Ich weiß viel aber ich weiß nicht viel über mich

September 13, 2015

„Hallo, mein Name ist Mona. Ich bin 18 Jahre jung und wohne in Hamburg. Mehr weiß ich nicht über mich.“ So oder so ähnlich könnten die ersten Zeilen meiner Biografie klingen.

Ich weiß viel, aber ich weiß nicht viel über mich. Ich dachte immer ich sei deshalb dumm. Aber als ich vor einigen Tagen einen Intelligenztest im Internet machte, stellte mein MacBook fest, dass ich einen überdurchschnittlich hohen IQ habe und nur um 20% dem IQ von Einstein unterliege. Das beruhigte mich. Die fehlenden 20% ließ ich auf den Mangel an Selbsterkenntnis zurückführen. Ich schob mir also die Schuld in die Schuhe. Ich machte mich zum Opfer meines eigenen Defizits, weil ich nicht mehr als zwei Sätze über mich selbst wusste.

Im Alltag passierten in der Vergangenheit vielerlei Dinge, bei denen ich mir die Frage stellte „Wer bin ich?“. Es gab Situationen, in denen ich mir diese Frage nicht nur einmal stellte. Manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich die Frage laut aussprach. Im Mathematikunterricht passierte es mir einmal, dass ich die Frage an die Tafel schrieb, anstatt den Satz des Pythagoras anzuschreiben. Einmal als ich mit meinem Bruder ein Bild malen wollte, war das erste, was ich darauf schrieb „Wer bin ich?“. Und ein anderes Mal passierte es mir, dass ich mitten in einem Gespräch mit einer älteren Dame fragte „Wer bin ich?“. In der Schule lachte man mich damals aus. Mein Bruder zerriss damals mein Gemälde und warf es in den Müll. Und die ältere Dame drehte sich ohne ein weiteres Wort zusagen um, und schlich mit ihrem Rollator davon.Mir war klar, dass niemand diese Frage hören will, geschweige denn sie beantworten will. Daraus resultierte, dass ich die Frage verdrängte und mich mit meiner Dummheit zufrieden gab.
Einige Monate ließ die Frage mich in Ruhe, aber an jenem Tag kam sie wieder und veränderte mein Leben.

Es war Mittwoch, der 29.07.2015 und der Tag, an dem ich nach Hamburg zog. Mein Wecker klingelte bereits um 6:00 Uhr in der früh, weil ich noch ein kurzes, knackiges Schulter-Workout im Gym absolvieren wollte. Drei Stunden später waren wir dann alle bereit. Ich verabschiedete mein altes Zuhause und machte mich mit Sack und Pack, inklusive meiner sechs vollgefüllten Tupperdosen auf den Weg in die Hansestadt. Im neuen Zuhause angekommen setzte ich mich mit einem Eiweißriegel vor den PC, schnappte mir das Telefon und vereinbarte die ersten Probetrainings in sämtlichen Fitnessstudios der Stadt. Am nächsten Morgen wachte ich auf und räumte erstmal meinen neuen Kleiderschrank ein. Die Kartons mit den Sommerkleidern und Röcken ließ ich gleich verschlossen und räumte nur die ganze Sportausrüstung in den Schrank, die beinahe eine halbe Nike Abteilung darstellte.
Um 10 Uhr ging’s dann auch schon ins erste Gym. Auf dem Laufband machte ich noch schnell ein Selfie und postete es mit dem Titel „Sportliche Grüße vom Fitnessjunkie aus Hamburg“ auf Facebook.
Den Nachmittag verbrachte ich mit „Mealprep“ (Vorkochen) und dem Durchforsten sämtlicher Fitness- und Ernährungsaccounts auf Instagram, Facebook und Twitter.
So vergingen die ersten zwei Wochen. Doch mit jedem Tag der verging, veränderte sich etwas in mir. Mit jedem Fitnessstudio, das ich besuchte, verlor ich immer mehr und mehr die Lust. An jedem Gym gab es etwas auszusetzen. Eins war viel zu groß, sodass ich mich ständig verlief und beinahe in der Männerumkleidet duschte. Ein Anderes war zu weit weg, sodass ich durch den halben Tag damit verbrachte von A nach B zu kommen. Und wieder ein Anderes sorgte mehr für Wellnessprogramm, anstatt Fitnesstraining.

So vergingen weitere zwei Wochen und ich stand da, mitten in einer Großstadt, in der es hunderte Studios gibt, aber keines für mich.
Und dann passierte noch etwas viel seltsameres. Zuerst bekam ich plötzlich mehr Energie, mehr Power, auch ein bisschen mehr Lebenslust, was mich schon sehr wunderte. Dann besuchte mich meine Oma für ein paar Tage und wir verbrachten Stunden damit durch die Geschäfte zu schlendern, und nicht eins davon war ein Sportgeschäft. Am Abend kamen wir dann nachhause und ich packte meine Einkäufe aus: Kleider, Röcke, Taschen und Ketten. All die Dinge, die ich vor meiner „Fitnesskarriere“ so gemocht habe. Es war ein schönes Gefühl. Ich war wieder mehr Mädchen, mehr Frau eben. Als Oma sich verabschiedete, packte ich die Kartons mit den Kleidern und Röcken aus und schaffte ihnen auch einen Platz in meinem Schrank.

In der Zwischenzeit waren vier Wochen ohne Training vergangen und ich fühlte mich großartig. Ich entdeckte wieder eine ganz neue, oder vielleicht auch eine alte, vergessene Seite an mir, die ich auf einmal sehr zu schätzen wusste. Gewünscht hätte ich mir für diese Zeit nur, dass sich meine Selbsterkenntnis, die Frage nach dem „Wer bin ich“, gelöst hätte.
Anfangs verdrängte ich diese Frage immer noch, aber dann passierte es immer wieder, dass ich mir die Frage wieder stellte. Sei es beim Shopping Trip gewesen, als ich ein paar Sportschuhe und ein paar High Heels in den Händen hielt, und mich nicht entscheiden konnte oder ich beim Italiener saß und überlegte, ob ich den Salat mit oder ohne Dressing bestellen sollte und die Weißbrotscheibe dazu essen soll, oder nicht.

Vor ein paar Wochen konnte ich in solchen Situationen die Frage verdrängen. Ich nahm die Sportschuhe, den Salat ohne Dressing und legte die Weißbrotscheibe beiseite. Ohne mit der Wimper zu zucken. Jetzt stand ich aber da und die Frage drang wieder ins Bewusstsein. Aber ohne Antwort. Deshalb kaufte ich beide Paar Schuhe, bestellte den Salat mit Dressing, ließ aber das Brot weg.
All die Tage versuchte ich Kompromisse zu finden, zwischen dem Fitnessjunkie, der ich vor wenigen Wochen noch war und dem, was ich jetzt bin.

Diese beiden Seiten gerieten oft in einen Konflikt. „Das Hühnchen oder doch mal das Schnitzel?“, „Joggen im Park oder doch lieber Shoppen in der Stadt?“, „Die Flexx lesen oder doch besser die Cosmopolitan durchstöbern?“. Meistens gelang es mir einen Kompromiss zu finden. Eine Art Lösung.

Welche Lösung ich allerdings bis heute nicht finden konnte, ist die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“.
Diese Frage ist mit keinem Kompromiss einverstanden. Das habe ich oft versucht. Manchmal habe ich mir eingeredet „Fitnessjunkie“ und „das Lifestyle Girl von Nebenan“ gleichzeitig zu sein. Ich dachte mir, wenn ich weiterhin eine gesunde und ausgewogene Ernährung habe, weiterhin meine Kalorien zähle und jedes Gramm abwiege aber im Gegenzug als „Lifestyle Girl“ auch High Heels trage und anstatt Cardiotraining auf dem Laufband einen Shoppingausflug mache, Fitness- und Lifestylegirl gleichzeitig sein zu können. Aber das funktionierte nicht. Fünf Sekunden später und die Frage tauchte wieder in meinem Kopf auf.

Bis heute habe ich keine Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“, aber ich möchte die Frage nicht wieder verdrängen. Nicht ein zweites Mal. Und genau deshalb fange ich jetzt an zu suchen. Irgendwo im irgendwo.

18 Comments

  • Ben Froehlich September 13, 2015 at 20:28

    Manchmal denke ich, dass es besser ist, wenn man die auf die Frage „Wer bin ich?“ keine Antwort weiß. Ich wünsche Dir dennoch viel Spaß bei der Suche nach der Antwort.

    • Mona Kuehlewind September 13, 2015 at 21:22

      Da bin ich ein bisschen anderer Meinung. Ich denke das wir ab dem Moment wo wir versuche die Frage zu verdrängen und nicht die Antwort suchen, zeigen, dass wir Angst haben. Und dieser Angst sollten wir uns meiner Meinung nach stellen. Ich bin der Meinung oder vielmehr glaube ich daran, dass wir erst in der Lage sind das Leben zu lieben und erst richtig zu Leben, wenn wir uns gefunden haben und wissen wer wir wirklich sind.
      Ich danke dir aber sehr für deinen Kommentar und deinen Wünschen 🙂

      • Ben Froehlich September 14, 2015 at 18:27

        Ich blicke da eher auf den Menschen, der sich stetig entwickelt und verändert. Kann solch eine Person jemals wissen, wer sie ist?

        • Mona Kuehlewind September 14, 2015 at 19:07

          Nein, Wohlmöglich nie aber glaubst du das diese Person mit einem ständigen Wandel glücklich ist?

          • Ben Froehlich September 15, 2015 at 20:02

            Durchaus, ich wäre zumindest unglücklich, denn mir käme es wie Stillstand vor, würde ich mich nicht immer wieder neu entdecken in neuen Herausforderungen. Ich bin damit glücklich. Aber ich habe auch ein gewisses Gefühl davon, wer ich bin. Ich sehe mehrere Teile von mir ganz deutlich. Das genügt mir. 🙂

          • Mona Kuehlewind September 15, 2015 at 21:57

            Okay, das kann ich auch verstehen! Das A und O ist doch einfach, dass wir glücklich sind 🙂

  • Anonymous September 14, 2015 at 8:34

    … manchmal fühlt man mehr als man weiß. Deshalb vertraue einfach auf Dein Bauchgefühl und damit Dich selbst und im Notfall sind wir auch noch da, denn wir lieben Dich und werden Dich auf Deinem Weg zu Dir selbst begleiten. Mama

  • Lebensart September 16, 2015 at 20:22

    Nun zum Südpol möchte ich nicht, dennoch gefällt mir deine ungezwungene Neugier auf das Leben. Auch deine Schreibweise lässt einen eigenen Stil erkennen bzw. lässt alles wie ein Gespräch wirken. In dem Ich als Zuhörer deine ganze Aufmerksamkeit genießen darf. Durch deinen Besuch auf meiner Seite bin ich auf dich aufmerksam geworden und werde wiederkommen.

    Sei lieb gegrüßt.
    Christian

    • Mona Kuehlewind September 16, 2015 at 20:38

      Lieber Christian, herzlichen Dank für deine liebe Nachricht. Solch‘ Worte bedeuten mir wirklich sehr viel. Es ist schön zu wissen, dass es Menschen da draußen gibt, denen mein Schreibstil gefällt und die ihn vor allem verstehen! Ich freue mich bald wieder von dir zu hören.
      Liebe Grüße zurück 🙂

  • Beat(e)s Welten September 21, 2015 at 22:58

    Toller Text. Sehr lebendig geschrieben.

    Und ja, die Frage bleibt immer aktuel: Wer bin ich?
    Mir hilft da immer mal wieder der gute alte Rilke mit seinem „Brief an einen jungen Dichter“ (16. Juli 1903):
    „Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in ihrem Herzen und zu versuchen, die Frage selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.“

    Das ist es wohl: Die Frage selber lieb haben! Viel Glück! 🙂

  • julewech September 26, 2015 at 0:54

    Irgentwie bleiben wir wohl ein Leben lang immer auf der Suche nach uns selbst … auf diesem Weg erfinden wir uns immer wieder neu … und das ist auch gut so ! Würden wir mit 18 Jahren sagen : Das bin ich und das bleib ich … wäre der Rest unseres Lebens Stillstand … und furchtbar langweilig …
    An jedem neuen Tag haben wir die einmalige Gelegenheit , etwas Neues anzufangen , ein neues Kapitel unseres Lebens aufzuschlagen …
    Und dabei , liebe Mona , begleite ich dich ein Stück weit … habe ich Anteil an deinen Gedanken und Ideen … und freue mich wenn ich sehe , wie es weitergeht …
    Wer bin ich ?
    Was bin ich ?
    Warum bin ich ?
    Das sind Fragen , die wir uns immer wieder stellen … mit denen wir uns selbst hinterfragen und immer wieder neu motivieren …
    Höre niemals auf zu fragen … auch wenn manche Antworten nicht deinen Gefallen finden …

    • Mona Kuehlewind September 26, 2015 at 12:04

      Schöner Kommentar, DANKE! „Wir hinterfragen und selber und motivieren uns damit gleichzeitig“, dass ist meiner Meinung nach auch ein ganz wichtiger Prozess. Bleib so wie du bist und behalte deine tolle Einstellung!

  • psitswayne Oktober 6, 2015 at 22:35

    Hallo Mona,

    ich frage mich, ob es nicht langweilig wäre, wenn wir eine Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ hätten. Dann gäbe es ja gar keinen Raum mehr, um sich selber zu überraschen. Vielmehr denke ich, dass wir praktisch aus mehreren Teilen sozusagen bestehen (so dumm sich das anhört), und je nach Handlung verändert sich ein Teil, oder nenn es Charakterzug/Moment. Sodass, wenn man vielleicht die Antwort denkt gefunden zu haben, diese vielleicht für einen Charakterzug, Lebensabschnitt, täglichen Modus zutrifft, aber nicht für sein komplettes Ich.
    Trotzdem hoffe ich, dass du dich so gut wie möglich kennen lernst und, dass dich das Ergebnis dann glücklich stellt.

    Liebe Grüße,

    Wayne

  • hansjoachimantweiler Oktober 14, 2015 at 19:55

    Liebende Mona,
    Du bist Werschätzung
    Das sehe Ich wenn Du ein Sternchen an meinem Lyrikhimmel entzündest
    Du bist ein Brief Gottes an die Welt
    Das Rätsel der Sphinx und die Antwort
    Eva und Adam die nie böse waren weil der Apfel Bio war und so reif daß Er sonst am Baume der Erkenntnis von Gut & Böse verfault wäre
    Du bist ein Kind von Mutter Erde und Vater Sonne
    Wie ein Engel im Außendienst Erde
    Praktikantin der Dualität von Angst und Liebe
    Ein ICH in der gefühlt erlebten Gewissheit, das die Liebe mehr Kraft hat als die Angst Macht
    Du bist kein Ego, das glaubt die Angst habe mehr Macht als die liebe Kraft
    Du bist Ich
    Und Freiheit
    Eine Göttin
    Mensch

    Dir väterlicher Freund
    Joachim von Herzen

  • Mark David Vinzens Oktober 20, 2015 at 20:23

    🙂

  • hansjoachimantweiler Oktober 20, 2015 at 20:35

    Liebender Mark

    Herrlich
    Das Leben ist ein Fest
    Feiern Wir Es
    Gründe gibt es immer
    Lieben

    danke
    Dir Joachim von Herzen

  • aries Oktober 23, 2015 at 17:15

    Ich weiß, wer du bist.
    Du bist Süß!

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