Ich muss dir die Wahrheit sagen

September 24, 2015

 

Eigentlich bin ich ganz anders. Ich wollte es dir nur nicht sagen.

Eigentlich bin ich schon alt.
Eigentlich wäre ich lieber 30 Jahre alt, als erst 18 Jahre jung zu sein. Eigentlich trinke ich lieber Kaffee, als Kakao und eigentlich gehe ich lieber spazieren, als zu joggen. Eigentlich tanze ich lieber Walzer, als Discofox und eigentlich sage ich lieber „Wie bitte“, als „Hä“. Eigentlich gehe ich lieber früh zu Bett, als die Nacht durchzufeiern. In Wahrheit spiele ich auch lieber „Mensch ärgere dich nicht“, als Playstation. Trage lieber Stiefel, anstatt High Heels und mag auch viel mehr rosa- und rosé Töne, als Glitzer und Silber. Ich schaue lieber schwarz weiß Filme mit kitschigem Happy End, lese lieber die Brigitte, anstatt die Cosmopolitan, und schaue um 20 Uhr die Tagesschau, anstatt die Daily Soap GSZS auf RTL. In Wirklichkeit träume ich nicht davon in Clubs gefeiert zu werden, sondern als beste Oma der Welt gekürt zu werden. Eigentlich bin ich doch lieber alt.
Eigentlich bin ich ein richtiges Mädchen.
Eigentlich mag ich kein schwarz. Ich mag rosa. Die Wand in meinem Wohnzimmer ist rosa und auch meine Putzhandschuhe und meine Putzlappen sind rosa. Eigentlich singe ich gern unter der dusche, lasse mich gern verwöhnen und einladen. Ich trage am allerliebsten Röcke, Kleider und Perlenketten. Eigentlich spare ich heimlich für das nächste Paar Schuhe, als für Unibücher. Eigentlich verlasse ich das Haus nie ohne Schminke und lackierte Fingernägel. Eigentlich ekel ich mich vor Spinnen und rette bei Regen zuerst meine Frisur, als den Einkauf. Ich renne mehrmals am Tag zum Spiegel und flippe bei jedem abstehenden Haar aus dem Häuschen. Eigentlich bin ich gern ein Mädchen.
Eigentlich bin ich klein.
In Wirklichkeit bin gar nicht so groß, wie ich mich auf Bildern immer posiere. Eigentlich ziehe ich nur hohe Schuhe an, um die Aufmerksamkeit von großen Männern zu bekommen, weil ich große Männer attraktiver finde. Eigentlich bin ich viel zu klein, um beim Autofahren richtig über die Motorhaube zugucken und eigentlich passt mir die Kleidung aus der Kinderabteilung besser. Eigentlich bin ich 1,61cm klein.
Eigentlich bin ich nicht so schlau.
Eigentlich bin ich ein Mathegenie, was ein Intelligenztest herausstellte, aber bin im Abitur in Mathe doch durchgefallen. Eigentlich habe ich einen Jungen einmal dafür bezahlt, dass er mir einen Geschichtsaufsatz schreibt und zum Hausaufgaben machen habe ich mich auch nur getroffen, um bei Marie alles abzuschreiben. Eigentlich habe ich für meine grauenvolle Rechtschreibung immer einen Notenpunkt Abzug bekommen und eigentlich schalte ich „Wer wird Millionär“ auch immer nach der 50€ Frage ab. Wenn ich ehrlich bin kann ich auch nur mit Kalorien rechnen, als mit dem Satz des Pythagoras. In Englisch und Französisch habe ich immer Spickzettel in mein Wörterbuch geschrieben und bin während Klausuren auch nur auf Toilette gegangen, um meinen „Telefonjoker“ zu ziehen. In Wahrheit bin ich kein Intelligenzbolzen.
Eigentlich bin ich faul.
Eigentlich schlafe ich lieber bis in die Puppen, als mich zum Frühsport zu motivieren. Ich fahre lieber, als zu laufen und generell lasse ich mich lieber kutschieren. Ich trage auch lieber zehn Dinge auf einmal, anstatt zehnmal zu laufen. Ich lasse gerne mal den Hausputz Links liegen, wasche selten mit Spülmittel ab und bringe meine Wäsche auch lieber zu Mama. Essen tue ich am liebsten direkt aus dem Topf und trinken tue ich sowieso nur aus der Flasche. Um ehrlich zu sein, ersetze ich Cardioeinheiten im Fitnessstudio auch lieber mit Shoppingtouren und lasse das Aufwärmen vor dem Sport gerne mal ausfallen. Eigentlich bin ich ein Faulpelz.
Eigentlich bin ich keine Bodybuilderin.
Eigentlich habe ich kein Sixpack und eigentlich ist mein Bizeps auch nicht größer, als eine Cocktailtomate. Eigentlich mag ich keinen Schweiß und kann den Geruch von Eisen und Rost nicht ausstehen. Eigentlich trainiere ich nur mit Handschuhen, um ein paar Bakterien weniger zu bekommen und ich posiere in der Mukkibude auch nur vorm Spiegel, um zu prüfen, ob die Frisur noch sitzt. Stöhnen tue ich beim Bankdrücken auch nur, weil es alle tun, genauso wie ich Brust nur trainiere, weil es eben jeder macht. Ich drücke auch keine 50 Kilo beim Bankdrücken und mache keine Kniebeugen mit 60 Kilo. In Wahrheit esse ich auch gar nicht gern Brokkolimatsch, Reis und Hühnchen. Ich esse auch Fett zum Frühstück und Kohlenhydrate zum Abend. Ich verzichte auf Ernährungsergänzungsmittel, schütte Proteinshakes immer weg und Eiweißriegel verschenke ich jedes Mal. In Wahrheit will ich gar kein Deltasaurus werden.
Eigentlich bin ich ungeschickt.
Eigentlich lasse ich heißes Wasser immer überkochen. Ich kippe mindestens viermal die Woche ein Glas um, von denen maximal zwei Gläser kaputt gehen. Ich platziere Eier generell immer am Boden meiner Einkaufstüten, sodass ich mein Rührei zuhause direkt aus der Tasche auspacken kann. Eigentlich landet auf meiner Zahnbürste öfter mal Hautcreme und auf meinem Kopf Bodylotion, anstatt Shampoo. Eigentlich nehme ich manchmal versehentlich die falsche Tür und stehe im Männerklo, als auf der Damentoilette. Eigentlich bin ich ein Tollpatsch.
Eigentlich bin ich eitel.
Eigentlich achte ich beim ersten Date zuerst auf saubere Fingernägel, als auf die Augenfarbe. Ich spreize auch immer meinen kleinen Finger beim trinken, wie die Queen, sogar wenn ich an einer Plastikflasche nippe oder aus einer Dose trinke. In Discounter und 1€ Läden bekommt mich niemand rein und wenn im Winter keine Stiefel zu meinem Outfit passen, dann krame ich eben wieder die Sommerschuhe aus dem Schrank. In Wahrheit kann ich es nicht ausstehen, wenn man Gold mit Silber kombiniert oder zwei verschiedene Paar Socken trägt. Eigentlich hasse ich es, wenn man Spaghetti ohne Löffel isst und Bier aus der Flasche trinkt. Eigentlich bin bin ich eine Etepetete.
Eigentlich bin ich nicht immer ehrlich.
Eigentlich flunkere ich gern. Eigentlich erfinde ich lieber Geschichten, als die Wahrheit zu sagen. Ich beweise gerne Konsequenz, bin dabei aber konsequent inkonsequent. Und wäre ich wie Pinokio, wäre meine Nase mindestens genauso lang. In Wahrheit mag ich die Wahrheit nicht, finde sie langweilig und öde. In Wirklichkeit mag ich die Wirklichkeit auch nicht, weil sie zu echt, zu real und manchmal zu greifbar ist. Und davor habe ich Angst. Ich bin lieber ein kleines Lügenlischen, weil mir meine Wahrheit lieber ist.
Eigentlich bin ich gar nicht stark.
Eigentlich bin ich gar nicht so selbstbewusst. Ich bin viel lieber schüchtern und zurückhaltend. Ich flüstere lieber, anstatt zu schreien und weine genauso gern, wie ich lache. Eigentlich weine ich oft. Eigentlich falle ich um, wenn man mich zu fest stupst und sage immer nur „Aua“. Eigentlich bin ich schwach.

Eigentlich bin ich ganz anders. Ich wollte es dir nur nicht sagen.
Ich wollte es dir nur nicht sagen und dir weiter Märchen von der sportlichen, starken, ehrlichen, schlauen und großen Mona erzählen. Ich wollte dir Märchen erzählen, von jemandem, der ich gar nicht bin. Aber dann befürchtete ich den Punkt, an dem auch Pinokkio scheitern würde. Ich befürchtete irgendwann nicht mehr lügen zu können.
Deshalb entschloss ich mir dir zu sagen, dass ich eigentlich ganz anders bin.
Es tut mir leid.

19 Comments

  • julewech September 24, 2015 at 23:33

    Die Wahrheit ist immer besser , als jede noch so kleine Lüge …
    Wie soll dich jemand lieben , wenn er nur ein Traumgebilde präsentiert bekommt ?
    Mit deinen 161 cm bist du schon 3 cm größer als ich … und innerlich wirst du sowieso noch wachsen … an dir und den Menschen , die deinen Lebensweg säumen werden …
    Nur wenn du ehrlich zu dir und deinen Mitmenschen bist , kannst du auf der anderen Seite auch Ehrlichkeit erwarten …
    Du wirst deinen Weg machen , davon bin ich überzeugt !

    • Mona Kuehlewind September 24, 2015 at 23:37

      Das ist einer der schönsten, erblickten und bewegendsten Kommentare, die ich bisher bekommen habe. Nochmals besten Dank!
      Mit deinen lieben und sehr tiefsinnigen Worten lässt es sich sicherlich gut einschlafen und träumen und morgen noch ein kleines Stück „erwachsener“ aufwachen.
      Schlaf gut!

    • Anonymous Oktober 14, 2015 at 16:07

      Liebe Julewech und Mona

      herrlich das ist s
      Ein Satz aus dem Buch „Die rote Blume“, begleitet Mich seitdem

      „Die Ästhetik der Wahrhaftigkeit“

      Mich als Mann zieht diese Schönheit wirklich an und mein „Beschützerinstinkt“
      ist bei einer „kleinen“ Frau ja auch bedient. Lachend,
      danke, Euch,
      Joachim von Herzen

  • sternfluesterer September 25, 2015 at 9:02

    Was für ein wundervoller Eintrag! –

    Da spaziere ich gerade ziellos durch die Blogwelt und komme also zufällig auf Deine Seite hier. Und lese diesen Eintrag. Und lese dann auch noch die Vorstellung Deinerselbst, rechts unter Deinem Avatarfoto. – Und ich bin sehr berührt, es fühlt sich wie ein bisschen in meinem „zu Hause“ an, in dem es auch so eine kleine Bücherstübe mit staubigen Exemplaren bezaubernder Literatur hat.

    Du hast mein Interesse geweckt, ich werde nich anders können als wieder zu kommen und zu lesen, früher von Dir Geschriebenes und Neues, hier in Deinem Fenster!

    Aus Deinem Eintrag oben habe ich folgendes gelesen:

    Du hast einen sehr schönen, ansprechenden Schreibstil. Du bist augenscheinlich jemand, die sich selbst und die Welt sehr sensibel und wohl auch kritisch reflektiert. Du bist ehrlich.

    Ich habe einen Wunsch für Dich:

    Mag Dich bitte so wie Du bist! Lass Dir nichts anderes einreden, und hab‘ nicht so viele Zweifel an Dir selbst!

    Viele schöne Grüße an Dich!

    • Mona Kuehlewind September 25, 2015 at 11:11

      Wow! Ein unheimlich toller und lieber Kommentar. Vielen Lieben Dank. Solche Kommentare würde ich mir am liebsten einrahmen, weil sie mir ein riesiges Lächeln ins Gesicht zaubern.
      Es ist schön, dass du dich ein bisschen wie „zu Hause“ fühlst und ich freue mich sehr, wenn ich wieder von dir Hören und Lesen darf. ALLES LIEBE 🙂

  • Der Pfeifenkopf September 26, 2015 at 10:01

    Ich sagte dir ja schonmal, du kannst sein wer du willst.
    Wundervoll zu hören das du dich selbst akzeptierst wie du bist,
    Daumen hoch und weiter so.

  • fredyfox September 26, 2015 at 18:23

    Entwaffnend ehrlich und dabei so wundervoll federleicht geschrieben das man es einfach zweimal lesen muss. Die Mona mit den vermeintlichen Fehlern und Schwächen ist nicht nur die Stärkere sondern auch die Sympathischere von den beiden Versionen. Sie ist lebendig, interessant und hat Tiefgang. Das macht DICH unglaublich liebenswert. 🙂
    Alles Gute wünsche ich dir.

    • Mona Kuehlewind September 26, 2015 at 18:53

      Oh oh, jetzt muss ich aber ganz arg aufpassen, dass ich nicht rot werde bei so einem lieben Kommentar. Danke Dir. Es ist immer wieder schön von Menschen zu lesen, denen mein Schreibstil gefällt. Das motiviert und lässt meine Finger noch „schreibsüchtiger“ werden.
      Dir auch alles Liebe!

  • zettelwirtin September 29, 2015 at 9:13

    Was für ein wunderbarer Post!!!
    Da kann ich nur sagen: An all dem sollte Dir überhaupt nichts leid tun!!!

  • Mylène Nicole Alt Oktober 6, 2015 at 10:14

    Ich mag die „tut mir leid“-Mona viel lieber <3.

  • Texthase Online Oktober 6, 2015 at 11:04

    Ich sag einfach mal alles erdenklich Gute und viel Vergnügen mit diesem Blog! Zum Folgen empfohlen und verwendet!

  • Ich muss dir die Wahrheit sagen | Presse Bank Oktober 6, 2015 at 15:51

    […] Sourced through Scoop.it from: http://www.monakuehlewind.de […]

  • Ich muss dir die Wahrheit sagen | HeinzReport Oktober 6, 2015 at 15:51

    […] Sourced through Scoop.it from: http://www.monakuehlewind.de […]

  • https://worthaus.wordpress.com/ Oktober 11, 2015 at 18:08

    und eigentlich bist du so wie du bist ein wundervoller mensch , jeder deiner gesetzten wahren buchstaben verneigen sich vor dir und ich auch

    danke
    leise ich.

    • Mona Kuehlewind Oktober 11, 2015 at 18:19

      Ein ganz ganz wunderbarer Kommentar. Ich bin sehr berührt von deinen wenigen aber sehr lieben und tiefsinnigen Worten. DANKE <3

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