Das ist unser Zoo

November 5, 2015

Hast du dich auch schon mal dabei erwischt, wie du angefangen hast dir deine Familie, deine Freunde und Bekannten als Tiere vorzustellen? Ich bin ehrlich. Ich hab’s schon oft getan.

Früher bin ich gerne in den Zoo gegangen. Jedes Jahr waren wir mindestens einmal dort. Aber dann kam der Zeitpunkt, in dem man sich zu alt für diesen „Kinderkram“ gefühlt hat. Dann ist man eine ganze Weile nicht mehr dort hingegangen. Der jährliche Familienausflug in den Zoo wurde dann gestrichen und der eigene kleine Zoo eröffnet. Wir kauften einen zweiten Hund. Unsere Nachbarn kauften sich die erste Katze und Oma einen Goldfisch. Dann kam aber plötzlich ein Zeitpunkt, in dem man wieder gerne in den Zoo gegangen ist, weil man noch nicht ganz damit klar kam, erwachsen zu sein und deshalb noch einmal Kind sein wollte. Deshalb fuhren wir an unserem letzten Schultag, nach dem Abitur, in den Zoo.
Und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, in dem man merkt, dass man nicht mehr in den Zoo gehen braucht, weil der Zoo direkt vor der eigenen Haustür ist. Tiere aus allen Regionen, Städten und Lädern, aus allen Ecken der Welt, kommen hier zusammen. Mit einigen von ihnen teile ich sogar ein Haus.
Der Zoo, von dem ich spreche, sind wir. Du und ich und er und sie. Wir alle sind ein Zoo. Gefangen in Gehegen. Zwischen Gitterstäben lauern, hinter Glasscheiben wittern und hinter Zäunen streunen. Wir alle sind gefangen in Gehegen. Laut brüllend, leise weinen oder still wachend.
Gerade eben bin ich durch den Supermarkt geschlendert und einem Walross begegnet. Einem Mann mittleren Alters mit einer dicken Trommel und faltigem Gesicht. Mich wunderte nicht, dass er beinahe in der Warteschlange an der Kasse einschlief und mit dem Kopf in seinen vollgefüllten Wagen mit Süßigkeiten fiel, denn Walrosse gehören zur Gattung der Faulpelze ohne Pelz.
Beim Bäcker habe ich heute morgen auch schon einen Specht gesehen. Eine junges Mädchen mit dünnen Beinen und zierlichem Gesicht. Mich wunderte nicht, dass sie nur die Brotkrümel von ihrem Teller aß, denn Spechte essen doch immer nur die Krumen.
Und in der U-Bahn versteckte ich mich dann hinter einer Giraffe. Ein Mann, der so groß war, dass er beim Ein- und Aussteigen den Kopf einziehen musste. Das wunderte mich auch gar nicht, denn das Giraffen einen langen Hals haben, ist schließlich nichts Neues.
Als ich in der ersten Vorlesung saß, hörte ich, wie ein Elefant an dem Raum vorbei lief. Ein Professor, der laut auf den Boden trat. Auch das wunderte mich nicht, denn ein nicht stampfender Elefant, wäre ja kein Elefant.
Als ich um 15 Uhr beim Zahnarzt saß, teilte ich das Wartezimmer mit einem Hase. Die arme Frau verkroch sich hinter einer großen Zeitschrift, um nicht ihre schiefen Zähne zu zeigen. Die Frau wunderte mich nicht, denn woran sollte man einen Hase auch sonst erkennen, als an seinen vorstehenden Nagezähnen?
Das Mädchen neben ihr, der kleine Hase, der an einer Karotte knabberte, war ihre Tochter. Auch sie wunderte mich nicht mehr. Ihre Mutter war ja schließlich Häsin.
Und als ich durch die Straße lief, verfolgten mich Hund und Katze. Eine Frau und ein Mann, die lautstark über ihre Eheprobleme stritten. Mich wunderte es nicht, dass sie stritten. Hunde und Katzen vertragen sich ohnehin nur in Einzelfällen. 90% aller Hunde-Katzen Liebschaften erstehen nur in Filmen.
Was mich immer ein bisschen wunderte, war meine Familie.
Meine Mama ist für mich schon immer der Löwe. Nicht nur, weil ihre Haare an die Mähne eines Löwen erinnern, sondern auch, weil sie mindestens genauso laut brüllen kann. Der König der Tiere und der Anführer des Rudels. Meine Mama war für mich schon immer die Führerin. Die Führerin in der Familie, die Führerin im Job, mein Fremdenführer und Survival Guide. Meine Mama war schon immer der Löwe. Der nie eine Träne verdrückt, der nie „Aua“ schreit, wenn man ihn auf die Pfote tritt, oder an der Mähne zieht. Meine Mama war für mich schon immer die Königin.
Mein Papa ist für mich immer der Bär. Ein Eisbär mit dickem Fell und großem Herz. Papa mag schon immer lieber die Kälte, zieht den Winter dem Sommer vor, und ist der Erste, der anfängt zu schwitzen. Mein Papa mag auch schon immer gerne frischen Fisch, genau wie es ein Eisbär mag. Das dicke Fell, dass hat sich Papa auch vom Eisbären abgeguckt, denn Nichts und Niemand kann ihm weh tun. Papa hat aber schon immer ein großes, warmes Herz. Genau wie es den Eisbären an der Arktis schützt, schützt ihn sein warmes Herz vor manch Konfrontation. Mein Papa war für mich schon immer der Eisbär.
Das Löwe und Eisbär sich irgendwann einmal finden, ist auch unwahrscheinlich, aber genauso entstehen doch die längsten Beziehungen, oder? Genauso unwahrscheinlich wie es ist, dass sich Löwe und Eisbär finden, so unwahrscheinlich war es auch, dass meine Eltern sich fanden. Mama kam vom Dorf. Papa aus der Großstadt. Mama war vier Jahre älter und studierte Design. Papa interessierte sich für Autos, Technik und Maschinen und wurde Ingenieur. Genauso witzig wie man sich das zusammentreffen von Löwe und Eisbär vorstellt, war auch das erste Zusammentreffen meiner Eltern. Mama verlor ihre Kontaktlinse in der Disco. Irrte wie ein streunender, verlorener Hund durch die bebende Menge. Als sie zwischen tanzenden Beinen umherkroch, entdeckte sie Papa und half ihr zu suchen. So entstand beim Kontaktlinsensuchen eine Liebesbeziehung und es resultierte eine Hochzeit, ein Haus mit Garten, zwei Kinder und zwei Hunde. Weil Mama immer der Löwe blieb, baute man eine Sauna und für Papa den Eisbären kaufte man ein Ferienhaus an der Nordsee. Genauso unterschiedlich wie Eisbär und Löwe sind, so sind es auch meine Eltern. Mama ist laut, stürmisch, furchtlos. Einfach löwisch. Papa ist eher zurückhaltend, beobachtend, stark. Einfach bärisch. Aber Gegensätze ziehen sich an. Deshalb sind auch die Löwen nie weit von den Eisbären im Zoo entfernt. Wusstest du das? Und deshalb haben sich auch meine Eltern angezogen. Weil sie so gegensätzlich sind. So verdammt löwisch und bärisch sind.
Mein Bruder kam nach zwölf Jahren Ehe auf die Welt. Er ist eine gute Mischung aus Löwe und Bär. Ben ist laut, stürmisch und gibt an furchtlos zu sein. Er hat keine Mähne, wie Mama, aber ein helles Fell wie Papa. Wie ein Eisbär. Ben ist durchaus auch ein guter Beobachter und Jäger, genau wie es ein Eisbär ist oder ganz wie es Papa darstellt. Ben ist der Löwenbär.
Ich kam nach drei Jahren Ehe auf die Welt. Ich weiß nicht wieso, aber eine gute Mischung aus Löwe und Bär war ich noch nie. Eigentlich war ich immer der Tiger. Es gab eine Zeit, da gab man mir sogar den Spitzname „Tiger“. Ich hatte zwar nie einen Mähne, und schrie ab und zu auch mal „Aua“, wenn man mir auf die Pfote trat, aber ich konnte genauso laut brüllen und genauso furchtlos sein wie Mama, der Löwe. Und ein bisschen Bär steckte in dieser Zeit auch noch in mir. Ein bisschen bärisches Papa. Vor allem, weil ich ein dickes Fell hatte, Kritik an mir abprallte und jegliches Anstacheln mich nicht interessierte. Und weil ich ein großes, warmes Herz hatte. In dieser Zeit steckte noch sowohl etwas löwisches, als auch bärisches in mir. Und ich war Tiger.
Dann gab es aber eine Zeit, in der man mir einen anderen Spitzname gab. „Mona-Mausi“ rief man mich jetzt. Ich war jetzt eine Maus. Die krasse Abwandlung des Spitznamens von „Tiger“ zur „Maus“, beschreibt auch bestens meine menschlich tierische Veränderung. Der neue Spitzname war war nie ein bewusst gewählter neuer Name, aber dennoch beschrieb er meine Verwandlung perfekt. Ich wandelte mein menschlich tierisches Verhalten, was einst noch tigerisch war, in ein mäusisches. In dieser Zeit war ich still, ich schwieg manchmal sogar und wenn ich sprach, dann piepste ich nur. Ich war immer noch flink, und blitzschnell wie ein Tiger, aber ich war plötzlich viel kleiner. Ich verkroch mich in meinem Loch, dem Mäuseloch und kam nur raus, wenn es am Morgen Käse gab, oder in meinem Fall, wenn es am Morgen auf die Waage ging. Das löwische brüllen, stark- und furchtlossein von Mama und das bärische dicke Fell und warme Herz von Papa hatte ich verloren. Ich war nicht mehr der bunt gestreifte Tiger, sondern die graue Maus mit grauem Herz.
Und jetzt ist die Zeit, in der man mich weder „Tiger“ noch „Mona-Mausi“ nennt. Es scheint, als sei die bärische, löwische und mäusische Zeit vorbei. Aber welche Zeit ist jetzt? Welches Tier bin ich jetzt, wenn Mama mich nicht mehr „Tiger“ nennt und Papa nicht mehr „Mona-Mausi“ sagt? Irgendein Tier muss ich doch sein, denn jeder ist ein Tier. Jeder ist Teil dieses Zoos. Sie ist Löwe, er ist Bär und mein Bruder ist Löwenbär.
Weil ich auch ein Tier sein muss, habe ich neulich versucht Löwe zu sein. Zuerst habe ich ausprobiert zu brüllen, aber alles was dabei raus kam, war ein knallroter Kopf und ein Schamgefühl hoch zehn. Dann habe ich mich in die Sauna gesetzt, weil Löwen doch die Wärme mögen. Dabei bin ich aber halb erstickt. Dann habe ich probiert in der Dunkelheit einen gemütlichen Spaziergang zu machen, weil man als Löwe keine Angst hat. Daraus wurde aber ein dreiminütiger Spaziergang, weil ich beim ersten Rascheln nachhause flüchtete. Ich konnte unmöglich so löwisch sein wie Mama.
Dann habe ich ausprobiert ein Bär zu sein. Die Kritik an meiner angeblichen Unordentlichkeit ist aber dann doch nicht so an mir abgeprallt, wie Kritik an einem dicken Fell abprallt. Und der frische Herbstwind war mir auch viel zu kalt. Die Kugel Eis erst recht. Ich konnte irgendwie auch nicht so bärisch sein wie Papa.
Deshalb entschloss ich mich nochmal Maus zu sein. Aber das funktionierte von hinten und vorne nicht. Nach einer Stunde „verkriechen unter der Bettdecke“ war ich viel neugierig, was draußen von statten geht und ich verließ mein Versteck. Im Unterricht konnte ich auch gar nicht still sein und in der Bahn erst recht nicht, als man mir auf den Fuß trat. Mit dem mäusischen Ich wurde es somit auch nichts.
Lange Zeit versuchte ich mir vorzustellen alle möglichen Tiere zu sein, aber keines passte zu mir. Keines traf so perfekt auf mich zu wie ein Zugvogel (ich weiß, das dass jetzt komisch klingt und du lachst). Aber wirklich, ich glaube ich bin einer der Zugvögel in unserem Zoo.
Ein Zugvogel hat kein Zuhause. Ein Zugvogel fühlt sich dort wohl, wo es warm ist. Er fliegt nie allein, sondern immer nur in der Gruppe. Er benutzt seinen inneren Kompass zum fliegen, hat kein festes Datum und kein bestimmtes Ziel. Er fliegt aber auch nicht spontan, sondern er fliegt dann, wenn er merkt, dass es kalt wird. Dann fliegt er ganz weit davon. Er fliegt nie sehr hoch. Er kommt meist nie über die 1000 Meter. Deshalb schafft er es nicht jedes Gebirge zu überwinden. Ein Zugvogel fliegt immer ins Warme ohne zu Wissen wohin genau. Hauptsache es ist warm, Hauptsache er muss nicht frieren.
Ich bin auch ein Zugvogel. Aber einer der alleine fliegt. Ich habe kein festes Zuhause. Ich wohne gerne bei meinen Eltern, aber auch gerne in Hamburg. Bei Oma gefällt es mir auch und bei ihm sowieso. Und ich fliege sehr oft. Wie oft kann ich nicht sagen, aber bisher bin ich immer dann geflogen, wenn ich gespürt habe, dass es kalt wird. Ich bin geflogen, als ich gemerkt habe, dass er mich nicht mehr so lieb hat wie damals. Ich bin geflogen, als ich gemerkt habe, dass die Gefühle langsam kalt wurden und ich bin geflogen, als ich gemerkt habe, dass die zwei Kugeln Eis mir Bauchweh bereitet haben. Dann bin ich immer weit weg geflogen. Von den kalten Gefühlen bin ich weit weg in den Liebeskummer geflogen und von den drei Kugeln Eis bin ich in Selbsthass geflogen. Geflogen bin ich aber immer allein. Deshalb bin ich ein Zugvogel, der allein fliegt. Geflogen bin ich bisher immer ohne Kompass und ohne festes Datum und Ziel. Der Flug kam immer plötzlich und unerwartet. Aber ich bin nie so hoch geflogen. Man konnte mich sogar immer am Flügel packen und runter ziehen. Deshalb habe ich es auch nie geschafft ganz tief in Liebeskummer oder Selbsthass zu landen, weil sie mich immer am Flügel gepackt haben und runtergezogen haben.
Der Löwe und der Bär haben den Zugvogel immer am Flügel gegriffen und runter gezogen in ein warmes, ganz wunderbares Zuhause, in einen Zoo, in dem sich Löwe, Bär, Löwenbär und Zugvogel lieb haben. Sehr sogar.

6 Comments

  • hansjoachimantweiler November 5, 2015 at 18:09

    Tierisch liebende Mona

    Ein Mensch der nicht erkennt das all die wunderbaren Wesen
    da draußen auch in Ihm sind
    Und er erst durch Sie ganzheitlich Mensch ist
    Wird Tiere schmutzig gefährlich primitiv triebhaft und dumm nennen
    Ach Ich bin ein Pferd
    Sagt das Chinesische Horoskop
    Und ein Schmetterling
    Adler
    Wurm
    Eichörnchen
    Und Katzenhund
    Schnecke lern Ich gerade
    Dauert etwas länger
    lächelnd

    danke
    Dir Joachim von Herzen
    Tierisch gut gelaunt

  • lnmyschkin November 5, 2015 at 19:19

    Schöne Grüße von einem Bären. 🙂

  • bodyguard4you November 5, 2015 at 23:49

    die kids sagen ich bin ein bär … die kleine sagt BRUMMBÄR …

  • Anonymous November 6, 2015 at 8:57

    Für mich bist Du ein Erdmännchen: zierlich, liebliches Gesicht, neugierige Augen, Familie liebend und vorwitzig und beim Ausprobieren selbstständig zu werden und Dir Dein eigenes zuhause zu schaffen – wo immer und wann immer das auch sein wird, Deine Neugier wird Dir dabei helfen. Hab` Dich lieb, Mama.

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