Eine Bahnfahrt wie ich sie noch nie zuvor erlebte

September 27, 2015

Keine Ahnung wie lang ich hier schon sitze und die Menschen beim Ein- und Aussteigen beobachte. Ich weiß auch nicht, wo sich die U-Bahn gerade befindet. Ich kann mich nur daran erinnern, wo ich eingestiegen bin. Hauptbahnhof, oder? Wenn ich mich nicht täusche, müsste ich mich dann zwischen Hauptbahnhof und der Endhaltestelle Niendorf Nord befinden, stimmt’s? Ich weiß es nicht. Es interessiert mich aber auch nicht. Ich interessiere mich viel mehr für die Menschen, die Ein- und Aussteigen. Für mich interessiert sich keiner. Das macht mir aber auch nichts. Ich sitze in der letzten Reihe. Ich sitze nur mit überkreuzten Beinen da, habe den Rucksack fest an meine Brust gepresst und beobachte die Menschen beim Ein- und Aussteigen. Manche Menschen verweilen eine ganze Zeit in meinem Abteil, bis sie die U-Bahn verlassen. Manche Menschen verlassen mein Abteil aber auch schon an der nächsten Station. Einige von ihnen nehmen sich nichtmal die Zeit, um sich zu setzten. Einige von ihnen stellen sich mitten in den Gang, versuchen sich wie kleine Äffchen an den Griffen festzuklammern, aber fliegen letztendlich bei jeder Bremsung durch den halben Wagon. Andere von ihnen suchen sich einen freien Platz und warten ungeduldig darauf, aussteigen zu können. Vertiefen sich dann aber in ein Buch, ihr Smartphone oder führen eine heiße Diskussion mit ihrem Gegenüber und verpassen letztendlich ihre Station.
Ich habe das Gefühl, dass ich die einzige bin, die nicht das Bedürfnis hat auszusteigen. Aber das ist mir auch egal. Ich sitze gerne hier. Im Gegensatz zu ihnen schluchze ich auch nicht, weil ich durch den Gang fliege und bekomme keinen Ärger, weil ich dabei einige Menschen anrempele. Im Gegensatz zu ihnen muss ich auch nicht darüber schimpfen meine Station verpasst zu haben und nun befürchten zu müssen, dass mein Zeitplan völlig ruiniert ist.
Ich sitze gerne hier in der letzten Reihe. Ich sitze gerne hier ohne Bedürfnisse, ohne Eile und ohne Zeitplan und beobachte die Menschen beim Ein- und Aussteigen.
Ich mache das oft. Aber trotzdem viel zu selten.
Einmal fragte mich eine Frau, ob ich denn nicht irgendwann mal aussteigen müsste. „Müssen Sie das nicht auch?“, fragte ich sie damals zurück. Sie schüttelte nur den Kopf und grinste. „Sehen Sie, ich muss das auch nicht“, flüsterte ich ihr ins rechte Ohr und stimmte in ihr Grinsen ein. Gemeinsam saßen wir eine ganze Zeit lang in der letzten Reihe und beobachteten die Menschen. Hin und wieder schauten wir uns an und fingen an zu grinsen. Irgendwann fingen wir an eine Art Geheimsprache zu entwickeln, damit wir, ohne dabei groß aufzufallen, über die Menschen, die ein- und ausstiegen, tuscheln konnten. Wenn wir uns über die Männer austauschten, benutzten wir die Füße. Gefiel er ihr oder mir, stampfte entweder sie oder ich mit dem rechten Fuß. Entsprach er weder ihrem noch meinem Geschmack, so traten wir mit dem linken Fuß auf. Für Frauen benutzten wir die Hände. War die Frau uns symphatisch, fuhren wir mit der rechten Hand durch unser Haar. Verspürten wir auf Anhieb eine gewisse Antipathie beim Ein- oder Aussteigen einer Frau, so benutzten wir die linke Hand und fuhren uns durchs Haar.
Noch heute sehe ich die Frau und mich in der letzten Reihe der U-Bahn sitzen. Wie wir einen ganzen Nachmittag damit verbrachten Menschen beim Ein- und Aussteigen zu beobachten und dabei wie zwei kleine ungeduldige Mädchen wild mit den Füßen stampften oder uns wie zwei eingebildete „Tussis“ zehntausendmal durchs Haar strichen.
Eine solche Bekanntschaft machte ich allerdings nur ein einziges Mal. Sonst sitze ich immer nur allein in der letzten Reihe des Wagons, überkreuze die Beine, presse meinen Rucksack fest an mich und beobachte die Menschen beim Ein- und Aussteigen.
Ab und zu denke ich dann wieder an die Frau. Und an mich. Und an den Nachmittag, den wir gemeinsam in der letzten Reihe verbrachten. Und dann erinnere ich mich wieder daran, wie lustig es war, wie viel ich sie gelacht hat und wie viel ich gelacht habe. Und ab und zu dann sitze ich jetzt wieder in der letzten Reihe des Wagons und fange an mit dem Fuß zu stampfen und mir mit der Hand durchs Haar zu fahren. Linker Fuß. Dann der Rechte. Und gleich nochmal der Recht. Und dann wieder der Linke. Gleich viermal hintereinander. Bis wieder einer kommt, der mir gefällt. Dann ist der rechte Fuß wieder am stampfen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann die Hand. Die Linke fährt durchs Haar. Oh, wieder die Linke und gleich nocheinmal. Na geht doch, die Rechte Hand fährt durch mein Haar. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Irgendwann bin ich bei Fünfzigmal angekommen und registriere den „Langsam-reicht-es-Blick“ meines Gegenüber und höre auf.
Aber heute war das irgendwie anders. Nicht das ich anders war oder sie anders waren. Aber das Beobachten war ein Anderes. Heute saß ich nicht in der letzten Reihe stampfte oder fuhr mir durchs Haar. Heute saß ich nicht da und beurteilte die Menschen. Als wäre es schon Lichtjahre her, dass ich die Menschen beim Ein- und Aussteigen nach ihrem Aussehen beurteilte, lachte ich über mich selber „Wie dumm und naiv ich doch gewesen sei. Als könne man den Menschen nur durch sein Äußeres beurteilen“. Das ich erst vor wenigen Tagen hier saß und genau dies aber tat, vergesse ich lieber ganz schnell.Ich verurteile niemanden, sondern heute verurteile ich das Urteil, dass ich es jemals gewagt habe zu urteilen, zu beurteilen und zu verurteilen. Deshalb lasse ich die Beine überkreuz, damit ich nicht stampfen kann. Mit den Händen presse ich meinen Rucksack fest an meinen Körper, damit ich nicht versehentlich anfange zu beurteilen und mir mit der rechten oder linken Hand durchs Haar fahre.
Und es funktioniert. Eine Minute. Zwei Minuten. Drei Minuten. Sieben Minuten. Acht Minuten und mir wird langweilig. Ich fange an die Menschen zu zählen. Dreizehn Menschen sitzen in dem Abteil. Drei steigen aus. Vier steigen ein. Ergibt einen Gewinn von einer Person. Wieder steigen drei aus. Dieses Mal steigt aber niemand ein. „Verlust von drei Personen und keinem Gewinn“, wird notiert. Beim vierten Halt breche ich das Mathespielchen ab. Weil es A zu langweilig wurde und B mein Kopfrechnen jetzt an seine Grenze stößt. Eine andere Beschäftigung muss her.
Ich sitze einfach nur dort und beobachte. Ich könnte auch einfach aussteigen, blöd nur, dass ich immer noch nicht weiß, wo ich bin. Ich könnte Musik hören, wie es die meisten in meinem Alter tun, aber der Akku meines iPods ist leer. Option Nr. drei und die letzte Option, die mir in den Sinn kommt, ist eine Unterhaltung mit meinem Gegenüber zu führen. Ganz doof nur, dass mir niemand gegenüber sitzt.
Die nächste Person in meiner Nähe, eine Dame mit kastanienbraunen Haaren, einer rundlichen Figur sitzt drei Reihen gegenüber von mir und scheint eine anstrengende Diskussion übers Handy zu führen. Man könnte denken, sie sei Mitte/Ende fünfzig, so lebhaft und laut sie ins Handy schimpft. Allerdings verrät sie sich durch ihr Handy. Ein graues, rundes Teil mit dicken Knöpfen und mini Display. Außerdem hält sie es falsch herum. Hält es zum Sprechen an den Mund und zum Hören ans Ohr. „So ein Handy habe ich letztens bei meiner Oma gesehen“, kichere ich und schlucke zugleich. „Welch Zufall. Diese Frau ist wirklich wie meine Oma. Genauso sieht meine Oma aus. Ja, wirklich. Genauso“, kichere ich wieder. „Um Gottes Willen“ schreit sie nun zum siebten Mal ins Handy. Ausdrücke wie „Um Gottes Willen“, „Meine Güte“ und „Mein Herz“ sind gehören scheinbar zu ihrem Standardvokabular und gleichem exakt dem alltäglichen Vokabular meiner Oma. Ihr „Bernd’chen“ am Telefon, wird ganz schnell mit einem scharfen, strengem „Bernd“ betitelt. „Ausgerechnet heißt ihr Mann auch noch Bernd. Wie mein Opa. Zufälle gibts“, stelle ich amüsiert fest. „Bernd, zuerst das Eigelb vom Eiweiß trennen. Hörst du? Das Eigelb vom Eiweiß.“ „Ja genau. Das gelbe und das weiße.“ „Nein!“, schreit sie wieder. „Doch nicht in eine Schüssel. Eine Schüssel für das Eigelb und eine für das Eiweiß. Und dann kannst du das Eiweiß steif schlagen.“, erklärt sie wieder. „Ja, dann nimm die gelbe Schüssel für das gelbe und die weiße Schüssel für das weiße.“ „Bernd! Den Mixer. Mit dem Mixer schlägst du das Eiweiß steif. Ja, das weiße. Das weiße mit dem Mixer“, stöhnt sie und lässt sich mit geschlossenen Augen in den Sitz fallen. Ihr Gespräch beendet sie mit einem „Vergiss es. Ich bringe einen Apfelkuchen vom Bäcker mit“ und springt an der nächsten Station aus der Bahn. „Was ein Glück, dass meine Oma den Kochlöffel niemals aus der Hand gibt und meinen Opa sowieso nie unbeaufsichtigt in die Küche lassen würde“, denke ich mir und sehe der Dame noch eine ganze Weile hinterher.
In den Wagon steigen wieder fünf Personen ein. Drei von ihnen setzten sich, und zwei bleiben stehen. „Eine Mutter und ihr kleiner Sohn“, vermute ich. Die Frau hat große Ähnlichkeit mit meiner Mama. Sie hat genauso einen kleinen, zierlichen schwarzen Lockenkopf wie Mama. Die Frau ist nur ein bisschen größer. Sie scheint nicht nur Mama und Workaholic zu sein, was ihre große Aktentasche verrät, sondern auch Multitaskingtalent zu sein. Mit dem rechten Arm umklammert sie eine Stange, um sich festzuhalten und mit der rechten Hand hält sie einen Kaffeebecher. Ihre linke Hand hat sie am Handy und surft im Internet. Zwischendurch versucht sie am heißen Kaffee zu nippen, verschüttet dabei aber die Hälfte. Und nebenbei ermahnt sie ihren Sohn sich anständig zu verhalten. Der schaukelt nämlich, genau wie mein kleiner Bruder es tun würde, an den Griffen, die von der Decke hängen den Gang hin und her. Wie mein kleiner Bruder Ben, trägt auch er einen BVB Rucksack auf dem Rücken. Wie mein kleiner Bruder antwortet er auf die Frage „Was wünscht du dir zum Mittagessen, mein Schatz?“ mit der Antwort „Tortellini“. Auch die Frau versucht, genau wie meine Mama es immer tut, ihn doch noch von ein bisschen Grün, wenigstens einer Tomatensoße zu überzeugen. Allerdings scheitert auch jeder ihrer Versuche. Ich schaue auf die Uhr. Es ist Punkt 19 Uhr. „Ob Mama auch gerade in der Küche steht und Ben Tortellini ohne Grün und ohne Tomatensoße kocht?“, frage ich mich. Es ist schön die beiden zu beobachten und ich bin sogar ein bisschen traurig, als die beiden gemeinsam aus der Bahn aussteigen. Ich wäre gerne mit ihnen gegangen und hätte sogar mit dem kleinen Jungen Tortellino ohne Grün und Tomatensoße gegessen. Ich wäre gerne mit ihnen gegangen und hätte mich ein bisschen wie zuhause gefühlt.
Das Heimweh wird aber ganz schnell abgelöst und verwandelt sich in ein gut-das-ich-so-weit-weg-bin, als ich den Mann am anderen Ende des Wagons sehe. Wie Papa trägt er eine Brille und braune Lederschuh. Sein Gesicht ist knallrot und stinksauer. „A² plus B² ist gleich?“, brüllt er das Mädchen, dass neben ihm sitzt und keinen blassen Schimmer von dem Gefasel des Mannes zu haben scheint. „A² plus B² ist gleich C²“, schreit er durchs ganze Abteil. „Der Satz des Pythagoras. Das habe ich dir doch eben erst erklärt!“, schnauzt er verzweifelt und reißt dabei die komplette Heftseite raus und zerreißt sie. Das arme Mädchen tat mir leid, aber ich erinnerte mich an meinen Papa, der genauso schnell in Wut ausbrechen konnte und der größte Versager war, wenn es um Geduld bewahren ging, die man bei meinen Mathekenntnissen durchaus haben musste. Und dann erinnerte ich mich aber auch, wie stolz wir jedes Mal waren, wenn wir eine Gleichung tatsächlich nach X und nicht nach „Papa, kann ich neue Schuhe haben“ aufgelöst haben. Und ganz nebenbei kann ich mich auch daran erinnern, dass er der beste Mathelehrer der Welt war. Wirklich.
Als auch die beiden einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, steigen sie Hand in Hand aus. Ungefähr so, wie Papa und ich es immer gemacht haben. Trotzdem bin ich froh aus der Nummer mit „Papa, als Mathelehrer“ heraus zu sein.
„Witzig. Wie ähnlich sich die Menschen sind. Erst sehe ich meine Oma, dann Mama und Ben und dann auch noch meinen Papa“, stelle ich fest und bemerke dabei gar nicht, dass ich längst eine neue Beschäftigung gefunden hatte. „Jetzt fehlt nur noch, dass ich mich sehe“, grinse ich und widme mich wieder den Menschen, die noch immer ein- und aussteigen.
Langsam setzt sich die U-Bahn wieder in Bewegung. Ich weiß immer noch nicht wo wir sind.
An den nächsten Stationen steigt kaum noch jemand ein. Die Menschen steigen fast nur noch aus. Es muss spät geworden sein. Ich schaue aber nicht auf die Uhr. Es interessiert mich nämlich nicht. Die wenigen Menschen, die an den nächsten Stationen einsteigen, verraten, dass es draußen kalt geworden sein muss. Die meisten tragen eine Jacke, manche von ihnen sogar eine Mütze.
Auch das Mädchen, dass vor wenigen Sekunden eingestiegen ist und dabei die komplette Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Sie trägt eine schwarze Lederjacke, ein langes dunkles Oberteil, eine schwarze Leggings und einen dicken grauen Schal. Sie ist sehr dünn.
In dem Wagon gibt es nur noch drei freie Plätze. Ein Platz neben einem alten Herrn, dessen Kopf alle zwei Sekunden zur Seite fällt und ihm dabei ein lautes Schnarchen entfährt. Ein zweiter Platz neben einem jungen Mann, der damit beschäftigt ist die Pommes in den Ketchup und die Mayonnaise zu tunken und sich den Salz von den Fingern abzulecken. Und ein dritter Platz neben mir. Das Mädchen geht auf mich zu, beachtet mich aber nicht und setzt sich neben mich. Sie überschlägt die Beine und wärmt ihre Hände an einem Pappbecher mit heißem Tee. Ich kann nicht aufhören sie anzusehen. Auch der alte Herr schläft plötzlich gar nicht mehr ein und der junge Mann vergisst manchmal die Pommes in die Soßen zu tunken, bevor er sie in den Mund nimmt. Wir alle können nicht aufhören sie anzusehen. Sie scheint noch immer zu frieren. Die Frau vor uns dreht sich um und fragt das Mädchen, ob sie einen Schluck von ihrem heißen Tee möchte. Noch bevor das Mädchen ein Wort sagen kann, höre ich meine Stimme mit einem leisen „Nein. Sie trinkt keinen Tee mit Zucker. Sie trinkt nur Tee mit Süßstoff“ antworten. Die Frau guckt mich erschrocken an. Auch ich erschrecke. „Woher willst du das denn wissen?“, patzt mich die Frau an. „Seh sie dir doch mal an, sie ist ja nur noch Haut und Knochen. Das bisschen Zucker wird ihr nicht schaden.“ „Doch.“, widerspreche ich mit sanfter Stimme. Am liebsten würde ich der Frau sagen, dass das bisschen Zucker ihrer Psyche schaden wird. Ich würde ihr am liebsten erklären, dass das Mädchen weinend nachhause kommen wird. Dass es sich auszieht vor den Spiegel stellt und nach dem „Fett sucht“ was sich angesammelt haben könnte und auch definitiv eine Körperstelle finden wird, an der sie das bisschen Zucker sehen wird. Ich würde der Frau am liebsten mitteilen, dass das Mädchen morgen vielleicht eine Stunde länger auf dem Laufband stehen wird und im schlimmsten Fall auch noch die letzte Möhre von ihrem Ernährungsplan streichen wird. Ich würde der Frau erklären, dass das Mädchen sich noch mehr hassen wird und sich noch dicker fühlen wird, als es sich ohnehin schon fühlt. Ich würde der Frau erklären, dass das Mädchen krank ist. Aber ich sitze nur da und bekomme selbst keinen Ton mehr raus.
„Sie hat Recht. Ich trinke keinen Tee mit Zucker. Ich trinke nur Tee mit Süßstoff.“, sagt das Mädchen plötzlich. Die Frau dreht sich ohne ein Wort zu sagen um. „Danke“, flüstert mir das Mädchen entgegen und nippt an ihrem Tee. Ich frage sie, ob sie da gerade ihren dritten Grünen Tee trinkt und sie nickt. Und innerlich stimme ich in ihr Nicken mit ein, denn ich fühle mich jetzt in meiner Aussage gegenüber der Frau bestätigt. Das Mädchen hat eine Essstörung.
Als die Bahn an der vorletzten Station hält, steht das Mädchen auf, blinzelte mir noch einmal zu und steigt aus. Ich sehe ihr zu. Von hinten erinnert sie mich an jemanden, den ich einmal sehr gut kannte. Auch ihr Verhalten erinnerte mich an die Person, an die ich gerade denke. Die schwarze Kleidung, der dritte grüne Tee, der Tee ohne Zucker, nur der Tee mit Süßstoff und nicht zu vergessen das Frieren. Das ständige und endlose Frieren. All das scheint mir so vertraut, so bekannt und doch irgendwie so fremd. Das Mädchen war wie das ich. Wie das ich damals. Als die Bahn wieder anfängt sich zu bewegen und die Silhouette des Mädchens immer schwächer und schwächer wird, fühlt es sich an, als wäre wieder ein Teil von mir gegangen. Der böse Teil. Der böse Teil, der auch mich immer noch von mir verlangt drei grüne Tees am Tag zu trinken und den Tee nur mit Süßstoff zu süßen.
„Endhaltestelle. Bitte verlassen Sie jetzt die U-Bahn“, erklingt eine digitale Frauenstimme. Wie die anderen stehe ich auf und bewege mich in Richtung Ausgang. Draußen ist es mittlerweile kalt geworden und ich fange an zu frieren. Gerade als ich mich auf den Fußmarsch nachhause begeben wollte, tippt mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um und stehe direkt der Frau aus der Bahn gegenüber. Sie hält mir ihren Tee mit Zucker hin und sagt: „Hier, der letzte Rest, damit du nicht frieren musst.“ Zuerst will ich sagen: „Nein. Ich trinke keinen Tee mit Zucker. Ich trinke nur Tee mit Süßstoff.“ Doch noch bevor ich überhaupt nachdenken kann, schnappe ich mir den Tee, bedanke mich bei ihr und nehme einen riesigen Schluck Tee mit Zucker.
Es war wunderbar.

15 Comments

  • sternfluesterer September 27, 2015 at 19:54

    Menschen in Bahnen oder Zügen (oder sonstwo anders) zu beobachten, ist etwas sehr Spannendes. Ich liebe so ruhige Zugfahrten, die es mir erlauben, dass zwischendurch immer wieder zu tun. Leider bin ich selten derart unterwegs. Meine Wege erledige ich zumeist zu Fuß oder mit dem Rad.

    Zu welchen Schlussfolgerungen Du bezüglich des schnellen Urteilens gekommen bist, finde ich interessant. Erste Eindrücke täuschen einen häufig sehr. Manchmal sind sie aber auch erschreckend zutreffend (was man freilich erst viel später wirklich WISSEN kann.) – Urteilen ist eine der diffizielsten und tükischsten Handlungen, die ein Mensch tut, manchmal tun soll, manchmal tun muss. – Und manchmal auch einfach unweigerlich tut, weil das Bewusstsein eben ganz von allein beginnt, zu „sortieren“. – Wichtig ist dann nur, dass man dennoch offen bleibt, gegenüber Neuem, Anderem, Überraschendem, was der betreffende Mensch durchaus noch in sich bergen, noch nicht offenbart haben kann.

    Erst, wenn man das nicht (mehr) tut, läuft man Gefahr, den anderen mit seinem (abschließenden) „Urteil“ zu verletzen.

    Die Szene mit dem Mädchen mit der Essstörung hat mich berührt. – Ich war in diesem Jahr für mehrere Wochen in einer Klinik und bin dort einer jungen Frau und einem Mädcvhen begegnet, die auch an Anorexie litten. Beide waren auf ihre Artr sehr liebenswürdige, interessante Menschen. Mit der jungen Frau habe ich mich ein wenig über ihre Erkrankung unterhalten können. Ich habe dadurch viel gelernt – vor allem, nicht einfach über solche Menschen zu urteilen (sic!) – Ich habe ein Verständnis für diese Krankheit entwickelt, welches ich zuvor nicht hatte. Nicht nur deshalb, aber eben auch deshalb, hat mich die Begegnung mit dieser jungen Frau und auch dem Mädchen sehr bereichert.

    Manchmal möchte ich mir selbst irgendwann spontan zum ersten Mal begegnen und empfinden können, welche ersten Eindrücke ich dabei so von mir habe …

    Hast Du Dich auch schon einmal bei so einem „Wunsch“ ertappt?

    Liebe Grüße, Mona, und Dankeschön, dass ich ein Stückchen gemeinsam mit Dir U-Bahn fahren durfte!

    Hab‘ noch einen schönen Sonntagabend und morgen einen guten und möglichst angenehmen Start in die neue Woche!

    • Mona Kuehlewind September 27, 2015 at 20:43

      Guten Abend! Schön wieder von dir zu Lesen. Danke für deinen sehr umfangreichen und netten Kommentar.
      Ich finde es auch immer wieder total spannend und steige jedes Mal mit ein bisschen „Bauchkribbeln“ in die Bahn ein. Am liebsten setze ich mich dann in eine Ecke ans Fenster und beobachte die Menschen. Einfach total aufregend!
      Es ist schön, dass du ein Verständnis für diese Krankheit hast, denn das haben, meiner Meinung nach, leider viel zu wenige Menschen. Die meisten erkennen es nichtmal als eine Krankheit hat. Die meisten sprechen immer nur von einer „schwierigen Phase, die ja irgendwann vorüber geht“. Aber das es nicht nur eine Phase ist, verstehen die wenigsten.
      Ja, den Wunsch habe ich sehr sehr oft sogar!

      Dir noch einen schönen Abend,
      Mona 🙂

  • Anonymous September 28, 2015 at 8:29

    Hallo Mona, auch ich danke Dir, dass ich eine solch spannende U-Bahn-Fahrt mit Dir machen durfte. Interessant, welche Menschen Du entdeckt hast die dann auch noch ein bisschen Deiner Familie ähneln. Du schreibst so gut, dass ich gern Deine Texte lese. Hab` einen spannenden Tag in Hamburg, Mama

    • Mona Kuehlewind September 28, 2015 at 9:35

      Aber doch werde ich niemals jemanden finden, der euch ansatzweise gerecht wird. Und das möchte ich auch überhaupt gar nicht. Ihr seid unersetzbar für mich!

  • kochenmitrob September 28, 2015 at 11:41

    Hi ich habe dich für den “Blogger Recognition Award” Nominiert https://kochensite.wordpress.com/2015/09/28/blogger-recognition-award/ und hoffe das du mitmachst
    lg rob

  • Robert September 28, 2015 at 14:51

    Wieder ein sehr unterhaltsamer Dialog. Findet man auch nicht in jedem Buch. Schön geschrieben!

    Am Ende schreibst du über das Teeangebot deiner Mitfahrerin und dass du keinen Zucker, sondern normalerweise Süßstoff nimmst. Das passt zu deinem Artikel über Gewicht und Kalorien und ich hatte dir dazu meine Meinung geschrieben.

    Auch hierzu möchte ich dir gerne einen Kommentar abgeben. Viele Leute sind der Meinung, dass sie sich mit Süßstoff etwas Gutes tun würden. Stimmt leider nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Nimm lieber gut dosiert Zucker. Der ist tatsächlich gesünder. Eine Abhandlung darüber würde den Rahmen sprengen. Außerdem bin ich nicht der Fachmann, der dies exakt richtig darstellen könnte. Jedoch hat mich ein Vortrag darüber überzeugt, wie man mit Süßstoff auch seinen Körper belügt. Vielleicht kannst du dir dazu einmal die Meinung eines Experten holen oder ggf. gibt es sogar im Internet objektive Beurteilungen. Habe selbst noch nicht recherchiert, weil bei uns zuhause kein Süßstoff infrage kommt.
    Der Artikel „Die Wahrheit über Süßstoff“ im Focus Online ist sehr aufschlussreich. Und natürlich werden diejenigen, die anderer Meinung sind, auch anderes behaupten. Mit diesem Thema muss man sich ausgiebig beschäftigen und dann eine eigene Meinung bilden.
    Hoffentlich habe ich dich nicht zu sehr verwirrt und du findest deinen eigenen Weg. Bleib gesund!

    • Mona Kuehlewind September 29, 2015 at 11:28

      Lieber Robert, schön wieder von dir zu lesen. Deine Kommentare sind immer sehr interessant und informativ, danke dafür!
      Allerdings muss ich dir zwei ganz wichtige Sachen sagen. Erstens darfst du meine Geschichten nicht immer automatisch mit mir verbinden. Auch wenn ich gerne in der Ich-Perspektive schreibe, bedeutet das nicht, dass ich das exakt erlebt habe oder diese Person darstelle. Meine Geschichten sind immer halb echt und halb unecht. Weißt du was ich meine? Aber zugegeben, das mit dem Tee und dem Süßstoff trifft auf mich zu, ja.
      Punkt zwei ist, dass ich weiß das Süßstoff viel schädlicher ist und ich dazu schon viele Artikel gelesen habe. Aber weißt du, wenn man eine Essstörung hatte oder hat, dann ist es einem völlig egal, ob das Zeug gesund ist oder nicht. Das was zählt sind die Kalorien. Und das Süßstoff so gut wie keine Kalorien enthält, überzeugt einfach.

      Ich danke dir aber sehr für deinen Kommentar und freue mich schon auf den Nächsten 🙂

      • Robert September 29, 2015 at 17:19

        Ok liebe Mona, das beruhigt mich dann doch etwas. Auch schön zu wissen, dass du die „Wahrheit“ über Süßstoff kennst. Und dass du von deiner Essstörung schon z.T. in der Vergangenheitsform schreibst, ist auch sehr schön und hoffnungsvoll.

        Vielleicht darf ich dir an dieser Stelle noch einen Kommentar zu deinem Kalorienzählen und dem wiegen mitgeben, der dich hoffentlich zum Schmunzeln bringt.

        Das wäre nämlich so, als würde ich mich vor dem Wiegen erst einmal anziehen. Dann noch ein paar schwere Schuhe und einen dicken Mantel drüber! Und schon zeigt die Waage das von mir gewünschte Gewicht! 🙂 Du weißt was ich meine! 🙂

        Liebe Grüße und bleib gesund!

        • Mona Kuehlewind September 30, 2015 at 0:11

          Weißt du was ich am schönsten finde? Das du als Erster bemerkt hast, dass sich meine Texte langsam verändern. Mehr jnd mehr schreibe ich in der Vergangenheit oder lege den Fokus nicht auf mich, sondern auf eine andere Person und schreibe somit aus einer anderen Perspektive (wie in meinem heutigen Post „ein Einkaufswagen, vier Schokocroissants,…“). Das geschieht auch gar nicvt bewusst, sondern diese Wandlung wird von meinem Unterbewusstsein gesteuert, aus dem einfachen Grund: ich werde gesund.
          Danke für den Kommentar und deine wünsche! Bleib du auch gesund und munter 🙂

  • mariashealthytreats September 28, 2015 at 20:16

    Ich liebe es, wie ich hier sitze und meinen Tee – der weder Süßstoff noch Zucker enthält – trinke und einfach deinen Worten lauschen darf.
    Deine Geschichten sind so unfassbar schön und man träumt sich wirklich in eine andere Welt, hat das Gefühl, direkt neben dir zu sitzen und zuzuschauen, wie es seinen Lauf nimmt.
    Wenn ich demnächst mal wieder im Zug sitze, werde ich die Menschen vielleicht auch mal genauer beobachten, obwohl ich eigentlich immer Last-Minute-Aufgaben für die Uni erledige oder in ein Buch vertieft bin.
    Nur zu gerne würde ich mit dir im letzten Wagon sitzen und mit den Füßen stampfen oder mir wie eine „Tussi“ durch die Haare gehen. Allerdings trennen uns dafür wohl zu viele Kilometer.

    Ich freue mich schon auf deine nächste Geschichte, meine Liebe. ♥

    • Mona Kuehlewind September 29, 2015 at 11:30

      Ein ganz ganz toller und lieber Kommentar. Ich danke dir sehr!
      Und ich bin mir ganz sicher, dass wir bald die Gelegenheit dazu haben werden gemeinsam in der Bahn zu sitzen, mit den Füßen zu stampfen und wie eine „Tussi“ zehntausendmal mit der Hand durch das Haar zu fahren. Gruß und Kuss <3

  • Beat(e)s Welten September 28, 2015 at 20:49

    Danke für diese tolle Geschichte!
    Wir machen uns automatisch ein Urteil über die Menschen, die wir treffen. Und das Problem liegt wohl weniger im Urteilen, als im Verurteilen (was im Spiel mit den Füssen letztlich geschieht). Die beste Strategie, um Letzterem zu entgehen, liegt vielleicht darin, bei allem Urteilen immer zu versuchen, die Person zu mögen. Das ist nicht immer leicht aber interessant. Warum ist jemand so wie er ist? Wovor hat er Angst? Wonach sehnt er sich? Ja, das könnte ein U-Bahn-Spiel sein: zu überlegen, was man an einer Person mögen könnte. Viel Spass 🙂

    • Mona Kuehlewind September 29, 2015 at 11:15

      Ich habe dir zu danke für deine lieben Worte! Du hast Recht. Ein Problem wird es erst, wenn wir anfangen zu VERurteilen. Das Urteilen geschieht automatisch und dafür habe auch ich keine Lösung, diesem zu umgehen. Bislang ist mir auch noch keine Lösung für das Verurteilen in den Sinn gekommen, aber dein Vorschlag klingt toll! Ich werde es auf jeden Fall mal ausprobieren. Danke für die Idee. Die ist wirklich super 🙂

  • zettelwirtin September 29, 2015 at 9:16

    Dich und die Frau in der letzten Reihe hätte ich zugern einmal in einer U-Bahn getroffen! 😉

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