Der dritte Advent #wennsichdieweltnichtverändert

Dezember 13, 2015

Und wieder fühlt sich das alles so an, als hätte ich mir das nur eingebildet. Erneut beschleicht mich dieses miese Gefühl, ich hätte mir das alles nur erfunden. Das passiert mir in letzter Zeit öfter. Irgendwie, weil ich nicht fassen kann, dass all das hier real sein soll.
Es ist der zweite Sonntag im Dezember. Der dritte Advent. Ich liege hier, eingemummelt unter der warmen Decke und massiere mir den Bauch. Ich habe Bauchschmerzen. Heftiges Magenziehen. Mit langsam kreisenden Bewegungen fahre ich mir über die kleine Kugel, die sich da irgendwo zwischen Brust und Unterkörper gebildet hat. „Nie wieder“, denke ich mir, als die nächste Wehe einsetzt, mir eine kalte Schauer den Rücken hinunterläuft und ich mich wie eine Katze zusammenringle. Die Knie fest an die Brust gepresst. Zwischen kalter Schauer und Schmerz dringt mir ein seltsames Magenblubbern ins Bewusstsein. Ich versuche das Blubbern wieder ins Unterbewusstsein zu drängen, da wo ich es nicht hören muss, aber mit jedem Schubs, jedem Stoß nach unten, scheint es nur noch schlimmer zu werden. Ich frage mich, ob das Blubbern eine positive oder negative Reaktion meines Körpers ist. So unangenehm es auch klingt. Will mein Magen sein „Recht auf eine gesunde Ernährung“ einklagen? Will er mich ausbuhen und beschimpfen? Oder will er mich loben, mir vielleicht danken? Ist das Blubbern eine Reaktion, die Art meines Magens mir „Danke“ zu sagen? Danke dafür, dass ich ein ganzes Blech Weihnachtsplätzchen verputzt habe und jetzt mit einem Foodbaby im Bett liege?
Ich vermute ersteres. Mein Magen will sein „Recht auf eine gesunde Ernährung“ bei mir einklagen. Die Plätzchen waren alles andere als gesund. Sie waren so viel mehr als Brokkoli, Reis und Hähnchenbrust. Sie waren Butter. Schmierige, fetttriefende, salzige Butter und Zucker, eine halbes Pfund sogar, und Mehl, oh ja, weißes Mehl, weißes Mehl ohne Ballaststoffe mit bösen, leeren Kalorien. Zum Schluss waren sie sogar schokoladig. Mit süßer, fettiger Schokolade habe ich sie bepinselt, manche sogar eingetunkt. Und sie waren wirklich so viel mehr. So viel mehr als gesund, kalorienarm und diättauglich. Sie waren butterweich, zuckersüß, mehligweiß, sündhaft schokoladig. Und sie waren vor allem eines: himmlisch, verführerisch, unverbesserlich perfekt.
Ich konnte mich nicht zurücknehmen und habe gleich das ganze Blech verschlungen. Selten habe ich so eine Explosion, solch eine Ausschüttung von, ich weiß nicht wie vielen, Glückshormonen erlebt.
Aber jetzt liege ich hier, liege hier, eingekringelt wie eine Katze und ziehe mich mit jedem Magenziehen ein Stück mehr zusammen. Darauf folgt dann dieses Magenblubbern. Ich vermute der „Einspruch meines Magens auf eine gesunde Ernährung“.
Mit kreisenden Bewegungen versuche ich die kleine Kugel zu beruhigen, den Schmerz zu lindern. Ich ertappe mich dabei, wie ich meinem Körper Vitamine, Ballaststoffe, jede Menge Brokkoli, Reis und Hühnchen, verspreche. Aber es scheint, als würde ihm ein Versprechen nicht reichen.
Folglich hieve ich mich aus dem Bett, bewege meinen schweren Körper in Richtung Küche. Als ich am Spiegel vorbeilaufe, kneife ich die Augen zu, um das kleine Foodbaby nicht sehen zu müssen. „Ich wollte noch nie schwanger werden.“ In der Küche schnappe ich mir aus dem Kühlschrank eine Banane. Bereits der erste Bissen lässt das Magenblubbern ein wenig verschwinden und ich kann entspannen. Bis, ja bis der Geruch von Weihnachtsplätzchen meine Sinne umfällt, der sich in den Ecken meiner kleinen Küche, in den Spalten zwischen den Schränken, in den Ritzen der alten Dielen und in dem Backofen, den ich warum auch immer gerade öffne, festgesetzt hat. Dieser herrliche Weihnachtsduft überfällt mich und das Blubbern wird wieder lauter. So laut, dass ich rot werde, vor Scham fast im Boden versinke, als ich unbewusst mit der rechten Hand den Hörer abnehme und mein Magen mit einem lauten Blubbern meiner Mama am anderen Ende der Leitung antwortet. „Mona, ich glaube das Wasser ist jetzt heiß genug“, begrüßt sie mich am Telefon, als will sie mir sagen, dass ich jetzt die „Nudeln in den Topf schütten kann“.
„Ich setze die Nudeln schnell auf“, beruhige ich sie, um ihr nicht sagen zu müssen, dass dieses Blubbern nicht heißes Wasser ist, dass gerade seinen Siedepunkt erreicht hat, sondern das Blubbern meines Magens ist. Das wäre mir peinlich.
Drei Magenblubbernd später, zurück am Telefon, fängt Mama an mir von ihren Weihnachtswünschen zu erzählen und bittet mich einen Wunschzettel zu schreiben. „Es wäre toll, wenn du auch dieses Jahr wieder einen Weihnachtswunschzettel schreiben könntest“, lächelt sie ins Telefon. Ich merke wie sich da etwas in meinem Magen anbahnt. Und noch bevor ich mich mit einem „Geht klar“ verabschieden kann, entfährt mir ein erneutes gewaltiges Blubbern. „Die Nudeln müssen übergekocht sein“, ermahnt mich plötzlich die unruhige Stimme meiner Mama. „Du hast Recht“, bestätige ich sie und lege den Hörer auf.
„Weihnachtsplätzchen, Weihnachten, Weihnachtswunschzettel“. „Weihnachten“, und mein Magen zieht sich zusammen, ein kalter Schauer fährt mir den Rücken hinunter und ich höre wie mein Magen laut anfängt zu blubbern.
Ich lasse mich an der Tür hinunterfahren und setzte mich auf den alten Dielenboden. Mit dem Rücken lehne ich an der Tür.
Dann wird mir klar, dass mein Magen weder sein „Recht auf eine gesunde Ernährung“ einklagen will, noch sich bei mir für die Glückshormone bedanken will. Mir wird klar, dass mein Körper kämpft, revoltiert. Er versucht sich zu widersetzten. Er versucht „nein“ zu sagen. „Nein“ zu Weihnachtsplätzchen, „nein“ zu Weihnachtswunschzetteln. Ein lautes „Nein“ zu Weihnachten zu schreien.
Es waren also gar nicht die butterweichen, zuckersüßen, mehligweißen, sündhaft schokoladigen, gleichzeitig himmlisch, verführerisch, unverbesserlich perfekten Weihnachtsplätzchen. Von denen ich ein ganzes Blech verschlungen habe. Es war der Geruch, der Geschmack und der Gedanke. Es war das Weihnachtliche was dort drüben, dort hinten, dort unten und dort oben lauert. Das weihnachtliche, was sich in jeder Ecke meines Zimmers versucht festzukrallen. Um hier bleiben zu dürfen. Um dieses Jahr an Heilig Abend nicht mitgenommen zu werden – wenn der Weihnachtsmann kommt, seinen großen braunen Sack, mit den bunten Flicken öffnet, jedem Kind eine Zuckerstange in die Hand drückt, der Mama ihren Wunsch von den Konzertkarten erfüllt, dem Papa den Fotoapparat schenkt und dem kleinen Bruder das langersehnte Fußballtrikot mitbringt. Wenn der Weihnachtsmann dann wieder seinen Sack schließt, mit der roten Schleife zubindet, sich noch einmal im Raum umsieht, sich ein paar Minuten hinter den Tannenbaum stellt, dann die gierigen Kinderaugen, die Papierfetzen, die Schachteln die in die Ecke geschmissen werden, die Weihnachtskarten die zum „Müll“ fliegen , beobachtet. Wenn der Weihnachtsmann sieht, wie sich um das größte Geschenk gestritten wird und das kleinste unter den Baum gekickt wird, wenn er sieht, wie die Anzahl der Geschenke verglichen wird, wie der mit den meisten Geschenken, den größten Paketen ein Grinsen auf den Lippen trägt, das beinahe größer ist, als der Weihnachtsbaum, wenn er all das sieht und den Kopf schüttelt. Wenn ihm Tränen in die Augen kommen, wenn er sich nicht mit einem „Frohe Weihnachten“ verabschiedet, wenn er den Sack wieder öffnet und „Weihnachten“ wieder einpackt. Wenn er mit einem Sack voll „Weihnachten“ aus dem Haus schleicht, sich in seinen Schlitten schwingt und an den Nordpol fährt. Wenn er mit „Weihnachten“ wegfährt und nie wieder kommt – deshalb krallt sich hier alles so fest.

Wir schreiben das Jahr 2015 und der dritte Advent ist nur noch ein Schmerz. Ein Magen der sich zusammenzieht, ein kalter Schauer, der über den Rücken kriecht und ein lautes, unangenehmes Magenblubbern.

Ich sitze noch immer hier unten auf den alten Dielen. Ich schaue zum Fenster hinauf und sehe, wie der rote Weihnachtsstern droht abzufallen, wie die Lichterkette krum und schief im Fenster baumelt. Ich sehe wie sich das „Weihnachtliche“ noch versucht zu halten. Wie der Stern sich versucht an einem Faden zu hangeln, wie die Lichterkette versucht am Fenster zu leuchten. Ich sehe, wie das „Weihnachtliche“ schreit. Schreit so leise. So leise das ich all die Wochen am schief hängendem Stern, an der krummen Lichterkette vorbeigelaufen bin.
Das Magenblubbernd ist das einzigste Laute, das laute was mich sehen, fühlen und spüren lässt. Mit dem Magenblubbern entwickele ich zunehmend dieses Gefühl, dieses Gefühl von „Wenn sich die Welt nicht verändert“. Ich denke noch einmal an den Weihnachtsmann, denke daran wie er mit hängendem Kopf einen Sch voll „Weihnachten“ durch den Schnee zieht, „weil wir alle Magenblubbern von Weihnachten bekommen“.

Dickflüssige ölige Zweifel kommen in mir auf und ich befürchte, dass wir dieses Jahr das letzte Mal den dritten Advent feiern werden, wenn sich die Welt nicht verändert.

3 Comments

  • Bisou Dezember 13, 2015 at 20:08

    Die Welt? Nein, die Welt können wir nicht ändern, das einzige was wir ändern können sind wir selber. Sei du selber die Veränderung die du dir für die Welt wünschst… und für dein Weihnachten.

    • Mona Kuehlewind Dezember 13, 2015 at 20:17

      Da hast du vollkommen Recht. #wennsichdieweltnichtverändert ist ein von mir „erfundener Hashtag“, der gleichzeitig eine kleine Aktion ist (mehr dazu habe ich in einem anderen Blogpost mal geschrieben). Bei der Aktion geht es aber im Grunde genommen darum, bis Weihnachten Geschichten zu schreiben, die zum dem Hastag #wennsichdieweltnichtverändert passen. Mitmachen kann jeder, auch du. Es geht mir darum ganz viele Texte zu sammeln und dann an Weihnachten eine Geschichte zu schreiben, in der alle Texte vorkommen und die dann zu dem Ergebnis führen sollen #wenndudichnichtveränderst 🙂 Ich hoffe du verstehst was und wie ich das meine.
      Alles Liebe!

  • die_zuzaly Dezember 13, 2015 at 21:57

    hi liebe Mona – also Erstens – habe ich so köstlich über Deine Geschichte gelacht – das es mir fast peinlich war – denn meine Laute drangen bis auf die Straße hinaus – und das bei geschlossenem Fenster –
    Und Zweitens – hat mich deine kleine Blubbergeschichte auf eine mir schon gut bekannte zuckersüße Eigenschaft – und der Todsünden der Vorweihnachtszeit sofort erinnert – NEIN ich bin nicht schwanger – aber gefühlsmäßig war ich es nach spätestens ersten kneifenden Bauchschmerzen – es hatte sich dem optischen Anschein nach eine runde Oberbauch Kugel gebildet – nach bereits 30 genüsslich verspeisten Weihnachtsplätzchen – ebenfalls mit bunt luckrierter Glasur und Schokipinselei – und all den ungesunden Food Sachen die darin einmontiert waren – ich könnte auch hierzu meine eigenen kleine Geschichte schreiben –
    das werde ich auch weiterhin in Zukunft lieber dir überlassen – Du schreibst einfach locker vom Hocker und bringst mich jeder Deiner Illustrationen Leben in die laufenden Worte – sie bekommen Beine 😀

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