A dress is not a yes

Januar 8, 2016

Eine Frau erzählte mir einmal:

„Ein Kleid ist kein Ja“, rückte ihren Rockzipfel noch ein Stück tiefer und fing mit zittriger Stimme an zu erzählen …

„Wenn ich den Mut dazu hätte, würde ich mir diese fünf Worte auf die Stirn tattovieren lassen. In schwarzer Schnörkelschrift und mit Rosen verziert. Wild wuchernde Rosen, dornige Sträucher, undruchdringbare Verästelungen. Und irgendwo dazwischen würde ich mir sein Gesicht aufzeichnen lassen, damit alle Menschen sehen, was für ein ekeliger Typ er ist. Was für ein Schwein er doch eigentlich ist.
Aber ich bin zu viel Herzmensch. Ich habe Angst um mein Herz und habe zu viel Hoffnung auf das Gute. Auf das Gute was nie kommen wird. Denn einmal Schwein, immer Schwein.
Ich bin zu viel Herzmensch und kann nicht den Mut dazu aufbringen mir ein derartiges Tattoo in die Haut einmeißeln zulassen, geschweige denn es auch nur auf ein Blatt Papier zu schreiben, in die Tastatur meines Mobil Telefons einzutippen oder es still und heimlich in mein Tagebuch zu kritzeln. Ich bin zu viel Herzmensch und habe Angst.
Deshalb läuft das Schwein noch immer frei da draußen rum. Wacht morgens um 8:00 Uhr auf, wenn der Wecker klingelt, geht zum Bäcker und holt seine Brötchen. Seine vier Brötchen und niemand fragt ihn, wie er nur vier Brötchen essen kann, wenn er doch so klein und schmal ist. Er bezahlt, zwinkert der netten Verkäuferin noch einmal zu, tätschelt die Frau an der linken Schulter, die er versehentlich angerempelt hat, dreht sich um und verlässt mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“ den Laden. Er überquert die Straße. Watschelt zur Tankstelle und steckt ein paar Scheine in den Kondomautomaten. Heraus kommen drei Päckchen seiner blauen Lieblingskondome. Mit einem strahlen nimmt er sie aus dem winzigen Schacht und niemand wundert sich, warum er jeden Tag drei neue Päckchen holt. Dann überquert er wieder die Straße, geht ein paar Meter weiter und fängt den Postboten ab, der ihm bereits mit einem Heft entgegen wedelt. „Wieder der Playboy, Herr M.“, ruft er ihm zu ohne ein einziges Mal zu hinterfragen, warum er ihm schon wieder den Playboy aushändigt. Dann rollt er die Zeitschrift zusammen und quetscht sie sich unter den Arm, zündet sich die Zigarette an und tritt zur Tür hinein.
Ich saß immer oben am Fenster, in dem winzigen Kämmerchen, in dem er mich eingesperrt hatte und beobachtete ihn, wie er jeden Morgen ein und denselben Weg ging. Ich hätte das Fenster gerne einmal geöffnet, nur ein einziges Mal, um ein bisschen frische Luft zu schnuppern, ein bisschen Freiheit zu riechen. Aber er hatte es mir verboten. „Freiheit ist nichts für Frauen“, hatte er bloß gesagt. Und ich habe genickt und so getan, als würde ich lächeln, um die Tränen zu unterdrücken.
Einmal, da habe ich meine Nase so fest an das Fenster gepresst, dass ich meinte, ein bisschen Luft durch die 5cm Meter dicke Scheibe erhaschen zu können. Anhand meines Nasenabdruckes hatte ich mich allerdings verraten und durfte alle Fenster der 40 Quadratmeter kleinen Wohnung putzen.
Das war mir eine Lehre und ich hielt ab nun an immer Abstand zum Fenster und der Freiheit. Ich hockte immer nur noch da und beobachtete ihn, wenn er seinen morgendlichen Rundgang zum Bäcker, zum Kondomautomaten an der Tankstelle machte und auf halben Wege den Postboten mit dem Playboy abfing.
Wenn er dann die Treppen in den zweiten Stock hinauf trampelte. Roch ich bereits den Gestank der qualmenden Zigarette, die er zwischen die Zähne klemmte und den Geruch seines Aftershaves. Als nächstes konnte ich hören, wie seine fleischigen Hände nach dem Türschlüssel kramten, er kurze Zeit später „Mach mir die Tür auf“ brüllte, der alten Dame aus der Wohnung gegenüber, die an ihm vorbeiging und ihn verdutzt anstarrte, erklärte, dass seine Mutter zu Besuch sei und ein zweites Mal brüllte „Mach mir die Tür auf“.
Ich gehorchte. Lauerte bereits hinter der Tür und öffnete sie ihm, öffnete sie nur einen winzigen Spalt und versteckte mich dabei im Schatten der großen Pflanze, die im Flur stand.
Zwei Brötchen bekam ich zum Frühstück. „Zur Stärkung“, hallte seine Lache jeden Morgen durch die leeren Räume seiner kleinen Wohnung, in der sich nichts weiter als ein Tisch, ein Stuhl und ein großes Bett befand. An dem Tisch aß er, auf dem Stuhl klebte sein Po und in dem großen Bett schlief er. Ich aß an der Fensterbank, lehnte an der Heizung und schlief auf dem kalten Boden der dunklen Kammer.
Das erste Mal, als er mich zu sich ins Bett bat, tänzelte ich noch auf ihn zu. Das zweite Mal, als er mich zu sich ins Bett bestellte, warf ich ihm nur einen verängstigenden Blick zu. Das dritte Mal verängstigte mich schon weniger. Beim vierten Mal sträubte ich mich aber. Bekam aber einen Schlag ins Gesicht. Beim fünften Mal schrie ich sogar um Hilfe. Er stopfte mir ein Tuch in den Mund, drückte meine Hände hinterm Rücken zusammen und zog mich zu sich ins Bett. Ab dem sechsten Mal gehorchte ich dann immer. Und so wurden es 58 Male in 14 Tagen, in denen ich gehorchte und mit ihm ins Bett ging. Anfangs noch freiwillig, weil ich immer an den Abend dachte, an dem ich mit meinem schwarzen engen Kleid im Rampenlicht der Scheinwerfer tanzte, er der erste Mann war, der mich auf mein hübsches Kleid, meine schmale Figur, die enge Taille und meine großen strahlenden Augen aufmerksam machte. Und er der erste Mann war, der mich fragte, ob er mich am Ende der Feierei nachhause fahren darf. Ich war vom Scheinwerfer Licht geblendet, verblendet von der Illusion „er könne der richtige sein“ und zu 100% Herzmensch. Deshalb willigte ich ein. Wir stiegen in sein Auto, fuhren durch die Dunkelheit, hörten „Angels“ von Robbie Williams und „Your Song“ von Elton John. Stellten den Motor irgendwo auf einem abgelegnen Parkplatz in der Dunkelheit ab. Er legte mein Gesicht in seine fleischigen Hände, ich wollte sagen „Lass uns lieber noch ein bisschen warten und die Sache langsam angehen“, doch er zog sich an seine Brust, riss mein schwarzes Kleid auf, packte mich zwischen den Schritt und presste mich wieder und wieder an seinen glühend heißen, lustvollen Körper. Ich stöhnte „Nein“, er stöhnte „Ja“ und vergewaltigte mich das erste Mal zu Robbie Williams und Elton John.
57 weitere Male folgten, bis ich nach 14 Tagen abhauen konnte, als der Kondomautomat hing, die drei Kondompäckchen irgendwo im Automaten festhingen und ich genug Zeit hatte das Fenster zu öffnen, rauszuspringen und abzuhauen.
Wenn ich heute den Mut dazu hätte, würde ich mir „Ein Kleid ist kein Ja“ auf die Stirn tattovieren lassen. In schwarzer Schnörkelschrift und mit Rosen verziert. Wild wuchernde Rosen, dornige Sträucher, undruchdringbare Verästelungen. Und irgendwo dazwischen würde ich mir sein Gesicht aufzeichnen lassen, damit alle Menschen sehen, was für ein ekeliger Typ er ist. Was für ein Schwein er doch eigentlich ist.
Aber ich bin Herzmensch geblieben und habe Angst. Deshalb bleibt es ein Geheimnis. Ein Geheimnis was nur zwischen ihm und mir ruht. Still und heimlich bis in alle Ewigkeit. Weil ich ein Herzmensch bin. Ich habe Angst.“

Seit jenem Tag, als die Frau mir ihr Geheimnis verriet, versicherte ich ihr, dass ich ihr helfen werde. „Weil ich ein Kopfmensch bin. Und keine Angst habe“, versprach ich ihr damals.

Doch dann passierte etwas, wovon Papa bereits sprach, als er mir verboten hatte um Mitternacht das Haus zu verlassen. Etwas wovon Mama erzählte, als sie mir befahl das Taxi nach der Party zu nehmen und nicht mit der U-Bahn nachhause zu fahren. Das wovon H. sprach, als er mir erklärte sich nicht an dunklen Wegesrändern, in abgelegene Straßen und Sackgassen aufzuhalten, sobald die Dämmerung einsetzt.
Genau das Etwas, bei dem ich zittern musste, als die Frau mir von ihrem Geheimnis erzählte.

Es war eine dunkle Straße. Eine Straße, in die ich sonst nie einbiege. Sie war eng und dunkel. Aber ich wollte schnell nachhause. Mir war kalt. Ich hatte bloß ein schwarzes enges Kleid an. Und die Straße war außerdem eine gute Abkürzung. Also bog ich in die Straße ein, leuchtete mir mit dem Mobil Telefon den Weg. Bis, ja bis der Akku leer war und es stockdunkel war. Ich ging einen Schritt schneller. Stolperte durch eine große Pfütze und knickte mir den Fuß auf einem Stein um. Ich versuchte noch einen Schritt schneller zu gehen, doch als ich Stimmen im Hintergrund hörte, blieb ich stehen. Zwei Männerstimmen und eine Frauenstimme war zuhören. Ich rief „Hallo, ist da jemand?“ und bekam ein tiefes „Hallo“ zurück. Einer der Männer hatte geantwortet. Die Frau kicherte noch immer im Hintergrund. „Habt ihr Licht und könnt mir den Weg leuchten?“, bat ich. „Nichts lieber als das“, sagte die andere etwas höhere Männerstimme. Ich blinzelte die Augen zusammen um in der Dunkelheit nach den drei Gestalten, meinen drei Rettern zu suchen. Ihre Stimmen wurden immer deutlicher, die Frauenstimme, die noch immer kicherte, wurde lauter. Bis sie nur noch fünf Meter von mir entfernt waren. Zwei Männer und eine Frau mit blondem Haar, auf dem Display eines Mobil Telefons.
Dann ging alles ganz schnell. Sie packten mich am Ärmel, rissen mir die Tasche von der Schulter und zogen mir das Handy aus der Kippe. Bis sich in der dunklen Straße ein quietschendes Fenster öffnete und eine Stimme rief „He, was soll das?“, ich de Moment nutze und nach links rannte und die Männer nach rechts abhauten.
Es war 00:44 Uhr. Ich saß allein am dunklen Wegesrand und dachte zum ersten Mal über das Tattoo der Frau nach „Ein Kleid ist kein Ja“. Und ich stelle fest, mir dieses Motiv auch unter die Haut ritzen zu lassen wollen, wenn ich den Mut dazu hätte. Und dann bemerkte ich plötzlich, dass ich auch ein Herzmensch bin. „Ich habe Angst.“

Diesen Geschichte habe ich niemals erlebt, weder die Begegnung mit der Frau, noch die eigene Begegnung mit den zwei Männern und der Frau auf dem Display. Aber sicherlich schon oft in Büchern gelesen, durch Medien erfahren, in manch Alpträumen erlebt und in manch einem Moment gefürchtet.
Ich möchte die Geschichte mit euch teilen, weil ich unendlich wütend bin.
Ich bin wütend. Wütend auf uns. Das wir uns als Menschen bezeichnen, aber im Grunde genommen doch alle Menschlichkeit verloren haben.

„Wenn eine Frau zur Realität durchdringt, lernt sie ihren Zorn kennen, und das heißt, sie ist bereit zu handeln.“ – Mary Daly

4 Comments

  • zettelwirtin Januar 8, 2016 at 21:40

    „Ein Kleid ist kein Ja.“ Geiles Statement!!! Cooles Bild zum Post. Ein Tattoo auf der Stirn ist vielleicht etwas extrem, aber eigentlich müsste man den Text auf T-Shirts in 30 Sprachen drucken und überall verteilen!!!

  • Jule Wech Januar 9, 2016 at 9:36

    „Ein Kleid ist kein ja “ !
    Ein tiefer Ausschnitt ist es auch nicht …
    Grellrot geschminkte Lippen auch nicht …
    Hotpants sind es ebenfalls nicht …

    Und doch wird auch heute noch die Kleidung oder Bemalung der Frau , als eindeutige Einladung (miss-)verstanden !
    Eine misshandelte Frau muß sich gefallen lassen , daß ihr Kleidungsstil als provokant bezeichnet wird , daß sie zu sehr geschminkt war , daß ihre ganze Aufmachung eindeutige Signale aussendete … und es ja irgentwann so kommen musste …
    In einer noch immer von Männern dominierten Welt wird es wohl auch so bleiben … sicher , die Wortwahl wird heute eine andere sein , aber der Kern der Sache bleibt : Zieh dich bieder an , schminke dich dezent , sei einfach unauffällig … aber zu Hause , hinter verschlossenen Türen – da kann Frau gar nicht nuttig genug rüberkommen , ha !
    Und da frag ich mich nicht mehr , warum die Burkas dieser Welt so vehement verteidigt werden !

    Ich frage mich eher , was läuft falsch in dieser Gesellschaft ?
    Wie kann ein Rockzipfel , der vermeintlich zu kurz ist , als Grund für eine Vergewaltigung herhalten ?
    Sollte nicht eher hinterfragt werden , was bei den Männern falsch läuft , die (auch heute noch) behaupten , die Frau habe „eindeutige“ Signale gesandt ?
    Empfangen diese Männer überhaupt Signale oder sehen sie nur ihre eigenen Triebe ?

    Bestens verstehe ich Frauen , die die ihnen angetane Gewalt nicht öffentlich zur Anzeige bringen !
    Sind es nicht wieder (meistens) Männer , denen sie schildern sollen , was ihnen wiederfuhr …
    Wieviele mißhandelte Frauen laufen da draußen rum , denen trotz Anzeige keine Gerechtigkeit zuteil wurde ???
    Und es fängt ja schon bei den Kindern an … denen wird schon mal gar nicht geglaubt … wie soll eine erwachsene Frau erwarten , daß ihr geglaubt wird ?

    Ein heißes Thema , das du da angepackt hast …

    • Mona Kuehlewind Januar 9, 2016 at 15:00

      Danke Dir für den sehr ausführlichen Kommentar, den ich nur mit einem Kopfnicken und einem kleinen „Applaus“ entgegen nehmen kann.
      Ich möchte auch gar nichts weiter dazu sagen, denn ich kann dir nur zustimmen und auf eine bessere, emanzipiertere Zukunft hoffen.
      Danke Dir, liebe Jule 🙂

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