DREI MONATE GALA: Was ich über Journalisten erfahren habe

September 29, 2016

Man hat mir immer gelehrt, dass die Berichterstattung der Journalisten meistens objektiv ist und die Sache mit der Wahrheit auch immer eine Frage der persönlichen Betrachtung ist. Doch nie hat man mir gelernt, dass Journalisten Egoisten sein können und ich einmal zu ihnen gehören würde.
Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, welches Pferd mich ritt, als ich im Dezember letzten Jahres das erste mal das Gebäude von Gruner + Jahr betrat und an einem einstündigen Bewerbungsgespräch teilnahm. Nicht aber an einem Bewerbungsgespräch für den Stern, den ich zu dieser Zeit sehr gerne las, sondern für die GALA. Ein Magazin, durch das ich bis zu jenem Tag kaum kannte. Lediglich im Supermarkt, wenn die Schlange an der Kasse mal wieder so lang war, dass sich große Langeweile in mir breit machte, kam es schon mal vor, dass die GALA in meinen Fingern landete und sich zum guten Zeitvertreib entpuppte. In den Einkaufskorb schaffte sie es allerdings nie. Nun saß ich da, beantwortete brav die Fragen, die mir von einer netten Blondine und einer scheinbar Katzenberber-Besessenen gestellt wurden. Und auf die Frage, ob ich mir vorstellen kann, drei Monate, meine kompletten Semesterferien im nächsten Sommer, in der GALA Online Redaktion zu verbringen, bekam ich dieses Leuchten in den Augen, was so viel heißt wie „Ja“. Mit einem aufrichtigen Nicken stand die Sache dann fest. Zwei Wochen später rief man mich an und verkündete mir, dass ich das Praktikum bekommen habe. Was ich damals am Telefon sagte, weiß ich nicht mehr. An was ich mich aber erinnern kann, ist, dass mir ein Freudenschrei entfuhr, der von meinem Unterbewusstsein gesteuert wurde, als ich den Hörer auflegte. Für mein Bewusstsein hingegen, war die GALA immer noch der Zeitvertreib im Supermarkt. So verging der Winter und der Frühling und kaum ein Moment, in dem ich einen Gedanke an das bevorstehende Praktikum verschwendete. Es war lediglich meine Großmutter, die immer wieder damit anfing und es schon gefühlt dem ganzen Dorf erzählt hatte. Eine Woche vor meinem ersten Tag fing ich aber dann doch mal an mir ein paar mehr Gedanken zu machen. Ich entschied mich sogar dazu, mir die GALA zu kaufen und jeden Abend das Netz ein bisschen zu durchstöbern. Die Woche verging schneller als gedacht und der erste Tag stand vor der Tür. Es war ein Freitag im Juli. Einer der viel zu heißen Tage diesen Sommers. Bevor ich mich auf den Weg in die Redaktion begab, machte ich noch einen kleinen Abstecher auf eine Toilette, um mir die letzten Schweißperlen von der Stirn zu wischen. Denn auch wenn mir bewusst war, dass ich nicht gleich auf Angelina Jolie treffen werde, war ich furchtbar nervös. Irgendwann stand ich dann inmitten eines Großraumbüros. Gefühlte 40 Augen von allen Seiten richteten sich auf mich. Und als gehöre ich tatsächlich zur Prominenz schüttelte man mir die Hand, begrüßte mich mit breiten Grinsen und hieß mich mit neugierigen Blicken Willkommen. Und von da an ging alles ganz schnell. Nach drei Tagen hatte ich bereits mein erstes Interview geführt, eine Filmpremiere besucht, sechs Artikel geschrieben und mich als über Kopf in GALA verknallt. Und diese anfängliche Schwärmerei entwickelte sich für mich zu etwas ganz Großem. GALA wurde für mich ein Magazin, dass ich auf einmal nicht nur gerne las, sondern für das ich auch unglaublich gerne schrieb. Im Supermarkt wanderte die GALA immer in meine Tasche. Der Stern wurde zum Zeitvertreib in der nervenaufreibenden Warteschlange. So vergingen drei Monate, in denen ich jeden Zweifel überwund, mich gar verliebte und bis heute noch schwärme – von lieben Redakteuren, von süßen Redaktions-Hunden, von klappernden Tastaturen, von GALA.
Aber es gab auch Momente, die nicht so rosig waren. Es war gleich in einer der ersten Wochen, in der ich tat, wo man mir am Anfang des Praktikums dagegen riet. Ich habe Kommentare gelesen. Kommentare unter meinen Artikeln, die bei Facebook gepostet wurden. Es hat eine Weile gedauert, doch irgendwann habe ich gemerkt, was alle meinten. Irgendwann habe ich den Stich in meiner Brust gemerkt, habe gemerkt, dass ich das nicht hätte tun sollen. Und doch konnte ich nicht aufhören und habe weitergelesen. Ich las, dass ich keine Ahnung von Politik habe, schlecht recherchiere, schreibe, was keinen interessiert und noch viel schlimmer, dass ich schreibe ohne Geist. Die ersten drei Punkte, konnte ich noch mit einem Klos im Hals hinunterschlucken, doch Punkt Vier blieb irgendwo in der Kehle stecken und ließ mich für einen kurzen Augenblick, einen winzigen Atemhauch von Zeit, beinahe bewusstlos nach Luft ringen. Nachdem ich meine Lungenflügel wieder mit ausreichend Sauerstoff gefüllt hatte, las ich mir den Artikel mindestens fünf Mal laut vor, um zu prüfen, ob ich tatsächlich ohne Geist schreibe. Aber ich konnte nichts finden. Nichts, was geistlos geschrieben hätte sein können. Trotzdem beschäftigte mich der Kommentar eine ganze Weile und führte dazu, dass ich jeden Abend Kommentare las. Was mich überraschte, war, dass ich nur ein einziges Mal eine Träne im Auge hatte. Beim ersten Mal. Und jedes weitere Mal, dass ich vor meinem Bildschirm saß und wie eine Verrückte durch die Kommentare stöberte, wuchs mein Fell ein bisschen dichter. Bis mein Fell schließlich so dick war, dass ich jeden Hass-Kommentar nur noch mit einem müden Lächeln wegsteckte.

Mittlerweile sind einige Tage vergangen. Mein Praktikum ist vorbei und ich sitze wieder auf der anderen Seite der Berichterstattung. Agiere nun als täglicher Leser. Und während ich die Artikel so durchstöbere, denke ich an etwas, woran ich in der Redaktion nicht ein einziges Mal dran gedacht habe. Vielmehr ist es mir gar nicht in den Sinn gekommen, mir darüber Gedanken zu machen. Es ist, es ist schwer zu erklären, weil es etwas ist, was mir rückblickend auf den Magen schlägt. Es ist, dass ich nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht habe, ob das, was ich schreibe, provozieren, angreifen, gar verletzten könnte. Nicht ein einziges Mal habe ich an den Mensch gedacht, über den ich schreibe, dass er fünf Kilo zu viel auf den Rippen hat, dass ihm das Kleid nicht steht oder sein neuer Song Ohrenschmerzen bereitet. Wenn es einen Shitstrom im Internet gab, habe ich darüber geschrieben, die ganze Sache noch einmal aufgewühlt, nochmal darauf rumgehackt. Und selbst nach der kleinsten Berührung habe ich die Frage in den Raum geworfen, ob sie oder er hier fremd geht. Ich habe so viel geschrieben, ohne dass ich mich gefragt habe, was die Person, über die ich gerade schreibe, wohl denkt. Ob sie Tränen in den Augen hat? Ob sie sich die Pulsschlagader aufreißt und ihrem Partner eine Affäre unterstellt? Klar könnte man dagegen argumentieren, sagen, dass die Personen selber daran Schuld sind, wenn sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren, aber was ist beispielsweise mit einer Angelina Jolie oder einem Brad Pitt, die nicht ein einziges Social Media Profil besitzen? Was ist mit denen, die das alles gar nicht wollen und nur weil sie durch ihren Job zwangsweise in der Öffentlichkeit stehen, über die Bildschirme flimmern und die Konzerthallen füllen? Was ist mit denen, die einfach nur ihren Job machen wollen? Jetzt könnte man wieder argumentieren und sagen, dass die Presse zu ihrem Job dazu gehört. Aber nein. Das ist falsch. Wenn ich Schauspielerin werden will, dann gehe ich auf eine verdammte Schauspielschule, nehme Unterricht im Tanz, Gesang oder weiß der Geier was. Aber niemals, niemals werde ich durch die Presse eine Schauspielerin. Und wenn ich eine gute Akteurin bin, dann wissen das auch die Regisseure und Produzenten, ohne das sie erstmal in irgendeinem Klatsch-Magazin gucken müssen, wer sich am besten vor der Kamera beweisen kann.

Aber wenn ich genau darüber nachdenke, dann merke ich, wie egoistisch ich doch bin. „Mir doch egal“, denke ich und lese wieder mit Neugierde den nächsten Artikel. Und dieser Egoismus scheint es auch zu sein, den Journalisten brauchen, um zu bestehen. Wenn man sich mal die Nachrichten ansieht, sieht wie ein Moderator vor den Trümmerhaufen in Afghanistan steht und berichtet, dass wieder hunderte Menschen gestorben sind, dann ist er in dem Moment, meiner Meinung nach, ein Egoist. Klar, er ist Reporter, macht seinen Job, doch er könnte auch genauso gut das Mikrofon in die Ecke legen und dem verschütteten Hund, der aus dem Hintergrund winselt, helfen. Es gibt tausende Beispiele, die den Egoismus eines Journalisten erklären. Ich habe früher nie darüber nachgedacht, doch jetzt, wo ich selber einmal ein richtiger Journalist war und es selber erfahren durfte, wie egoistisch mein Handeln doch war, ist mir bewusst, wer wir sind. Wir die Journalisten. Damit will ich keinem Journalisten zu Nahe treten und bitte, dass sich niemand angegriffen fühlen soll. Ich mag Journalisten, besonders die GALA-Journalisten. Ich will auch immer noch gerne Journalistin sein, aber ich will in Zukunft eine bewusstere Journalistin sein, die dreimal darüber nachdenkt, was sie tut.

3 Comments

  • linnmaira September 29, 2016 at 11:47

    Ich weiß nicht, ob ich mit dem letzten Absatz deines Posts so ganz konform gehen kann. Denn ich glaube nicht, dass man Kriegsjournalisten als Egoisten bezeichnen kann, nur weil sie mit einem Mikro dastehen, anstatt einen Verband anzulegen. Guter Journalismus kann nie zu 100% objektiv sein, diese Einstellung teile ich, dennoch sollte es immer ein Ziel sein, die Wahrheit so getreu wie möglich zu beschreiben – und damit der Gesellschaft die Chance zu geben, sich selbst eine Meinung zu bilden. Ich vermag mich nicht in die Situation eines Kriegsjournalisten hineinzuversetzen, aber ich glaube, dass er weniger Egoismus braucht, dafür eine gehörige Portion Selbstdistanz. Es ist wichtig, dass man auch über Dinge berichtet, die einem wehtun, die mit den eigenen Vorstellungen vielleicht nicht übereinstimmen. Egoismus ist in seiner Ursprungsform ja doch immer danach ausgerichtet, sein Leben vor das eines anderen zu stellen. Und ich glaube, dass das eigene Leben im Journalismus nichts verloren hat. Es geht hier nicht darum, welche Story mir besser gefällt, was ich witziger, lustiger, spannender finde. Als Journalist kreiere ich keine Realität, ich bin nur das Fernglas, durch das man sie vielleicht ein Stückchen besser begreifen soll.

    Alles Liebe,
    Linn

  • Angelo Rose September 29, 2016 at 13:13

    Natürlich sind alle Journalisten Egoisten, aber müssen sie auch sein denn sie wollen von Ihrer Arbeit ja leben. Die Arbeit der Journalisten ist es nunmal über die Welt zu berichten. Was ich in der heutigen Presse wie auch den anderen Medien vermisse ist die objektive und neutrale Berichterstattung. Wenn ich heute eine Zeitung aufschlage lese ich einen Kommentar eines Journalisten zu einem Ereignis. Jeder Journalist sollte auch seine Meinung zu Ereignissen schreiben dürfen, aber diese dann nicht als Wahrheit verkaufen.

    Aber wenn du in Zukunft vor dem schreiben nachdenkst bzw. an deine heutigen Worte denkst wirst du meiner Meinung nach mit Sicherheit eine Super und Spitzenjournalistin!

    • Mona Kuehlewind September 29, 2016 at 13:26

      Ich danke dir sehr für deinen Kommentar, dem ich nur zustimmen kann.
      Egoismus muss man ja auch nicht zwingend negativ sein. Ich denke, dass in jedem Mensch ein Egoist steckt, nur glaube ich, dass durch den Journalisten Beruf dieser Egoismus noch bestärkt wird. Aber alles eine Frage der eigenen Sichtweise.

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