Ich wünsche dir Alles, aber nicht, dass du mich vergisst

November 13, 2016

Eigentlich sollte ich hier gar nicht eingekuschelt auf dem Sofa sitzen und diese Zeilen schreiben. Eigentlich sollte ich an meinem Praktikumsbericht arbeiten, weil Mama mich garantiert danach fragen wird, wenn ich heute Abend mit ihr telefonieren werde.   Und das Badezimmer putzen sollte ich auch oder die trockene Wäsche in den Schrank einsortieren.
Aber Papa sagte immer, dass Prioritäten im Leben ganz wichtig seien und man sie keinesfalls unter den Tisch kehren solle, sondern im Gegenteil, sie ganz bewusst setzen müsse.
Nun ja, jetzt hocke ich hier rum und schreibe einen Text für dich. Dabei hätte ich nie gedacht, dass du noch einmal, jemals, zu meiner Prioritäten werden wirst. Geschweige denn zu meiner Ersten.

Du hast heute Geburtstag. Ich weiß, du magst Geburtstage nicht. Vor allem nicht deinen eigenen. Aber trotzdem konnte ich es die letzten zwei Jahre nicht lassen, deinen Geburtstag mit dir zu feiern. Heute muss ich es.

Seit einer Woche überlege ich nun, dir zum Geburtstag zu gratulieren, per Textnachricht, weil es an deinem diesjährigen Ehrentag keine andere Möglichkeit für mich gibt, dir zu Glückwünschen.
Der Kontakt ist verloren, ich weiß weder, wo du dich aufhältst, noch mit wem. Ich weiß ja nichtmal mehr, ob es dir gut geht.
Das Einzige, was ich noch von dir habe, ist deine Handynummer, die ich mich nicht traue zu wählen, weil die Angst, du wollest nichts mehr von mir wissen, viel zu groß ist.
Deshalb schreibe ich einfach hier. Hier, wo du es sehr wahrscheinlich niemals siehst. Aber hier, wo meine Worte ein bisschen Sicherheit finden. Hier, wo meine Worte mit der Illusion ruhen, du würdest dich an ihnen erfreuen.

Erinnerst du dich an deinen letzten Geburtstag? Als wir gemeinsam beim Italiener in der Stadt waren? Und den Kuss, den du mir gegeben hast, als wir im Lichtkegel der Straßenlaterne standen, der Motor deines Wagens verstummte? Erinnerst du dich, wie weich, wie liebevoll er war? Erinnerst du dich daran, wie unsere Lippen ein und dieselbe Melodie sangen? In ein und demselben Takt?
Ich würde dir auch dieses Jahr gerne einen solchen Kuss geben. Vielleicht nur ein bisschen weniger weich, weil du weißt, nein du weißt nicht, weil wir uns nichtmehr kennen, aber ich liebe dich nicht mehr. Ich denke eben nur noch sehr oft an dich, kann dich einfach nicht loslassen. Dieses Nicht-Loslassen-Können wird nur immer und immer mehr anders. Anfangs konnte ich dich nicht loslassen, weil ich dich liebte. Später konnte ich dich nicht loslassen, weil der Platz in meinem Herzen, den du einst eingenommen hast, so viel größer als dieses Loslassen war. Und jetzt kann ich dich nicht loslassen, weil die Erinnerung an das, was wir hatten und nicht hatten, die schönste Erinnerung ist, die ich besitze. Und ich besitze viele, glaub mir.
Wenn du den Kuss nicht mehr möchtest, dann würde ich heute trotzdem gerne mit dir zum Italiener gehen. Vielleicht nur an einem weniger romantisch gedecktem Tisch. Ich würde ganz vielleicht auch die Kerze auspusten, weil wir in diese himmlisch, dunkle Romantik nicht mehr passen. Auch wenn ich nichtmehr weiß, ob du noch so gerne Steak isst, würde ich dir eins bestellen. Einfach, weil deine Augen jedes Mal so ein Strahlen bekamen und mir ganz warm ums Herz wurde. Und das wird mir nicht oft, glaub mir.
Vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, möchtest du keinen Kuss und auch kein Steak beim Italiener. Nicht, weil du heute Geburtstag hast und du Geburtstage nicht magst, aber weil du mich nicht mehr sehen magst.
Weißt du, dass der Gedanke, meine Vermutung sei wahr, echt weh tut? Ich muss kurz ein Taschentuch holen, verzeihe.

So. Du kannst zwar nicht sehen, niemand kann das sehen, dass zwischen diesem und dem letzten Absatz dreizig Minuten vergangen sind, aber ich musste tatsächlich weinen.
Du fragst dich wieso, hm? Nun ja, der Gedanke, du sitzt mit einer anderen Frau beim Italiener, isst dein Steak mit denselben strahlenden Augen und küsst sie mit derselben liebevoll, weichen Weise im Lichtkegel der Straßenlaterne, fühlt sich ganz furchtbar an.
Aber jetzt ist es okay. Die Tränen sind trocken. Lediglich die salzige, klebrige Spur klebt mir auf den Wangen wie eine zweite Haut.

Ich wünsche dir Alles zum Geburtstag, aber nicht, dass du mich vergisst. Happy Birthday.

Ich werde dich niemals vergessen,
Mona

3 Comments

  • JJacky November 13, 2016 at 18:16

    … Wow …

  • die_zuzaly November 13, 2016 at 19:33

    …. mhhhh … liebe Mona <3
    ich lese Deinen ergreifend geschriebenen BRIEF – diese Glückwünsche kommeb aus einem liebenden Herzen –
    – auch ich habe an mir feststellen müssen – das mir Tränchen über die Wangen liefen –

    denn Deine Geschichte spricht auch meine Seele an – warum ähneln sich diese Geschichten so sehr??? schniiiiief –
    *es war einmal* – aber die Erinnerung an einen besonderen lieben Menschen wird immer bleiben —
    erinnern heißt *nicht vergessen wollen* – es verblassen nur die Konturen –

    denn Sehnsucht ist Liebe und Illusion – sie werden für ewig in Dir wohnen –
    unsere Träume bestehen nur aus Illusionen – gut so – das prägt in uns einen starken Charakter –

    ich wünsche Dir – das die Liebe in dir immerwährend wächst – gehe behutsam mit ihr um
    die-zuzaly
    Namaste

  • dreeeeamer November 24, 2016 at 17:27

    Wow, was für ein Post. Danke, dass du so etwas Persönliches mit uns teilst. Ich wünsche dir, dass du irgendwann nicht mehr daran denken musst, wie es ist, wenn diese Person mit einer anderen Frau Steak beim Italiener isst. <3
    Danke übrigens, dass du meinen Post bewertet hast! Ich habe mich echt gefreut. 🙂 Das ist vielleicht ein bisschen unpassend, wenn ich das unter diesen Post schreibe, aber ich wollte dich trotzdem gerne fragen, ob du weißt, wie man mehrere Fotos bei einem Post hochladen kann? Ich bin neu hier und habe das bis jetzt noch nicht geschafft… 😀
    Liebe Grüße und alles Gute
    Lisa von https://uniquedreeeeamer.wordpress.com

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