Ich muss dir etwas sagen

Dezember 17, 2015

Die Euphorie packt mich. Jung und blauäugig wie ich bin grinse ich „Ich muss dir etwas sagen“ und haue mit meinen Krallen in die Tasten.
Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort. Eine Zeile folgt der nächsten. Irgendwo dazwischen versuche ich Lücken zu lassen. Scheitere aber. Ich lasse so wenig Raum, so wenig Platz wie nur möglich. Minimal und winzig klein. Es sieht beinahe aus wie ein Porträt von Buchstaben, ein schwarz weiß Porträt meiner Gedanken.
Was den Anschein von einem Kunstwerk aller höchster Disziplin macht, ist aber nichts weiter als eine Geschichte, die das versteckt, was ich dir sagen muss. Nichts weiter und doch so viel mehr.
„Ich muss dir etwas sagen“, wiederhole ich und gebe mir in der nächsten Zeile einen zweiten Versuch. Scheitere aber.
„Wo ist die Euphorie?“, tippe ich in die Tastatur meines MacBooks und beantworte die Frage gleichzeitig mit einem „Trau dich einfach“.
Ich hole tief Luft. Nehme noch einen letzten Zigarettenzug und fülle meine Lungenflügel mit einer Dosis Sauerstoff und einer Überdosis Nikotin. Dieses Mal funktioniert’s.
„Ich muss dir etwas sagen“. Das erinnert mich an den Tag, an dem ich Mama und Papa erklären musste, weil ich es nicht länger verheimlichen konnte, dass ich nun meinen ersten Freund habe. Damals war ich 13. Das erinnert mich auch an die unzähligen Male, an denen ich Mama und Papa eine verhaute Mathearbeit, eine vier minus im Vokabeltest und einen Eintrag ins Hausaufgabenheft vorzeigen musste, weil ich im Unterricht wieder Kaugummi gekaut habe. Damals war ich 15. Das erinnert mich aber auch an dem Tag, an dem ich Oma gestehen musste, dass ich nichts, aber auch gar nichts, abscheulicher finde, als ihr sonntägliches Möhrensüppchen, was sie mir jedes Mal mit einem „Alles frisch aus dem Garten“ servierte. Damals war ich 16. Und ich erinnere mich an das letzte Weihnachten, wenn ich „Ich muss dir etwas sagen“ schreibe. Wie ich am Tisch erzählte, dass ich in einem halben Jahr ausziehen werde, weit weg von zuhause, urplötzlich meiner Tante die Gabel auf den Fußboden fiel und mein Onkel sich am Schluck Wein verschluckte. Damals war ich 18.
Und jetzt, jetzt stehe ich erneut vor dieser Aufgabe. Zu sagen, was ich dir sagen muss. Es ist im Grunde genommen auch nichts großes, weder etwas, was dich die Gabel auf den Boden fallen lässt, oder dich am Schluck Wein verschlucken lassen könnte. Aber es ist groß genug, um zu zögern.
Aber ich will mich trauen. Ich will. Ich will. Ich will.
Das, was ich die jetzt sage, ist weiß Gott nicht so groß, wie das Geständnis „zu heiraten“ oder „schwanger zu sein“, aber das, was ich dir jetzt sage, ist echt. So echt wie das „Papa, ich habe einen Freund.“ und das „Oma, deine Suppe schmeckt ganz fürchterlich“.
Das, was ich dir jetzt sage, ist, dass sich etwas verändern wird. Das Etwas, das das ganze hier ist. Das Ganze Etwas hier auf monakuehlewind.de. Das wird sich bald ändern, nicht weil ich nicht mehr will oder nicht mehr kann. Sondern weil ich nicht mehr bin. Ich bin noch jemand. Ich bin nur nicht mehr das hier. Das was hier überall steht. Da unten, da oben, da links und da rechts. Ich bin nicht mehr das hier. Ich bin mittlerweile mehr. Zumindest glaube ich es zu sein. Ich bin mir sogar ziemlich sicher mehr zu sein, schon allein aus dem Grund, dass neben mir ein heißer Kakao dampft und ich nebenbei an einem Keks knabbere. Ich bin mehr. Ich bin jetzt mehr.
Wieder mehr oder endlich mehr. Das weiß ich nicht. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht nur darum, dass ich lange keine Schokolade, keinen Zucker, nicht ein einziges Weihnachtsplätzchen, keinen Besuch bei McDonalds oder ein ganz normales Essen mit der Familie mehr fürchte. Es geht darum, dass ich jetzt mehr bin. Anders mehr. Nicht „mehr anders“, weil ich das war, als ich unter einer Magersucht litt. Da war ich mehr anders, als alle Anderen. Sogar mehr anders als ich selbst. Sondern jetzt bin ich „anders mehr“, weil es jetzt so viel mehr bin, aber eben anders als die Person, die ich hier auf meinem Blog war.
Ich muss dir sagen, dass ich nicht viel von Neujahrsvorsätzen halte, wahrscheinlich aus dem Grund, dass ich mich damit meist selber nur enttäuscht habe, aber das das irgendwie doch alles den Anschein macht, als sei es ein Vorsatz. Wenn es einer ist, dann soll es auch einer sein. Und dann ist es auch einer. Und weil es irgendwie einer ist, entscheide ich mich dafür, den Vorsatz nicht unter die anderen Vorsätze für das nächste Jahr zu schreiben, die früher oder später von wem und was auch immer zerschlagen werden, sondern ich sage es ganz einfach dir.
Ich muss dir sagen, dass du hier bald mehr finden wirst. Mehr ich eben. „Anders mehr“, kein „mehr anders“, merk dir das.
Was genau hier alles anders sein wird, weiß ich selber noch nicht so genau. Es werden aber weniger Geschichten kommen. Das liegt nicht daran, dass ich es jetzt nicht mehr liebe zu schreiben, nein, ganz im Gegenteil, ich liebe es noch mehr, aber ich werde bald an etwas Größerem schreiben und möchte dafür jede Menge Buchstaben, Worte und Zeilen aufheben, wie es mir nur möglich ist. Dafür werde ich aber anders schreiben, anders mehr erzählen und anders mehr berichten. Ich möchte euch weiterhin mitnehmen, teilhaben lassen an all dem, an dem ganzen Etwas, aber auf einem neuen Weg.
Geschichten schreiben, werde ich aber trotzdem, weil ich mit jeder Geschichte lerne. Lerne zu leben, lerne zu atmen, lerne zu sein. Weil ich mit jeder Geschichte lerne ich zu sein.

Ich muss dir etwas sagen, schreibe ich ein letztes Mal und sage dir damit, dass sich das ganze Etwas hier ändern wird. „Anders mehr“ eben, du weißt schon.

13 Comments

  • K. Engelbert Dezember 17, 2015 at 22:09

    Anders mehr ist gut – ich freu mich drauf … und viel Erfolg beim Bauen von dem Größeren … und viele Buchstaben, Worte und Zeilen dafür … und … bleib und werde was du ohnehin schon bist: „Anders mehr“ 😉

  • Bisou Dezember 17, 2015 at 22:21

    Schön porträtiert.

  • Dark Owl Dezember 17, 2015 at 23:58

    Ich freue mich drauf. Viel Erfolg dabei !

  • misstueftelchen Dezember 18, 2015 at 6:56

    Ich wünsche dir viele ganz viele zauberhafte Gedanken, wundervolle Worte und fantastische „Anders mehr“ Eindrücke.
    Alles Gute und auch viele fließendes Worte für dein anderes Wortprojekt.

  • Red Skies Over Paradise Dezember 18, 2015 at 10:41

    Großartig. | Bin gespannt.

  • Beat(e)s Welten Dezember 18, 2015 at 17:43

    Glückwunsch zur anderen Mona, „anders mehr“ eben!
    Und irgendwie möcht ich Dir wünschen, dass Du auf Deinem Weg immer wieder neue Gelegenheiten finden wirst, sagen zu dürfen „Ich muss dir etwas sagen“.

  • bodyguard4you Dezember 21, 2015 at 14:41

    go MONA go … 😉

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