Ich bin längst wieder normal

Dezember 2, 2015

„Lotta beißt in einen Bratapfel!“, „Schnell, sieh dir das an, was Lotta da macht.“, „Lotta beißt wirklich gerade in das dampfende Ding da hinein.“, „Sieh nur hin und du wirst es kaum glauben können.“, „Bernd, Bernd! Kneif mich bitte in den Arm, ich traue meinen Augen nicht.“
Ich spucke das Stück wieder aus. „Hier, den könnt ihr jetzt alleine essen“, brülle ich sie jetzt an und drücke ihnen den Bratapfel, der mir eigentlich sowieso nicht schmeckt, in die Hand. „Macht beim nächsten Mal doch besser noch ein Foto!“, schreie ich ihnen hinterher, während ich mit tränenden Augen und schniefender Nase in der Menschenmasse verschwinde.
Mit gesenktem Kopf und der Kapuze ins Gesicht gezogen stolpere ich durch die Menge der Menschen, höre das ein oder andere „He, pass doch mal auf“, stolpere weiter und wische mir die salzigen Tränen und die laufende Nase mit dem Ärmel meines Mantels ab.
„Ich kann es nicht mehr hören. Ich bin es leid für alle immer noch das kranke Mädchen zu sein, dass nichts isst. Ich bin es verdammt nochmal leid.“, fauche ich wieder und wieder in mich hinein. „Ich bin längst wieder normal!“, zische ich.
Anfangs war der ganze Zirkus, den man jedes Mal veranstaltete, sobald ich etwas aß, ja einigermaßen verständlich. Anfangs war vor drei Wochen. Aber mittlerweile habe ich schon öfter gegessen. Wirklich. Drei warme Mahlzeiten, jede Woche Eine, und eine ganze Tafel Schokolade. Davon habe ich mir jeden Tag ein Kästchen abgebrochen. „Ich bin längst wieder normal!“, schimpfe ich und kicke einen Stein beiseite.
Irgendwo in der ferne meine ich ein „Lotta, das war nicht so gemeint“ zu hören, aber ich ziehe die Kapuze lieber noch tiefer ins Gesicht und verstecke mich hinter einem kleinen Tannenbaum, der zwischen zwei Weihnachtsbuden steht.
Von dort aus lausche ich dem Getümmel – dem Lachen der Kinder, den Gesprächen der Erwachsenen, dem „Ho, ho, ho“ eines im Weihnachtsmannkostüm verkleideten Mannes.
Hinter dem kleinen Tannenbaum bin ich sicher. Hier habe ich ein gutes Versteck.
Deshalb hebe ich wieder den Kopf und beobachte das Gewimmel von Menschen – das Strahlen in den Augen der Kinder, das unsichere und schwankende Voreinandersetzen der Füße derer, die sich mit Glühwein das Leben leicht getrunken haben, und den Hund, der die letzten Plätzchen-Krümel vom Boden aufleckt.
Ich bleibe noch eine ganze Weile hinter dem kleinen Tannenbaum stehen. Durch den Spalt der Äste und die winzigen Lücken der Nadeln empfängt mich ein wohltuender, besinnlicher Duft.
Ich stecke die Nasenspitze in die Höhe, hole Luft, atme tief ein und keine Sekunde später dringt mir der Geruch ins Bewusstsein – der Geruch von Zimt und Zucker, gebrannten Mandeln und ofenwarmen Lebkuchen.
Mein Bewusstsein will mehr von diesem Geruch. Mehr, viel mehr. So unfassbar viel mehr. Mein Unterbewusstsein aber rebelliert. Mein Unterbewusstsein will weniger, viel weniger. So unfassbar viel weniger von diesem unglaublich verführerischem Duft.
Früher, da wäre das sowohl für das Bewusstsein, als auch für das Unterbewusstsein positiv ausgegangen. Früher war immer sowas wie eine Demokratie in mir.
Irgendwann aber hatte ich es satt mich ständig mit dem wenn und dem aber, mit dem was wäre wenn und was wäre wenn nicht, mit dem Teufel und dem Engelchen, auseinanderzusetzen. Ich hatte es satt das Bewusstsein und das Unterbewusstsein auszudiskutieren. Ich wurde zur Monarchie. König war an manchen Tagen das Unterbewusstsein, an manchen Tagen aber auch das Bewusstsein, so wie heute. Da kann die andere Seite noch so laut rufen, schreien und rebellieren. Letztendlich gibt es nur einen Gewinner. Und heute siegt das Bewusstsein.
Ich komme aus meinem Versteck hervor. Wie ein Tier, dass soeben aus seiner Höhle gekrochen ist, werfe ich einen scheuen und flüchtigen Blick nach Links, dann nach Rechts. Ich schnuppere mich durch die Menschenmasse und verfolge der Duftspur.
Der Geruch von Zimt und Zucker, gebrannten Mandeln und ofenwarmen Lebkuchen, der Geruch nach Weihnachten, führt mich zu einer kleinen Weihnachtsmarktbude in der hintersten Ecke des Marktes. Ich bleibe auf Distanz und verstecke mich wieder hinter einem kleinen Tannenbaum, der mutterseelenallein in einer dunklen Ecke, zwischen zwei Buden steht und den Anschein macht, als könnte er Gesellschaft gebrauchen. Er sieht fast aus wie das Bäumchen von vorhin, bloß noch etwas kahler, noch etwas trauriger vielleicht.
Ich verstecke mich hinter dem mickrigen Tannenbäumchen, in der dunklen Ecke. Es ist stockdunkel. Das einzige was Glitzert sind meine Augen. Meine Augen die mit Tränen gefüllt sind.
Von hier aus habe ich einen guten Überblick und die beste Sicht auf die Weihnachtsmarktbude von der aus ein herrlicher Geruch, ein Geruch von dem mein Bewusstsein mehr verlangt, über den Weihnachtsmarkt zieht und sich in allen Ecken und Winkeln festzukrallen scheint. Ich beobachte Kinder, kleine und große, Eltern, Omas und Opas, wie sie an dem Stand vorbeigehen wollen, ihn zuerst gar nicht beachten, doch sich in der nächsten Kurve wieder umdrehen, und sich fragen, woher der Geruch bloß kommen mag. Und dann sehen sie die gebrannten Mandeln, der Mann in roter Zipfelmütze, der die Mandeln mit Zucker und heißer Butter übergießt. Wie er mit der rechten Hand den Ofen öffnet und die Lebkuchen herausholt und in die Ferne ruft „Frische Lebkuchen! Frische Lebkuchen! Wer will frische Lebkuchen?“
Kinderherzen schlagen höher, Opas Augen werden größer und könnten Blicke sich verlieben, dann hätte Oma sich jetzt ein zweites Mal verliebt.
Ich bleibe trotzdem in meinem Versteck. Mein Herz schlägt mittlerweile Purzelbäume und mit jedem neuen Blech Lebkuchen, das der Mann mit der rechten Hand aus dem Ofen holt, mit jeder neuen gebrannten Mandel Tüte, die an mir vorbeischleicht, stehe ich kurz vor einem Herzkollaps. Wie auch immer ich das anstelle, aber irgendwie gelingt es mir jedes Mal meinen Puls wieder herunterzufahren.
Irgendwann macht es mir sogar Spaß, weil ich endlich wieder sowas wie Kontrolle fühle.
Weißt du, seitdem ich wieder normal bin, seit drei Wochen also, habe ich nicht mehr die Kontrolle muss ich nicht mehr die Kontrolle über das Hungergefühl haben. Weil jetzt esse ich ja, jede Woche eine warme Mahlzeiten und jeden Tag ein Kästchen von der Schokoladentafel. Danach bin ich immer pappsatt und habe keinen überhaupt keinen Hunger mehr. Verstehst du, jetzt ohne dieses Hungergefühl brauche ich das Hungergefühl ja auch nicht mehr kontrollieren. Und manchmal fehlt mir ein bisschen Kontrolle. Ich gebe es ja zu.
Aber irgendwann macht mir das Herunterfahren meines Pulses wirklich Spaß, weil ich wieder etwas kontrollieren muss. Es fällt mir auf einmal so leicht. Es fällt mir sogar ein bisschen leichter als das Atmen.
Nur geschätzte zehn Meter, tausend Zentimeter, zwanzig Schritte und der dunkle Asphalt trennen mich und die Weihnachtsmarktbude mit dem herrlichsten aller herrlichsten Gerüche. Aber es ist zu viel. Die Entfernung ist zu groß um diese zwanzig Schritte zu bewältigen.
Ich bin gefangen, gefangen in einer dunklen Ecke, gefangen hinter einem mickrigen Tannenbaum und eingesperrt von der Monarchie meines Unterbewusstseins, das mir befehlt mich nicht vom Fleck zu rühren. Also bleibe ich hier hocken. Stocksteif und mucksmäuschenstill, als würde mich jede Bewegung etwas aufs Spiel setzten. Als würde ich für jede Bewegung einen hohen Preis setzten – 2,50€ für eine Tüte gebrannte Mandeln, 3,50€ für die Große Tüte, 2,00€ für einen Lebkuchen und morgen 10 Kilo mehr auf der Wage. Das könnte ich mir nie verzeihen. Ich bleibe wohl heute lieber die Gefangene meiner Selbst.
Da drüben, auf der anderen Seite, da herrscht Demokratie. Ich kann es sehen. Ein Vater und seine zwei kleinen Töchter einigen sich auf eine Familienpackung gebrannte Mandeln. Zwei Freundinnen einigen sich auf einen Lebkuchen, den sie teilen wollen und eine altes Ehepaar entscheidet sich für 100g gebrannte Mandeln. 50g für die Dame, 50g für den Herrn. Aber ich, ich lebe in der Monarchie meines Bewusstseins, dass mich dazu zwingt auf dieser Seite zu verweilen. Dass mir eingetrichtert hat, dass ich in einer Monarchie sicher bin. Deshalb bleibe ich hier sitzen.
Früher, da wäre das Alles gar nicht erst passiert. Da war jeder Weihnachtsmarktbesuch schöner als Geburtstag und Weihnachten zusammen. Mama hat mir immer eine rosa Zuckerwatte gekauft, Papa hat immer eine Runde Bratwurst für alle ausgegeben. Die Großen haben immer Glühwein getrunken und die Kleinen einen Punsch. Da haben wir so viel gelacht, gegessen und getrunken. Das war schön. Damals, da hat aber auch niemand einen Zirkus veranstaltet wenn Kind Lotta in die Bratwurst gebissen hat. Damals war alles noch anders und so viel schöner.
Eine Zigarette, die mir heimlich aus der Tasche fällt, holt mich aus meinen Gedanken. „Mist“, fauche ich und hebe die Zigarette vom Boden auf. Ich hatte ganz vergessen, dass ich rauche. Eigentlich rauche ich wirklich nicht. Ehrlich nicht. Nur manchmal. Nur an Sonntagen.
Heute ist manchmal. Heute ist Sonntag. „Mist“, zische ich ein zweites Mal und stecke mir die Zigarette in den Mund. Der erste Zug tut gut. Jeder erste Zug tut das. Der zweite tut noch besser. Der dritte erst recht. Mit jedem Zug fühlt man sich besser und man raucht die Zigarette bis auf den letzten Stummel leer. Ja, auch ich. Ja, auch heute.
Ich atme so viel Rauch aus das ich mich frage, was ich einatme, wenn es mir mit jedem Zug besser geht?
Und stelle fest, dass es Mut sein muss. Ich scheine so viel Mut getankt zu haben, dass ich mich bereit fühle diese zehn Meter zu bewältigen. Ich scheine auf einmal so viel Mut getankt zu haben, dass ich mich bereit dazu fühle auf die andere Seite zu wechseln. Auf die Seite, in der Demokratie herrscht. In der man mit Bewusstsein und Unterbewusstsein diskutiert und sich dann entscheidet. In der Demokratie, in der diskutiert wird wie viel Gramm Mandeln man nehmen soll. Das Bewusstsein verlangt die kleine Packung, dass Unterbewusstsein verlangt die Große Packung. Dann diskutiert man und entscheidet sich für die mittlere Packung und befriedigt somit Bewusst- und Unterbewusstsein. Auf die Seite, in der wir alle leben sollten, nicht wahr?
Ich ziehe noch ein letztes Mal an meiner Zigarette bevor ich sie auf den Boden werfe und austrete. Dann krieche ich aus meinem Versteck hervor und setzte einen Fuß vor den anderen.
Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, wie ein langer, steiniger Weg, obwohl der Boden so eben und unbefleckt ist, dass die Zigarette, die ich fallen gelassen habe, völlig einsam daher rollt.
Als ich vor der Weihnachtsmarktbude stehe, kommt mir der unfassbar ungeheuerlich herrliche Duft wieder ins Bewusstsein. Mein Unterbewusstsein schreit und rebelliert. Mein Unterbewusstsein will hier weg, will sich wieder hinter dem mickrigen Tannenbaum verkriechen. Aber mein Bewusstsein, das jubelt, tobt und tanzt. Ich denke ein bisschen nach, wühle hastig in meinem Geldbeutel und widme mich der Aufmerksamkeit des Mannes, der mich bereits mit einem „Was darf es für sie sein, junge Frau?“, empfängt. Ich überlege noch einmal und entscheide mich für die gebrannten Mandeln, aber die kleine Portion. Weil ich Bewusstsein und Unterbewusstsein ausdiskutiert habe. Weil ich wieder eine Demokratie sein will.
Als ich dem netten Verkäufer mit glänzenden Augen und pochendem Herzen 2,00€ in die Hand drücke, höre ich mich, wie ich mich mit einem „Bis bald“ verabschiede. Ich will also wieder kommen.
Ich drehe mich um, stecke mir die erste Mandel in den Mund. Ein heller überraschender Blitz empfängt mich und ich lasse vor Schreck die Tüte fallen.
„Auf frischer Tat ertappt!“, jubelt Opa, dem ich jetzt mit entsetzten Augen ins Gesicht schaue. „Mona, ich kann es einfach nicht glauben.“, stimmt Oma in sein Gejubel ein.
Dann merke ich nur noch wie ich renne, so schnell ich nur kann. Wie ich keuchend davon renne, bis ich nicht mehr kann. Dann irgendwo auf den kalten Asphalt falle, der gerade die letzten Reste des Tages einatmet und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das er mich mit einatmen würde. „Ich bin längst wieder normal.“

6 Comments

  • Mercedes Dezember 2, 2015 at 13:17

    Liebe Mona! Ich kenne das so gut! Und du beschreibst so wunderbar – liest deine Familie deine Blog auch (vielleicht heimlich, oder schreibst du wenigsten den, um deine Ruhe zu haben? Ich habe 20 Jahre erst mit Magersucht,und dann mit heimlicher Bulemie verbracht, immer im Verborgenen, dann kam noch der Alkohol dazu, und das hat Leben, meine Lebensfreude, Zuversicht, Vertrauen, Beziehungen, Lebenskraft bis heute unendlich beeinflusst und aufgezehrt. Ich war dann in der wirklich guten Klinik Roseneck, und von da an ging es aufwärts, auch wenn noch lange nicht alles gut war. Unter Gleichgesinnten, viel Lachen, viel Auszeit, Ich wünsche dir so sehr, dass du nicht so lange brauchst wie ich, um ins Leben zurückzufinden! Ich habe so viel Zeit verloren, meine ganzen zwanziger und die halben dreißiger Jahre. Keine Kinder, keinen Partner, dem ich vertrauen konnte. Ich denke an dich und freue mich über jeden deiner berührender Einträge. Vielleicht sprichst du mit deiner Familie, erklärst ihnen in einem ruhigen Augenblick, wie es für dich ist,wenn sie so reagieren. Alles Liebe, deine Miriam (=Mercedes)

    • Mona Kuehlewind Dezember 2, 2015 at 20:46

      Liebe Miriam,
      meine Familie liest meinen Blog. Mama und Papa kennen all meine Gefühle und Gedanken und kennen jeden Text. Und das finde ich auch toll.
      Meine Eltern wissen mittlerweile, dass ich wieder „normal“ bin. Aber trotzdem stoße ich oft, gerade in den letzten Tagen, sehr häufig auf Menschen, denen beinahe die Augen rausfallen, wenn ich mal in einen Schokoriegel beiße und das macht es mir wieder unglaublich schwer. Aber auch mit solchen Situationen muss man lernen umzugehen, deshalb schreibe ich, das hilft mir ungemein!
      Ich finde deine Geschichte ganz erschreckend, und wünsche mir nichts mehr, als das es dir jetzt wieder gut geht?! Ich hoffe es so sehr und schicke dir ganz ganz viel Kraft und Mut.
      Fühl dich lieb umarmt und herzlichen Dank für deine Nachricht <3

  • sternfluesterer Dezember 2, 2015 at 15:47

    Ich habe Dir schon einmal von der jungen Frau erzählt, jener, die ich in der Klinik kennenlernte und die auch an einer Magersuchtsessstörung litt. –

    Von ihr weiß ich, wie schwer es für sie war in der Klinik im Beisein anderer zu essen. Sie schämte sich, wenn sie länger aß als alle anderen, geriet in eine Art innere Panik, obwohl ihre Portion meist sogar kleiner war als die der anderen. –

    Dann, wenn sie selbst sich entschlossen hatte, etwas „zwischendurch“ zu essen, dann wollte sie dabei allein sein. –

    Ich habe mich dann nie in ihre Nähe gesetzt. Aber für die Zeiten der „offiziellen2 Mahlzeiten habe ich ihr angeboten, dass sie, dann wenn alle anderen schon fertig waren mit dem Essen, und sie sich so fühlte, als würden alle abwechselnnd sie und dann ihren Teller anstarren, ab und zu zu mir zu schauen.

    Ich richtete es so ein, dass ich bewusst langsamer aß, als ich sonst gegessen hätte. (Und lernte dabei, mein Essen mehr zu schmecken, es genussvoller zu mir zu nehmen. – Das ist also iohr Verdienst!) Wenn sie zu mir sah, sah sie mich auch essen – um mich herum viele andere Menschen, die ihre Mahlzeit schon beendet hatten. Ich habe sie einfach nur schauen lassen. Nur einmal schaute ich zu ihr zurück. Sie führte gerade eine Gabel von ihrem Salat zu ihrem Mund, und lächelte mich an.

    Ich denke, dass es sehr schwer ist für Außenstehende, die Seele eines Menschen zu ergründen, der an Anorexie leidet, sich dieser Krankheit bewusst ist und sie doch so sehr gern loswerden möchte. Es werden da so schnell Bemerkungen gemacht, die jene Seele, die ja krank ist, und die es sich nur deshalb so schwer macht, vollends aus der Fassung bringen. – Warum werden so viele Bemerkungen daher geredet? Warum lässt man manches nicht einfach gewähren, lässt es stehen, wie es ist. Warum mag man nicht einen Moment innehalten, und einen Moment später, einen geeigneteren, vielleicht behutsam, freundlich, signalisierend, dass man VERSTEHEN möchte, wählen, um zu fragen: Wie geht es Dir? Warum tust Du das?

    Mit jener jungen Frau konnte ich so sprechen, nicht immer, aber in solchen bewussten Momenten. Und dann hatte ich sogar das Empfinden, dass sie froh war, dass sich da jemand interessierte, der nicht gleich urteilte, wertete. – Auf diese Weise habe ich einiges von dem erfahren, was ich zum Beispiel hier jetzt schreibe. Sie war bereit, von sich zu erzählen. Und ich glaube, sie freute sich, wenn ich auch mal (und das ganz ehrlich ) sagte: „Das verstehe ich nicht, das kann ich nicht nachvollziehen“. Sie erzählte dann noch einmal, erklärte mit anderen Worten. Ganz bereitwillig. Und ich VERSUCHTE, ein bisschen besser zu verstehen, weil ich ganau das wollte. Und das sagte ich ihr auch, Und auch, dass ich damit noch lange nicht fertig sei. Und sie spürte wohl, dass ich tatsächlich ehrlich war, wenn ich das agte.

    Ich glaube nicht, dass ich ihr mit meiner Art zu fragen, mit ihr zu sprechen oder ihr Vorschläge, wie den oben genannten, zu machen, wirklich zu helfen imstande war. Ich bin weder Psychologe noch Arzt, der das vielleicht kann, auch nur dann, wenn sie es wirklich zu wollen imstande ist. – Aber ich konnte sie vielleicht ein bisschen motivieren, ihr ein klein wenige Rückhalt schenken.

    Wenn ich das für Dich auch könnte, ein bisschen immerhin, würde mich das unsagbar froh stimmen.

    Viele ganz und gar ♥liche Grüße an Dich, liebe Mona.

    • Mona Kuehlewind Dezember 2, 2015 at 20:54

      Und weißt du, Rückhalt ist das, was uns heilt. Rückhalt ist das, was uns fehlt, was wir an jenem Tag verloren haben, aufgegeben haben. Wir können uns vor Untergewicht selbst nicht mehr halten, deshalb brauchen wir den Rückhalt der Anderen. Am liebsten der Menschen, die uns nah stehen.
      Eine schöne Geschichte hast du erlebt, und ich bin mir sicher, dass du der Frau in diesem Moment sehr viel geholfen hast. Mir hättest du es, allemal!
      Und weißt du, ich glaube, dass es okay ist, normal ist, dass wir nicht verstanden werden. Dass niemand die Seele einer Person mit einer Essstörung versteht. Überall auf der Welt herrscht Verständnislosigkeit. Man hat nicht umsonst die Worte „Hä?“, „Was?“ und „Wie bitte?“ erfunden. Wir sprechen unterschiedliche Sprachen, und verstehen uns nicht. Wir haben andere Kulturen und Religionen, und verstehen uns nicht. Wir haben andere Ziele, Wünsche und Hoffnungen, und verstehen uns nicht. Wir haben alle unterschiedliche Seelen, und deshalb verstehen wir uns so schlecht.
      Und ich verlange von niemanden meine Seele zu verstehen, denn das würde sich für mich so anfühlen, als würde ich von einem Chinesen verlangen Deutsch zu sprechen, von einem Katholiken verlangen Evangelist zu werden und und und. Und das will ich nicht, das würde ich niemals wagen zu tun. Deshalb verlange ich auch von niemanden, dass er mich versteht.

      Ganz ganz herzliche und liebe Grüße an Dich,
      Mona

  • dermarkgold Dezember 2, 2015 at 20:37

    Liebe Mona, ich muss leider sagen – Nein, es gefällt mit nicht!
    Nicht dein Beitrag, den finde ich toll erzählt.
    Es ist nur so, dass ich mit meinen Agressionen kämpfen muss, wenn ich es lese.
    Das Verhalten der Menschen rund herum ist dergestalt, dass ich den Tannenbaum nehmen möcht‘ (den Armen) und ihn den Menschen um die Ohren schlagen um sie vielleicht ein bisschen wach zu machen dafür, was sie anrichten. Jeder von ihnen ist so verknöchert in seiner Welt verkrochen, dass sie so überhaupt nicht bemerken, was sie anderen mit ihren Aussagen und Ausrufen antun.
    Na gut, jetzt wo ich das schreib muss ich sagen, ich hätte von Menschen ja eigentlich auch nichts anderes erwartet.
    Und „Lotta“ selbst?
    Da gibt es den Teufel und da gibt es den Engel.
    Da gibt es Unterbewusstsein und Bewusstsein.
    Dazwischen?
    Da pendelt jemand für mich zwischen zwei Extremen. Und – wie bei jedem Pendel – ist gerade in der Mitte die Geschwindigkeit am Höchsten. Die Zeit „dazwischen“ ist ganz kurz.
    Aber zwischen Teufel und Engel, da gibt es den Menschen.
    Da gibt es Lotta, da gibt es Mona.
    Ein wenig Teufel, ein wenig Engel. Nichts von beiden und trotzdem beides. Ein Mensch mit Teufelshörnchen und Heiligenschein.
    Ich weiß nicht, was „normal“ ist. Und ich kümmere mich auch nicht darum.
    Doch die Frage an dich: „Kannst du dir vorstellen, dass Teufel und Engel von ihren weit entfernten Planetenbahnen. Sich ein wenig aneinander annähern so dass die Strecke dazwischen kürzer wird? Oder dass das Menschlein dazwischen – anstatt hin und her gerissen zu sein – seine Hände nach beiden Seiten ausstreckt und über sich hinweg beide miteinander verbindet?“
    So das jeder (der drei!) zu seinem Recht kommt und ein wenig Recht behält.
    Du hast es so schön „Demokratie“ genannt!

    • Mona Kuehlewind Dezember 2, 2015 at 21:04

      „Ein Mensch mit Teufelshörnchen und Heiligenschein“, welch schöne Bezeichnung. Klingt irgendwie süß und niedlich, gleichzeitig aber auch böse und gemein.
      Aber JA, diese Demokratie, ein Pendel, dass gar nicht mehr so stark pendeln muss, weil die Strecke kürzer wird, JA das kann und will ich mir gut vorstellen. Das muss schön sein, das ist schön, und ich will es. Jeder sollte es wollen. Denn es lebt sich doch viel besser in einer Demokratie, findest du nicht auch?
      Und zu dem oberen Teil deines Textes: Als ich ihn schrieb, war ich auch sehr böse um ihn. Ich wäre auch am liebsten in die Geschichte hinein gesprungen, hätte mit dem Tannenbaum um mich geschlagen. Aber ich habe ihn dann ein zweites Mal gelesen, und dann ein drittes Mal und dann habe ich ihn immer mehr und mehr angefangen zu akzeptieren und zu verstehen und irgendwie sogar auch zu mögen. Mir ist nämlich eine Sache bewusst geworden.
      Ich kann von niemanden verlangen mich zu verstehen. Ich kann von niemandem verlangen, dass er oder sie meine Seele versteht. Das wäre so, ich habe dies schon einmal in einem Kommentar gesagt, als wenn ich einem Mensch befehle die Kultur zu wechseln, eine andere Sprache zu sprechen oder seine Religion aufzugeben, um einen anderen Glauben anzunehmen. Jeder Mensch ist ein Individuum und so ist auch jede Seele einzigartig. Deshalb möchte ich nicht verlangen, dass mich jemand versteht. Ich möchte nur, dass mich jemand akzeptiert. Aber dafür muss ich auch akzeptieren. Sie akzeptieren und mich akzeptieren.

      Ganz ganz liebe Grüße und hab lieben Dank für deine Nachricht <3

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