Die Barbie Evolution

Januar 31, 2016

„24 verschiedene Frisuren. Von lang bis kurz, vom Afro-Look bis hin zum Engelshaar, vom Bob bis hin zum Kurzhaarschnitt.
7 neue Hauttöne. Vom weißen Europäer bis hin zum farbigen Afrikaner. Dazwischen der blasse Inuit und der gelbliche Asiate.
3 verschiedene Körperformen. Von der kleinen zierlicher Wespentaille, über die langen schlaksigen Victoria Secret Beine, bis hin zur molligen Tine Wittler.“

Nach 57 Jahren vergisst man die Tradition und durchbricht das System – die Barbie Evolution im 21 Jahrhundert.
Evelyn Mazzocco, Senior Vice President und Global General Manager bei Barbie Hersteller Matell sieht die Barbie-Evolution als Sprungbrett in Milliardenumsätze und als Kurbel, um die sinkenden Verkaufszahlen wieder anzutreiben. Mazzocco feiert schon jetzt den Gewinn und schwebt in fernen Sphären mit rosa roter Brille und Toilettenpapier aus Dollarscheinen.
Die Presse, das Hamburger Abendblatt, die Hessische Allgemeine und wie sie sich alle nennen, können sich mit Meldungen gar nicht mehr zurückhalten und verkünden die Barbie-Evolution auf der Titelseite, mit großer, fettgedruckter Überschrift. Worte wie kurvig und mollig findet man in Großbuchstaben und da wo üblicherweise ein Punkt steht, schreiben sie auf einmal ein Komma. Fragezeichen werden durchgestrichen und durch ein Ausrufungszeichen ersetzt, damit der Leser versteht, dass Kurven jetzt „sexy“ sind.
Große und kleine Journalisten berichten über die Barbie-Evolution wie über die Präsidentschaftswahl Obama’s oder gar wie über den Mauerfall. Sie informieren ohne wenn und aber, sondern mit ganz viel „ja“ und noch mehr „ja“.
Moderatoren berichten live aus allen Ländern. Verkünden die Barbie-Evolution auf allen Kanälen in sämtlichen Sprachen. Steigende Einschaltquoten, nickende Köpfe und lauter Applaus. In Deutschland schaltet Opa die Lautstärke ein bisschen höher und Oma lässt die Milch überkochen. Papa vergisst die Diskussion über das Abseits von Müller und Mama unterbricht für einen Moment ihr Telefonat.
Kinderherzen schlagen höher, machen größere Sprünge als ein australisches Kangaroo und schlagen lauter als der Regen, der an meiner Fensterscheibe klopft. Kinderaugen werden größer, wenn sie erst einmal die Tine Wittler Barbie in ihren Händen halten und Papa’s Portemonnaie wird kleiner, wenn das Kind nach der zweiten „curvy“ Barbie schreit.

Ich durchstöbere das Internet, durchforste das Netz nach irgendwas, was nicht davon erzählt, schreibt, informiert und Freudentränen in den Augen hält. Ich suche nach irgendwas, was mich fröhlicher stimmt, nach irgendwas, was gut tut. Aber ich finde nichts. Finde nichts außer ein Foto meiner kleinen Cousine, die ihre neue beste Freundin lächelnd in die Kamera hält: eine „curvy“ Barbie mit rundem Po und großen Brüsten. Ich „dislike“ das Foto, markiere es mit einem „Daumen nach unten“ und stelle fest, die einzige zu sein – 124 Daumen nach oben vs. mein einer Daumen nach unten. Ich bin allein. Ich traue mich nicht zu kommentieren, obwohl es mich innerlich zerreißt. Ich schweige und sehe zu, wie sich ein Kommentar nach dem Anderen einreiht, ganz im Sinne der Journalisten und Moderatoren, meinem Opa, der den Ton etwas lauter stellt und meinem Papa, der seine Diskussion unterbricht. Ganz im Sinne aller nickenden Köpfe und dem lauten Applaus. Ganz im Sinne aller Menschen. Scheinbar aller Menschen, außer mir.

Ich schlängele mich durch die Menschenmenge. Bahne mir meinen Weg durch die überfüllten Einkaufsgassen, flüchte in das nächstgelegen Geschäft. Ich bummele durch die Bücherabteilung und folge einer alten Dame. Wie von einem Magnet angezogen, landen wir in der Spielabteilung. Ich versuche vergeblich wegzuschauen, will mich umdrehen und gehen, doch werde angezogen von einer „curvy“ Barbie, die sich in einer Glasvitrine dreht. Die alte Dame bleibt ebenfalls stehen und richtet ihren Blick auf die Barbie. Wie Frischfleisch auf dem Präsentierteller dreht sie ihre Runden und zeigt uns ihren kurvigen Körper von allen Seiten. Ich bemerke nicht, dass sich mittlerweile ein kleines Publikum um „curvy“ Barbie versammelt hat. Erst als mich der Schrei eines kleinen Mädchens aus meinen Gedanken reißt und zwei Sekunden später die kleinen Kinderhände an der Glasschreiben der Vitrine kleben, bemerke ich die acht weiteren Personen, die sich um „curvy“ Barbie versammelt haben. Drei Sekunden später habe ich es geschafft mich von dem gaffenden Publikum und dem kleinen Mädchen, das noch immer nach „curvy“ Barbie schreit, loszureißen. Langsam tapse ich durch die Gänge der Spielwarenabteilung. Versuche mich für Dinosaurier, Duplosteine und Playmobiltraktoren zu konzentrieren. Stolpere über heruntergesetzte Preise für Ritterburgen und Piratenschiffe, falle von Gang zu Gang und finde mein Gleichgewicht in Rosa Rot und jeder Menge Plüsch. Da wo die Preise angehoben werden und Menschen sich die Tüten um die Köpfe schlagen. Da wo man um das letzte Päckchen kämpft und der mit der lautesten Stimme gewinnt. Da wo Papa’s Geldbeutel kleiner wird und Kinderherzen höher schlagen. Da wo das Mädchen von eben wieder „curvy Barbie“ schreit und es mich innerlich zerreißt.

Irgendwann komme ich zuhause an, lasse mich aufs Bett fallen und überlege zum ersten Mal abzuhauen. Ich überlege zum ersten Mal wegzulaufen, weit weg, ohne zu wissen wohin. Ich überlege tatsächlich einfach loszurennen, irgendwo hin, ohne zu wissen, wann ich wiederkommen werde. Zum ersten Mal überlege ich abzuhauen, auf eine Insel, wo mich niemand findet, weil es mich innerlich so zerreißt.

Es zerreißt mich. Es zerreißt mich ehrlich gesagt schon lange, doch war es mir nie so bewusst wie heute. Lange Zeit habe ich den Schmerz unterdrückt, habe ihm verboten zu existieren. Doch heute, heute will er nicht hören. Heute will er nicht verschwinden, wenn ich ihm befehle, dass er gehen soll. Heute will er nicht verschwinden. Auch nicht, wenn ich ihn darum bitte. Heute will er mich zerreißen. Ich spüre es.

Aber ich bin eine Kämpferin und eine Blume, und wer einmal versucht hat eine Blume zu zerdrehten, weiß, dass sie sich wieder von alleine aufrichten wird.

Zurück zu dem Schmerz. Im Grunde genommen ist es nur, ist es nur Opa, der den Ton lauter stellt, Papa, der seine Diskussion vergisst und Mama, die ihr Telefonat unterbricht. Im Grunde genommen ist es nur die Moderatorin, die „Barbie-Evolution“ gröhnt und eine mollige Barbie in das Publikum wirft. Im Grunde genommen ist es nur der Journalist, der jetzt aus einem Slum Afrikas eine weiße und eine farbige Barbie in die Kamera hält. Im Grunde genommen ist es nur dein Schwarm, für den du zehn Kilo abgenommen hast und der jetzt eine kurvige Barbie seiner Schwester schenkt. Im Grunde genommen ist es nur eine Puppe, mit 24 unterschiedlichen Frisuren, in sieben verschiedenen Hauttönen und drei verschiedenen Körperformen, die von allen Menschen geliebt wird.
Im Grunde genommen, sage ich nur: nur der Opa, nur der Papa, nur der Journalist und nur eine Puppe.

Aber bin ich ehrlich: Im Grunde genommen, tut es weh.
Es tut weh, wie ich meinen Bauch unter einem dicken Wollpulli verstecke, damit du mich nicht fragst, ob die Schokolade von gestern Abend geschmeckt hat.
Damit ich meinen Bauch unter einem dicken Wollpulli verheimlichen kann, um nicht als „Dicke“ abgestempelt zu werden.
Es tut weh, dass ich mich mit einem Bauch verstecken muss und „curvy“ Barbie im Bikini geliebt wird.

Es tut weh zu sehen, dass der junge Mann in der Bahn beleidigt wird, weil er eine pink-rote Afro-Frisur trägt. Es tut weh zu sehen, wie sich die Leute nach ihm umdrehen und hinter seinem Rücken in Getuschel versinken. Es tut weh, wie die Leute mit dem Finger auf ihn zeigen und in Gelächter ausbrechen.
Es tut weh, dass über ihn Gelacht wird und eine Barbie mit „Afro-Look“ geliebt wird.

Es tut weh zu sehen, wie sich Menschen nach der Hautfarbe urteilen. Wie sie hellhäutige Menschen mit offenen Armen empfangen und farbige Menschen stehen lassen. Wie sie Rassismus sagen und Rassismus meinen. Wie sie Rassismus leben und Rassisten sind. Wie sie Menschen aussortieren, wie das Lieblingspaar Schuhe.
Es tut weh, dass Menschen nach Hautfarbe urteilen, und Barbie in sieben verschiedenen Hauttönen geliebt wird.

Und das ist es, was mich zerreißt: der Gedanke, dass wir scheinbar in der Lage sind eine Puppe mehr lieben zu können, als einen Mensch.

„Es tut weh. Es tut weh, dass wir eine Puppe mehr lieben, als einen Mensch.“

1 Comment

  • bodyguard4you Februar 2, 2016 at 19:48

    also ich liebe „puppen“ auch … nur lebendig müssen sie sein …

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