Ich bin Lebenskünstler

April 16, 2016

Lange Zeit habe ich die Pfützen Meere genannt. Einmal verließ ich das Haus ohne Regenschirm, weil ich Regenschauern mit Sonnenstrahlen verwechselte. Ich erfreute mich an den Pfützen und sprang wild in ihnen herum, weil ich dachte es wäre das Meer. Die Sirenen klangen wie das Horn eines alten Dampfers, die Scheinwerfer der Autos leuchteten wie das Licht aus einer dunklen Kajüte. Aus der ferne rief ein junger Herr mir zu, dass ich etwas anziehen soll. Ich glaubte es sei der Kapitän gewesen. Ich sah an mir herunter und verstand die Welt nicht mehr. Ich stand immer noch mit den nackten Füßen im Meer. Ich trug einen Badeanzug und einen gelben Friesennerz. Und ich verstand die Welt nicht mehr. „Trägt man auf See denn keine Badekleidung mehr?“, fragte ich mich und hob den linken Fuß aus dem Meer und setzte ihn auf den warmen Sandboden. Unter dem Fuß zwickte es mich. Ich vermutete auf eine Muschel getreten zu sein, doch als ich mich bückte, um das kleine Etwas aufzuheben, stellte ich fest, dass es ein Stein war. Das Horn des Dampfers verstummte und das kleine Lichtlein in der Kajüte musste jemand ausgeknipst haben. Die letzten Sonnenstrahlen rieselten auf meinen Kopf. Einen Sonnenstrahl konnte ich mit der Zunge abfangen. Er schmeckte dreckig und salzig. „So hatte ich mir die Sonnenstrahlen nie vorgestellt“, hauchte ich in die Meeresluft. Ein kalter Windstoß ließ mich frösteln. Ein zweiter Windstoß huschte unter meinen Mantel und versteckte sich zwischen Nacken und Steißbein. Und da blieb er sitzen, ich glaube bis heute. Mit jeder weiteren Minute, die ich mit dem einen Fuß im Meer und mit dem anderen Fuß auf dem Sandboden verharrte, spürte ich die Härte des Erdbodens. Der Erdboden schien immer härter zu werden. Ich spürte die Erdanziehungskraft wie nie zuvor. Mit der Härte des Erdbodens schlich sich auch etwas raues, steiniges, kalte ein. Mir war ganz unwohl und die Erdanziehungskraft versuchte mich mittlerweile zu verschlingen. Der Geruch von Abgasen und übermäßigem Ausstoß von Kohlendioxid zog durch meine Nase.
Als ich begriff, dass ich mich nicht auf See befand, sondern in einer Einbahnstraße in einer Pfütze stand, war der Regen mir bereits bis auf die Haut gedrungen und ich fing mir eine Erkältung ein.
Dann lag ich fünf Tage lang krank im Bett und begann zu verstehen. Ich sah aus dem Fenster. Im Regen sah ich wieder den Regen, in der Sonne die Sonne und auf dem kalten Asphalt den kalten Asphalt mit Steinen und nicht den warmen Sandboden mit Muscheln.
Ich wälzte mich im Bett. Drehte mich aufs linke Ohr, dann aufs rechte und wieder aufs linke. Seit wann war die Sonne so hell und der Regen so nass? Seit wann war der Asphalt so dunkel und die Steine so spitz? Wann war das letzte mal als ich den Regen sah? Wann habe ich das letzte mal Asphalt und spitze Steine gesehen, Abgase und Kohlendioxid gerochen?
Ich stellte fest, dass es eine ganze Weile her gewesen war. Ich blätterte in meinem Tagebuch und suchte nach der Antwort. Ich stöberte durch mein E-Mail Postfach und wühlte durch alte SMS’n, suchte nach Worten wie „Regen“, „Pfütze“, „Asphalt“, „Kalt“, „nass“. Aber alles was ich fand, alles was ich in den letzten Monaten schrieb, hieß „Meer“, „Sonne“, „Wärme“, „Luft, Meeresluft“. 
Schon komisch, dass ich auf all die Fragezeichen nicht einmal geantwortet habe. Schon merkwürdig, dass ich Rückfragen unbeantwortet lies.
Mit der Erkältung, die ich nun hatte, lag ich im Bett und sah zum ersten Mal, dass alles trist und grau war. Das was ich sah, waren nicht die Wellen des Meeres, sondern die Autos, die an meinem Fenster vorbei rasten. Das was ich hörte, war nicht das Horn eines Dampfers, sondern das Hupen der Autos. Und das was ich roch, war keine Meeresluft, es waren Abgase und Kohlendioxid.
Und zum ersten Mal fühlte ich mich falsch. Dort wo ich war. In meiner Wohnung, in meinem Bett, selbst draußen in der Pfütze. Alles war so falsch und so fremd, als würde ich träumen, dieses Mal bloß einen Albtraum erleben. 
Nach den fünf Tagen, die ich mit Ingwertee im Bett verbracht hatte, ging es mir bedeutend besser. Mein Zustand hatte sich stabilisiert. Ich konnte jetzt länger aus dem Fenster sehen und die Vorhänge den ganzen Tag lang öffnen. Ab und zu kippte ich auch das Fenster und ließ ein bisschen fremde Luft hinein. Ja, die Luft und alles war mir immer noch fremd. Aber ich schien mich daran zu gewöhnen. An einem Sonntag Nachmittag verließ ich zum ersten Mal wieder die Wohnung. Ich zog mir meine Wintermantel und meine Pelzstiefel an. Es war mitten im April. Wir hatten 23 Grad. Aber ich erinnerte mich an den Mann, der mir sagte, ich solle mir etwas anziehen. 
So spazierte ich im Wintermantel durch den Park, in dem die ersten Blumen sprießen. Ich überholte Mütter, die ihre Kinderwagen vor sich her schoben, ich hörte Stimmen, die Urlaubspläne schmiedeten und von der Reise nach Mallorca schwärmten. Ich sah Kinder, die an einem Eis leckten und Hunde, die „Stöckchen holen“ spielten. Ich sah Menschen mit kurzen Hosen und Sandaletten. Ich überholte sie im Wintermantel und schwitzte wie ein Schwein. Fünf Minuten lang setzte ich mich auf die Parkbank, bis ich merkte, dass ich Blicke auf mich zog, sie wortwörtlich an mir kleben blieben. Ich fühlte mich so unwohl und wünschte mir auf See zu sein. Im gelben Friesennerz und Badeanzug.
Die Tage vergingen und mit jedem Tag fiel es mir schwerer. Das Leben, das die Menschen hier führten.
In diesen Tagen fuhr ich auch einmal ans Meer. Da wurde mir dann bewusst, dass ich nie auf See war, immer nur davon träumte und das echte Leben mit der Vorstellung auf See zu sein übermalte. Mir wurde bewusst, dass ich mein Leben übermalt hatte – mit gelb, orange, ein bisschen rosa und ein bisschen weiß. Wie ein kleines Kind kritzelte ich mit bunten Farben auf meinem Leben herum, bis es ein anderes war. Eines was bunt war. Kunterbunt.
Aber nun war die Farbe ab. Und das eine echte Leben wieder da. Das, was mir noch nie gefiel. 
Ob es meines ist, dass kann ich nicht sagen. Aber es ist ein Leben, was immer unter der Farbe ist und mir einfach nicht gefällt. 
Ich entschloss mich dazu wieder Farbe zu nehmen. Dieses Mal mehr grün, mehr blau und rot. Dieses Mal benutze ich stärkere Farben. Ausdrucksstarke. Willensstarke Farben. 
Eine Woche lang malte und malte ich. Der Asphalt verblasste, verschwamm in Mamorfliesen. Ich sah mich aus der Pfütze trinken. Es war der Champagner von letzter Nacht, den irgendjemand auf den Boden geschüttet haben musste. Die Luft roch nach Qualm und Tabak. Die Scheinwerfer der Autos wurden zu Scheinwerfen, die über die Tanzfläche schwankten. Licht gab es kaum. Es war dunkel. Die Musik war laut. Ich hörte wieder Menschen, Lachen, Schreien und Gläser auf dem Boden zerklirren. Ich hörte Musik und platzende Luftballons. Ich hörte Korken knallen und Weingläser füllen. Ich hörte das Klicken eines Feuerzeuges und sah in der Ferne die kleine Flamme, die eine Zigarette anzündete. Dann sah ich noch mehr. Füße auf dem Boden trampeln, Beine in der Luft schwingen, Rockzipfel, die viel zu hoch sprangen, und Mädchen, die viel zu knapp gekleidet waren. Ich sah Freunde, die Trinkspiele spielten und zwei Zigaretten auf einmal rauchten.
Es war ein verrücktes Leben. Es war laut, verraucht, verqualmt und verkokst. Es war unheimlich jung. Es sie gefiel mir.
Ich stellte fest, dass viele meiner Freunde auch dieses Leben führten und ich empfand es deshalb umso mehr gelungen. „Ein grandioses Kunstwerk, Mona“, lobte ich mich jede Nacht, bevor ich schlafen ging. Es war meistens 4:00 Uhr in der Früh.
Eines Nachts vergaß ich mich zu loben. Ich meine es war gestern Nacht. Und als ich aufwachte, war die Farbe am zerlaufen. Ich erkannte wieder die Umrisse des Lebens, was darunter war. 
Asphalt, Regen, Kälte, Nässe. Nach und nach wurden die Umrisse deutlicher. Bis es dann wieder da war. Dieses Leben, was mir noch nie gefiel. 
Vergeblich versuchte ich mit etwas Farbe nachzumalen, doch jeder Versuch scheiterte. Ich legte mich ins Bett und schlief eine ganze Weile.
Ich bin gerade aufgewacht. Sitze hier am Esstisch und überlege, welche Farben ich morgen nehme. Vielleicht Lila und Pink?

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