Glück gesucht und gekauft

Juli 4, 2015

Das was hier gerade abgeht, also hier in meinem Leben, das ist nicht mal eben eine Frage von wegen „ich kaufe jetzt nur noch Haselnusscreme, weil Nutella zu teuer ist“ und auch kein Fall von wegen „ich ändere jetzt mal meine Handynummer.“

Nein. Das was hier abgeht, das ist viel mehr. Eher sowas wie eine Frage von wegen „ich ziehe jetzt mal von zuhause aus, weil ich jetzt studieren will“ und auch eher sowas wie ein Fall von wegen „ich ziehe in meine erste eigene Wohnung.“ Das trifft es so ziemlich genau auf den Punkt.

Verdammte zwei Stunden saßen wir schon in dieser „Hasenkiste“, was ich unter Mamas kleinem Mercedes verstehe, fest. Man konnte von Glück sprechen, dass die Klimaanlage noch immer den Geist behielt, bei Temperaturen von über 30 Grad, während ich ihn bereits bei der Einstellung des Navigationssystems verloren hatte.

Mit einer Hasenkiste voll Möbel, einer Temperatur wie in der Sahara, und zwei Frauen, von denen die eine nicht die Klappe halten konnte und entweder pausenlose Selbstgespräche führte, oder lautstark zur Radiomusik mit trällerte und die andere wegen Po-Muskelkater bis zum „ich-brauche-einen-Notarzt“ und knurrendem Magen, weil sie ihre Tupperbox mit Brokkoli, Hähnchen und Reis zuhause stehen lassen hatte, in Selbstmitleid verfiel, ging es hoch in den Norden.

Als ich und der Muskelkater uns irgendwie geeinigt hatten, er mir versprach seinen Einsatz auf später zu verschieben, und ich auch meinen Magen mit einer ganzen Packung Kaugummi, dem Zuckerfreien versteht sich, vorab beruhigen konnte und als Mama endlich ihr Selbstgespräch über den neusten „Dorf-Gossip“ beendet hatte, waren wir auch schon da (das mit dem Zeittiming muss noch geübt werden).

Wir befanden uns in einer netten Wohngegend, einem sehr zentralen, aber ruhigem Stadtteil. Das Haus machte von außen einen netten Eindruck. Wir räumten unsere sieben Sachen aus dem Auto, sprich zwei kleine Billy Regale, einen Wandspiegel, zwei Kunstpflanzen und ein paar Dekoelemente aus der Hasenkiste. „Da sollte nochmal einer sagen ich hätte eine Hasenkiste“, verkündete Mama lautstark, als sie den letzten Karton herausräumte. „Es war ja nicht so, dass wir jedes Regal in tausend Einzelteile auseinanderschrauben mussten, um es hier rein zu quetschen … neeeein, niemals.“

Mit unseren sieben Sachen standen wir nun vor der Tür. Der VERSCHLOSSENEN Tür. „Siehst du, habe ich doch gleich gesagt. Wir können wieder gehen“, nörgelte ich. In diesem Moment tippte mir ein Mann auf die Schulter, der stotternd fragte „Kann ich Ihnen helfen, junge Dame?“ „Ja. Ich hatte vor hier einzuziehen. Aber die Tür ist geschlossen“, motze ich ihn an. Meine Mama klärte die ganze Situation auf. Es stellte sich heraus, dass der Mann, dessen Name mir leider entfiel, mein baldiger Nachbar sein würde und das die Tür, die verschlossen war mit sechs Schlüsseln zu öffnen sei, von denen aber kein einziger weit und breit zu sehen war. „Solange sie den Mietvertrag dabei haben, ist doch kein Grund zur Panik, meine Damen. Der Makler wird sicher gleich erscheinen“, waren seine letzten zwei Sätze, bevor er seine Wohnungstür hinter sich zuzog. PANIK. Jetzt war Grund zur Panik. Und zwar richtig. „Mietvertrag?“, guckte ich meine Mutter entsetzt an, deren Gesicht mir bereits verriet, was Sache war. Wir standen also vor der Wohnung, quasi einzugsfertig, aber ohne Mietvertrag. Glücklicherweise blieb der ganze Zirkus bei zwei bleichen, schockierten Gesichtern und zwei Mündern, die vergeblich versuchten auch nur ein Wort über die Lippe zu bringen und endete nicht mit einer Panikattacke, die ihr Ende im Krankenhaus hätte nehmen können, denn der Makler war im Anmarsch. Winkte mit den Mietverträgen in der Hand. „Puh, Glück gehabt.“

GLÜCK, das ist das, worauf ich hinaus will.

Mir sagte mal Einer das Glück an jeder Straßenecke zu finden sei. Man müsse eben nur die Augen öffnen. Nicht immer mit gesenktem Kopf und starrem Blick auf dem Handy durch die Gegend rennen. Sondern mit gehobenem Kopf, neugierigen Blicken nach links und rechts durch die Gegend schlendern. Ein Anderer erzählte mir einmal, dass man sich Glück nicht erkaufen kann. Man müsse sein Glück nur teilen, damit der Andere etwas davon abhabe. Und wieder ein Anderer riet mir, dass ich Glück nicht finde, wenn ich es suche, sondern wenn ich es zulasse, dass es mich findet. Ich müsse nur offen sein.Daraus resultiert im Grunde, dass der Mensch ein offenes Auge, am besten gleich zwei, offene Hände und ein offenes Herz haben solle.

Obwohl all diese Sprichwörter in Büchern und Magazinen, auf Bildern und Wänden stehen und aus den Mündern berühmter Philosophen und Autoren stammen, schien es mir an diesem Tag, als hätten sie all ihr Gewicht verloren, denn …

1.: Dieses Glück, meine erste eigene Wohnung, die habe ich nicht an irgendeiner Straßenecke gefunden, wie es mir einst einer sagte. Dieses Glück habe ich bei ImmoScout im Internet gefunden und sogar mit starrem Blick aufs Handy, denn ImmoScout war Teil der App-Sammlung auf meinem iPhone.

2.: Irgendwie hatte ich dieses Glück ja doch erkauft. Den „Wohnung zum Kostenlosen-Teilen Button“ gab es auf der App leider nicht. Nur den Button „Wohnung zum Kauf“ oder den Button „Wohnung zur Vermietung“.

3.: Und im Grunde genommen, hatte ich auch nicht die Möglichkeit bei ImmoScout für mein Profil zu werben, sondern es wurde dazu geworben, auf die Angebote der Immobilien zurückzugreifen. Es heißt ja schließlich auch ImmoScout und nicht PersonScout, oder so. Somit wurde ich ja quasi dazu genötigt zu suchen.

Nach einer drei Stunden Horror-Anfahrt, einer Aufregung, die fast mit einer Panikattacke geendet wäre und mit den ersten Möbeln, einem kleinen Stück Heimat, stand ich nun in meiner ersten eigenen Wohnung. In Hamburg. Mit Tränen unterlaufenen Augen kritzelte ich meine Unterschrift auf den Mietvertrag. Auf den Mietvertrag, der mein Glück trug. Denn ja, ich war glücklich. Verdammt glücklich.

Vielleicht würden Schiller, Goethe, Fontane oder Einstein jetzt mit dem Kopf schütteln. Vielleicht sitzt auch du gerade kopfschüttelnd vor dem Computer, dem Handy oder weiß der Kuckuck was. Und vielleicht werde auch ich gleich den Kopf schütteln, wenn ich diesen Text ein zweites Mal lese. Warum wir alle vielleicht den Kopf schütteln? Weil wir uns nicht verstehen. Der, der einst sagte, dass man Glück nicht kaufe könne, der hat trotzdem nicht darauf verzichtet eine Tafel Schokolade zu kaufen, die ihn glücklich machte. Und auch du hast dir sicher schon vieles gekauft, was dich glücklich machte, und sei es nur ein Bonbon oder eine Flasche Wasser gewesen. Und wenn du bisher ganz nach dem Motto „Man muss auf sein Glück warten“ gelebt hast, dann hast du wohl vergessen, dass dein Partner dich gesucht haben muss, in welcher Form auch immer. Sonst hätte er sein Glück niemals gefunden und du deines auch niemals bekommen.

Letztendlich sollten wir uns bewusst machen, dass es immer ein „Sowohl-als-auch“ gibt. Du kannst sowohl mit gehobenem Kopf, als auch mit gesenktem Blick durch die Gegend laufen und dein Glück erlangen. Du kannst dein Glück, sowohl an jeder Straßenecke finden, als auch an jeder Ecke kaufen. Du hast sowohl die Möglichkeit auf dein Glück zu warten, als auch dich selber auf die Suche zu begeben.

Wichtig ist, dass du weißt, was du willst. Wichtig ist, dass du dein Ziel kennst und vor allem den Weg dorthin.

Mein Weg war eben ein gesenkter Kopf, ein starrer Blick aufs Handy, ein paar Euro auf dem Konto weniger und eine Suche im Internet. Mein Weg führte mich in meine erste eigene Wohnung nach Hamburg, in der für mich ab August ein neuer Lebensabschnitt beginnen wird.

MISSION GLÜCKLICH-SEIN ERLEDIGT. Zumindest für den Anfang.

1 Comment

  • vegantraveldreams Juli 31, 2015 at 11:22

    Schöner Beitrag. Es ist echt wichtig, dass wir nicht immer denken, dass wir uns auf unser Glück verlassen müssen und Menschen, die ein schönes Leben haben eben einfach Glück hatten. Man muss einfach was tun und sich selbst zum Glück verhelfen. <3

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