Ich war dein Wirbelsturm

Februar 7, 2016

„Ich war der Wirbelsturm, der über dein Land fegte, der Äste von den Bäumen riss, Zweige und Blätter an Fensterscheiben schmiss, und die Windschutzscheibe eines Autos mit Steinen bewarf. Ich war der Wirbelsturm, der über dein Land fegte, der Dinge ihren Boden entriss und für einen kurzen Moment die Erdanziehungskraft schwinden ließ. Ich bin der Wirbelsturm, der über dein Land fegte, der immer so laut und rastlos war und dann nie wieder kam.“

Wirbelstürme entstehen vor allem im Spätsommer, wenn sehr große Wassermengen über den warmen Meeren verdunsten, aufsteigen und dann weiter oben in der kühleren Luft wieder zu Wasser werden. „Sie kondensieren“, sagt Wikipedia. „Sie leben“, sage ich.
„Sie leben“, sage ich und bleibe bei meiner Aussage, weil ich es selbst erfahren habe. Ich war auch so ein Wirbelsturm.
Es war Spätsommer, es war die Zeit, in der ich plötzlich Oma verstehen konnte, die mir immer sagte, dass ich noch viel zu jung für einen Freund bin. Es stellte sich nämlich heraus, dass mein damaliger Freund ein Idiot ist, wie es so ziemlich alle Frauen sagen, die nach monatelanger Beziehung feststellen, dass er eine Andere hat.
„Du bist ein Idiot“, verabschiedete ich mich, ohne eine einzige Träne zu vergießen von ihm, knallte die Tür zu und schmiss ihm noch ein paar Sachen hinterher und brüllte ihm ein letztes „Du bist ein Idiot“ hinterher – wie es Frau eben so macht. Und kaum war die Tür zu, brach ich in Tränen aus – wie es Frau eben so macht. Wochenlang habe ich mich in Selbstmitleid, Trauer und unendlich viel „Ich vermisse dich“, „Komm wieder zurück“ und „Du bist kein Idiot“ gebadet. Ich bekam keinen Bissen runter, jeder Schluck Wasser blubberte minutenlang in meinem Mund, bis ich ihn wieder ausspuckte. Und dann war alles Wasser aus meinem Körper verschwunden, ich begann ich zu verdunsten – wie es Frau eben so macht. Irgendwann war da nichts mehr außer ein pochendes Herz, ein unregelmäßiger Atem und ein „Ich kann nicht mehr“.
Aber da war immer noch mein Herz und mein Atem, die schlugen und scheinbar weiter schlugen wollten. Mit der Zeit heilten die ersten Wunden, ich wurde größer und stärker und stieg auf – so wie es Frau eben macht. Und dann kam der Moment, in dem sich auf der allerletzten Wunde Grint bildete und die Wunde verschloss. Das Herz pochte weiter, der Atem wurde gleichmäßiger und ich hörte mich sagen: „Ich kann“. Ich bemerkte dabei gar nicht, dass ich bereits ganz weit oben angekommen war, da wo die Luft so unangenehm kühl ist. Ich bemerkte gar nicht, dass ich längst wieder zu Wasser wurde, „kondensierte“ wie Wikipedia es behauptet, und „anfing zu leben“ wie ich es sage.
Und noch bevor ich es überhaupt realisieren konnte, fegte ich über dein Land. Noch bevor ich es verstand, wusstest du bereits, dass ich ein Wirbelsturm bin.
Das war nicht geplant. Das war wirklich nicht geplant, dass ich über dein Land fege. Das war wirklich nicht geplant, das ich Äste von den Bäumen reiße, Zweige und Blätter an Fensterscheiben schmeiße, und die Windschutzscheibe eines Autos mit Steinen bewerfe.

Und jedes Mal wispertest du „Ist schon okay“.

Ich war rastlos und wild, fegte weiter über dein Land und entriss Dingen ihren Boden und als wir gemeinsam im Bett lagen, ließ ich die Erdanziehungskraft schwinden und wir schwebten auf Wolke 7.

Und jedes Mal wispertest du „Ist schon okay“ und legtest mir einen Finger auf die Lippen, die sich eigentlich bei dir entschuldigen wollten.
Und so fegte ich weiter über dein Land.

Ich habe nie verstanden, wie du alles okay finden konntest. Ich habe nie verstanden, wie du dich jedes Mal in meinen Sturm stelltest und mich mit offenen Armen empfingst. Ich konnte nie verstehen, wie du „ist schon okay“ hauchtest und mir einen Finger auf die Lippen legtest, obwohl ich dein Land so sehr zerstörte.

„Mein Land war noch nie ganz“, sagtest du mir einmal. Ich schluckte nur und riss den nächsten Ast vom Baum.

Einmal, da sah ich aber, wie eine winzige Träne deine Wange hinunter kullerte. Es war nur ein Augenblick, ein winziger Atemhauch von Zeit, bis auch du die Träne bemerktest und sie schnell aus deinem Gesicht wischtest – du hattest einen Freund verloren, wegen mir.
Am nächsten Morgen standest du wieder unter der großen Eiche und wartetest auf mich. Ich begrüßte dich mit einem stürmischen Kuss und zog dich durch die überfüllten Einkaufsstraßen, am Zipfel deiner Jacke, niemals an deiner Hand.

„Ist schon okay“, „Ist schon okay“, „Ist schon okay“, wispertest du und mit jedem Schritt wurde dein Widerstand ein bisschen schwächer, dein Gewisper ein bisschen stiller.

Du liebtest den Wirbelsturm. Du liebtest mich. Und ich liebte dein Land. Ich liebte dich.

Mit 200km/h rasten wir in einem 911er Porsche über die Autobahn. Wir brausten vorbei an dunklen Wäldern und grünen Feldern. Wir kamen der Sonne immer näher. Mit 200km/h rasten wir im Porsche über die Autobahn. Der Bass, der aus den Boxen drang, kontrollierte meinen Herzschlag. Mit schreiender Kehle hielt ich jedem Auto, an dem wir vorbeizogen, den Mittelfinger entgegen. Ich saß hinterm Steuer und drückte das Gaspedal noch ein Stück weiter runter.
Ich ignorierte deinen Knurrenden Magen und dein Bedürfnis nach einem Burger von McDonalds. Ich ignorierte deine drückende Blase und trat noch stärker aufs Gas. Mit 250km/h rasten wir in einem 911er Porsche über die Autobahn.
Ich ignorierte dich. Bis ich zum ersten Mal etwas von dir hörte, was ich zuvor noch nie gehört hatte. Der Motor brummte, die Musik schrie, Autos hupten, aber irgendwo dazwischen konnte ich es hören. Ein zaghaftes „Nein“. „Was nein?“, schrie ich durch Motorgebrumme, Musikgeschrei und das Hupen eines LKWs. „Es ist nicht …“, antwortetest du und drehtest jetzt deinen Kopf zu mir. „Was, sag schon!“, forderte ich dich auf. „Es ist nicht okay“, „Es ist nicht okay, dass du so bist“, blinzeltest du und zucktest gleichzeitig zusammen. „Ich will, dass wir eine Pause machen.“

Als hätte ich für einen kurzen Moment vergessen, dass ich ein Wirbelsturm bin, verlangsamte ich das Tempo. Der Audi, dem ich eben noch mit ausgestreckter Zunge und Mittelfinger überholt hatte, brauste nun an mir vorbei.
Mit quietschenden Reifen fuhr ich die nächste Ausfahrt runter und parkte den Wagen auf einer Raststätte. „Du kannst aussteigen“, sagte ich trocken und ließ den Blick starr nach vorne gerichtet.
Ein Regentropfen tropfte die Windschutzscheibe hinunter und in der Wasserrinne, die er hinterließ sah ich, wie du mit dem Kopf nicktest und noch einmal zu mir rüber sahst. Dann öffnetest du die Tür und ließt dich aus dem Auto fallen.
Ich sah dir noch eine Zeit nach, wie du zur Gaststätte torkeltest, dir am Automaten eine Coladose holtest und ein alte Dame nach Feuer fragtest. Ich sah wie du dir eine Zigarette anstecktest, unendlich viel Kraft einatmetest und den ganzen Ballast nach einem Zug ausatmetest. Das Stürmische, das Schnelle, das Wilde, das Unvernünftige, den Wirbelsturm. Das was ich war.

Ich ließ den Motor wieder aufheulen und verließ mit durchgedrücktem Gaspedal die Raststätte. Ich konnte keine Rast machen. Ich war der Wirbelsturm, der über dein Land fegte. In dem Qualm deiner Zigarette ließ ich dich in der Kälte frieren. Ließ dich im Glauben nie wieder zu kommen.

Inzwischen fege ich über das nächste Land. Es ist einsam und verlassen. Es ist unheimlich flach. Hier gibt es kaum etwas, was ich niederreißen kann. Kaum etwas, was ich zerstören kann. Deshalb werde ich hier einige Zeit verweilen, bis ich wieder bereit bin zu verletzten und verletzt zu werden. Bis ich wieder bereit bin zu lieben.

11 Comments

  • uwerichtersfotoblog Februar 7, 2016 at 18:33

    Ach! Deshalb? 😉

  • sternfluesterer Februar 7, 2016 at 19:33

    Großartig geschrieben! Ich habe mich beim Lesen Deiner Geschichte wirklich wie mitten in einem Wirbelsturm gefühlt. Einer der besten Texte, den ich bislang von Dir gelesen habe! – Er schenkte mir Unmittelbarkeit, Verunsicherung, Bilder, Verständnis, Fassungslosigkeit, Staunen, Aufatmen und Hoffnung. Ja, so viel, kein bisschen weniger! Unglaublich.

    Ganz viele freundliche Sonntagabendgrüße,liebe Mona!

    • Mona Kuehlewind Februar 7, 2016 at 20:47

      Schön wieder von dir zu lesen und noch schöner, dass dir meine Geschichte so gut gefällt! Lieben Dank und herzliche Grüße an Dich zurück 🙂

  • cherrypieworld Februar 7, 2016 at 20:31

    Wunderschön!

  • bodyguard4you Februar 7, 2016 at 20:37

    in einem 11er sind 200 km/h kein rasen … sondern cruisen …

    aber sonst … wieder mal sehr toll geschrieben …

    ist schon mehr als okay …

    so … nun muss ich aber schnell den NOBELHOBEL in die garage stellen …

    ein sturm soll kommen …

    • Mona Kuehlewind Februar 7, 2016 at 20:49

      Oh, erwischt .. Ich habe absolut keine Ahnung von schnellen Autos. Auf den 911er kam ich auch nur, weil Google mir den als erstes ausgespuckt habe, als ich nach „Porsche“ gegooglet habe .. Aber danke, wieder was dazugelernt 🙂

      • bodyguard4you Februar 7, 2016 at 20:54

        insider sagen … es gibt nur einen „richtigen“ PORSCHE … und das ist der 911er …

        nun bin ich nicht grad ein Porsche-fan … aber der 11er ist wirklich ein nahezu perfekter sportwagen … das muss ich zugeben …

        ferner lag es mir fern … dich belehren zu wollen,liebste Mona … 😉

  • Maya Februar 9, 2016 at 11:06

    wirklich wunderschön Mona <3

  • die_zuzaly März 17, 2016 at 14:32

    – habe etliche male den Atem angehalten – diese Geschichte farblich ausgemalt – und einige Sätze angemerkt – die ich hätte ebenso – wie Du – in Handlung gesetzt – wie den Stinkefinger während der Fahrt – ein Wirbelsturm kann alles – darf alles – :lol

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