Ich bin bald bei dir, Baby

April 29, 2016

Die Schwärze des Himmelszeltes nimmt mir die Sicht. Der Boden unter mir ist feucht. Aus der Ferne höre ich das Klopfen eines Spechtes und das Heulen eines Hundes. Der Wind ist kalt. Ich ziehe die Kapuze tief ins Gesicht und kringele mich auf dem feuchten Boden zusammen. Und bleibe hier liegen, bis die Morgensonne aufbricht. Ich bleibe hier liegen bis ich wieder sehen kann wohin ich gehen muss.
Und irgendwas in der Dunkelheit streichelt meine Wangen. Vielleicht ist es deine Hand, vielleicht ist es aber auch nur ein Windzug. Vielleicht ist es nur ein zarter Windzug.

Es kommt mir vor, als irre ich schon Ewigkeiten in diesem Irrenhaus herum. Für mich sind die Irren die Anderen. Für sie bin ich aber die Irre, die rennt und irrt und irrt und rennt. Aber eigentlich sind sie die Irren und ich bin nur hier, weil es der Zufall war, der mich hierher führte. Sie führte das Schicksal hier her, mich der Zufall. Zufällig verirrt im Irrenhaus. Ich irre und verwirre und alles was ich will ist Licht. Mehr Licht. Aber sie lassen die Tür nur einen winzigen Spalt offen. Hier im Irrenhaus öffnen sie die Türen, um die Katze hereinzulassen, die seit zwei Stunden an der Tür kratzt. „Munzchen, Munzchen, ich komme ja schon“, sagt eine Irre und öffnet die Tür. Ich irre hinterher, stolpere über irgendetwas hartes auf dem Boden und verliere die Spur. Munzchen huscht an mir vorbei und ich höre wie dir Tür wieder ins Schloss fällt. Wieder habe ich den Weg zur Tür verpasst. Die Spur verliert sich in der Dunkelheit und ich bleibe einfach hier liegen. Warte bis Munzchen wieder rausrennt und reingelassen werden will. Vielleicht habe ich nächstes Mal Glück. Vielleicht finde ich nächstes Mal die Spur zur Tür. Und kann raus. Raus aus dem Irrenhaus.
Ich höre ich Zehnspitzen über die Dielen tanzen. Das Irrenhaus tanzt. Der Boden bebt, die Regale klappern, der Kronleuchter wackelt. Feiern sie meine Abschiedsparty? 
Ich höre den Korken knallen und den Schaum aus einer Sektflasche spritzen. Weiß muss er sein. Ich erinnere mich nur noch wage an die Farben. An meine Augenfarbe kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich krieche auf dem Boden herum. Schnuppere in der Luft und rieche Räucherstäbchen und Kokain. Ich lausche mit den Ohren. Ich höre Gelächter. Das schrille schreien einer Irren. Eine Faust schlägt an die Wand, eine zweite Faust schlägt auf nackte Haut. Ich rufe „Mama“, dann „Papa“, und aus der ferne schreit mir jemand zu: „LAUF“. 
Und ich spüre wie ich aufspringe, meine Füße rennen und rennen. Mein Kopf verwirrt. Ich irre durch das Irrenhaus und renne gegen etwas großes, hartes, schweres. Ich spüre einen Türgriff, der sich in meinen Bauch gerammt hat. Verwirrt umfasse ich den Griff, drücke ihn nach unten. Die Tür öffnet sich und eine viel größere Dunkelheit steht vor mir. Für einen kurzen Moment löst sich meine Hoffnung, mein Wunsch nach Licht, in Luft auf. Für einen kurzen Moment will ich aufgeben. Aber dann kommt sie wieder, die Stimme, die mir sagt, dass ich laufen soll. Und ich laufe, laufe nach draußen in die aller dunkelste Dunkelheit. 
Das Gelächter der Irren verfolgt mich noch einige Kilometer. Sie müssen die Fenster im Irrenhaus geöffnet haben. Manch ein Irrer schreit nach mir, aber ich bin schon zu weit weg.
Irgendwann verblassen ihre Gesichter in meinem Kopf und ihre Stimmen bleiben in Tannenzweigen und Baumgipfeln hängen.
Ich verlangsame meinen Schritt und lasse mich niederfallen. Die Schwärze des Himmelszeltes nimmt mir die Sicht. Der Boden unter mir ist feucht. Aus der Ferne höre ich das Klopfen eines Spechtes und das Heulen eines Hundes. Der Wind ist kalt. Ich ziehe die Kapuze tief ins Gesicht und kringele mich auf dem feuchten Boden zusammen. Und bleibe hier liegen, bis die Morgensonne aufbricht. Ich bleibe hier liegen bis ich wieder sehen kann wohin ich gehen muss.
Und irgendwas in der Dunkelheit streichelt meine Wangen. Vielleicht ist es deine Hand, vielleicht ist es aber auch nur ein Windzug. Vielleicht ist es nur ein zarter Windzug.

Die Nacht ist still, aber unruhig. Mir ist kalt. Ich zittere wie ein Aal. Das einzigste warme ist mein Herz und die Illusion deiner Hand auf meiner Wange. Irgendwann schlafe ich tatsächlich ein. 
Etwas Warmes kitzelt mich am nächsten Morgen unter der Nase. Ich bilde mir ein es sei deine feucht warme Zungenspitze. Aber es ist nur ein Sonnenstrahl. Ich öffne die Augen und alles ist so hell, dass ich für einen kurzen Augenblick blind bin. Dreimal reibe ich mir die Augen. Dann endlich sehe ich. Ich sehe die Lichtung, auf der ich mich wie Munzchen im Gras eingekringelt habe. Ich sehe Tannen, zwei große Buchen und ein paar Eichen. Ich sehe wie die Äste im Wind schwingen, die Blätter zu Boden fallen. Ich entdecke einen Marienkäfer auf meinem Bein landen und frage ihm wie es ihm geht. Er antwortet gut und ich wünsche ihm einen schönen Tag und sehe ihm dabei zu wie er Purzelbäume in der Luft schlägt.
Ich fühle mich wie ein Pinsel, der in eine Farbkasten getunkt wird oder wie ein weißes Blatt Papier, dass mit tausend Farben bemalt wird.
Tausend Atemzüge später mache ich mich auf den Weg. Ich suche nach einem Wegweiser. Einem Schild, einem Wort, einer Zahl. Aber ich kann nichts finden. Ich kann sehen aber nicht finden.
Und ich kann mich nicht mehr daran erinnern welchen Weg ich zu dir nehmen muss.
Es scheint als habe jemand die Kieselsteine, die ich auf dem Weg zu dir versteckt habe, aufgesammelt. Warst du es, damit ich dich nicht mehr finde? Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist. Ich muss mir eine Träne verkneifen und werfe ein lautes Lachen in die Tiefen des Waldes. 
Ich überlege ein Taxi zu rufen, doch stelle fest keinen Empfang zu haben. Die einzigen Signale die ich empfangen kann, sind die Signale der Natur. Die Sonne kann mir zeigen, welche Tageszeit wir haben, der abgelaufene Trampelpfad kann mir sagen, welchen Weg ich nehmen kann und das singen der Vögle sagt mir, dass ich nicht alleine bin.
Aber trotzdem fühle ich mich so allein. Ab und zu spüre ich wie ein Farn meine Hand streicht. Ich denke jedes Mal es sei deine Hand. 
Ab und zu umarme ich einen Baum und stelle mir vor es wärest du. Ich führe Selbstgespräche über die Liebe und das Leben. Philosophiere über Menschen und Politik und stelle mir vor du würdest mir zuhören und mir mit einem Nicken zu verstehen geben, dass wir derselben Meinung sind. 
Ich tanze über den Waldboden und stelle mir vor du würdest mir zusehen und applaudieren. Ich nehme einen Ast und tue so, als sei es dein Arm, den ich so hoch in die Luft schwinge, dass du beinahe die Wolken berühren kannst. 
Die Luft wird kälter und die Sonnenstrahlen verfärben den Wald in ein warmes orange. Der Tag neigt sich dem Ende. Ich lege eine Pause ein. Ich spüre die Müdigkeit deiner Beine. Vielleicht sind es auch meine. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und lasse dir einen Platz frei. Ich lege dir meinen Schal zur Unterlage hin.
Ich will dein Knie streicheln, dabei streichele ich mein eigenes Knie. Ich will dich ansehen, doch ich sehe nichts weiter als einen leeren Platz neben mir. „Du fehlst mir“, wispere ich und weiß, dass du mich hörst. „Bald bin ich bei dir“, verspreche ich und spüre gleichzeitig wie weit weg sich das „bald“ anhört. Ich versuche mir eine Träne mit einem lauten Lachen zu unterdrücken. Dieses Mal klappt es aber nicht. Dieses Mal weine ich. So ungern ich es auch will. Dieses Mal weine ich.
Aber ich gebe nicht auf. Ich stehe auf und gehe weiter. Ich will mein Versprechen einhalten und bald bei dir sein. 
Aber hier ist niemand, den ich nach dem Weg fragen kann, weißt du? Da kommen manchmal nur Stimmen, die sagen, dass ich laufen soll. Aber wenn ich sie frage, wohin ich laufen soll, dann schweigen sie. 
Weißt du, ich bin kein Pfadfinder. Ich weiß nicht wo lang ich gehen muss, wenn mein GPS nicht funktioniert. Und niemand ist hier, den ich fragen kann. Nichtmal ein Schild. Nichts. 
Als du mich ins Irrenhaus brachtest, habe ich Steine gestreut, damit ich den Weg wieder zu dir finde, aber jemand muss die Steine eingesammelt haben. Sie sind alle weg. 
Im Irrenhaus bin ich immer gerannt und geirrt und geirrt und gerannt. Jetzt irre ich nur noch. „Verdammt, ich will zu dir, aber ich weiß nicht, wohin ich gehen muss.“ 
In fünf Metern kommt eine Kreuzung, dann muss ich mich entscheiden. Bitte lass mich die richtige Abzweigung nehmen, bitte, bitte, bitte.
Ich komme an der Kreuzung an. Ich drehe mich im Kreis. Zweimal, dreimal, viermal. Dann entscheide ich mich, ohne lange zu überlegen, nach rechts zu gehen. Die ersten Meter sprinte ich, damit ich ja nicht wieder umdrehe und die andere Abzweigung nehme. 
Ich renne vorbei an goldenen Feldern und tiefen Flüssen und mit der Hoffnung bald bei dir zu sein. „Ich bin bald bei dir, Baby. Bald bin ich bei dir.“

3 Comments

  • Uwerichtersfotoblog April 29, 2016 at 21:58

    So viel Schmerz, so wunderbar umschrieben … Danke, dass du uns teilhaben lässt.

    • Mona Kuehlewind April 29, 2016 at 22:03

      So viel Schmerz ist es eigentlich gar nicht. Es ist viel mehr Freude auf das was am Ende auf mich wartet – egal wo ich ankommen werde. Irgendwo wird jemand warten. Das ist doch meistens so, oder?
      Liebste Grüße an Dich!

  • monikasbeautifulhome Juli 24, 2016 at 17:59

    Dein Schmerz stimmt mich sehr traurig! Es wartet immer Jemand auf uns!
    Liebe Gruesse Monika

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