Ich will du sein und du willst ich sein

Oktober 4, 2015

Manchmal wünsche ich mir so zu sein wie sie.
Es ist ein Samstag Nachmittag. Der erste richtige Herbsttag diesen Jahres. Kalte Windzüge, herumwirbelnde Blätter und Menschen mit dicken Schals und Mützen. Wir sitzen gemeinsam in einem Café. Sie hat eine heiße Schokolade und ein Stück Zwetschgenkuchen mit Sahne bestellt. Ich trinke einen Grünen Tee und gebe einen Schuss Süßstoff hinzu. Während sie Kuchenstückchen für Kuchenstückchen aufpickst, durch die Sahne zieht und genussvoll in den Mund schiebt und von dem „attraktiven jungen Mann“ am Nebentisch schwärmt, schalte ich ab und beobachte sie. Ab und zu nicke ich. Zur Abwechslung wirft mein Unterbewusstsein ihr noch ein „Ja“, „Hm“ oder ein „Stimmt“ zu, obwohl ich ihrer Schwärmerei längst nicht mehr folge.
Früher mochte ich sie nicht. Früher fand ich sie doof. Wir alle fanden sie damals doof. Sie war anders als all die anderen Kinder. Wenn sich alle Kinder zum spielen verabredeten, dann saß sie zuhause und las ein Buch. Sie hatte eine Brille mit großen runden Gläsern, die ihr immer von der Nase rutschte. Sie hatte immer zwei verschiedene Socken an, trug Latzhosen und knabberte ständig an ihren Nägeln herum. Sie war anders als wir. Sie war viel allein.
Die Jungs ärgerten sie in der Schule, lachten sie aus, als sie eine Zahnspange bekam und verpetzten sie, als sie einmal die Hausaufgaben vergessen hatte. Als sie in die Pubertät kam, bekam sie sehr viele Pickel. Die Jungs ärgerten sie jetzt noch mehr. Im Unterricht saß sie immer an dem Tisch direkt vor dem Lehrerpult. Wenn Herr Mayer uns dann für nichtgemachte Hausaufgaben oder unartiges Verhalten bestrafen wollte, mussten wir entweder in der Pause im Klassenraum bleiben oder er platzierte uns an den Tisch direkt vor dem Lehrerpult. Neben sie. Dann schoben wir immer den Stuhl so weit es ging nach links, um ihr bloß nicht zu nah zu kommen. Als man ihr einmal Kaugummi ins Haar schmierte und sich deshalb eine Kurzhaarfrisur schneiden lassen musste, schickten ihr Eltern sie auf ein Internat. Niemand von uns hatte mehr Kontakt zu ihr. Irgendwann vergaß man sie auch.
Nach vier Jahren traf ich sie wieder. Ich erkannte sie sofort. Sie hatte noch immer eine große runde Brille und trug denselben Kurzhaarschnitt wie damals. Die Latzhose schien auch mitgewachsen zu sein. Nur die Fingernägel waren jetzt in einem dunklen Rot lackiert und sie hatte vielleicht ein paar Kilo mehr auf den Hüften.
„Hast du dich verlaufen?“, fragte sie mich, als ich sie mit einem „Hi“ in der Süßwarenabteilung des Supermarktes begrüßte. Sie hatte gerade eine Tafel Milka Schokolade in ihren Einkaufswagen geschmissen. „Nein, wieso?“, fragte ich sie damals. „Du siehst nicht so aus, als würdest du oft in dieser Abteilung einkaufen. Du bist dünn geworden.“, stellte sie fest.
Ab diesem Tag an wurden wir Freunde.
Sie sagte schon damals, dass sie irgendwann mal alle beneiden werden und träumte nicht, wie alle anderen Mädchen davon, Prinzessin zu werden. Sie wollte immer ein Vorbild werden. „Vorbild“ war auch das erste Wort, was sie schreiben konnte. Als sie in der ersten Klasse aufmalen sollten, was sie einmal werden wollten, wenn sie groß sind und sie nicht wusste, wie man ein Vorbild malt, lernte sie das Wort „Vorbild“ zu schreiben und schrieb ihren Wunsch auf, anstatt Prinzessinen, Könige und Ritter, wie all die anderen Kinder, zu malen. Damals lachten sie natürlich alle aus. Auch ich. Aber heute glaube ich sogar, dass sie recht haben könnte.

Manchmal wünsche ich mir nämlich so zu sein wie sie.

Wenn ich so wäre wie sie, dann wäre ich keine 1,62 m mehr klein, sondern 1,75 m groß. Ich hätte volle Lippen, hohe Wangenknochen und eine reine Haut. Ich hätte kurze Haare und müsste mir keine Gedanken mehr um meine Frisur machen. Dann hätte ich mehr Oberweite und mein Po würde wieder die Jeans in Größe 36 ausfüllen.
Sie sagt irgendwas von wegen „der Junge sehe so gut aus“ und ich schaue sie nur an und wünsche mir so auszusehen wie sie.

Wenn ich so wäre wie sie, dann könnte ich auch ohne ein schlechtes Gewissen eine heiße Schokolade trinken und vielleicht sogar dasselbe Stück Zwetschgenkuchen mit Sahne essen, wie sie. Dann würde ich mir keine Gedanken mehr um essen oder nicht essen machen. Dann würde ich Nutellabrötchen, anstatt Haferbrei frühstücken und Heißhunger nicht mit Zähneputzen und zwei Liter Wasser unterdrücken, sondern eine Tafel Schokolade verdrücken.
Sie faselt jetzt irgendwas von wegen „er habe zu ihnen rübergesehen“ und ich schaue sie nur an und wünsche mir so essen zu können wie sie.

Wenn ich so wäre wie sie, dann wäre mir vieles egal. Mir wäre es egal, was die anderen von mir denken. Mir wäre es egal, wie viel Sport die anderen bereits gemacht haben, wie viel sie schon gegessen haben und wie viele Kalorien sie verbrannt haben. Mir wäre sogar das Sixpack von Person X egal und das Person Y dünner ist, als ich, würde mich auch nicht mehr interessieren. Und Person Z könnte sogar einen Salat bestellen, von mir aus auch ohne Dressing, und ich eine große Pizza. Dann wäre mir sogar egal, wie viele Kalorien der Salat, der Brokkolimatsch und der Haferbrei haben. Mir wäre es gleich, ob man mir eine Kartoffel mehr oder weniger auf den Teller legen würde. Mir wäre sogar egal, was die Zahl auf der Waage und das Bild im Spiegel sagt.
Sie erzählt nun irgendwas von wegen „der Junge habe sie angelächelt“ und ich schaue sie nur an und wünsche mir, so zu denken wie sie.

Wenn ich so wäre wie sie, dann würde ich ohne Schminke das Haus verlassen. Ich würde mich nicht dafür entschuldigen, beim Essen aufgestoßen zu haben. Dann würde ich mich auch nicht dafür rechtfertigen, dass der Wind meine Frisur zerstört hat. Ich würde auf Facebook auch von meinem Besuch bei McDonalds berichten, anstatt der Welt zu erzählen, dass ich heute zu 100% gesund gegessen habe. Ich würde schreien, wenn ich wütend bin. Ich würde weinen, wenn ich traurig bin. Ich würde lachen, wenn ich glücklich bin. Und ich würde leben, wie ich leben will.
Sie erzählt irgendwas von wegen „er sei aufgestanden“ und ich sehe sie nur an und wünsche mir so echt zu sein wie sie.

Wenn ich so wäre wie sie, dann würde ich keinen Kalorienzähler auf meinem Handy besitzen. Dann würde ich auf Facebook viel öfter meine eigene Seite aufrufen, als Fanseiten rund um Ernährungstipps, Diäten und Fitnessprogramme zu durchstöbern. Mein Display auf meinem Handy wäre wahrscheinlich ein Burger, eine Tafel Schokolade oder vielleicht auch einfach nur ich. Dann würde ich auf Instagram keinen Account mehr mit dem Namen „eathealthyandworkout“ führen. In meiner Biografie würde dann sowas wie „Life Lover“, anstatt „Fitness Lover“ stehen und ich würde Bilder mit dem Hashtag #yolo verlinken, anstatt Bilder mit den Hashtag #skinny oder #tighgap zu versehen. Und außerdem würde ich das Abo bei der Women’s Health kündigen und die Galmour, oder die Bild der Frau abonnieren.
Sie flüstert jetzt irgendwas von wegen „er komme immer näher“ und ich sehe sie an und wünsche mir so zu sein wie sie.

Wenn ich so wäre wie sie, dann würde ich mich jetzt an einer Zwetschge verschlucken und die Gabel fallen lassen. Ich würde laut husten, Atemnot bekommen und im Gesicht knallrot anlaufen. Dann würde ich mich nicht von seinem „Hi, ich bin Max“ erschrecken, sondern hier sitzen, wie ich, und ihm die Hand mit einem „Hi, ich bin Mona“ entgegenstrecken. Wenn ich so wäre wie sie, dann würde ich jetzt beobachten, wie der Junge nicht mir, sondern ihr, seine Handynummer in die Hand drückt und sich mit einem „Meld dich, wenn du Lust hast“ verabschieden. Dann würde mein Herz jetzt für einen Moment still stehen und ich würde ihm mit offenem Mund hinterher sehen.
Sie schluchzt jetzt irgendwas von wegen „ich wünsche so zu sein wie du“ und ich sehe sie an und kann nicht glauben, was sie da gerade gesagt hat.

15 Comments

  • prettynormalgirl Oktober 4, 2015 at 20:54

    Ich habe deinen Blog vor kurzem entdeckt und finde deine Geschichten so berührend und schön. Du kannst so toll und einzigartig schreiben. Nur eine Sache interessiert mich: Erlebst du die Geschichten wirklich so, oder denkst du sie dir auch aus ?
    Ganz liebe Grüße
    Zoe

    • Mona Kuehlewind Oktober 4, 2015 at 20:57

      Liebe Zoe. Schön von dir zu lesen, DANKE!
      Um deine Frage zu beantworten: in meinen Geschichten steckt IMMER ein Stück Wahrheit. Ich würde sogar sagen, dass sie zu 70% der Wahrheit entsprechen. Das was die Personen in meinen Texten fühlen, das fühle auch ich, genauso wie die Personen denken, denke auch ich. Aber was die Personen alles erleben, erlebe ich leider oder Gott sei Dank nicht immer. Aber manchmal.

      Liebe Grüße zurück!

      • prettynormalgirl Oktober 4, 2015 at 21:35

        Danke für deine Antwort:)! Ich finde es sehr mutig dass du sich so sehr öffnest und so ehrlich bist❤️

        • Mona Kuehlewind Oktober 4, 2015 at 21:45

          Mir tut es gut. Ich habe das Gefühl, dass ich mit jedem Text den ich schreibe ein Stück „gesunder“ werde. Es tut mir einfach sehr gut. Danke für deine Worte ❤️

          • prettynormalgirl Oktober 4, 2015 at 22:09

            Das freut mich sehr! Gerne ich glaube fest daran dass du den Schritt schaffst und irgendwann wieder „gesund“ bist!

  • Beat(e)s Welten Oktober 4, 2015 at 22:27

    Wie viel Zeit verbringen wir damit, uns mit anderen zu Vergleichen, so sein zu wollen wie andere, oder wie andere es erwarten, oder wie wir glauben, dass andere es erwarten. Wie schwer fällt es uns, einfach nur uns selber zu sein, mit unseren Stärken und Schwächen. Dazu brauchen wir aber wohl andere, die uns annehmen, genau so wie wir sind, mit unseren Stärken und unseren Schwächen 🙂

  • sternfluesterer Oktober 5, 2015 at 8:51

    Auch dieser Text von Dir hat mir wieder sehr gefallen. –

    Das mit dem vergleichen ist so eine Sache. Früher habe ich das auch oft getan, jnun aber schon seit langem kaum noch. Ich bin wie ich bin. Und ich steh dazu. Ich weiß, dass ich große Schwächen habe, ich mag mich bei weitem nicht immer, aber ich möchte ICH sein und bleiben.

    Wahrscheinlich würden andere an meiner Stelle durchaus mit mir tauschen und manche/r aus meiner Umwelt würde sich auch wünschen, dass ich ein andere wäre oder würde. Soeit das bedeutet, dass Veränderungen meinerseits mein ICH nicht in Frage stellen ist das für mich in Ordnung. Darüber hinaus aber nicht.

    Natürlich habe ich auch einen Eindruck im Kopf, wenn ich jemaden erstmals sehe, sprechen höre. Aber dieser erste Eindruck sagt oft nur sehr wenig und ist mitunter auch halbwegs falsch.

    So wie ich nach mir beständig auf der Suche bleibe, weil ich mich nie vollständig kennen kann (ich habe darüber in meiner letzten Antwort an Dich schon einmal geschrieben), so halte ich es auch mit Menschen, die mir begegnen. – Manche werden mir dann, dies oder jenes, mitunter auch serh vieles betreffend, zu einem Vorbild. – Aber auch dann würde ich nicht sein wollen wie sie. Die Kopie eines anderen Menschen. Eine Kopie vermag nie zu sein wie das Original. Und das Streben danach, lässt einen am Ende blind werden für eigene Ressourcen, für ganz eigene Möglichkeiten der Entwicklung, vielleicht ja sogar für eine ganz arteigene Art selbst Vorbild oder Ansporn für Dritte sein zu können.

    Ich „kenne“ Dich ja wahrlich noch gar nicht, habe nur erste Eindrücke von Dir, liebe Mona. – Aber die sind so, dass ich vieles an Dir mag, dass Du für vieles meinen Respekt hast, dass ich glaube, sehr glaube, dass es sich lohnt, dass Du versuchst, ganz DU zu sein und stets weiter und mehr zu werden.

    Was mancher da manchmal über Dich daherreden mag, bisweilen womöglich sogar Dich verletzend, das lass Dich nicht anfechten.

    Ich würde Dir gern in diesem Sinne Zuversicht schernken und Dir, im Geiste wenigstens, ein bisschen Unterstützer sein.

    In diesem Sinne ganz viele, nur liebe und lieb gemeinte Grüße an Dich!

    • Mona Kuehlewind Oktober 5, 2015 at 16:50

      Ein ganz berührender Kommentar von dir. Danke für deine Worte.
      Ich möchte auch gar nicht viel dazu kommentieren und mir diesen Kommentar lieber zu Herzen als zu Wort nehmen. Verstehst du?
      Ich nehme deine Zuversicht sehr sehr gern an und bin mir sicher, dass ich für mich den richtigen Weg gewählt habe, indem ich über meine Gefühle und Gedanken schreibe. Was auch immer man daherreden mag, was auch immer manch einer jetzt von mir denken war, interessiert mich nicht. Jedenfalls nicht ganz so viel. Ein bisschen schon, aber das ist auch okay.

      Ganz ganz liebe Grüße zurück,
      Mona 🙂

  • gelberstrumpf/Diana Oktober 5, 2015 at 9:31

    Hallo Mona,
    dadurch das du auf meinem Blog vorbeigesehen hast, kann ich auch dich „erfahren“. Es gefällt mir was du schreibst…,etwas zu lesen das in die Tiefe geht ,etwas was mitfühlt und schwingt, etwas was ich ähnlich erlebt habe in meiner Abiklasse, etwas was Mut macht und Sehnsüchte hällt.
    Danke dafür.
    Viele Grüße Diana.

    • Mona Kuehlewind Oktober 5, 2015 at 16:44

      Liebe Diana! Schön, dass du mir Post dalässt. Danke, für deine lieben Worte.
      Ich freue mich immer wieder, wenn ich Menschen, wie dich, mit meinen Worten erreichen kann, wo auch immer das sein mag ..

      Alles Liebe,
      Mona

  • Anonymous Oktober 5, 2015 at 11:39

    Toller Text, macht neugierig auf mehr. Dein Bild ist auch richtig klasse und viel besser als das etwas künstlich wirkende vorherige Bild. Hab´Dich lieb, Mama

  • ganzschönfett Oktober 5, 2015 at 19:58

    Sehr reflektiert 🙂 und super ehrlich #haurein!

  • hansjoachimantweiler Oktober 16, 2015 at 0:26

    Liebende Mona

    Ich bin auch Aktmodell
    Einmal lud Ich die Gruppe ein
    Das jeder einmal vorne nackt stehen möge
    Alle schwiegen Nein
    Keiner keine wollte Sein wie Ich
    Also zog Ich meine Seele aus
    Und zuletzt den Geist
    Dann kamen Wir uns näher
    danke

    Dir, Joachim von Mitsein

  • %d Bloggern gefällt das: