Ein Einkaufswagen, vier Schokocroissants und fünfeinhalb Jahre später

September 29, 2015

Es ist wieder Samstag. Der Wocheneinkauf für die nächste Woche steht wieder an. Mittlerweile stellt Kate sich sogar schon den Wecker, um noch vor Ladenöffnung da zu sein, damit sie noch ein paar Schokocroissants abbekommt. Die sind an Samstagen nämlich immer als erstes ausverkauft. Samstags gehen nämlich alle im Dorf einkaufen. Sogar Kate. Man begrüßt Kate mittlerweile mit Namen. Sogar der Ladenbesitzer, der alte Herr Mohn, begrüßt sie jedes Mal mit einem „Schön dich zusehen, Kate“. Manchmal hängt er noch ein „y“ an das Kate. „Katy“, ruft er dann, genau wie es Kates Freunde immer tun.
Das war aber nicht schon immer so. Bevor Kate krank wurde, kannte sie hier niemand. Auch damals war sie oft mit ihrer Mama zum einkaufen hergekommen. Aber sie blieb ein unbekanntes Gesicht. Der alte Herr Mohn machte nichtmal den Anschein, als würde er sie überhaupt wahrnehmen. Ganz abgesehen von Frau Lieb, der Verkäuferin hinter der Fleischtheke, die Kate damals nichtmal ein Scheibchen Wurst über die Theke reichte, wie all den anderen Kindern.
Na gut, damals trottete Kate auch immer mit dem Einkaufswagen hinter ihrer Mama her, holte brav die Lebensmittel aus den Regalen, die ihre Mama vom Einkaufszettel vorlas und machte nicht den Anschein, als würde sie daran Gefallen haben. Genau wie all die anderen Kinder fragte Kate tausendmal nach, wann sie denn endlich wieder nachhause fahren. Im Grunde genommen kam Kate ja auch immer nur mit, weil sie sich am Ende immer eine Süßigkeit aussuchen durfte. Mal schnappte sie sich ein Eis. Am liebsten ein Eis am Stiel mit Schoko außen und Vanille innen. Mal griff sie aber auch zu Keksen oder Schokolade. Gummibärchen mochte sie nicht. An manchen Samstagen kam Kates großer Bruder noch mit. Dann schob er den Wagen für die Mama und Kate nahm nicht den üblichen Eingang, der zu allererst zur Obstabteilung führte, sondern sie rannte gleich an den Kassen vorbei, bis zur Süßwarenabteilung. „Ihr könnt mich dann später abholen“, rief sie ihrer Mama und ihrem Bruder noch über die Schulter und raste davon. Wahllos griff sie in die Regale und füllte ihr kleines Körbchen bis oben hin voll. Wenn ihre Mama und ihr Bruder sie dann abholten, übergab sie mit traurigen Augen das vollgefüllte Körbchen einer Aushilfe, die gerade damit beschäftigt war die Regale einzuräumen. „Wenn ich groß bin, dann kaufe ich dich“, versprach sie jedes Mal dem vollgefülltem Körbchen.
Damals war Kate zwölf Jahre. Mit dreizehn Jahren kam Kate in die Pubertät und das gemeinsame Einkaufen mit Mama wurde immer seltener. Nicht, weil sie plötzlich keine Lust mehr hatte ihr Körbchen mit Süßwaren zu füllen. Zu diesem Zeitpunkt hätte sie es sich sogar kaufen können, weil sie sich jeden Sonntag beim Autoputzen ein paar Euro verdiente. Das gemeinsame Einkaufen wurde bloß seltener, weil es Kate einfach peinlich war mit ihrer Mama einkaufen zu gehen. „Sowas machen doch nur kleine zwölfjährige Mädchen“, sagte sie jedes Mal. Mit fünfzehn Jahren beschränkten sich die gemeinsamen Einkaufsbesuche auf einmal im Monat. Das lag daran, dass ihre Mama jetzt immer Worte wie Tampons, Kondome und Rasierer von dem Einkaufszettel vorlas. Das war Kate wirklich peinlich. Mit sechzehn Jahren kam Kate dann gar nicht mehr mit. Sie hatte an einem Samstag Morgen besseres zu tun, als um acht Uhr aufzustehen. Am Vorabend ergänzte sie Mamas Einkaufszettel noch um ein, zwei Tafeln Schokolade und um eine Packung Butterkekse und schlief krabbelte am nächsten Morgen erst aus dem Bett, als sie hörte wie Mamas Auto wieder in die Einfahrt einfuhr und Papa sie jedes Mal mit einem „Hast du den halben Laden leergekauft?“ in Empfang nahm. Mit siebzehnhalb Jahren ging Kate das erste Mal wieder mit ihrer Mama gemeinsam zum Samstagseinkauf. Das lag zum einen daran, dass es Kate nichtmehr peinlich war sich mit ihrer Mama sehen zu lassen und ihre Mama auch aufgehört hatte Worte wie Tampons und Kondome vorzulesen. Und zum anderen lag es daran, dass Kate krank wurde.
Das erste Mal, als sie nach fünfenhalb Jahren wieder den Einkaufsladen von dem alten Herrn Mohn betrat, hielt sie sich bei ihrer Mama am Arm fest, die den Wagen schob. Kate riss von der ersten Sekunde an alle Blicke auf sich. Der alte Herr Mohn und auch Frau Lieb sahen sie an, als wäre sie jemand besonderes. Das gefiel Kate und sie kam wieder gerne hier her. Kate durfte jetzt immer von der Einkaufsliste vorlesen und ihre Mama griff in die Regale und füllte nach und nach den Wagen. Einmal, das blieb aber auch eine Ausnahme, durfte Kate ihr eigenes Körbchen füllen. „Ihr könnt mich dann später abholen“ , rief sie ihrer Mama und ihrem Bruder über die Schulter und rannte zur Obst- und Gemüseabteilung vor. Ewigkeiten stand sie vor dem Apfelregal. Die Äpfel waren alle so unterschiedlich, dass Kate die Entscheidung schwer fiel. Ein Rote oder ein Grüner? Lieber ein kleiner oder ein großer? Lieber einer von ganz unten oder von ganz oben? Oder lieber gar keiner? Kate wusste, dass rote Äpfel mehr Kalorien hatten als Grüne und ihr war auch klar, dass ein Kleiner nicht so dick macht, wie ein großer Apfel. Und sie wusste auch, dass die Äpfel, die oben lagen noch nicht so reif waren, wie die Untersten und deshalb weniger Fruchtzucker enthielten. Deshalb entschied sie sich für den kleinen grünen Apfel von ganz oben. Dann war ihr Einkauf fertig. Ein kleiner grüner Apfel rollte in ihrem Körbchen hin und her. Kate stellte sich an die Seite und wartete auf ihre Mama und ihren Bruder, die sie abholen wollten. Dabei schaute sie den kleinen, grünen Apfel an. Er tat ihr leid. Er kam ihr traurig vor. Sie schaukelte mit dem Körbchen hin und her und schaute dem Apfel beim hin- und herrollen zu. Kate hoffte ihn damit aufzumuntern, denn sie war immer sehr glücklich, wenn sie so wild schaukelte, dass ihre Füße beinahe den Himmel berührten.
Aber Kate fand gar nicht, dass es dem Apfel gefiel und sie schlussfolgerte, dass er glücklicher aussah, als er im Regal zwischen den anderen Äpfeln lag. Deshalb legte Kate den kleinen, grünen Apfel wieder zurück. Sie sah sich nach etwas anderem um. Aber ihr gefiel nichts. Die Bananen waren ihr zu braun. Die Orangen waren viel zu groß und alles andere war sowieso blöd. Dann kamen ihre Mama und ihr Bruder. „Wie ich sehe bist du fertig“, sagte Kates Mama damals nur. Ohne noch großartig auf eine Antwort zu warten, nahm sie Kate auch schon das leere Körbchen aus der Hand und übergab ihr den Einkaufswagen. Den durfte sie jetzt wieder schieben. Kate wusste, dass das ab jetzt wieder ihre Aufgabe war. Das sie das Körbchen nie wieder haben darf, wusste sie. Sie wusste, dass das mit dem Körbchen auch nur ein Versuch war. Es hätte ja sein können, dass sie das Körbchen wieder mit Süßwaren füllt so wie damals oder wenigstens mit einem Apfel. Einem kleinen grünen Apfel vielleicht.
Als Kate sehr krank war und sie nicht mehr mit zum Einkaufen kommen konnte, war sie sehr traurig. Obwohl sie nie wieder das Körbchen bekam und jedes Mal den Einkaufswagen schob, vermisste sie den alten Herrn Mohn und Frau Lieb, die sie immer so ansahen, als sei sie jemand besonderes. Sie vermisste all die Blicke, die sie auf sich zog. Sie vermisste das Gefühl, wenn sie den Einkaufwagen durch die Süßwarenabteilung schob und all den Süßwaren gegenüberstand, manchmal mit ihnen sprach und jede Tafel Schokolade, die sie in der Hand hielt mit einem „Niemals“ wieder zurück ins Regal legte. Sie vermisste es den Leuten dabei zuzusehen, wie sie wahllos in die Regale zu Fertigprodukten griffen und sich dabei vorzustellen wie dick all diese Menschen bald werden und wie dünn sie bald sein wird. Am meisten aber fehlten ihr die Zahlen. Nicht die Preise, aber die Nährwertangaben, die sie lieber las, als ein Buch, fehlten ihr.
Mit achtzehn Jahren ging es Kate besser. Sie kam wieder regelmäßig zum Einkaufen mit. Das war der Zeitpunkt, als der alte Herr Mohn anfing sie mit dem berühmten „Schön dich zu sehen, Katy“ begrüßen. Frau Lieb brauchte etwas länger. Aber irgendwann begrüßte auch sie Kate mit Namen. Aber das Körbchen, das bekam Kate nie wieder.
Als Kate achtzehnhalb hatte Kate ihren Führerschein. Und mit achtzehnhalb durfte Kate das erste Mal allein zum Einkaufen gehen. Es war auch ein Samstag und ihre Mama war krank. Kates Mama wollte zuerst Kates Bruder mitschicken, aber Kate wollte allein gehen. Weil Kate versprochen hatte alles einzukaufen, was auf dem Einkaufszettel stand, musste sie einen Wagen nehmen. Eigentlich wollte sie lieber das Körbchen nehmen. Aber sie nahm den Wagen. Noch vor Ladeneröffnung war sie da. Sie wollte unbedingt Schokocroissants kaufen. Die, die Samstags immer zuerst vergriffen waren. Deshalb war sie so früh da. Der alte Herr Mohn schloss den Laden auf und begrüßte sie mit dem berühmten „Schön dich zu sehen, Katy“. Als er nachhakte, warum Kate so früh da sei, erklärte sie, dass sie unbedingt noch ein paar Schokocroissants haben mag. Das freute den alten Herrn Mohn. Kate schlenderte durch den Laden und zog alle Blicke auf sich. Wie immer. Schritt für Schritt arbeitete Kate die Liste ab. Sie griff zu roten, großen Äpfeln von ganz unten. Sie legte Fertigpizza und Butterkekse in den Wagen. Genau wie es auf ihrer Liste stand. Als Kate wieder zuhause war und stolz den Einkauf präsentierte, waren ihre Eltern das erste Mal wieder stolz auf sie. Sie glaubte sogar, ihre Mama nach fünfenhalb Jahren wieder ein bisschen Lächeln gesehen zu haben.
Kates Eltern räumten den Einkauf aus und Kate las dabei den Kassenzettel vor, um zu prüfen, ob auch alles richtig abgerechnet wurde. Das Wort zwischen zwei Fertigpizzen und vier Mandarinen übersprang sie, weil sie nicht wollte, dass ihre Eltern bemerkten, dass sie die Schokocroissants auf dem Weg nachhause aus dem Fenster geworfen hatte. Am Ende zog sie dann 3,45€ vom Gesamteinkauf ab und verkündete laut: „43,45€. Alles eingekauft.“
Kate war immer noch krank aber sie durfte ab jetzt jeden Samstag allein einkaufen gehen.
Irgendwann hatte sie es dem alten Herrn Mohn und Frau Lieb auch verziehen, dass sie sie damals, als sie noch gesund war, nicht ein einziges Mal begrüßt hatten, weil der alte Herr Mohn ihr jetzt manchmal extra ein paar Schokocroissants sichert, bevor er sie in das Regal legt und Frau Lieb hat sie verziehen, weil sie Kate jetzt immer zwei Scheiben Wurst über die Theke reicht und all den anderen Kindern nur eins. Das Kate die Scheiben nicht isst, weiß sie natürlich nicht. Genauso wenig wie Herr Mohn weiß, dass Kate die Schokocroissonts nur kauft, weil Herr Mohn dann immer so glücklich aussieht und lacht, aber Kate sie jedes Mal auf der Autofahrt aus dem Fenster wirft.
Kate ist heute auf den Tag genau 18 Jahre und 208 Tage alt. Es ist wieder Samstag. Der Wocheneinkauf für die nächste Woche steht wieder an. Mittlerweile stellt Kate sich sogar schon den Wecker, um noch vor Ladenöffnung da zu sein, damit sie noch ein paar Schokocroissants abbekommt. Die sind an Samstagen nämlich immer als erstes ausverkauft. Samstags gehen nämlich alle im Dorf einkaufen. Sogar Kate. Man begrüßt Kate mittlerweile mit Namen. Sogar der Ladenbesitzer, der alte Herr Mohn, begrüßt sie jedes Mal mit einem „Schön dich zusehen, Kate“. Manchmal hängt er noch ein „y“ an das Kate. „Katy“, ruft er dann, genau wie es Kates Freunde immer tun. Aber nicht heute.
Kate steht auch heute vor der verschlossenen Ladentür und wartet auf den alten Herrn Mohn, der ihr die Ladentür öffnet und sie dann immer mit seinem berühmten Satz begrüßt. Aber heute steht sie nicht allein dort. Ein Mädchen, das sie noch nie zuvor gesehen hat, war bereits vor ihr da und wartet ebenfalls, wie Kate, vor verschlossener Tür. Kate stand da mit einem Wagen. Das Mädchen hielt ein Körbchen in der Hand. Herr Mohn schließt die Tür auf. „Guten Morgen, Katy“, „Schön dich zu sehen, Marie“, begrüßt er erst Kate und dann das Mädchen. Kate glaubt nicht richtig gehört zu haben. Das ist das erste Mal, dass der alte Herr Mohn sie so begrüßt. Kate bekommt einen dicken Kloß im Hals.
Das Mädchen hat bereits den Laden betreten. Kate folgt ihr. Aber nicht lang. Kate scheint nicht die einzige zu sein, die dem Mädchen folgt. Mit jedem Schritt und Tritt bemerkt Kate, wie das Mädchen von allen Seiten angeschaut wird. Kate spürt, wie die Leute sich nach dem Mädchen umdrehen und sie so ansahen, als sei sie jemand besonderes. Kate bleibt stehen. Aber nicht die Blicke der Leute. Die Blicke der Leute verfolgen noch immer das Mädchen. Das tut weh. Das tut Kate unheimlich weh. „Sieht mich denn keiner? Hallo, hier ist Kate. Katy. Oder einfach nur Kate. Die, die jeden Samstag herkommt. Die die immer vor Ladenöffnung vor der Tür steht. Die, die jeden Samstag vier Schokocroissants kauft. Die, die ihr alle immer anseht, als sei sie jemand besonderes. Hallo?“ Keine Reaktion.
Am liebsten möchte Kate schreien, kreischen, wütend werden und schimpfen. Aber sie reißt sich zusammen, umklammert fest den Einkaufswagen und geht weiter. Eigentlich möchte Kate sich nicht lang in der Obst- und Gemüseabteilung aufhalten und lieber schnell zu Frau Lieb fliehen, denn die würde sie wieder ansehen, als sei sie jemand besonderes. Frau Lieb würde ihr auch wieder zwei Scheiben Wurst schenken und sich verhalten wie immer. Doch als Kate die Obstabteilung betritt, beobachtet sie, wie das Mädchen vor dem Apfelregal steht. Ihr Korb ist leer. In der einen Hand hält sie einen großen, roten Apfel. In der anderen einen kleinen Grünen. Sie scheint sich nicht entscheiden zu können. Von weitem sieht Kate wie der alte Herr Mohn mit großen Schritten und vier Schokocroissants in der Hand direkt auf Kate zuläuft. Kate fängt automatisch an zu lächeln und hat es Herr Mohn schon wieder verziehen, dass er sie heute nicht mit dem berühmten „Schön dich zu sehen, Katy“ begrüßt hat. „Na geht doch“, denkt sich Kate und grinst wie ein Honigkuchenpferd. „Danke“ will Kate sagen und streckt die Hände aus, als Herr Mohn an ihr vorübergeht und nach rechts abbiegt, auf das Mädchen zusteuert und ihr mit einem breiten Grinsen die vier Schokocroissants in den Korb legt. Kate traut ihren Augen nicht. Kate glaubt nicht, was sie da gerade gesehen hat. Kate will es nicht glauben. Sie will und kann nicht. „Katy, hinten liegen noch Schokocroissants im Regal. Du musst dich beeilen.“, erklingt die Stimme vom alten Herrn Mohn, der jetzt an ihr vorbeigeht und in den nächsten Gang abbiegt. Kate ist am Ende.
Das Mädchen hat jetzt ihre Rolle eingenommen. Das Mädchen ist jetzt die neue Kate. Die liebe Katy. Über die alte Kate freut sich jetzt kein Herr Mohn mehr sie zu sehen. Nach der alten Kate dreht man sich jetzt nicht mehr um, als sei sie jemand besonderes. Der alten Kate bringt man auch keine Schokocroissants mehr. Die alte Kate ist jetzt wieder das kleine zwölfjährige Mädchen, dass niemand hier kennt. Die kleine Kate mit dem unbekannten Gesicht. Die kleine gesunde Kate.
Das Kate Tränen in den Augen hat, bemerkt sie gar nicht. Sie schiebt den Wagen einfach nur geradeaus. Nur geradeaus. Am liebsten möchte sie nachhause. Sie merkt, dass sie jetzt allein ist, dass niemand mehr hier wartet, dass niemand mehr hier ist, der ihr hilft. Sie merkt, dass sie jetzt stark sein muss. Sehr stark. Vielleicht so stark, wie sie damals war, als sie die Kekspackungen aus dem Regal zog und sie mit einem „Niemals“ wieder zurücklegte. Vielleicht muss sie jetzt genauso stark sein, oder noch viel stärker. Kate entscheidet sich noch stärker zu sein.
Als Kate wieder zuhause ankommt und stolz den Einkauf präsentiert wie jeden Samstag, fällt ihr zum ersten Mal auf, dass niemand sich mehr sonderlich dafür interessiert. Kate nimmt zum ersten Mal wahr, dass sie allein dort steht und den Einkauf einräumt. Ihr Papa liest Zeitung, ihre Mama rührt im Kaffee. Kate liest leiste, kaum hörbar den Kassenzettel vor, um zu prüfen, ob auch alles richtig abgerechnet wurde. „Zwei Pfirsiche für 1,60€, Toastbrot für 1,10€, zwei Fertigpizzen für 9,00€, vier Schokocroissants für 3,45€, vier Mandarinen für …“ Plötzlich dreht sich ihre Mama um und ihr Vater schaut hinter der Zeitung hervor und sieht Kate mit großen Augen an. „Kate?“, fragt er. „Ja?“, flüstert Kate immer noch mit gesenktem Kopf. Sie traut sich nicht nach oben zu sehen. „Kate, bitte sieh mich an“, flüstert er. Kate will nicht, dass ihre Eltern sehen, dass sie weint. „Kate“, flüstert er ein zweites Mal. „Bitte“. Kate hebt ganz langsam den Kopf. Als sie die Augen öffnet, stehen ihre Eltern direkt vor ihr. Sie schaut zuerst ihre Mama an, dann ihren Papa. Sie schaut in vier stolze Augen und zum ersten ist sich Kate sicher, dass ihre Mama nach fünf Jahren und 208 Tagen wieder lächelt.
Nun sind wieder einige Wochen vergangen. Seit diesem Samstag vergeht aber kein Samstag mehr, an dem Kate nicht zum Einkaufen in den Laden des alten Herrn Mohn fährt. Kate holt sich jetzt immer selber ihre vier Schokocroissants und das Herr Mohn sie nicht mehr mit seinem berühmten Satz begrüßt, stört sie gar nicht mehr. Sie findet es auch völlig okay, dass sie nicht mehr behandelt wird, als sei sie jemand besonders, denn ihr ist mittlerweile klar, dass sie niemand so ansah, weil die Leute sie für jemand besonderen hielten, sondern weil sie krank war. Kate war furchtbar dünn. Aber jetzt wird Kate bald 19 Jahre alt und sie ist gesund. Sie frühstückt jetzt jeden Samstag mit ihren Eltern und ihrem Bruder. Und die Schokocroissants sind beim Frühstück gar nicht mehr wegzudenken.
Wenn Kate mit ihrer Mama zum Einkaufen fährt, darf sie auch das Körbchen nehmen. So wie heute. Kate ist wieder mit ihrer Mama und ihrem Bruder einkaufen. „Ihr könnt mich später abholen“, ruft sie ihnen noch über die Schulter zu und steuert die Süßwarenabteilung an. Sie füllt ihr ganzes Körbchen mit Süßigkeiten voll. Als ihre Mama und ihr Bruder sie abholen wollen, sieht sie das Körbchen an, sieht ihre Mama an, dann wieder das Körbchen. Beide müssen anfangen zu grinsen. „Bin ich jetzt groß, Mama?“, fragt Kate. „Ja, das bist du“, lacht ihre Mama. Gemeinsam gehen sie zur Kasse. Als Kate ihr Körbchen bezahlt, flüstert sie ihm zu „Siehst du, ich habe dir versprochen, dass ich dich kaufen werde, wenn ich groß bin.“

8 Comments

  • sternfluesterer September 30, 2015 at 8:22

    Das ist eine sehr berührende Geschichte. Ich habe sie voller Spannung gelesen, manchmal geradezu den Atem anhaltend. Ich musste an die junge Frau und das 18jährige Mädchen denken, die ich in der Klinik kennengelernt hatte.

    Als ich Deine Geschichte las, habe ich anstelle der Kate immer dieses 18jährige Mädchen „gesehen“. Sie hat es damals in der Klinik nicht geschafft, „genug“ zuzunehmen, obwohl sie sich viel Mühe gegeben hatte. So wurde sie nicht zum Abitur zugelassen. Jetzt wiederholt sie deshalb die 12. Klasse. Sie war ein sehr schlaues, lebensfrohes Mädchen und sie hatte ein ganz festes Ziel: Das Abitur machen, nun eben 2016. – Ich wünsche ihr so sehr, dass sie es schafft.

    Auch die junge Frau musste den Klinikaufenthalt abbrechen. Das hat mir buchstäblich weh getan, denn sie war ein ganz wundervoller, besonderer Mensch. Aber sie war auch schon sehr krank. Auf der einen Seite war ihre Einsicht, auf der anderen Seite das tiefe Gefangensein in der Krankheit. Sie wusste das. Manchmal weinte sie… – Von ihr wüsste ich allzu gern,wie es ihr geht.

    Vorher, vor meinem Klinikaufenthalt habe ich faktisch gar nichts gewusst über Menschen mit einer Esstörung, vor allem über die diffizile Problemlage jener, die an Anorexie erkrankt sind, nicht. – Seit ich darüber mehr weiß, erfahre und spüre ich freilich auch, wie abschätzig und dumm viele Leute über solche Menschen daherreden. –

    Und ich habe daraus folgend ein noch größeres Bedürfnis, jene Menschen, die Anorexie haben, zu verstehen, immer besser wissend, dass es sehr schwierig ist, ihnen zu helfen, dass diese Hilfe eine Balance aus großer Sensibilität und Empathie aber auch einer gewissen Unnachgiebigkeit sein muss.

    Jenes 18jährige Mädchen aus der Klinik hatte, glaube ich, tolle Eltern – die Mutter habe ich zweimal gesehen. Sie haben zu ihrer Tochter gestanden, versucht, sie zu unterstützen.

    Ich glaube, die Eltern von Kate aus Deiner Geschichte sind ähnlich.

    Und da in Deinen Geschichten immer auch ein größerer Teil von Dir steckt, bin ich sehr froh, dass ich das so empfunden habe, und geradezu glücklich darüber, dass es Kate jetzt so geht, wie Du es beschrieben hast.

    Viele, ganz freundliche Grüße an Dich!

    • Mona Kuehlewind September 30, 2015 at 22:02

      Wow, wieder ein ganz ganz toller Kommentar! Ich wünschte jeder Mensch hätte dasselbe Wissen und Verständnis über die Krankheit wie du. Das ist auch mit ein Grund, warum ich so offen damit umgehe. Ich möchte die Krankheit nicht verstecken und nicht leugnen und erst recht nicht als „schlechte Phase“ bezeichnen, denn das ist es definitiv nicht. Wenn man an einer esstörung erkrankt, dann ist das keine Phase, sondern eher eine neue und falsche Lebenseinstellung, die der Mensch unbewusst wählt. Und mit dieser Lebenseinstellung lebt man dann plötzlich. Man wacht damit auf und geht damit zu Bett. Das das keine Phase ist, ist dann wohl klar.
      Aber es ist schön von Menschen zu lesen, die einen verstehen und vor allem auch verstehen wollen. Danke dir dafür!
      Und ja, ich muss dir sagen, dass ich Kater Eltern m kenne, sehr gut sogar und sie sind großartig. Sie machen einen Gang tollen Job und tragen einen großen Teil dazu bei, dass es Kate mittlerweile besser geht (ich hoffe du verstehst mich an dieser Stelle).
      Viele viele Grüße zurück!

  • linnmaira September 30, 2015 at 9:30

    Liebe Mona,

    du hast einen ganz berührenden Blog, sehr zart und liebevoll geschrieben, so das man das Gefühl hat neben dem Protagonisten zu stehen – großes Kompliment!

    Alles Liebe und auf 3 tolle Jahre JBC,

    Linn

    linnmaira.wordpress.com

    • Mona Kuehlewind September 30, 2015 at 9:50

      Linn! Schön von dir zu lesen, vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Das du auch ganz toll schreibst, habe ich dir ja schon gesagt – einfach toll!
      Ich freue mich auf die gemeinsamen drei Jahre. Das wird eine schöne Zeit.

      Bis Morgen,
      Mona <3

  • BENANCY Oktober 1, 2015 at 13:24

    Auch, wenn die Gefahr besteht, dass ich mich wiederhole … Du hast einen unglaublich schönen Schreibstil! Wenn ich deine Beiträge lese, dann ist es, als würde ich ein Buch lesen, welches ich nicht mehr aus der Hand nehmen möchte… Mir fehlen die Worte, die beschreiben, was deine Sätze bewirken können…

  • lacitronella Oktober 12, 2015 at 22:54

    Liebe Mona,
    Ich bin gerade so froh, dass ich Deinen Blog entdeckt habe. Diesen Text zu lesen begonnen habe. Mich die Worte und Zeilen in einen Strudel gezogen haben und ich mich nicht dagegen gewehrt habe. Berührender Text. Wirklich. Ich bin fast ein wenig sprachlos. Danke fürs Teilen!

    • Mona Kuehlewind Oktober 12, 2015 at 23:00

      Hallo du Liebe! Dafür musst du dich bei mir überhaupt nicht bedanken. Ich danke dir für deinen lieben Kommentar, der mich fast ein wenig sprachlos gemacht hat. DANKE <3

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