Der vierte Advent #wennsichdieweltnichtverändert

Dezember 20, 2015

Und wieder fühlt sich das alles so an, als hätte ich mir das nur eingebildet. Erneut beschleicht mich dieses miese Gefühl, ich hätte mir das alles nur erfunden. Das passiert mir in letzter Zeit öfter. Irgendwie, weil ich nicht fassen kann, dass all das hier real sein soll.
Es ist der dritte Sonntag im Dezember. Der vierte Advent. Ich bin mittlerweile zuhause und teile mir das Sofa mit meinem kleinen Bruder, dessen unruhige Hand unaufhaltsam einen Papierfetzen vollkritzelt. Wir haben uns jetzt drei Monate nicht mehr gesehen. Er ist ein ganzes Stück größer geworden, selbst seine Hand, die immer noch damit beschäftigt ist das Papier zu bekritzeln, scheint gewachsen zu sein. Richtig große Pranken hat er schon. Aber seine Schrift ist immer noch dieselbe. Das große B, das aussieht wie eine Acht. Das C, das so schief liegt, das es heruntergezogenen Mundwinkeln gleicht und das Z mit einer Linie zu viel. Und dann schmiert er manchmal Worte aufs Blatt, in denen Buchstaben plötzlich verschwinden. Das größte „Kritzellakrack“, das ich jemals gesehen habe.
Ich sitze neben ihm und beobachte sein Kritzellakrack. Er zieht einen schwarzen Strich nach dem Nächsten. Ich traue mich nicht zu fragen, ob er ein Spinnennetz malt, weil ich ihn das schon einmal gefragt habe, als er einen Aufsatz für die Schule schrieb. Ich erinnere mich noch daran, wie er damals ganze zwei Tage kein Wort mehr mit mir sprach. Deshalb luge ich ihm jetzt stillschweigend, mit sicherem Abstand, über die Schulter. Ich überlege mir, ob ich ihn vielleicht wenigstens auf die Überschrift aufmerksam machen könnte. Ich würde ihm gerne sagen, dass in seiner Überschrift ein H fehlt. Ich würde ihm gerne sagen, dass ein H zwischen dem I und dem N fehlt. Wie gern würde ich ihm sagen, dass Weihnachten mit H geschrieben wird, weil es ein glückliches Fest und keines zum weinen ist. Wie gern würde ich ihm diese Eselsbrücke bauen, aber ich verstecke mich hinter seiner Schulter und schweige.
„Was schreibst du da?“, frage ich ihn dann aber doch. Ich kneife die Augen fest zusammen und bereue meine Frage schon jetzt. Im Unterbewusstsein spüre ich bereits wie er mich wieder mit zwei Tagen Ignoranz steinigt. Ich versuche gleichmäßig zu atmen. Das gelingt mir aber erst, als ich seine warme Kinderstimme erkenne, die mir bereits beim ersten Wort zu verstehen gibt, dass ich beruhigt sein kann. Das er mich die nächsten zwei Tage ignorieren wird, sondern mir höchstens einen doofen Spruch an den Kopf werfen wird. „Ich schreibe meinen Wunschzettel.“, erklärt er mir. „Deinen Wunschzettel?“, hake ich nach um mich zu versichern ihn verstanden zu haben. „Ja, meinen Wunschzettel an den Weihnachtsmann.“, wiederholt er.
Im ersten Moment weiß ich nicht recht ob ich lachen oder auslachen soll. Ich entscheide mich für ein Kichern, was ich mir gerade noch rechtzeitig unterdrücken kann, bevor er mir auch einen abgerissenen Papierfetzen in die Hand drückt und mich auffordert auch einen Wunschzettel zu schreiben. Einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann, wohl bemerkt.
„Danke“, ist das einzige, was ich hervorbringe. Ich beäugele den Papierfetzen. Drehe ihn ein bisschen nach links und ein wenig mehr nach rechts. Ich wende ihn. Von allen Seiten sieht er ähnlich aus. Ähnlich hässlich. Ähnlich abgerissen hässlich. „Kann ich einen roten Zettel haben?“, frage ich. Jetzt lacht mein Bruder. „Warum? Soll doch nur ein Zettel mit Wünschen sein“, lacht er mir aus. „Okay“, antworte ich und schaue beklemmt auf den Papierfetzen. Ein abgerissenes Stück vom Matheheft. Links oben erkenne ich noch das kleine X einer quadratischen Gleichung.
„Früher, da habe ich immer einen roten Zettel genommen. Den schönsten roten Zettel, den ich finden konnte. Ich habe ihn mit bunten Farben bemalt, mit Sternen und Tannenbäumen verziert.“, erinnere ich mich.
„Hast du auch einen goldenen Stift?“, frage ich ihn, als er mir einen schwarzen dicken Filzstift in die Hände drückt. Er prustet laut los. „Warum denn gold? Man schreibt doch immer nur mit schwarz oder blau.“, lacht er mich ein zweites Mal aus. 
„Zeigst du mir, wie man einen Wunschzettel schreibt. Ich weiß es nicht mehr.“, lüge ich um mich für keine weitere dumme Frage blamieren zu müssen. Aber er lacht trotzdem. „Warum? Weißt du nicht wie man seine Wünsche auf ein Papier schreibt?“, lacht er mich ein drittes Mal aus.
„Aber es soll doch ein Wunschzettel für den Weihnachtsmann sein.“; will ich am liebsten sagen, aber ich schweige, schnappe mir den Stift und mache es ihm nach. Ich versuche mir heimlich von ihm abzugucken, wie man einen Weihnachtswunschzettel im Jahr 2015 schreibt.
Ein Weihnachtswunschzettel auf einem abgerissenen Papierfetzen, mit schwarzem Filzstift und einer Schrift, die aussieht wie ein Spinnennetz.
Ich setzte den schwarzen Stift einfach irgendwo auf dem Blatt an und will beginnen. Beginnen mit dem ersten Wunsch. Aber alles was mir einfällt ist, das große schwarze Loch in meinem Kopf.
Da ist nichts. Nichts, was den Anschein nach einem Wunsch macht. „Sollte ich ihn fragen, was man sich wünscht?“, überlege ich.
Ich erinnere mich wie ich so alt war wie er. Mit einer Sonntagsschönschrift mir ein neues Schaukelpferd, eine neue Puppe mit Zöpfen und ein Springseil wünschte. Ich erinnere mich daran, wie ich den vierten und fünften Wunsch strich, weil ich an die anderen Kinder dachte, deren Wünsche auch in Erfüllung gehen sollten.
„Sollte ich nicht fragen, ob er auch nur drei Wünsche auf seinen Wunschzettel schreibt?“, grübele ich.
Letztendlich bemühe ich mich aber doch darum, sein Krickellakrack zu entziffern. Bevor er den letzten Wunsch aufzuschreiben scheint, vor den er eine dicke 10 schreibt, erkenne ich, mit großer Anstrengung, dass er sich als ersten Wunsch eine neue Rennbahn wünscht. Sein zweiter Wunsch, gleich drei Wünsche in einem, lautet „drei Rennautos“. Den vierten und fünften Wunsch kann ich nicht entziffern. Sein sechster Wunsch ist ein Fußballtrikot, gefolgt von einer Freikarte zum Fußballspiel der Nationalmannschaft. Ich überspringe die nächsten Zeilen und sehe, wie seine Hand unaufhaltsam das Papier mit weiterem Krickellakrack bekleckst. Wunsch 11, Wunsch 12, Wunsch 13. Als er den Papierfetzen umdreht und mit einer großen 20 die Hinterseite beschmückt, wende ich mit einem Kopfschütteln den Blick von ihm ab.
Ich setzte meinen Stift für einen zweiten Versuch an, scheitere aber wieder. Dieses Mal nicht an dem großen schwarzen Loch, aber an dem, was dort neben mir von sich geht. An der wilden Hand, die unaufhaltsam das Papier mit Wünschen und noch mehr Wünschen überseht. Ich versuche mich zu konzentrieren und mein Gehirn nach Wünschen zu durchbohren.
„Fertig“, brüllt mein Bruder. Ich werde aus meinen Gedanken rausgerissen und befinde mich wieder in der Realität. Mein Bruder hat in der Zwischenzeit den Zettel zusammen geknüllt, ihn irgendwo zwischen den Papierstapel geklemmt und lässt sich gerade mit einem lauten Seufzer in die Sofakissen plumpsen, als sei er einen Marathon gelaufen.
Verwundert gucke ich ihn an. Mein unverständlicher Blick wechselt sich zwischen ihm und dem Papierfetzen, der zwischen dem Einkaufszettel von Mama und einer Zeitschrift von Papa klemmt, ab.
Moralapostel wäre ich gern. Manchmal besonders gern. Sowie jetzt. Dann würde ich ihm erzählen, dass das unmöglich ist. Das das unmöglich von ihm ist, dass er den Zettel einfach so dahin wirft. Das er ihn einfach so dazwischen klemmt, ohne ihn, wie ich es damals immer getan habe, ihn in einen Umschlag zu legen, ihn vor dem Fenster zu platzieren, mit Blick in den Himmel, als würde ich versuchen den Weihnachtsmann mit meinen lieben kleinen Kinderaugen anzulocken.
Mama kommt ins Wohnzimmer und wedelt in der Hand mit einem kleinen Papierfetzen. „Mein Wunschzettel ist auch fertig“, singt sie gut gelaunt und lässt ihn auf den Tisch segeln. Er landet direkt vor meiner Nase.
Ihre Schrift ist ordentlicher. Ordentlicher als das Krickellakrack meines Bruders, aber immer noch viel zu unordentlich. Ich erkenne die Eile, die in ihrer Schrift liegt. Ich erkenne das „husch husch“ und das „schnell schnell“. Ich erkenne die zeitlose Zeit in ihrer Schrift. Ein Brief zwischen Tür und Angel. Ein Wunschzettel ohne … „Ja ohne was eigentlich?“, frage ich mich und stelle gleichzeitig fest, dass auch sie das H in Weihachten vergessen hat. „Ein Wunschzettel ohne Weihnachten“, vollende ich den Satz.
Als alle den Raum verlassen haben, falte ich meinen Papierfetzen zusammen. Einen winzigen Wunsch habe ich damaufgeschrieben und ihn mit Sternen umrandet. Mit schwarzen Sternen. Ich hätte sie lieber mit gold ausgemalt, aber man schien sich heute auf schwarz und weiß zu beschränken. Dafür aber habe ich extra viele Sterne gemalt.
Ich falte nun den Fetzen zusammen und lege ihn vor das Fenster und blinzele dabei in den Himmel. Vielleicht weil ich mich wünsche, dass der Weihnachtsmann von oben meinen Wunschzettel sieht, auf dem steht: „Ich wünsche mir, dass die Menschen weniger Wünsche haben“

Wir schreiben das Jahr 2015 und der vierte Advent ist nur noch ein Tag der kritzeligen, „husch husch“, „schnell schnell“ Weihnachtswunschzettel. Ein Wunschzettel auf einem Papierfetzen in schwarz weiß und mit hundert Wünschen.

Dieses Gefühl, dieses Gefühl von „Wenn sich die Welt nicht verändert“, holt mich urplötzlich ein, während ich im Hintergrund das Rascheln einer Mülltüte höre. Mama sehe, wie sie den Zeitungsstapel samt der Wunschzettel in den Sack schmeißt. Wie sie kurze Zeit später mit Staubsauger durch die Wohnung flitzt und meinen Wunschzettel aufsaugt.

Dickflüssige ölige Zweifel kommen in mir auf und ich befürchte, dass wir dieses Jahr das letzte Mal am vierten Advent an Weihnachten denken werden, wenn sich die Welt nicht verändert.

1 Comment

  • sternfluesterer Dezember 21, 2015 at 12:30

    Du wirst auch am nächsten vierten Advent an Weihnachten denken, und ich werde es tun, und ich kenne eine ganze Anzahl von Menschen, die es auch tun werden, weil sie uns im Herzen ähnlich sind, liebe Mona. Weihnachten ist in den Herzen, nur dort, ich habe gestern auf meiner aktuellen Tagebuchseite darüber geschrieben.

    Dein Wunsch ist ein sehr schöner Wunsch, er hat mich sehr, sehr in meiner Seele berührt. Ich wünsche mir schon lange kaum noch etwas zu Weihnachten, was im wohl „üblichen“ Sinne als Geschenk verstanden wird. Wenn ein schönes Buch umterm Tannenbaum liegt, dann schenkt mir das schon größte Freude, aber auch, wenn mir jemand ein paar liebe Zeilen geschrieben hat, ich einen Anruf von einem Freund oder einer Freundin bekomme. Aber auch das „nur“ Fühlen, das „nur“ Spüren schenkt mir ganz viel, das nur fühlen und nur spüren, von Menschen die mir nah sind, im Sinne von Familie, im Sinne guter Freundschaften, im Sinne einer Seelenverwandtschaft, die nur so viel an sich selbst denkt, wie es eben nötig ist.

    Ich habe, wie Du, viele Zweifel, habe Angst davor, dass die Welt von Menschen in ihrem derzeitigen Lauf beschleunigt wird, die letztlich nur verantwortungslos sind und handeln.

    Aber ich weiß um und ich glaube an Menschen wie Dich.

    Weihnachtsmenschen.

    Die den einen, den großen Wunsch haben, für den es keinen Wunschzettel braucht, sondern Verständnis und Einsicht, Verstehen und Rücksicht, und Liebe, ganz viel Liebe in ihrem wahrhaftesten und umfassendsten Sinne.

    In DIESEM Sinne einen ganz lieben Grüß von mir. Für Dich!

    Deine Gedanken schenken mir eine frohe Weihnacht, vielleicht können die meinen auch die Deine etwas froher machen …

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