Frohe Weihnachten #wenndudieweltveränderst

Dezember 24, 2015

„Und wieder fühlt sich das alles so an, als hätte ich mir das nur eingebildet. Erneut beschleicht mich dieses miese Gefühl, ich hätte mir das alles nur erfunden. Das passiert mir in letzter Zeit öfter. Irgendwie, weil ich nicht fassen kann, dass all das hier real sein soll.“, sage ich und meine es dieses Mal auch wirklich so.

Ich bin mir nicht sicher, wie oft ich jetzt schon dachte, dass das hier nicht real sein kann, dass das hier alles nur eine Lüge, ein fieser Streich sein muss. Ich weiß nicht wie oft ich in letzter Zeit dachte, dass ich mir die verbrannten Plätzchen im Mülleimer, den fehlende Adventskranz auf dem Wohnzimmertisch und die Wunschliste auf dem abgerissenen Papierfetzen, nur eingebildet hätte. Ich weiß wirklich nicht wie oft ich die Augen zusammenkniff, bis drei zählte und sie dann wieder öffnete. Ich weiß nicht, wie oft mir dann die Tränen kamen, weil die Plätzchen noch immer im Mülleimer lagen. Der Wohnzimmertisch immer noch leer blieb und auch die Wunschliste nicht schöner wurde.

Und dann bin ich heute morgen aufgewacht und dann war da wieder dieses befremdliche Gefühl von „wenn sich die Welt nicht verändert“ und die wohl bekannten dicken öligen Zweifel. „Weihnachtszweifel“, nenne ich sie.

„Frohe Weihnachten“, hauche ich in den Spiegel und ziehe mir mein Weihnachtskleid über den Kopf. Das Kleid schmiegt sich an meinen Körper, betont die kleinen Rundungen, die kleinen Fettröllchen, die es sich an meinen Hüften bequem gemacht haben. „Ja, ich habe heimlich Plätzchen genascht und auch den ein oder anderen Schokoladenweihnachtsmann verdrückt“, grinse ich in den Spiegel und drehe mich im Kreis. „Aber das ist okay, das ist okay, weil Weihnachten ist. Zumindest Weihnachten im Kalender“, verteidige ich mich, bevor mein Spiegelbild mir sagen kann, dass ich pummelig geworden bin.
Ich tapse die Treppen runter, bleibe aber mitten auf der Treppe stehen und frage mich, ob das okay ist. Ich meine damit nicht, ob das okay ist, dass ich pummelig geworden bin, denn das ist okay. Ja, vollkommen okay. Und außerdem kann ich das zur Not ja auch noch auf das Alleinsein, die Depressionen oder den süßen Zahn schieben. Aber ich frage mich, ob das okay ist, dass ich mein Weihnachtskleid anhabe, dass ich „Oh Tannenbaum“ summe, dass ich überhaupt bemerkt habe, dass heute Heilig Abend ist.
Die dicken öligen Weihnachtszweifel setzten sich auf meinen Hüften fest und das Kleid kommt mir plötzlich zwei Nummern zu klein vor. „Weihnachtszweifel“ werde ich sagen, wenn sie mich fragen, warum ich so pummelig geworden bin. Ja genau. „Die Weihnachtszweifel sind dran Schuld“ werde ich mich verteidigen.
Das werden sie verstehen und dann werden sie mir sagen, dass auch sie Weihnachtszweifel auf den Hüften haben und jetzt fünf Kilo schwerer sind. Oder 10. Oder 15. Dann wird Mama auch wieder ihr Weihnachtskleid vom letzten Jahr aus dem Schrank holen, Papa den Gürtel mit den Weihnachtsmännern anziehen und mein kleiner Bruder das hautenge Shirt mit der Tannenbaumverzierung anziehen. Dann werden wir alle gemeinsam am Esstisch Platz nehmen, lachen, singen und uns frohe Weihnachten wünschen. Dann werden wir gemeinsam Weihnachten feiern, weil wir wissen, dass wir die selben Zweifel auf den Hüften tragen.
Ich lasse die letzten Treppenstufen hinter mir und schleiche um die Kurve. Leise drücke ich den Türgriff runter und öffne vorsichtig die Tür.
Obwohl ich die Augen noch immer zugekniffen habe, spüre ich, wie sie mich angucken. Ich spüre, wie Mama, Papa vorsichtig in die Seite kneift. Ich spüre, wie mein kleiner Bruder erst Papa, dann Mama und dann mich ansieht. Okay, ich blinzele ein bisschen.
„Frohe Weihnachten“, flüstere ich in den Raum und merke, wie das Kleid immer enger wird. Wie sich der schwarze Stoff immer enger um meinen Körper spannt. „Frohe Weihnachten“, flüstere ich ein zweites Mal, dieses Mal etwas lauter und warte auf den Moment, in dem das Kleid wegen den nächsten Weihnachtszweifeln auf meinen Hüften reißt. Aber nichts tut sich. Weder das Kleid antwortet mit einem Riss, noch antwortet man mir mit einem „Frohe Weihnachten“.
Ich atmet tief. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal sage ich es einfach: „Die Weihnachtszweifel sind Schuld.“ Ich lasse niemanden zu Wort kommen, drehe mich um und verlasse drei Minuten später das Haus. Das erste Mal, seit langem. Um genau zu sein, seitdem es sich die Weihnachtszweifel auf meinen Hüften gemütlich gemacht haben.
Zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass für den Morgen an Heiligabend erschreckend wenig Menschen auf den Straßen sind, durch die Gassen schlendern und die letzten Einkäufe erledigen.
Ich bahne mir meinen Weg durch die enge Einkaufsgasse. Die Geschäfte haben bereits geschlossen.
Ein Mann, er kommt mir so bekannt vor, kommt mir auf dem gegenüberliegendem Bürgersteig entgegen. Er nickt mir zu, verlangsamt sein Nicken aber, als ich sein Nicken erwidere und stellt es schließlich ganz ein, als ich ihm „Frohe Weihnachten“ zurufe. Das Kleid drückt wieder ein Stück mehr und ich spüre, wie sich sein Blick an meinen Hüften festgenagelt hat. „Die Weihnachtszweifel sind Schuld“, verteidige ich mich und deute auf meine Hüften. Dann gehe ich weiter.
Ein Hund der mich mit seiner feuchten Nase an stupst, erschreckt mich. Schnell fahre ich meine Hand zurück. „Hey, lass das.“, motze ich ihn an. Jetzt setzt er sich vor mich, legt seinen Kopf zur Seite und schaut mir mit seinen braunen Kulleraugen in die Augen. Er erinnert mich an einen Hund, den ich schon einmal gesehen habe. Ja, an den Hund von einem alten Freund, nur mindestens 10 Kilo schwerer. Der Hund mit den braunen Kulleraugen war ein ganz schöner Bär. „Na du frierst nicht“, streiche ich jetzt dem Hund durch sein warmes, wuscheliges Fell. „Hast wohl auch ein paar Plätzchen genascht, hm?“ „Oder sind es auch die Weihnachtszweifel, wie bei mir?“, lache ich ihn an. Jetzt bellt er und wedelt mit dem Schwanz. „Dann sind wir schon zu zweit“, beruhige ich ihn und gemeinsam ziehen wir eine ganze Weil durch die leeren Straßen.
Als ich wieder alleine bin, treffe ich auf eine alte Bekannte. „Die Weihnachtszweifel sind Schuld“, verteidige ich mich auch bei ihr, als sie mich zum zweiten Mal fragt, ob ich es wirklich bin. „Mona, bist du es?“, fragt sie, und alles was ich ihr antworte ist: „Die Weihnachtsszweifel sind dran Schuld“, ehe ich mich von ihr mit einem „Frohe Weihnachten“ verabschiede und das Kleid noch ein Stück enger wird.
Die Tränen laufen mir die Wangen herunter, hinterlassen salzige Spuren auf meiner Haut, kullern wie schwere Regentropfen auf den warmen Asphalt. Keuchend renne ich in eine Seitenstraße. Ich muss wieder ein bisschen mehr atmen, wenn ich mich bewege. „Aber das ist okay. Das sind ja bloß die Weihnachtszweifel“, beruhigte ich mich mittlerweile selbst.
Ich verlangsamte meinen Schritt, bis ich schließlich wieder vor meiner Haustür stehe und auf die Klingel drücke.
Ich zähle bis zehn. Dann höre ich wie hinter der Tür ein Glöckchen klingelt. Ich halte das Ohr gegen die Tür und erkenne die Stimme eines Radiomoderatoren, der das nächste Weihnachtslied einleitet.
Die Tür öffnet sich und gegenüber steht mir meine Familie. Mama in ihrem engen Weihnachtskleid. Papa trägt seinen Gürtel mit den Weihnachtsmännern und mein kleiner Bruder hat sogar das enge Shirt mit der Tannenbaumverzierung übergezogen.
Ich traue meinen Augen nicht. Wieder fühlt sich das alles so an, als hätte ich mir das nur eingebildet. Erneut beschleicht mich dieses miese Gefühl, ich hätte mir das alles nur erfunden. Das passiert mir in letzter Zeit öfter. Irgendwie, weil ich nicht fassen kann, dass all das hier real sein soll.
Ich kneife die Augen zusammen, zähle bis drei und öffne sie wieder. Und tatsächlich es stimmt.
„Frohe Weihnachten“, lache ich und falle ihnen in die Arme.
Noch bevor ich Mama darauf hinweisen kann, dass ihr Kleid an der Seite eingerissen ist und Papas Gürtel nicht richtig zu ist, verteidigen sie sich: „Die Weihnachtszweifel sind Schuld“
Ich weiß nicht, wann wir das letzte Mal so gelacht haben, wie heute.

Ein letzte Mal drehe ich mich um, bevor ich die Tür hinter mir zuziehe und sehe wie der Nachbar den Tannenbaum in seine Wohnung zieht. Ich sehe wie die ersten Kerzen hinter den Fenstern anfangen zu brennen und die Nachbarsfrau ein Blech Plätzchen aus dem Ofen holt.
Und irgendwo in der Ferne spüre ich wie sich die Welt verändern kann, wenn du die Welt veränderst.

„Es sind doch bloß die Weihnachtszweifel“, die nächstes Jahr gar nicht mehr da sein müssen, wenn du die Welt veränderst, denk dran.

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FROHE WEIHNACHTEN

8 Comments

  • sternfluesterer Dezember 24, 2015 at 12:17

    Dir, liebe Mona, auch eine schöne, frohe besinnliche Weihnacht. Du warst und bist eine der schönsten, bereichernsten Begegnungen dieses Jahres für mich. Hab‘ eine gute, erholsame Zeit mit Deinen Eltern, Deinem Bruder, allen Menschen, die Dir lieb und wichtig sind.

    Ganz herzliche und liebe Grüße an Dich!

    • Mona Kuehlewind Dezember 24, 2015 at 12:19

      Das ist sehr lieb von dir, dankesehr! Dir wünsche ich ebenfalls ein schönes, besinnliches Weihnachten.
      Herzliche weihnachtliche Grüße an Dich.

  • Robert Dezember 24, 2015 at 12:28

    Frohe Weihnachte, besinnliche Feiertage und ein glückliches, zufriedenes und gesundes neues Jahr!!!
    LG Robert

  • Dark Owl Dezember 24, 2015 at 12:58

    Wünsche ich dir auch !

  • Red Skies Over Paradise Dezember 24, 2015 at 17:16

    Merry Christmas Mona!

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