin ein erfahrener Hinfaller geworden

Dezember 30, 2015

Mir ist schlecht. Ich möchte, dass wir anhalten. Ich möchte, dass wir stehen bleiben und du den Motor abstellst. Ich möchte, dass du mir die Tür auf dem Beifahrersitz öffnest. Ich möchte, dass wir anhalten, dass wir aussteigen, ich möchte frische Luft und die kleine gelbe Blume am Wegesrand abpflücken. Ich möchte, dass wir eine kleine Pause einlegen. Genau hier. Genau jetzt. Mir ist so schlecht.
Aber du schaust starr geradeaus. Grinst ein bisschen. Du hast das Ziel schon im Auge. Aber kennst du auch den Weg?
Du beruhigst mich mit einem „Alles wird gut“ und streichst mir über den Oberschenkel. Ich zucke zusammen und verharre in Herzrasen und Angstschweiß.
Ich möchte immer noch, dass wir anhalten. Anhalten, einen kurzen Moment lang stehen bleiben, regelmäßig Ein- und Ausatmen. Aussteigen und Blumenpflücken.
„Hast du mich gehört? Du sollst anhalten.“, zittere ich. „Wieso kurz vorm Ziel anhalten?“, kicherst du in dich hinein.
„Weil ich noch einmal nachdenken will, bevor wir ankommen. Weil ich noch einmal über den Weg nachdenken will, den wir die letzten 365 Tage gefahren sind. Weil ich noch einmal nachdenken will, ob wir dem Weg weiterhin folgen sollten oder an der nächsten Kreuzung besser links abbiegen sollten, oder rechts. Weil ich noch einmal nachdenken will, ob ich hier noch sitzen kann. Rechts neben dir. Mit deinem fleischigen Händedruck auf meinem Oberschenkel, dem Herzrasen und dem Angstschweiß.“, will ich sagen, aber dann reiße ich mich auch schon los, öffne die Tür und springe bei 86 km/h aus dem Wagen.
Ich rolle mich ab und lande auf den Händen. Die Knie baden in der kleinen Pfütze.
Eine ganze Zeit lang verbleibe ich in dieser Position. Die Hände stützen meinen schweren Körper vom schlammigen Boden ab. Die Beine ruhen in einer kalten Pfütze.
Du bist weitergefahren. Ich habe deinem Wagen noch eine ganze Weile hinterhergeschaut. Bis er so klein wie eine Ameise war. Ein winziger Sandkorn in den tiefen des dunklen Waldes. Ich habe deinem Wagen noch eine ganze Weile hinterhergeschaut, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Als letztes sah ich, wie dein Wagen, die schwarze Ameise, der winzige Sandkorn, an der nächsten Kreuzung links abbog. Du hast unseren Weg verlassen.
Und ich sehe in den Himmel hinauf, sehe Wolken und noch mehr Wolken. Fange an Schäfchen zu zählen, um nicht weinen zu müssen. Nach dem dreiundzwanzigsten Schäfchen weine ich aber doch, blicke auf den kalten Waldboden, meine schlammigen Hände und durchnässten Beine: „Ich bin wieder gefallen.“
Über meine grandiose Landung, das unverletzte Aufkommen auf den Knien und das Abrollen über die Schulter bin ich längst nicht mehr begeistert. „Nach neun Fällen weißt du, wie Fallen funktioniert.“, will ich sagen, doch weiß nicht zu wem.
Das war Fall Nummer zehn. Der zehnte Fall auf der Fahrt durchs Jahr 2015. Aber mit Abstand der spektakulärste. „Das Beste kommt zum Schluss“, war ja klar.
Ich rappele mich zusammen, hieve mich von allen Vieren hoch, klopfe mir die Hände einmal an der nassen Hose ab und schlendere einen Waldpfad entlang. Immer geradeaus.
Und wie ich so daher gehe, merke ich, dass es doch ein bisschen weh tut. Nicht das rechte Knie, mit dem ich zuerst aufgekommen bin und auch nicht die Hand, die ich mir bei meiner Landung ein klein wenig umgeknickt habe. Aber mein Herz, dass tut mir ein bisschen weh. Ein ganz sanftes, leichtes, kaum spürbares Stechen in meiner linken Brust. Ich glaube es sticht, weil ich mich aus deinem Wagen gestürzt habe. Ich glaube es sticht, weil ich dich verlassen habe. Oder du mich?
Ich denke an dich. Mit jedem Schritt, den ich auf den verwurzelten Waldpfad setzte. Und mein Herz sticht. Es sticht so sehr, dass es weh tut. Wann hört der Schmerz in meinem Herzen bloß endlich auf?
Und wie ich so daher stolpere, denke ich nach. Ich verdenke die Zeit. Denke so viel, dass ich die Dunkelheit nicht bemerke. Ich verdenke den Weg. Denke so viel, dass ich nicht mehr weiß, wo ich bin. Und ich verdenke den Schmerz. Denke so viel, dass ich den Stich in meinem Herz nicht mehr wahrnehme. Ich zerdenke alles. Ich zerdenke die letzten 365 Tage. Ich zerdenke die Fahrt im Jahr 2015. Ich zerdenke das Leben, die Liebe, Orte, die ich besucht habe und die Menschen, denen ich begegnet bin. Dich auch. Und dann, dann zerdenke ich mich. Zerdenke mich bis ins kleinste Detail. Zerdenke mich so lang, bis ich schlucke, keuche und heftig huste. Bis ich unregelmäßig atme. Bis ich die Luft anhalte und wieder zu Boden falle. „Fall Nummer elf. Fall Nummer elf. Fall Nummer elf. Der elfte Fall im Jahr 2015“, wiederhole ich und schließe die Augen.
Schließe sie so lang, bis ich wieder zu atmen weiß. Ich bleibe hier liegen. Der Boden ist kalt, mir ist kalt, aber ich weiß, dass da vorne die Kreuzung ist. Ich weiß, dass du da vorne links abgebogen bist und ich weiß, dass ich mich jetzt entscheiden muss, gehe ich auch nur einen Schritt weiter.
Ich bleibe lieber liegen und versuche noch einmal zu denken. Ohne dabei ins Extreme zu schwanken. Dieses Mal nicht zerdenken, sondern einfach nur daran denken. An den Weg, den wir gefahren sind. Und tatsächlich, es gelingt mir.
Ich denke nicht nach Tagen, nach Wochen oder Monaten. Geschweige denn denke ich an bestimmte Daten. Aber ich denke an Gefühle. Ich denke an all die Gefühle im Jahr 2015.
Ich denke nicht 10. März 2015, der zehnte Geburtstag meines kleinen Bruders. Ich denke Hunger und der zehnte Geburtstag meines kleinen Bruders. Ich denke noch mehr Hunger und Ostern. Ich denke keinen Hunger haben und an der Torte an Papas Geburtstag vorbeigehen. Ich denke keinen Hunger haben und den Bauch vor Magenkrämpfen festhalten. Ich denke Hunger haben und Grünen Tee trinken und Kaugummi kauen.
Ich denke satt sein und weiter essen. Ich denke satt sein und nicht aufhören. Ich denke satt sein und zwei Pizzen essen. Ich denke satt sein und Eis mit dem Suppenlöffel essen. Ich denke satt sein und der Finger in meinem Hals. Ich denke satt sein und übergeben. Ich denke satt sein und Herzrasen. Ich denke satt sein und Überessen.
Ich denke dünn sein und im Spiegel anschauen. Ich denke noch dünner sein und mit Victoria Secret Models vergleichen. Ich denke am dünnsten sein und das Butterbrot in der Pause die Toilette runterspülen.
Ich denke kontrollieren und die Zahl auf der Wage. Ich denke kontrollieren und Gemüse abwiegen. Ich denke kontrollieren und Schokolade verteufeln. Ich denke kontrollieren und Kalorien zählen. Ich denke kontrollieren und Sport- und Ernährungstagebuch zu führen.
Ich denke Angst haben und das erste Date. Ich denke Angst haben und die erste Nacht in der eigenen Wohnung. Ich denke Angst haben und Gänsehaut verstecken. Ich denke Angst haben und Stimme verstellen. Ich denke Angst haben und trotzdem springen.
Ich denke traurig sein und weinen. Ich denke traurig sein und Abschied. Ich denke traurig sein und salzige Tränen. Ich denke traurig sein und weglachen.
Ich denke allein sein. Ich denke allein sein und Freunde verlieren. Allein sein und ohne dich sein. Allein sein und hilfslos sein.
Ich denke lieben und nicht lieben können. Ich denke lieben und betrügen. Ich denke lieben und versuchen. Ich denke lieben und unechte Küsse. Ich denke lieben und falsche Umarmungen. Ich denke lieben und keine Liebe spüren.
Ich denke stark sein und Kopfschütteln. Ich denke stark sein und heimlich weinen. Ich denke stark sein und „Alles ist gut“ sagen. Ich denke stark sein und der versehentliche Messerschnitt am Zeigefinger. Ich denke stark sein und hinfallen. Elf mal.
„Elf mal“, wiederholen sich meine Gedanken.
Ich versuche mich an den ersten Sturz zu erinnern. Und ich muss nicht lange überlegen, dann fällt es mir auch schon ein. Es war der Sturz in die Magersucht.
Da ich zu jener Zeit noch kein erfahrener „Hinfaller“ war, war die Landung äußerst schmerzhaft. Nicht zu vergleichen mit dem zehnten Sturz, der grandiosen Landung auf den Knien, dem Abrollen über die Schultern. Der Sturz in die Magersucht war lang und schmerzhaft, gleichzeitig aber auch viel zu schnell.
Nach diesem Sturz, ich erinnere mich, fiel ich noch weitere Male.
Jeder Sturz war ein Anderer. Kein Sturz war mit dem Anderen zu vergleichen. Aber dennoch lernte ich zu fallen. Ich lernte zu stürzen und mich aufzufangen. Ich lernte sicher zu landen. Irgendwann dann war ich ein erfahrener „Hinfaller“. Einer der weiß, wie man fällt.
Und dann bin ich sogar einmal von der Schaukel gefallen, und man hat applaudiert, weil ich einen sau coolen Stand hingelegt habe.
Aber ein „Aufsteher“ bin ich noch nicht. Jedenfalls kein guter. Aufgestanden bin ich immer. So viel steht fest. „Aber immer mit dem falschen Bein“, wie Mama an dieser Stelle sagen würde. Ich bin immer aufgestanden, doch habe ich immer noch zu viel mitgenommen. Ich bin aufgestanden, aber so richtig lösen, konnte ich mich nie. Der Sturz in die Magersucht klebt immer noch ein bisschen an mir und auch der Dreck an meinen Händen, von meinem elften Sturz, pappt immer noch unter meinen Fingernägeln.
Nach meinem coolen Stand damals bin ich auch mit grüner Hose aufgestanden, es hat nur niemand bemerkt, weil andere Dinge plötzlich wieder interessanter waren.
Ich liege noch immer auf dem kalten Waldboden. In der Ferne höre ich, wie die ersten Silvesterraketen in die Luft geschossen werden. Ich spüre die Aufregung, die in der Luft liegt. Ich fühle die guten Vorsätze fürs nächste Jahr am Fenster kleben und irgendwo meine ich eine Stimme zu hören, die mich nach meinen Vorsätzen für das nächste Jahr fragt.
„Aufstehen lernen“, antworte ich, schließe die Augen und hoffe, dass die Zeit schneller vergeht, damit ich morgen um 24:00 Uhr aufstehen kann und geradeaus weitergehen kann. Ohne Dreck, ohne Schmutz, ohne jeglichen Anschein von Sturz.

 

 

11 Comments

  • Red Skies Over Paradise Dezember 30, 2015 at 20:55

    !

  • sternfluesterer Dezember 30, 2015 at 22:19

    Ich wünsche Dir ein neues Jahr des Aufstehens, noch besser, eins des nicht stürzen Müssens. Ich wünsche Dir ein neues Jahr ohne Dreck, ohne Schmutz, ein Jahr, das Dich frei (er) sein lässt von Selbstzweifeln, ein gesundes neues Jahr, ein neues Jahr, das Dich Glück empfinden lässt, Dir Deine schöne Kreativität erhält, ich wünsche Dir ein neues Jahr der ehrlichen Liebe, der aufrichtigen Freundschaft, der Erfolge, die Du Dir erträumst, mindestens aber, dass Du diesen und überhaupt allen Deinen Träumen näher kommst.

    Bleib eine Suchende, liebe Mona, dann wirst Du nicht bangen müssen, den falschen Weg zu gehen.

    Hab‘ einen frohen Jahreswechsel – ich stoße mit Dir an, auf Dich. Du gehörst zu denen, die mir Hoffnung schenken und mich so weiter leben lassen.

    Zutiefst aufrichtig: Liebe Grüße an Dich!

    • Mona Kuehlewind Dezember 30, 2015 at 22:23

      Das ist so lieb von dir. Ich danke dir sehr. Ich wünsche dir ebenfalls nur das Beste für das kommende Jahr. Ich stoße mit dir an, auf dich und ein bisschen auch auf mich. Ich danke dir für deine Worte, die mich sehr oft zum nachdenken und hinterfragen angeregt haben. Danke, dass ich deine Worte im Jahr 2015 kennen lernen durfte!

  • Dark Owl Dezember 30, 2015 at 23:24

    Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr. Komm gut rüber, lass dich niemals aus der Bahn werfen. Egal was kommt, gehe deinen Weg.
    Liebe Grüße

  • misstueftelchen Dezember 31, 2015 at 20:09

    Liebe Mona,
    ganz still und leise, schicke ich auch gute Neujahrswünsche auf die Reise…

    Ich würde dir gerne schreiben_ sagen: ja es wird einfacher werden und alles wird besser werden, aber das wäre vermutlich nicht ganz ehrlich. Ich glaube manchmal das die Dinge die einen zu Boden ziehen, stolpern, fallen lassen, die Dinge sind, die einem irgendwie zeigen das ein Punkt da ist, an dem man aus einem fahrendem Auto springt. Es fühlte sich beim lesen an wie eine Notbremse ziehen, einer (neuen_alten) Erkenntnis Raum geben und vielleicht neue Wege zu beschreiten_finden_endecken.
    Ich wünsche dir für das neue Jahr viele Möglichkeiten halt zu finden, um weniger zu fallen und das du dich vielleicht einmal auffangen lassen oder auf halben Wege einen Rettungsanker werfen kannst der dich auffängt bevor du ganz fällst.

    Liebe Grüße

    • Mona Kuehlewind Januar 1, 2016 at 15:11

      Das ist so lieb von dir. Danke für deine wunderbaren Worte und Wünsche.
      Dir auch alles Gute für das neue Jahr 2016 und lass es dir gut gehen und spring, wenn es sein muss und es sich richtig anfühlt. Es gibt immer einen Weg. IMMER!

  • nephi88 Januar 2, 2016 at 14:32

    Schön geschrieben 🙂 ich wünsch dir ein wundervolles 2016 mit jeder Menge Kraft um Aufzustehen und los zu lassen.

  • Werner Kastens Januar 12, 2016 at 19:57

    Verdenke die Stunde
    verbrenne die Zeit
    vergebe die Wünsche
    vergleiche das Glück.
    Ganz einfach sehnen.
    Berausche das Mal!

    Vielleicht klappt es so in 2016?
    Alles Gute jedenfalls

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