Der zweite Advent #wennsichdieweltnichtverändert

Dezember 6, 2015

Und wieder fühlt sich das alles so an, als hätte ich mir das nur eingebildet. Erneut beschleicht mich dieses miese Gefühl, ich hätte mir das alles nur erfunden. Das passiert mir in letzter Zeit öfter. Irgendwie, weil ich nicht fassen kann, dass all das hier real sein soll.
Es ist der erste Sonntag im Dezember. Der zweite Advent. Ich sitze hier mit angewinkelten Beinen auf dem Stuhl. Mit den Ellenbogen auf dem Tisch gestemmt, stütze ich mit meiner linken Hand den Kopf. Meine rechte Hand kritzelt auf dem weißen Blatt Papier einen Weihnachtsbaum und schreibt darüber „Weihnachten“. Weihnachten ganz klein und dahinter ein großes, dickes, fettes Fragezeichen. Es fällt mir schwer einen Weihnachtsbaum wie ich ihn früher immer gemalt habe – mit bunten Kugeln, glitzernden Weihnachtsschmuck und hellen Kerzen – zu malen. Noch viel schwerer aber fällt es mir das Fragezeichen hinter dem „Weihnachten“ wieder durchzustreichen und einen Stern darüber zu malen. „Weihnachten, kennt das überhaupt noch jemand?“, frage ich mich, als ich es doch noch schaffe ein paar rote Kugeln an den Baum zu malen. Im Hintergrund meine ich das Klingeln eines Glöckchens zu hören. Ich sehe mich in meinem Zimmer um. Jetzt ist alles wieder still. Doch irgendwo aus der Ferne erklingt das Klingeln eines Glöckchens ein zweites Mal. Ich denke an ein Glöckchen, dass am Weihnachtsbaum hängt, an ein Glöckchen, dass ein Rentier um den Hals trägt, oder an das Glöckchen, dass dem Weihnachtsmann gehört. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie der Schrotthändler aus dem Fenster seines LKWs lugt, dabei ein Glöckchen aus dem Fenster hält und es durch die Luft schwingt. Ich reiße das Fenster auf und will ihn schimpfen, wie er es wagen kann das Glöckchen des Weihnachtsmannes zu „missbrauchen“, aber meine Stimme verliert sich irgendwo zwischen Wut, Enttäuschung und einem unmöglich zu beschreibenden Gefühl.
Mit einem lauten Knall schließe ich das Fenster, rupfe die Gardinen zu, so als würde ich versuchen meine Gefühle auszusperren. Jeglicher Versuch scheitert und ich fühle mich gezwungen das Gefühl, was ich nicht in Worten beschreiben kann, anzunehmen. Dieses unmöglich zu beschreibende Gefühl, ich bin mir sicher du kennst es auch, zwickt mich, beißt mich und ich habe das Gefühl, dass es mich bald auffrisst.
Ich stehe eine ganze Weile vor den verschlossenen weißen Gardinen und frage mich, ob ich nächstes Jahr auch noch an das Klingeln von Santas Glöckchen denken werde, wenn sich die Welt nicht verändert.
Da ist es wieder, das Gefühl, das mich zwickt. Das unmöglich zu beschreibende Gefühl, in Worten könnte man es vielleicht „Wenn sich die Welt nicht verändert“ nennen, das mich seit Wochen plagt.
Vorsichtig blinzele ich zwischen dem winzigen Spalt, der sich zwischen den zwei Gardinen abbildet, hindurch. Draußen weht ein starker Wind und dicke, weiße Schneeflocken fallen vom Himmel.
Ein Obdachloser sammelt ein paar alte Teppiche ein und klemmt sich Mama’s alte Weihnachtsbaumschmuckkiste unter den Arm, die sie ebenfalls zum Sperrmüll gestellt hat. Ich werfe einen Blick nach rechts. Auf Papas Schreibtisch liegt ein kleiner Kalender. Darauf steht eine große 2020.
Ich sehe an mir herunter und stelle fest, dass ich ein schwarzes enges Kleid und High Heels trage. In der Hand merke ich das Vibrieren meines Handys. Mein Chef. „Kommen sie bitte in mein Büro, es ist wichtig“, erklingt seine tiefe motzige Stimme, als ich den Hörer abnehme. „Es ist Sonntag“, erinnert mich Papa, als ich gerade die Tür ins Schloss fallen lassen will. „Und der zweite Advent“, schreit Mama hinterher. Doch bevor ich „Was ist denn Advent?“, fragen kann, fällt die Tür schon ins Schloss und ich stolpere mit den wintertauglichsten aller wintertauglichsten Schuhe, meinen 13cm hohen Pumps aus 18 Karat Gold durch den Schnee.
Ich bin im im Jahr 2020, 24 Jahre jung, single, fast selbstständig und gerade auf dem besten Weg den zweiten Advent nicht bei Mama und Papa, in gemütlicher Runde vorm Kamin, mit Plätzchen, Tee und Stollen, in dicken Pullovern und Socken zu verbringen, sondern ihn im Büro beim motzigen, mies gelauntem Chef in Pumps, Minikleid, bei einer Tasse Kaffee oder einer Cola Light zu vergessen. Ja, ich vergesse dieses Jahr den Advent, genau wie letztes Jahr und vorvorletztes Jahr. Und das ist auch gar nicht schlimm, denn jeder scheint ihn mittlerweile vergessen zu haben.
Ich nehme ein Taxi ins Büro. Auf dem Weg ins Büro denke ich an Mamas Worte. „Der zweite Advent, der zweite Advent“, hallt ihre Stimme in meinen Ohren. „Ob das wohl ein von ihr erfundenes Wort, ein Wort aus China oder ein Wort aus der Türkei ist?“, frage ich mich. Umso öfter ich das Wort „Advent“ wiederhole umso fremder erscheint es mir. „Es kann heute dauern. Wir haben Stau.“, verkündet der Taxifahrer über seine Schulter. Mit einem Seufzer lasse ich mich in den Sitz fallen und zucke mein Handy aus der Tasche. Ich beginne das Wort „Advent“ zu googlen. Und tatsächlich finde ich einen WIkipediaeintrag, der mir das Wort erklärt bzw. der mich vor mir selber erschrecken lässt. Ich zucke zusammen, als alte Erinnerungen in mir hochkommen. „Der zweite Advent, klar, wie konnte ich das nur vergessen“, denke ich und heule beinahe los. „An dem Tag, an dem wir früher immer gemeinsam am Tisch saßen, die zweite Kerze angesteckt haben, gesungen, gegessen und Geschichten erzählt haben. So wie alle, saßen auch Papa, Mama, mein kleiner Bruder und ich am zweiten Advent am Kaminfeuer.“, erinnere ich mich. Ich will den Taxifahrer fragen, ob er sich noch an den Advent erinnert, aber er ist so vertieft in die Verkehrsmeldung, mit Hupen und Schimpfen beschäftigt, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als meine Frage für mich zu behalten.
Das Klingeln meines Handys holt mich aus meinen Gedanken, holt mich zurück ins Jahr 2020, in dem wir „Advent“ googlen müssen. Mein Chef. „Wenn sie nicht in fünf Minuten da sind“, droht er mir, dann legt er auf. Ich tippe den Taxifahrer vorsichtig an der rechten Schulter an und bitte ihn sich ein bisschen zu beeilen. „30 Minuten, früher kommen wir hier nicht weg“, verkündet er. Ich lasse mich ein zweites mal mit einem tiefen Seufzer in den Sitz zurückfallen und grübele nach einer gelungenen Ausrede. Ich probiere es mit der ehrlichen Variante und wähle seine Nummer. Als seine genervte Stimme am anderen Ende der Leitung erklingt, erkläre ich ihm, dass Stau ist und ich nicht vom Fleck komme. „Dann nehmen sie verdammt nochmal die Bahn“, schnauzt er mich an und legt auf. Ich wühle ihn meiner Tasche nach meinem Bahnticket und stelle fest, dass mein Portemonnaie in einer anderen Tasche liegt. Zuhause. Ich rufe ihn noch einmal an und erkläre ihm, dass ich nicht Bahn fahren kann. „Dann laufen Sie“, schreit er jetzt noch lauter. Zwei Sekunden später und ich hüpfe tatsächlich aus dem Taxi und springe mit einem Satz auf den Bürgersteig.
Ich laufe, oder besser gesagt stolpere ich, so schnell ich kann durch die vollen Straßen in Richtung Büro. Die Stadt ist heute besonders voll.
Mein Handy klingelt wieder. Es ist mein Chef. Anders als sonst, lasse ich es tatsächlich dreimal klingeln, bevor ich abhebe. Damit ich noch dreimal tief durchatmen kann. Damit ich mir noch dreimal überlegen kann, was meine dritte Ausrede sein wird. Ich hebe ab. Ohne das ich ihn zu Wort kommen lasse. brülle ich ihm entgegen „Es ist das reinste Weih … Weih … Weihnachts .. Weihnachtschaos in der Stadt“. Bei dem Wort „Weihnachts“ verschlucke ich mich ein, zweimal, verhaspele mich ein wenig. „Was meinen Sie?“, fragt er mich unverständlich. Mit trockenem Hals quäle ich das Wort „Weihnachschaos“ ein zweites Mal aus mir heraus. „Haben sie einem im Tee?“, fragt er mich sauer. „Wie denn, wenn hier kein Glüh … Glüh … Glühwein, kein Glühweinstand ist?“, platzt es, in unterbrochenen Worten aus mir heraus. „Glühwein … was?“, brüllt er durchs Telefon. „Glühweinstand, auf dem Weih .. Weihnachts, auf dem Weihnachtsmarkt“, erkläre ich. Meine Stimme wird ruhiger und ich merke auch wie er ein bisschen ruhiger wird. Ich atme noch einmal tief durch und erkläre mit ruhiger Stimme „Ich komme heute nicht mehr ins Büro. Es ist Sonntag. Es ist zweiter Advent. Ich fahre jetzt wieder nachhause.“ Bevor ich auflege beruhige ich ihn: „Ich schicke Ihnen den Wikipediaartikel „Advent“ per E-Mail, versprochen“.
Als ich zuhause ankomme und meinen Eltern verkünde, dass wir jetzt Advent feiern können, lachen sie mich aus. Mama prustet los, kann sich vor Lachen kaum halten und sagt „Mona, das war vorhin ein Scherz“.

Wir schreiben das Jahr 2020 und der zweite Advent ist nur noch ein Scherz. Wir tun so als sei dieser Sonntag ein Sonntag wie jeder andere auch und lachen ihn dazu auch noch aus.
Das wir uns vor wenigen Jahren mit dem Anzünden der zweiten Kerze auf Weihnachten und die Geburt Jesus Christus vorbereitet haben, finden wir lustig.
Wir lachen über das, was einmal war und lachen über uns. Wir lachen uns selber aus.

Das klingeln des Glöckchens, was dem Schrotthändler jetzt aus der Hand fällt und auf den Boden fällt, holt mich wieder zurück ins Jahr 2015.
Ich beobachte wie der Schrottwagen anhält, der Mann aussteigt und das Glöckchen aufhebt. Er putzt es mit einem Taschentuch sauber, hält es in die Luft und haucht es noch einmal an, als wäre es doch ein ganz besonderes, heiliges Glöckchen für ihn. Vielleicht das Glöckchen vom Weihnachtsmann, von einem Rentier oder zumindest ein Glöckchen, was Weihnachten am Tannenbaum hängt.
Aber das Gefühl „Wenn sich die Welt nicht verändert“ lässt mich nicht los.
Dickflüssige ölige Zweifel kommen in mir auf und ich befürchte, dass wir dieses Jahr das letzte Mal am zweiten Advent eine Kerze anstecken werden, wenn sich die Welt nicht verändert.

10 Comments

  • Uwe Ullrich Dezember 6, 2015 at 18:53

    Dir geht es wie mir Mona, nichts hat sich veraendert. Hier in Guatemala hat sich seit 15 Jahren die ich hier lebe nichts veraendert und Weihnachten unter der Sonne ist fuer mich kein Weihnachten und viel weniger kann ich weihnachtliche Gefuehle entwickeln.

    • Mona Kuehlewind Dezember 6, 2015 at 19:15

      Das ist aber so, so schade .. Ich möchte nicht wirklich irgendwann am zweiten Advent hier ohne eine Kerze sitzen. Ich habe heute Plätzchen gebacken, weil ich definitiv nicht Weihnachten ausfallen lassen möchte.
      Wow, du wohnst in Guatemala? Das ist ja toll.

      • Uwe Ullrich Dezember 6, 2015 at 19:18

        Ja Mona, da haben wir das ganze Jahr Fruehling, man nennt Guatemala das Land des ewigen Fruehlings, jetzt in der Weihnachtszeit ist es in der Nacht ein bisschen frischer, aber Tagsueber steigen die Temperaturen auf ueber 20 Grad.

        • Mona Kuehlewind Dezember 6, 2015 at 19:23

          Sehr interessant. Darf ich fragen, was dich nach Guatemala gezogen hat? Das ist ja kein „auswandertypisches“ Land, oder?

          • Uwe Ullrich Dezember 6, 2015 at 19:25

            Ach ich habe es mir mehrmals angesehen und mich entschieden hierzubleiben, ist auch billiger hier zu leben als in Deutschland.

          • Mona Kuehlewind Dezember 6, 2015 at 19:26

            Klingt gut, und vor allem abenteuerlustig aber mir würde dazu der Mut fehlen!

          • Uwe Ullrich Dezember 6, 2015 at 19:30

            Ich denke ich habe es zu spaet gemacht, ich haette gleich nach der Wende diesen Schritt machen muessen. Ist schon ein bisschen abenteuerlich, da hast du recht, aber mit den neuen Verhaeltnissen in Deutschland bin ich auch nicht klargekommen und so mache ich heute das wass mir Spass macht, zu schreiben und die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

  • sternfluesterer Dezember 6, 2015 at 19:30

    Dein Text ist wie eine beklemmende Vision. Und das „Wenn die Welt sich nicht verändert …“ ist die bange Frage, die diese Vision nicht Wirklichkeit werden lassen will.

    Für mich ist es heute ungemein schwer, dazu zu schreiben, weil mich der Gedanke an schwere Visionen momentan geradezu beherrscht. – Mir geht es wirklich nicht gut. Vor allem die letzten beiden Tagebuchseiten meines Blogs erzählen, weshalb. – Tu es Dir aber möglicherweise lieber nicht an, das zu lesen, liebe Mona.

    Ich wünsche Dir, dass Du die Adventszeit genießen kannst. Du bist sehr sensibel, und da ist es so wichtig, bei dem, was man unweigerlich alles aufnimmt, wenn irgend möglich, Gutes und Stärkendes für sich so bewusst wie es nur irgend geht, zu erfahren. Ich wünsche mir, dass es nicht immer wieder etwas Beherrschendes gibt, was Dich hindert, genau das für Dich zu tun. Denn, wenn es so hindernde beherrschende Dinge gibt, sie Besitz von uns ergereifen, dann ist es kein Leben mehr, das man führt, dann ist alles nur noch Kampf, nicht irgendwann zu ertrinken.

    Dem muss ich mich gerade sehr stellen. Sei mir deshalb nicht bös‘, wenn diese Zeilen heute wirr und wahrscheinlich nicht besonders gut zu lesen sind.

    Ich wollte Dich aber doch wenigstens mit einem lieben Gruß in die neue Woche schicken…

  • Maccabros Dezember 9, 2015 at 6:52

    Ob und wie sich die Welt verändert, liegt zum Teil an uns – bewahre Dir diesen Zauber…

    gern gelesen

    Gruß,

    Maccabros

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