Abhauen und nie wieder kommen

April 5, 2016

„Bevor die Sonne aufgeht schon Wegfahrpläne schmieden. Die ersten Sonnenstrahlen mit einem Zigarettenzug inhalieren und die Musik ganz leise aufdrehen. Noch ein bisschen lauter. Bis der Bass ganz heimlich den Herzschlag kontrolliert. Mut schöpfen und Schnürsenkel binden. Zwei Marmeladenbrote schmieren und eine Wasserflasche in die Tasche stopfen. Zigarettenstummel die Toilette hinunterspülen, den pinken Kaugummi hinter dem Ohr hervorholen und wieder in den Mund stecken. Einen Blick auf die Uhr werfen. 6 Uhr in der früh. Die Sonne geht gleich auf. Panik kriegen. Über Schuhe stolpern und am Türgriff hängen bleiben. Auf den kalten Dielen durch die Wohnung krabbeln. Das Handy auf dem Küchentisch liegen lassen. Einen letzten Blick durch die Wohnung schweifen lassen. Tief Luft holen. Die Augen schließen und die Wohnung verlassen. Den Schlüssel an der Garderobe hängen lassen. Abhauen.“

Das war kein Traum. Das war ein Gedanke, der mir gestern durch den Kopf schoss.
Mir gehts gut. Ich bin fein. Ich denke manchmal nur zu viel, weißt du.
Aber Mama hat mir immer gesagt, dass das okay ist. Manche Menschen reden viel. Andere wiederum weinen viel. Und ich denke eben viel. Mama sagte das ist okay.
Abends denke ich besonders viel. Mit offenen Augen liege ich im Bett, starre in die Dunkelheit. Zusammengerollt wie ein Kätzchen. Viele Gedanken kreisen mir durch den Kopf. Ich zerdenke bis ins kleinste Detail und schlafe dann irgendwann ein.

Letzte Nacht konnte ich nicht einschlafen. Da hat sogar Schäfchenzählen nichts geholfen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir eine heiße Schokolade machte und mich auf die schmale Bettkante setzte. Die Bettkante war mittlerweile viel zu schmal für meinen Po. Ich erinnere mich daran, wie ich die heiße Schokolade doch zur Seite stellte. „Weg mit den Kalorien.“
Ich versteckte mich wieder unter der Bettdecke und zählte weiter die Schäfchen. Das 846 war ein Schwarzes. Alle anderen Schäfchen sah ich weiß. Das schwarze Schäfchen sah böse aus und starrte mich mit zusammengekniffenen Augen an. 847 versuchte ich zu zählen, aber ich sah keine Schäfchen mehr. Ich sah nur noch das 847igste. Das Schwarze. Ich hatte ein bisschen Angst. Nicht weil es anders war, als die Anderen, weil es farbig war, nein. Ich hatte ein bisschen Angst, weil es da so stand, sich nicht regte, ja nichtmal mehr „mähte“. „Verschwinde, verschwinde du dummes Schaf“, flüsterte ich in die Dunkelheit. Aber es wollte nicht gehorchen. Es blieb weiter dort stehen. Und zum ersten Mal überlegte ich abzuhauen. Weit weg zu laufen.
Aber dann, dann verwandelte sich das schwarze Schaf. Mit jedem Blinzeln schien es sich in etwas lieberes, farbigeres und zugleich in etwas viel schlimmeres zu verwandeln. Das schwarze Schäfchen, die Nummer 847, entwickelte sich zum Gesicht von X, den ich vermisse, dann zu einer Zahl auf der Wage, die mir weh tut, zu einer SMS, die mich am Wochenende zum weinen brachte, zu meinem Spiegelbild, das mir einen Schrecken einjagt, zu Geschichten, die mir Angst machen und zu Worten, die mich zum nachdenken erregen.
Plötzlich wünschte ich mir das schwarze Schäfchen wieder herbei. Wisperte „komm zurück“ in die Dunkelheit und wartete Stunden lang, während die Nummer 847 zu allen Dingen verwandelte, die mir so weh taten. Und es tat noch mehr weh. Dieses Mal tat es viel mehr als sonst.
Und zum zweiten Mal überlegte ich abzuhauen. Weit weg zu laufen.
Aber dann, dann schöpfte ich Hoffnung. Sah Mama, sah Papa, sah das Lächeln meines kleinen Bruders. Und wusste, dass ich Familie habe. Das ich Glück und Liebe habe. Aber das war nur ein Moment. Ein winziger Atemhauch von Zeit. Dann kam wieder das Gesicht von X, die Zahl auf der Wage, das Spiegelbild, die SMS, die Geschichten und die lauten Worte.
Und zum dritten Mal überlegte ich abzuhauen. Weit weg zu laufen.
Und dieses Mal tat ich es wirklich.
Ich kletterte aus dem Bett, öffnete das Fenster und schaltete auf Durchzug. Ein kalter Windstoß ließ mich schaudern und gab mir gleichzeitig frische Luft und neue Gedanken: „Abhauen und nie wieder kommen.“
Ich warf einen Blick auf die Uhr. 6 Uhr in der früh. Noch bevor die Sonne in ihrem vollen Gebilde am Horizont erschien, zog ich an meiner Zigaretten und inhalierte Rauch und die ersten Sonnenstrahlen. Im Hintergrund das Rauschen meines viel zu alten Radios. Der zweite Song war mein Liebster und fing an langsam und sachte meinen Herzschlag zu kontrollieren. Ich schöpfte Mut und band mir die Schnürsenkel mit einer doppelten Schleife. Schmierte mir zwei Marmeladenbrote, stopfte eine Wasserflasche in die Tasche. Den Zigarettenstummel versenkte ich in der Toilette und den pinken Kaugummi stopfe ich mir wieder zwischen die Zähne. Jetzt fing ich tatsächlich an mich zu beeilen. Bevor ich Zweifel bekam, bekam ich Panik jemand könnte meine Abreise bemerken. Ich stolperte über die alten Stiefel, fiel auf den Boden und krabbelte über die alten Diele zur Tür. Ich ignorierte das Klingeln meines Telefons, ließ das Handy auf dem Küchentisch liegen und ließ die Tür hinter mir zu fallen. Durch den Spion sah ich ein letztes Mal in meine Wohnung bevor ich die Tasche über den Boden schlürfte und den Hinterhof des vierstöckigen Wohnhauses verließ. Der Schlüssel baumelte an der Garderobe.
„Abhauen und nie wieder kommen“.
Ich nahm den nächsten Bus. Der Bus war so gut wie leer. In der hintersten Reihe saß eine alte Dame. Sie nickte mir zu.
Ich saß mich in die erste Reihe und beschlagnahmte gleich zwei Sitze.
Die ersten Stunden in Freiheit fühlten sich großartig an. Dreieinhalb Stunden saß ich in der ersten Reihe, lugte dem Busfahrer über die Schulter, nickte ab und zu ein paar Fahrgästen zu, die in den Wagen stiegen und widmete mich dann wieder den Bäumen, den Gebäuden und den Fahrzeugen, die wie in einem Film an uns vorbeizogen. Ein-, zweimal hätte ich gerne um einen kurzen Halt gebeten. Ab und zu hätte ich mir einen Baum, ein Haus oder ein Automobil gern ein bisschen länger angesehen. Aber ich wusste nicht, wie ich die Frage formulieren sollte. Deshalb blieb ich still.
Irgendwann bat man mich darum, dass ich den Bus verlasse. „Endhaltestelle, Schätzchen“, lächelte der Busfahrer.
Ich stieg aus und lief einfach geradeaus. „Immer geradeaus und niemals vom Weg abgehen“ heißt es doch immer. Ich vertraute auf längst vergessene Märchen und ging nicht vom Weg ab.
Wo ich war, wusste ich nicht. Das interessierte mich auch nicht. „Ich wollte ja nur abhauen“.
Doch obwohl ich stets geradeaus ging, kam ich vom Weg ab. Ein kleiner Pfad führte mich an einem Bach entlang. Ich sah die ersten Osterglocken und pflückte das erste Kleeblatt ab – ein dreiblättriges. Ich ging weiter geradeaus. Überquerte nun einen Steg und kletterte über einen alten Baumstamm, der den Weg versperrte. Dann landete ich auf einer großen Wiese. Ich war mutterseelenallein und so froh. Da, auf dieser Wiese, da war so viel Freiheit, so viel von dem, wonach ich mich sehnte. So viel Luft mit so viel Unbeschwertheit. Mit keinen Gesichtern, Zahlen, Geschichten und Worten. So viel Einsamkeit. Ich war glücklich.
Ich holte das erste Marmeladenbrot aus der Tasche und stellte fest, dass ich in Zukunft sparsam sein musste, wenn ich für immer weglaufen wollte.
Die Wiese schien endlos lang zu sein. Doch irgendwann, kam ein Zaun. Ein kleiner dünner Stacheldraht, der der Wiese die Freiheit nahm. Ich tippte ganz vorsichtig an den Draht, nur um zu schauen, ob es keine Einbildung war, und die kleine Berührung fühlte sich an, als legte mir jemand das Stacheldraht um den Hals – hinter dem Zaun weidete eine Scharfherde. Und in der Schafherde, da entdeckte ich das eine Schaf. Die Nummer 847. Es war das Schwarze.
Gedanken schossen mir wieder durch den Kopf. Das Gesicht von X, den ich vermisse, dann die Zahl auf der Wage, die mir weh tut, die SMS, die mich am Wochenende zum weinen brachte, mein Spiegelbild, das mir einen Schrecken einjagte, die Geschichten, die mir Angst machten und die Worte, die mich zum nachdenken erregten.
Und ich drehte mich um und rannte. Rannte schneller, als ich konnte. Die Lunge drohte zu bersten, doch ich beschleunigte das Tempo. Rannte schneller, als ich konnte. Rannte von meinen Gedanken weg. Weil sie mir weh taten.
Dann raste ich wieder über den Steg, den Bach entlang, über den Asphalt und sprang in den nächsten Bus. „Schneller, schneller“, schrie ich. Ich hatte mir nichtmal einen Sitzplatz gesucht.
Irgendwann, es kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit, bat man mich auszusteigen. Es war die Endhaltestelle.
Vielleicht war es Zufall, vielleicht war es dieses Mal aber auch Schicksal das die Endhaltestelle die Haltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite meiner Wohnung war.
Ich rannte über die Straße, rannte durch den Hinterhof und jagte meinen Körper die Treppen des vierstöckigen Wohnhauses hinauf. Hastig suchte ich in meiner Tasche nach meinem Wohnungsschlüssel. Ich wollte nur noch rein. Ich wollte vor den Schafen, vor den Gedanken zuhause sein. Wollte mich einschließen, in meiner Wohnung. Wollte in Sicherheit. Wollte einfach nur nachhause.
Doch der Schlüssel baumelte noch immer an der Garderobe.
Verzweiflung. Angst. Verzweiflung. Angst. Verzweiflung. Angst.
Ich hörte bereits die Schafe, wie sie „mähend“ hinter mir her jagten. „Sie würden bald hier sein, sie würden bald hier sein“.
Doch da fiel mir der Nachbar ein. Ich klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann ließ ich die Klingel pausenlos durchklingeln.
Der alte Herr öffnete mir die Tür. Er war noch im Morgenmantel. Es war 11:34 Uhr.
„Kann ich meinen Ersatzschlüssel haben?“
Er nickte und drückte mir den kleinen Metallschlüssel in die Hand. „Danke“, piepste ich viel zu laut.
Ich schloss die Tür auf und zog sie im gefühlten selben Moment hinter mir zu, setzte mich gegen sie und betete, dass ich in Sicherheit bin.

10 Comments

  • sternfluesterer April 5, 2016 at 22:15

    Alles was wir suchen, finden wir in uns selbst. Aber wir glauben nicht an uns, wir vertrauen uns nicht oder haben ein sehr strenges Gewissen als Wächter. Und da ist auch noch das Misstrauen, gegenüber dem, was nicht wir ist. Wir kennen Anderes und Andere nie. Wir glauben es und sie zu kennen.

    Ich glaube, dass es so ist. Und deshalb habe ich für mich gefunden, dass es sich nicht lohnt, abzuhauen. Diese Erkenntnis ist dafür verantwortlich, dass ich es nicht tue. Früher dachte ich immer, der mir fehlende Mut wäre es. Ja, der ist es auch, aber die Erkenntnis ist der wahre Grund.

    Wohin ich auch abhauen würde, ich bliebe doch immer bei mir. Vor sich selbst kann man nicht fliehen. Nicht, wenn man liebt. Das Leben an sich, den Traum davon. Und solange man hofft. Unbd so lange man findet. Und ein Stückchen Heimat finde ich denn doch immer mal wieder. Und weil das so ist bleibe ich auf der Suche. Flkiehen und suchen aber geht nicht. – Noch ein Grund, weshalb ich nicht abhaue …

    *

    Ein schöner Text, liebe Mona! Ein Text für eigene Gedankenreisen. Und für etwas vielleicht Sonderbares: Irgendwie mag ich das Schaf 847 – ich glaube, es sehnt sich danach, ein bisschen Liebe zu bekommen …

    Schöne, sternflüsternde Grüße an Dich!

    • Mona Kuehlewind April 6, 2016 at 11:52

      Manchmal muss man erst selber die Erfahrung machen, damit man am Ende eines Besseren belehrt wird. Das ist auch gut so. Ich bin gerne abenteuerlustig.
      Ich danke Dir sehr für deine Worte und habe mich gefreut von Dir zu lesen. Danke!

  • misstueftelchen April 6, 2016 at 6:09

    Danke für einen wunderschönen Text über das abhauen und das einholen der GedankenDinge…
    Weglaufen ist, so scheint es, keine Lösung…

    😉 „und den linken Kaugummi stopfe ich mir wieder zwischen die Zähne.“
    ein linker Kaugummi? Ist der hinterrücks? Ein nicht ganz fairer Kaugummi? oder doch ein pinker? 😉

    Liebe Grüße und vielen Dank für diese tiefen GeFühlsDankensZeilen…

    • Mona Kuehlewind April 6, 2016 at 11:54

      Richtig. „Abhauen ist keine Lösung“. Manchmal muss man aber selber mutig sein und ausprobieren, um am Ende seinen Weg zu finden und zu erkennen was „richtig“ ist und was nicht.
      Oh, da ist mir wohl ein kleiner Fehler unterlaufen. Ich meine natürlich „pink“. Danke Dir!
      Und herzlichen Dank auch für deinen Kommentar.
      Liebste Grüße,
      Mona

  • alienaid April 16, 2016 at 16:16

    Toller Text 🙂 Ich hatte denselben Gedanken schon so oft… Einfach abhauen, alles hinter mir lassen, einfach nur weg und mich treiben lassen. Aber genauso oft habe ich gedacht, dass man seine Probleme doch irgendwie immer mitnimmt, wohin man auch geht…

    • Mona Kuehlewind April 16, 2016 at 19:42

      Da muss ich dir leider zustimmen .. Aber insgeheim glaube ich immer noch an den einen Ort, die einsame Insel, wo ich alle „Probleme“ vergessen kann. Ich bin gespannt, ob ich den Ort jemals finden werde.

  • Verena Sarda April 16, 2016 at 19:19

    lächel, da sind wir wieder zurück in unserer Wohnung und all den Alltags-Dingen, die manchmal dran erinnern, dass nicht alles rosa ist (pink). Und doch gibt es die Sonne nach dem Regen …. danke für diesen Text.

  • monikasbeautifulhome Juli 25, 2016 at 11:17

    Danke fuer den tollen Text!
    Liebe Gruesse Monika

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