Der Quälgeist, der Supermarktleiter und mein kleiner Bruder

Juni 4, 2015

Bekanntlich verbirgt sich ja hinter jeder neuen Erfindung eine Geschichte.

So erzählt man sich beispielsweise, dass der Erfinder der Schokolade eines Nachts von einer Süßspeise träumte, die ihn glücklicher machte, als es eine Frau jemals hätte tun können. Da er bereits Mitte sechzig war und die Hoffnung schon längst aufgegeben hatte eine Partnerin zu finden, stand er am nächsten Morgen, mit der Vision auf, seinen Traum umzusetzen. Er kreierte die Schokolade, die ihn nach weiteren 23 Jahren stinkreich, kugelrund aber überglücklich sterben ließ.

„Meine Kreation“ ist nicht vom Träumen entstanden, nein. Meine Kreation ist aus einem Quälgeist, der in der Eis Truhe steckte, einem Aufklärungsgespräch über gesundes Essverhalten, einem Dispute mit meiner Mama und den schreienden Worten meines kleinen Bruders entstanden.

Mit dem Einkaufskorb unter dem Arm schlenderte ich durch die Gänge des Supermarktes. Rechts und links parkten die Mütter ihre vollgefüllten Einkaufswagen. Quengelnde Kinder klemmten in den viel zu engen Sitzen der Wagen. Ihre Mütter, mit starrem Blick auf den Einkaufszettel fokussiert, schon zwei Gänge weiter.

Vergeblich versuchte eines der Kinder nach einem Schokoriegel zu greifen. Nach gefühlten 10000 Versuchen bemerkte es endlich, dass sein Arm zu kurz war und fing an zu schreien und protestieren. Das Kind strampelte so heftig, dass der Waagen ein Stück weiter rollte Richtung Eis Truhe. Hinter einem Berg von frischem Spargel beobachtete ich das Szenario. Die Mutter schien irgendwie verschollen zu sein. Wahrscheinlich war sie eine von denen, die „nur schnell noch EIN vergessenes Lebensmittel“ holen wollten, dabei aber völlig vergaßen, dass sich dieses Lebensmittel 50 Gänge weiter befand und erst nach 10 Minuten mit einem zweiten vollgefüllten Wagen wieder zurück kehrten, weil sie ja „nur EIN Lebensmittel“ vergessen hatten. Als das Kind bei der Eis Truhe ankam, hatte es sich langsam beruhigt. Jetzt wurden seine Augen wieder ein Stück größer, als es einen Blick in die Truhe warf.

Ich widmete mich wieder meinem Einkauf. Stopfte 2 Kilo Spargel in den Korb und ging weiter zu den Bananen. Da hörte ich es auch schon wieder. Der Quälgeist von eben, begann erneut zu schreien. Völlig genervt warf ich ihm den „Wenn-Blicke-töten-könnten“ Blick zu, in der Hoffnung es würde ihn registrieren und still an seinem Daumen kauen, so wie all die anderen, die auf ihre Mütter warteten, die „nur schnell EINE Sache besorgen wollten“. Aber dieses Kind hörte nicht auf. Ich schnappte mir eine Banane und ging schnurstracks zu ihm rüber. „Hier du Quälgeist, damit du „groß und stark wirst“ und nicht „klein und fett“ wenn du das Eis ist oder die Schoki von dort drüben, und hielt ihm die Banane entgegen. Keine Sekunde später und das Kind schlug mir die Banane aus der Hand und fing an mich auszulachen. „Spinnst du?“, fuhr ich es an, hob die Banane auf, steckte sie in meinen Korb und drehte mich um.

Das Kind wusste scheinbar nicht, wie glücklich es sich hätte schätzen können, genussvoll in eine Banane reinzubeißen. Wusste es denn gar nicht, dass es durchaus Menschen gab, die monatelang nicht eine einzige Banane essen durften, weil sie in Wettkampfvorbereitung waren und eine Banane plötzlich nicht mehr in ihren Ernährungsplan passte? Ja, so Menschen gab es durchaus. Ich erinnere mich nur zu gut an eine Athletin, die sich nach dem Wettkampf über einen Berg von Bananen herfiel, weil sie 7 Monate lang darauf verzichten musste.

Kaum hatte ich mich umgedreht, passierte es auch schon. Ein lauter Knall. Totenstille. Der Tumult des Supermarktes wurde für einen Momenten, einen winzigen Atemhauch von Zeit, unterbrochen. Die Mütter, die soeben noch auf ihren Einkaufszettel fixiert waren, erhoben nun aufmerksam den Kopf. Die Kassiererinnen vergaßen für einen Moment die Produkte einzuscannen. Und auch der kleine Quälgeist von eben war nun still. Alles was zu hören war, waren die quietschenden Räder eines Einkaufswagens, der langsam durch den Gang rollte. Doch dann wurde die Stille durch den schallenden Hilfeschrei, der mir bereits vertrauten Stimme, unterbrochen. Der Quälgeist. Wieder drehte ich mich um und prustete los. Der Quälgeist, der soeben noch fest im Wagen steckte, steckte nun mit dem Kopf vorweg in der Eis Truhe. Grinsend bedankte ich mich bei meinem Schutzengel und passierte die Truhe, in der das heulende Kind steckte.

Anstatt ihm rauszuhelfen, warf ich ihm jedoch nur einen gönnerhaften Blick zu und ging Richtung Kasse. Dort herrschte bereits wieder das reinste Chaos. Gerade wollte ich meinen Korb leeren, da zog es mich auch schon am Kragen. „He, schön hier geblieben, junges Fräulein.“, warnte mich eine tiefe Männerstimme.

Fünf Minuten später und ich befand mich im Büro des Supermarktleiters, der scheinbar per Kamera den Vorfall beobachtet hatte und mich nun für meine „nicht vorhandene Hilfsbereitschaft“ anklagte. Ich versuchte mich zu verteidigen. Ich tat auf „Madame Oberschlau“ und klärte ihn darüber auf, wie wichtig gesunde Vitamine seien, gerade für Kinder und wie schädlich dieses ganze Ben & Jerry‘s Zeug doch ist. Ich sprach von gesunden Alternativen und den positiven Auswirkungen einer bewussten und ausgewogenen Ernährung. Ich erfand die tollsten Geschichten über Menschen, die bereits als Kind täglich Eiscreme verdrückten und sich beispielsweise eine Art „Eisbauch“ entwickelte, der alle Organe zusammenfrieren ließ (was natürlich nicht stimmte). „Das ist ja furchtbar.“, bestätigte er mit Fassungslosigkeit meine Schilderung. Und so einer war Supermarktleiter? Ein komischer Typ, wirklich. Als ich den „Healthy Food Lover“ in mir nun rausgelassen hatte, verabschiedete er mich mit einem freundlichen Händeschütteln, immer noch ganz mitgenommen von der Story mit den Eisbäuchen.

Als ich wieder zuhause war, erwartete mich schon die nächste Überraschung. Meine Mama fing mich mit einem Einkaufszettel, noch in der Eingangstür, ab. „Tu mir doch bitte einen Gefallen und lauf nochmal schnell zum Supermarkt. Ich habe ganz vergessen Eis zu kaufen, dein Bruder klagt schon seit Tagen, dass unser Gefrierfach nur noch aus Hähnchen, Fisch, gefrorenem Gemüse und TK Beeren besteht.“ Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich sie an. Das konnte jetzt unmöglich ihr ernst sein. Vor wenigen Minuten klärte ich den Leiter des Marktes noch über „Ausgewogene Ernährung, gesunde Alternativen und Eisbäuche auf“ und nun verlangte man von mir zurückzugehen, um eine ganze Ladung Eis zu kaufen? „Nein.“, entgegnete ich ihr bloß. Im Hintergrund hörte ich schon das Jammern meines Bruders. Noch bevor meine Mama etwas sagen konnte, nahm ich ihr den Zettel aus der Hand und zerriss ihn. „

„Ich bin zwar nicht das größte Genie, wenn es darum geht neue und genießbare Rezepte zu erfinden, aber ich werde es versuchen. Schließlich gibt es ja gesunde Alternativen.“, erinnerte mich mein Unterbewusstsein.

Zwei Stunden später und man sah meinen Bruder und mich, mit meinem aus der Not und aus dem Schicksal geborenem, selbst gemachten, Bananen-Schoko-Eis, den Tag genießen. Wir schwebten auf Wolke 7.

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  • BANANEN-SCHOKO-EISCREME: Der Quälgeist, der Supermarktleiter und mein kleiner Bruder | M O N A M I O U Juni 4, 2015 at 14:42

    […] BANANEN-SCHOKO-EISCREME: Der Quälgeist, der Supermarktleiter und mein kleiner Bruder. […]

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