GIRLBOSS COLUMN: Mit seinem Blick knöpft er mir die Bluse auf, tastet sich bis zu meiner Brust hervor

November 8, 2016

Mein Rücken presst sich fest in die mit blauem Stoff überzogenen Sitze. Mein Kopf schlägt an das Fenster und mein rechter Fuß wackelt unruhig hin und her. Ich überlege, ob ich den Mann mir gegenüber fragen soll, ob wir die Plätze tauschen können. Schließlich ist er derjenige,  der in Fahrtrichtung sitzt. Und mir wird doch immer so schlecht, wenn ich rückwärts Zug fahre. Aber er versteckt sich hinter einem Buch, einem abgewetzten Bestseller, und scheint ganz vertieft zu sein, indem was er da liest. Ich versuche ihm ein paar unauffällige Blicke zuzuwerfen, blinzele ein paar Mal mit den Augen, aber er reagiert nicht. Selbst die andere junge Frau, die noch in unserer kleinen Kabine sitzt, hat von meinem Schielen mitbekommen. Sie sieht mich an. Ihre Miene verformt sich zu einem stirnrunzelnden Fragezeichen. Schnell sehe ich weg und schaue weiter aus dem Fenster. Die Landschaft zieht an uns vorbei und verschwimmt in einem einzigen Braun. Dabei kaue ich auf meiner Unterlippe, um dem Brechreiz, der vulkanartig in mir brodelt, irgendwie entgegenzuwirken.
Nach weiteren endlos langen zehn Minuten, hält der Zug an. Zum ersten Mal nach zwei Stunden kommt er zum Stehen und lässt einige Fahrgäste aus-, ein dutzend wieder einsteigen. Auch die junge Frau aus unserer Kabine verlässt uns stillschweigend mit einem letzten, in Falten gelegtem, Fragezeichen auf der Stirn. Ich ignoriere ihren Blick und versuche den Moment abzupassen, indem der Mann von einem kleinen blondhaarigem Mädchen abgelenkt wird, das wildschreiend durch das Abteil rennt. „Erwischt“, jubele ich in mich hinein. Dieser kurze Augenblick, dieser winzige Atemhauch von Zeit hat gereicht, um das zu bekommen, was ich wollte. Seine Aufmerksamkeit. Er sieht mich zum ersten Mal an. Sieht, dass ich ihn auch ansehe.
Er legt das Buch zur Seite. Merk nicht, dass das Lesezeichen beim Zusammenfallen der alten Seiten auf den Boden fällt. Ich will es ihm sagen, deute vorsichtig mit dem Finger auf den Boden, auf das zerkaute Lesezeichen, aber er beachtet nichts mehr als meine Augen, die ihn immer noch um einen Gefallen zu bitten, versuchen.

Ich ziehe meinen Finger zurück und verstecke ihn unter meinem karamelfarbenem Wollmantel. Meine Bewegung, meine Augen, die jetzt seine faltigen Hände betrachten, die durch seine Haare streichen und den goldigen Ehe-Ring entdecken, bleiben ihm nicht unbemerkt. Er fängt an zu grinsen.
Aus einem anfänglichen, heimlichen Grinsen entpuppt sich ein Lächeln, das sich über beide Mundwinkel bis hoch zu seinen Schläfen zieht. Ich zucke zusammen und entscheide mich, ihn um keinen einzigen Gefallen zu fragen. „Keinen Einzigen“, schwöre ich mir, übersehe dabei meine Beine, die sich längst voreinander überkreuzt haben. Wieder zucke ich zusammen. Dieses Mal aber fragt er, ob alles okay sei. Seine Stimme klingt dabei so tief, so rau und tief, als hätte er vor wenigen Sekunden zwei Packungen Kippen geraucht, deren Belag noch immer auf seiner schwarzen, alten Lunge ruht. Mich überkommt ein eisiger Schauer. Aber irgendwie gelingt es mir, mit den Achseln zu zucken, ihm mit meinem kleinen nickenden Kopf zu verstehen zu geben, dass alles okay sei. Noch.
Eine ganze Weile kann ich mich mit dem einzigen Grün der Landschaft ablenken, auch das Lippenkauen hilft dabei. Seinen speckigen Bestseller hat er nicht einmal wieder angerührt. Auch das Lesezeichen kauert stumm auf dem Boden vor sich hin. Doch sein Blick, der mich keine Sekunde aus den Augen lässt, der sich ständig in den Scheiben des Wagons spiegelt, mir mitten im Gesicht sitzt wie ein böser, dunkler Schatten, lässt mich keine Sekunde lang los, macht mich unruhig, nervös, schüchtert mich ein. Ja, ich habe Angst.
„Ist wirklich alles okay?“, fragt er leicht stöhnend. Ich will schreien. Aber frage nur, ob wir die Plätze tauschen können. „Mir ist schlecht“, betone ich. Dann bringe ich meine Stimme wieder zum Schweigen, gebe mir eine gedankengestützte Ohrfeige, schwach geworden zu sein.
Er überlegt einen kurzen Moment, bevor er mit einem leicht angeturnten Unterton murmelt: „Und was bekomme ich dafür?“
Ich halte Inne. Beginne die Luft anzuhalten. Stottere nach den Worten. Nach einer passenden Antwort. Dabei muss ich ihm doch eigentlich nur in die Augen sehen, die mir bereits die Bluse aufknöpfen und sich langsam bis zu meiner Brust hervor tasten.

Aber ich kann nicht. Kann nichts sagen. Schüttele nur mit dem Kopf wie ein kleines Kind.

Der Rest meines Körpers fühlt sich wie versteinert an. Mein Atem ist unregelmäßig. Mein Herz schlägt viel zu schnell.
Der Zug, der nun sein Tempo beschleunigt, presst mich nur noch fester in den Sitz. Ich will einfach nur hier raus.

Verzweifelt sehe ich eine alte Dame an, die ihren Koffer an unserer Kabine vorbeizieht. Doch sie antwortet mir nur mit einem müden Gähnen.
Ich will einfach nur hier raus.
Er hat sich jetzt leicht vorgebeugt, leckt sich die Unterlippe feucht. Seine Hände sind gefaltet und baumeln zwischen seinen Knien. Eine Haarsträhne klebt ihm auf der Stirn. Seine Augen kleben an meiner Brust.

Ich will einfach nur hier raus.

Das Eisen quietscht. Füllt unsere kleine Kabine mit einem viel zu hohem Ton aus. Der Zug kommt zum Stehen.
Ich will einfach nur hier raus.
Ich springe auf. Kralle mir meine Tasche, die mir in die Seite rammt. Greife mit der linken Hand nach meinem Koffer, dessen Griff mir in die Haut schneidet. Mit dem Ellenbogen öffne ich die Glastür unserer Kabine. Und ein letztes Mal drehe ich mich um, sehe wie er sich die Lippen feucht leckt, mit seinem Blick meine Bluse aufknöpft und sich langsam bis zu meiner Brust hervor tastet.
„Und was bekomme ich dafür?“, hallt es ein letztes Mal durch meine Ohren. „Nichts“, schreie ich dieses Mal laut. So laut, dass er ganz klein wird. Dass er sich an die Fensterscheibe presst, den Kopf einzieht und seinen Blick senkt. Meine Bluse zuknöpft, als wäre nichts gewesen.
Ich nicke ihm freundlich zu, verabschiede ihn mit einem „Auf Wiedersehen“ und schiebe die Glastür leise hinter mir zu.
„Girlboss“, klopfe ich mir stolz auf die Schulter und verlasse den Zug.

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