Für Mama

Dezember 10, 2015

Follow my blog with Bloglovin

„Happy Birthday“, hauche ich in die Luft und denke an dich. „Happy Birthday“ sage ich, weil ich gerade nicht weiß, was ich sonst sagen soll. Ich hab’s mir von Papa abgeguckt. Der hat dir auch gerade mit einem „Happy Birthday“ und einem dicken Schmatzer gratuliert. Dabei hört es sich so falsch an.
Hat er gar nicht gehört wie eklig falsch sich das „Happy Birthday“ angehört hat? Hat er gar nicht bemerkt, wie seine Stimme angefangen hat zu kratzen, als er das „Birtday“ angesetzt hat und wie er das Ende halb verschluckt hat?
Es hört sich so unfassbar falsch, dass ich noch schnell ein „Sorry“ hinterher spucke. Ich kann fühlen wie mich Papa in die Seite knipst, Oma mir mit einem Kopfschütteln gegenübersteht, ganz nach dem Motto „Du musst Happy Birthday sagen“.
Heute ist dein Geburtstag und alles was ich herausbringen kann ist eine Entschuldigung für meine Glückwünsche zu deinem Geburtstag.
Papa knipst mich in die Seite und Oma schüttelt den Kopf. Und du stehst mir gegenüber und hast ein wunderschönes Lächeln auf den Lippen.
„Happy Birthday“, hauche ich. „Sorry“, entschuldige ich mich zwei Sekunden später. Und du fängst an zu lächeln. Du flüsterst mir ein „Danke“ zu und gibst mir einen Kuss auf die Stirn. Ich drücke deine Hand und wünsche mir für immer deine Hand halten zu dürfen.
„Du darfst, wenn ich es auch darf.“, versprichst du mir, als hättest du meinen Wunsch gehört. Ich antworte dir mit einem leisen „Ja“ und wir stehen noch Ewigkeiten einfach so da, halten uns an den Händen und lauschen den Gedanken des Anderen.
Ab und zu antwortest du mit einem „Danke“ auf meine Gedanken, manchmal aber auch mit einem Kuss, einem festeren Händedruck oder einem heimlichen Lächeln.

Ich denke nicht „Happy Birthday“, aber ich denke „Danke, dass es dich gibt.“. Ich denke an meinen kleinen Bruder, der nicht da sein würde, wenn es dich nicht geben würde. Ich denke an Papa, der niemals so glücklich sein würde, ohne dich. Ich denke an mich, wie ich mich noch immer als Samenzelle Wettrennen unterziehen müsste. Ich denke an uns, an uns vier, und ich sage „Danke, dass es dich gibt“, weil es ohne dich kein „wir“ geben würde.
Du hörst meine Gedanken und sagst „Danke“.

Ich denke nicht „Happy Birthday“, aber ich denke „Danke, dass du da bist.“. Ich denke an die Weihnachtsplätzchen, die mir gestern ohne dich verbrannt wären. Ich denke an den Glücksbringer, den ich am Tag meiner Abiturprüfung vergessen hatte, und den du mir gerade noch rechtzeitig vorbei brachtest. Ich denke aber auch an das Tränen wegwischen und an das „Taschentuch spielen“, als ich dem ersten Liebeskummer zum Opfer fiel. Ich denke an meinen kleinen Bruder, als er Alpträume hatte, nachts nicht schlafen konnte und du dich zu ihm legtest. Ich denke auch an Papa, der ohne dich wahrscheinlich nur Arbeiten, Autofahren und sporteln würde. Ich denke an uns, an uns vier, und sage „Danke, dass du da bist“, weil wir ohne dich nicht da wären, wo wir jetzt sind.
Wieder verstehst du, was ich denke und gibst mir einen feuchten Kuss auf die Wange.

Ich denke nicht „Happy Birthday“, aber ich denke „Danke, dass du da bleibst.“. Ich denke an die Zeit, in der ich dich beschimpft habe, dir Dinge vor den Kopf und direkt an den Kopf geworfen habe. An die Zeit, in der ich dich mit einem „Hau ab“ aus dem Zimmer geworfen habe und mit einem „Endlich weg hier“ verabschiedet habe, als ich auf Klassenfahrt gefahren bin, und du trotzdem fünf Minuten später wieder an meiner Tür geklopft hast und mich zwei Wochen später wieder vom Flughafen abgeholt hast. Ich denke an meinen kleinen Bruder, der oft das Spielbrett auf den Boden geworfen hat und die Hausaufgaben in die Ecke geschmissen hat und du jedes mal Das Spielbrett wieder aufgebaut hast, die Hausaufgaben wieder geordnet hast, tief Luft holtest und nochmal von vorne anfingst ihm Dinge zu erklären. Und ich erinnere mich an Papa, der jetzt allein leben würde, würdest du nicht dableiben, wenn er jedes Jahr wieder den Valentinstag vergisst. Ich denke an uns, an uns vier, und sage „Danke, dass du da bleibst“, weil wir ohne dich auch nicht bleiben könnten.
Ein drittes Mal lächelst du mich an und sagst still und leise „Danke“.

Ich denke nicht „Happy Birthday“, aber ich denke „Danke, dass du so bist wie du bist.“. Ich denke an das Strahlen in deinen Augen, wenn ich von Vanilleeis mit roter Grütze spreche oder dir eine Mozartkugel zu Weihnachten schenke. Ich denke an das Lächeln auf deinen Lippen, wenn du von Reisen schwärmst, in Erinnerungen schwelgst und von deinen Träumen erzählst. Ich denke an deine Ehrlichkeit, an das selbstbewusste „Ja“ und das dominante „Nein“. Ich denke an deine Kreativität und deine niemals endende Fantasie. An die Geschichten, die von Zwergen auf Bergen und küssenden Flüssen erzählen. Ich denke an die Geschichten aus deinem Kopf, die du mir immer erzähltest. Ich erinnere mich aber auch an deine Verrücktheit, an deine Fröhlichkeit und die Hummeln in deinem Po, von denen es immer mehr zu werden scheinen. Ich denke an Papa, den du mit deiner positiven Unruhe und Abenteuerlustigkeit von der Couch holst, und an meinen kleinen Bruder, den du mit deiner Fröhlichkeit bereits am Morgen ansteckst. Ich denke an uns, an uns vier, und sage „Danke, dass du so bist wie du bist“, weil wir ohne dich nicht so wären wie wir sind.
„Danke“, flüsterst du und drückst ganz fest meine Hand.

Ich denke nicht „Happy Birthday“, aber ich denke „Danke, dass du uns gehörst.“. Ich denke an den Tag, an dem ich zum ersten Mal ein gebrochenes „Mama“ ausspucken konnte. Ich denke daran, wie ich dich ich dich heute noch mit einem „Mama“ begrüße und mit einem „Mama“ verabschiede. Ich denke an meinen kleinen Bruder, der dir mit einem „Mama“ entgegenrennt, wenn er dich sieht. Wie er dir in deine offenen Arme fällt und noch tausend Mal das Wort „Mama“ in deine Brust flüstert. Ich denke an Papa, wie er dich mit „meine“ betitelt, wie er vor deinen Namen ein „mein“ setzt und jeden deiner Spitznamen in ein „mein“ einbettet. Ich denke an uns, an uns vier, und sage „Danke, dass du uns gehörst“, weil du sonst nicht unsere Mama und unser Schatz wärst.
Du fängst an zu weinen. Ich wische dir eine Träne aus den Augen und du funkelst mir mit den Augen entgegen. Du willst „Danke“ sagen, aber die Emotionen lassen es nicht zu.

Ich denke nicht „Happy Birthday“, aber ich denke, dass ich jetzt aufhören sollte. Ich denke, dass ich dir genug „Happy Birthday“ und „nicht Happy Birthday“ gesagt habe. Ich denke, dass ich genug fiese Blicke von Oma kassiert und wütende Pieckser von Papa erhalten habe. Ich denke, dass ich jetzt aufhören sollte und dir mit einem „Happy Birthday“ die Tränen abtupfen sollte.
„Nein“, wisperst du, fast ein bisschen böse.
Ich sehe dich an und nicke dir zu. „Okay, noch ein letztes Mal“, vergewissere ich dir und setzte die Gedanken wieder am Ende der letzten Gedanken an.

Ich denke nicht „Happy Birthday“, aber ich denke „Danke“. Ich denke danke, dass ich hier sein darf, hier bei dir. Dass ich hier teilnehmen darf, teilnehmen an dem Ganzen hier, an deinem Tag, an deinem Geburtstag, an deinem Leben und irgendwie auch an dir.
Danke, dass ich dir nah sein darf, so unglaublich nah, dass ich deinen Atem spüren kann, dein Duschgel und dein Haarshampoo riechen kann. Dass ich dir so nah sein darf, dich berühren, anfassen, streicheln und küssen darf.
Danke, dass ich mit dir teilen darf. Von dem Stück Kuchen bis hin zu meinen Gefühlen und Gedanken. Über mein Leid, das dann nur ein halbes Leid ist, über meine Tränen, die dann nur halb so schwer sind, bis hin zu meinen Wünschen, die dann nur halb so schwer erfüllbar sind.
Danke, dass ich dich rufen darf. Dass ich dich nachts wecken darf, selbst aus deinen Träumen im Paradies oder Schlaraffenland. Dass ich dich in einem Meeting stören darf und am Morgen noch vor dem Klingeln deines Weckers an deiner Tür klopfen darf – selbst beim Essen, Date oder Kaffeeklatsch. Dass ich dich egal wann rufen kann.
Danke, dass du mich hörst. Dass du mich hörst, auch wenn du schläfst oder mit Musik auf den Ohren durch die Gegend spazierst, im Auto die Musik laut aufdrehst oder gerade in einer anderen Welt schwebst. Dass du sogar mein Schreien hörst, wenn ich es selbst nicht höre. Dass du immer mit einem Ohr zu mir geschaltet bist.
Danke, dass du mich verstehst. Dass du mich selbst verstehst, wenn ich mich nicht mehr verstehe. Wenn Oma schon den Duden auskramt, Papa im Internet googlen muss und ich mich selbst im Spiegel ansehe und mir die Frage stelle: „Wer bin ich?“. Dass du mein Geplapper auf Englisch, Französisch und Spanisch verstehst. Dass du meine Geheimsprache verstehst und selbst meine wirren, oft ungeordneten und unstrukturierten Gedanken erkennst.
Danke, dass du mitfühlst. Dass du weinst, wenn ich weine. Dass du lachst, wenn ich lache. Dass du Schweißausbrüche bekommst, wenn ich schweißgebadet in der Uni eine Präsentation halten muss. Dass du zitterst, wenn ich zittere. Dass du frierst, wenn ich friere, dass du zerdenkst, wenn ich erdenke und das du liebst, wenn ich liebe.
Danke, dass du meine Mama bist. Meine Seelenverwandte. Meine beste Freundin. Mein Anker im Hafen, mein Ruhepol. Mein Fels in der Brandung und mein Held im Superman Kostüm und mein Zauberer im Umhang. Meine Wundertüte, aus der nur das Gute kommt, mein größtes Geschenk, die Spitze des Tannenbaums und der hellste Stern am Horizont. Die Decke, die mich wärmt und die Tafel Schokolade, die Millionen von Endomorphinen in mir ausschüttet.
Du fängst noch mehr an zu weinen und ich spüre, wie die salzigen Tränen von meinen Haaren aufgefangen werden. Du hast dein Gesicht inzwischen in meinen Haaren vergraben.

„Ich liebe dich, Mama.“, ist das letzte was ich denke, bevor ich irgendwo in der Ferne einen Korken knallen höre und den Sekt spritzen höre. Das Klingen der Gläser, ein „Auf dich“ holt uns wieder zurück in die Realität und bevor wir auch unsere Gläser in die Luft halten, schauen wir uns an und versprechen uns, dass wir für immer zusammen bleiben werden.
Wir nicken uns nur zu, lächeln und wissen, was wir meinen, denn wir sind Seelenverwandte.

„AUF DICH, MAMA! AUF UNS, AUF UNS VIER, UND AUF ALLES WAS KOMMT!“

15 Comments

  • Anonymous Dezember 10, 2015 at 10:27

    Danke, Du bist einfach ein Schatz in meinem Schatzkästchen. Hab Dich lieb, Mama

  • Mein-liebes-Ich Dezember 10, 2015 at 11:28

    Wenn ich nicht im Bus sitzen würde, würden die Tränen nicht leise mein Gesicht streicheln, sondern in Sturzbächen alles überschwämmen. Und der Kommentar darunter! So viel Emotion! Es ist wundervoll zu lesen, dass es im Leben so etwas tolles gibt.

    • Mona Kuehlewind Dezember 10, 2015 at 11:40

      Ein ganz lieber Kommentar von dir, danke!
      Ein klein bisschen bin ich froh, dass du im Bus sitzt, denn ich möchte niemanden so sehr zum weinen bringen .. Aber ja, so viele Emotionen und ich bin froh sie teilen zu dürfen, mit meiner Familie, mit dir und mit meinen Lesern!

      • Mein-liebes-Ich Dezember 11, 2015 at 3:24

        Ich wünschte, ich könnte meiner Mutter nur ein bisschen von dem schreiben. Und es liegt nicht an meinen fehlenden Worten. Ich hab halt einfach nicht so eine tolle Beziehung. Dafür erfreue ich mich umso mehr daran, dass es so etwas aber auch gibt, wie bei euch.

        • Mona Kuehlewind Dezember 11, 2015 at 12:45

          Aber vielleicht versuchst du es trotzdem einfach mal .. Vielleicht musst du es einfach mal mit deinen Worten versuchen, und dann kannst du vielleicht etwas ändern.
          Ich wünsche dir ganz ganz viel Kraft und danke für deinen Mut und deine Offenheit mir das erzählt zu haben!

  • sternfluesterer Dezember 10, 2015 at 14:11

    So etwas Schönes, so etwas Liebes, so etwas genau auf diese Weise Authentisches! Es ist so berührend, mit verfolgen zu dürfen, wie Du und Deine Mama Euch mögt, auf eine ganz eintigartige Weise.

    Ich wünsche Euch beiden (!), dass Ihr noch unendlich viele Geburtstage miteinander feiern könnt, und viel Zeit, unmittelbar mit- und beieinander verbringen könnt. – Dass Ihr Euch nah seid, auch wenn es „nur gedanklich“ sein kann, steht für mich außerhalb jeden Zweifels. Aber ich MUSS Euch einfach mehr wünschen, eben jene unmittelbare Nähe, die Zeit und Raum für ein Streicheln, ein Umarmen, ein auf die Schulterklopfen und die veielen anderen Dinge, mit denen Ihr einander gut zu tun versteht, lässt.

    *
    Du hast eine wundervolle Gratulation geschrieben, liebe Mona – ich schreibe das aus vollem Herzen, wissend, dass das verwendete, wohl gewählte Attribut, zu schwach ist, zu schwach bleiben muss, für das, was Deine Gratulation eigentlich ist: Eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich jemals lesen durfte.

    Viele liebe Grüße an Dich!

    • Mona Kuehlewind Dezember 10, 2015 at 18:52

      Das sind ganz liebe Worte, die du nicht nur mir, sondern auch meiner Mama, die du uns beiden, da hinterlassen hast. Ich kann mich nur ganz herzlich bei dir bedanken.

      Liebste Grüße auch an dich!

  • terencehorn Dezember 12, 2015 at 7:27

    Das ist doch mal eine schöne Geschichte! Vielen Dank!

  • Bisou Dezember 12, 2015 at 19:28

    Auch wenn ich gerade nur noch weinen kann – Danke, danke, danke

  • muschelfinderin Dezember 13, 2015 at 12:48

    So eine Liebeserklärung von einer Tochter für ihre Mama hab ich wohl noch nie gelesen.
    Schön, dass es das noch gibt … in Zeiten, in denen sich viele Menschen entwurzelt und nicht geliebt fühlen.
    Mein Herz hat gesummt beim Lesen deiner schönen Worte.
    Und grüß mir deine Mama.
    Da sag ich doch auch: Herzlichen Glückwunsch … für so eine zauberhafte Tochter.

    • Mona Kuehlewind Dezember 13, 2015 at 14:28

      Liebe Muschelfinderin,
      ich danke dir sehr für deine lieben Worte. Ich muss meine Mama heute Abend sofort anrufen und ihr deinen Kommentar vorlesen. Sie wird sich freuen!
      Ich danke dir und wünsche dir alles Liebe.

  • misstueftelchen Februar 7, 2016 at 7:18

    … einfach wunderschön.

  • %d Bloggern gefällt das: