Ihr habt mir nie gezeigt wie es funktioniert

Oktober 14, 2015

„Sieh dir das an, Mona!“, sagte er fröhlich, als das Licht einflutete. Ich blinzelte unter meiner Bettdecke hervor. Das Sonnenlicht machte mich für einen Moment blind, doch dann erkannte ich die Baumkronen, die sich sacht im Wind wogen. Die Blätter hatten sich bereits in warmen Brauntönen gefärbt und ich fragte mich wie lange es wohl schon her war, als ich es das letzte Mal wagte aus dem Fenster zu schauen. Der Umriss meines Vaters zeichnete sich vor dem Fenster ab; die Hände in die Hüften gestemmt, sah er aus wie ein Held aus diesen Actionfilmen, wie ein Power Ranger. „Wenn du nicht darüber reden magst, wie kann ich dir dann helfen?“, fragte er, und kam zu mir rüber und setzte sich auf die Bettkannte. Ich hielt die Luft an, als er behutsam mit seinen Fingern eine Haarsträhne aus meinem Gesicht zurückstrich. Er beugte sich vor, als würde er mitbekommen haben, dass ich den Atem anhielt. Unsere Augen waren sich so nah, dass es mir fast ein wenig Angst machte. „Atme, Mona“, flüsterte er. Aber ich beachtete ihn längst nicht mehr und zog die Decke wieder weit über mein Gesicht. Ich hörte wie das Bett quietschte als er aufstand, dann das knallen der Tür, die mit voller Wucht ins Schloss fiel. Mir tat es nicht mehr weh. Dieser Schlag der Tür war für mich wie ein Sieg. Jetzt stand er unten in der Küche und briet das Fleisch, das es zum Mittag geben sollte. Ich hörte das Fett spritzen und das Schwappen der Soße in der Pfanne.
Drei Minuten später und ich hörte ihn schreien „Verdammt! Die Nudeln sind weg!“ „Die Tomatensoße ist auch leer!“, erklang die Stimme meiner Mutter im Hintergrund. „Aber ich will Spaghetti!“, quakte Ben jetzt dazwischen.
Ich vergrub mich noch ein Stück mehr unter der Decke, steckte mir die kleinen Kopfhörer in die Ohren, strich mir über den vollen, kugelrunden Bauch und hielt den Atem an. Eine Sekunde, zwei Sekunden, dreiunddreißig Sekunden, … Siebenundfünfzig Sekunden und ich war weg.

Das Atmen fiel mir schon immer sehr schwer.
Wenn ich einmal abschaltete und alles um mich herum vergaß, dann vergaß ich auch immer das Atmen. Im Kindergarten durfte ich deshalb nie auf die Schaukel, wie all die anderen Kinder, weil ich beim Schaukeln immer alles um mich herum vergaß. Natürlich auch das Atmen. Das führte dazu, dass ich zweimal im Krankenhaus landete und mehrere Male von meiner Oma abgeholt werden musste. Wenn ich aufgeregt war und Lampenfieber bekam, bekam ich gleichzeitig auch Atemprobleme. In der Grundschule bekam ich deshalb immer eine Entschuldigung von Mama, wenn ich ein Referat oder eine Präsentation halten sollte. Beim Weihnachtsmärchen spielte ich entweder den Tannenbaum oder den Stern und bei der Sommeraufführung war ich immer die Zuflösse. Wenn mir etwas peinlich oder unangenehm war, wurde ich nicht rot wie eine Tomate, sondern blau wie eine Blaubeere, weil ich aufhörte zu atmen. So fiel ich einmal um, als ich in der dritten Klasse die erste Rose zu Valentinstag bekam und als der Nachbarjunge mir einen Liebesbrief schrieb. Und auch wenn ich Angst hatte, dann war ich noch nie eine von denen, die anfing zu weinen, zu schreien und wegzulaufen. Ich gehörte immer zu denen, die aufhörten zu atmen und umfielen.
Das atmen fiel mir schon immer sehr schwer.
Mittlerweile bin ich um einiges älter. Eine junge Dame ist aus mir geworden. Allerdings fällt mir das Atmen noch immer sehr schwer.
Das liegt aber auch nur daran, dass ich kein Verhältnis zur Luft besitze. Und außerdem hatte man mir nie gezeigt, wie es geht. Niemand hatte mir in der Vergangenheit gezeigt, wie man atmen muss.
Atmet man durch den Mund oder durch die Nase ein? Und wo atmet man aus? Wie lange hält man Inne bis man wieder ausatmet? Wie viel atmet man überhaupt ein und wie viel davon wieder aus?
Mir fällt das Atmen so schwer.
Um ehrlich zu sein, ist jeder Atemzug wie ein Kampf. Jeder noch so kleine Versuch die richtige Dosis Luft einzuatmen eine Qual.
Entweder atmet ich zu viel oder zu wenig Luft ein. Wenn ich zu viel Luft einatmete, muss ich husten. Laut husten und manchmal auch rülpsen. Dann versuche ich immer die Luft, die zu viel war irgendwie auszuhusten oder auszurülpsen. Wenn ich zu wenig Luft einatme, was meistens der Fall ist, dann fange ich an unregelmäßig nach Luft zu schnappen. Manchmal vergesse ich es aber auch und falle um.
Mir fällt das Atmen so schwer.
Und manchmal da gibt es noch ein drittes „oder“. Dann entscheide ich mich nämlich bewusst dazu nicht mehr zu atmen. Dann halte ich die Luft an, so lang ich nur kann. Mein Rekord liegt bei siebenundfünfzig Sekunden. Danach falle ich um. Irgendjemand findet mich dann immer und holt mich zurück. Ohne mich zu fragen, rütteln und schütteln sie dann immer an mir. Ohne mich zu fragen holen sie mich zurück, obwohl ich eigentlich hier weg wollte.
Als ich das letzte Mal aufhörte zu atmen, das war vorgestern Morgen, da musste mich Mama gefunden haben. Auf jeden Fall saß sie mir mit weinenden Augen gegenüber, als ich wieder zurück war.
„Warum tust du das immer?“, war die erste Frage, die sie mir stellte, als ich wieder da war. „Warum tust du es denn immer?“, stellte ich die Frage zurück, um herauszufinden, warum sie mich immer wieder zurück holt, obwohl sie doch scheinbar gemerkt haben muss, dass ich das eben so will. Dass ich bewusst entscheide den Atem anzuhalten. Doch weder sie, noch ich, wussten mit Worten zu antworten. Deshalb verabschiedete sie mich mit einem „Alles-wird-gut-Gestreichel“ über den Kopf und ich verabschiedete sie mit einem „Wird-es-nicht-Schnauben“. Dann kamen ihr noch mehr Tränen. Aber das war dann schon zu spät. Ich war wieder bei der siebenundfünfzigsten Sekunde. Und dann weg. Vorgestern war ein blöder Tag.
Der gestrige Tag verlief nicht besser. Aber anders.
Das fing schon damit an, dass ich aufwachte, zum Fenster trottete und die Gardinen aufzog. Ich öffnete die Fenster und der erste kalte Windzug diesen Jahres zog durch mein Zimmer. Ich fing automatisch an zu frösteln. Als ich die beobachtete wie die ersten Blätter von den Bäumen fielen, die Menschen auf der Straße mit langen Mänteln, dicken Schals und Mützen die Sonntagsbrötchen holten, wunderte ich mich, wie lang es schon hergewesen sein musste, als ich das letzte mal hier oben am Fenster stand und die Menschen beobachtete. War die Frau mit dem blonden, langen Zopf und der dicken Wollmütze nicht gestern noch im Sommerkleid unterwegs? Hatte ich den Opa nicht gestern noch in Sandaletten auf dem Fahrrad gesehen?
Der nächste kalte, herbstliche Windzug umwirbelte meine Haare und ließ mich zittern. Das war gemein. Der Wind war so gemein und ich konnte nicht einmal gemein zurück sein.
Der übernächste Windzug war aber noch viel gemeiner. Er war etwas wärmer, aber dafür brachte er den wunderbar, herrlich riechenden Geruch von einem frischen Etwas in mein Zimmer. Um genau zu sein den wunderbar, herrlich riechenden Geruch von frischen Franzbrötchen. Das war absolut gemein! Ich ließ das Fenster mit einem lauten Schlag zuknallen und schmiss mich aufs Bett. „Warum hatte ich auf einmal so eine verdammt große Lust an dieses blöde, blöde Franzbrötchen? Warum schrie mein Bauch förmlich danach?“ „Egal. So ein Franzbrötchen kommt gar nicht erst in die Tüte. Erst recht nicht heute. Und auch nicht Morgen, oder Übermorgen oder überhaupt irgendwann einmal. Das ist purer Zucker. Pures Gift und ein ganz klarer Fall von einem Dickmacher!“, erklärte ich mir und vergaß den Gedanken an Franzbrötchen für die nächsten drei Stunden.
Um 13 Uhr klingelte ich bei Oma. Sie öffnete die Tür und als meinte es heute jemand besonders gut mit mir, empfing mich der Geruch von frischem Gebäck. Frischem Franzbrötchen. „Du hast doch nicht etwa Kranzbrötchen gekauft, oder?“, war die erste Frage, die ich Oma stellte. Fünf Minuten später und wir saßen zu zweit am Tisch. Zwischen uns ein Teller mit vier Franzbrötchen.
Ein richtiges Gesprächsthemen hatten Oma und ich heute nicht. Sie erzählte mir den neusten Dorftratsch, fragte zwischendurch ob ich nicht doch ein Franzbrötchen essen mag, und tratschte weiter. Ich saß nur da und beobachtete.
Ich sah Menschen gerne beim Essen zu. Auch Oma. Mich faszinierte immer wieder, wie Menschen mit einer Leichtigkeit, einer gewissen Freiheit und Unbeschwertheit Gabel für Gabel und Löffel für Löffel in ihren Mund transportierten. Wie sie dabei gar nicht bemerkten, dass die Hälfte vom Löffel tropfte oder von der Gabel fiel. Wie sie gar nicht wahrnahmen, dass sie auch das Messer ableckten. Ich beobachtete gerne, wie sie, ohne nachzudenken, den Teller ein zweites Mal auffüllten, dann ein drittes Mal und wenn es besonders schön war, auch ein viertes Mal. Das gefiel mir. Sehr. Essen mit Oma gefiel mir aber am aller meisten. Oma war nämlich eine besonders gute Esserin. Sie aß immer, bis der Topf leer war und sammelte jeden Krümel vom Teller auf. Dabei trank und redete wie sie lustig war. Sie aß so unbeschwert, so locker und leicht. Bei ihr sah Essen eben so einfach aus. Einmal fragte ich sie, wie sie so einfach „einfach essen“ kann. Sie sagte mir, dass Essen nichts anderes als Atmen sei. „Genauso einfach“, fügte sie hinzu. Das ich aber nicht wusste, wie man atmet, erzählte ich ihr natürlich nicht, sondern stimmte ihr mit einem gelogenen Kopfnicken zu. Wenigstens fand ich an diesem Tag heraus, dass ich nicht Essen kann wie Oma, so lang ich nicht richtig atmen kann und ich auch nicht richtig atmen kann, so lang ich nicht Essen kann wie Oma. Ich steckte in einer verdammten Zwickmühle.
Und auch heute bemerkte ich, dass ich noch immer in dieser verdammten Zwickmühle gefangen war. Oma aß wieder so unbeschwert, so locker und leicht. Und ich saß ihr gegenüber und hatte das Gefühl, dass das Franzbrötchen mir schon beim bloßen Anblick im Hals stecken bleibt.
„Magst du es nicht einmal probieren?“, fragte Oma zum hundertsten Mal. „Nein, danke“, wimmelte ich sie zum hundertsten Mal ab. „Wirklich nicht? Ich weiß, dass du es auch kannst. Du musst es nur wollen und aufhören zu denken.“ „Machst du das auch so?“, fragte ich Oma zurück. „Ja. Ich denke erst gar nicht darüber nach.“ „Auch nicht über die Kalorien, das Fett, den Zucker, und …“ „Hör auf! Hör einfach auf damit, Mona. Du fängst schon wieder damit an“, schrie sie mich jetzt fast an. „Ich zeige dir jetzt wie es geht und dann probierst du es auch.“
Ich sah, wie Oma zum zweiten Franzbrötchen griff, ohne es vorher mit den Anderen zu vergleichen, ob es vielleicht schöner, größer, kleiner oder größer ist, mehr oder weniger Kalorien haben könnte. Ich sah, wie sie es sich einfach griff, die Augen schloss und direkt einen großen Bissen davon nahm.
„Siehst du, ganz einfach. Essen ist so einfach wie Atmen. Du kannst das auch schaffen“, sprach sie mir zu.
„Essen ist so einfach wie Atmen“, wiederholte ich in meinem Kopf. Ich tat so, als würde ich nicht denken, dabei formte ich den Satz um zu „Essen ist so einfach wie NICHT Atmen“ und griff mir ein Franzbrötchen. Ich schaffte es noch in der dreiundvierzigsten Sekunde einen Bissen zu nehmen. Ich konnte es sogar noch schmecken. Als ich dann einen zweiten Bissen nehmen wollte, war ich aber schon bei der siebenundfünfzigsten Sekunde angekommen und fiel um. Ich war wieder weg.
Als ich langsam wieder zu mir kam, hörte ich Oma irgendwo in der ferne Jammern: „Ich habe ihr gezeigt wie es geht und ihr gesagt, dass es ganz einfach ist. Ich habe ihr gesagt, dass sie es auch schaffen kann. Ich habe ihr gesagt, dass sie es einfach probieren soll und das Essen so einfach ist wie Atmen. Und dann hat sie sich tatsächlich getraut und hat es probiert. Und sie hat es geschafft. Dann hat sie mich angelächelt, wollte den zweiten Bissen nehmen und dann fiel sie um.“
Ich öffnete die Augen und schaute in zwei besorgte Gesichter. Oma und Opa. Beide waren sie jetzt da. „Mir geht es wieder gut. Ihr braucht euch keine Sorgen machen.“, beruhigte ich sie sofort, stand auf und machte mich auf den Weg nachhause.
Als ich zuhause war, war das Haus immer noch leer. Papa und Mama machten einen Tagesausflug ans Meer. Ben hatte ein Fußballspiel.
Ich setzte mich auf einen Stuhl in der Küche, nahm die Füße hoch und presste die Beine fest an meinen Oberkörper. Ich legte den Kopf auf die Knie und dachte ein bisschen nach. Ein bisschen übers Atmen und ein bisschen übers Essen. „Essen ist so einfach wie Atmen“, „Atmen ist so einfach wie Essen.“ „Und ich will Essen, einfach Essen. Und ich will atmen, einfach atmen.“, flüsterte ich. Eine Art Gedankenblitz schoss mir urplötzlich durch den Kopf. „Vielleicht muss ich irgendwo anders ansetzten. Vielleicht muss ich Essen um das richtige Atmen zu lernen, und nicht, wie ich es vorhin getan habe, Atmen oder nicht Atmen um dann das Essen zu lernen.“, schlussfolgerte ich. Ich war plötzlich so überzeugt von meiner Idee, dass ich einfach Essen musste, ohne mir vorher zu überlegen, wie das Atmen funktioniert. Ich war mir plötzlich so sicher, dass ich einfach Essen musste und dann auch lernen würde, wie ich atmen muss. Richtig atmen. Die Luft richtig dosieren muss.
„Einfach Essen.“ Das fühlte sich plötzlich wie ein Freifahrtschein an. Wie ein Gutschein bei Burger King, ein Gratis Eis bei McDonalds und fünfhundert Treuepunkte bei Edeka. Ich war frei. Ich durfte Essen. Ich durfte Essen um kein schlechtes Gewissen zu haben. Sondern Essen um zu lernen, wie ich atmen muss. Also aß ich. Ich aß. Alles. Und irgendwann fraß ich. Alles. Alles, bis auf die Champions im Kühlschrank. Die mochte ich nicht.
Als ich nach vier Stunden auf die Uhr schaute, es war inzwischen 19:30 Uhr, klingelte es an der Tür. Mein Bauch war so schwer, so kugelrund, dass ich beinahe zur Tür „rollte“. Ich öffnete die Tür. Es war Sophia. „Eh hi, ich dachte wir wollen heute ins Kino. Aber was ist denn mit dir passiert?“, fragte sie mich entsetzt. Ich folgte ihrem schockierten Blick und sah an mir herunter. Mein Shirt war über und über mit Tomatensoße bekleckert. An meinen Händen klebte Schokolade und auf meiner Hose machte sich ein riesiger Fettfleck breit. Ich sah wieder zu ihr hoch. Sah noch immer ihr schockiertes, angeekeltes Gesicht. Anstatt im Erdboden zu versinken und rot wie eine Tomate zu werden, wurde ich zuerst blau wie eine Blaubeere und dann hörte ich auf zu atmen und fiel um.
Als ich wieder aufwachte, war es mitten in der Nacht. Ich befand mich in meinem Bett. Irgendjemand musste mich hier hergebracht haben. Ich knipste das Licht an und sah einen kleinen, rosa Zettel auf meinem Nachtspint liegen:

Du bist vorhin einfach umgefallen. Ich habe deinen Vater alarmiert und er hat mir gesagt, dass das öfter passiert. Ich habe dich dann in dein Zimmer gebracht und dir frische Sachen angezogen. Bitte mach das nicht noch einmal. Ich hatte große Angst um dich.
Sophia

Sophias Worte brachten mich irgendwie zum weinen. Eigentlich wollte ich das ja auch gar nicht. Eigentlich wollte ich niemandem Angst machen. Eigentlich wollte ich doch nur nur atmen, einfach atmen.
Die ganze Nacht lag ich wach in meinem Bett und probierte das Atmen aus. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Regelmäßig atmen. Luftholen, Augenschließen und vergessen. Nicht vergessen zu atmen. Bloß nicht. „VERGESSEN, hatte Oma nicht auch „vergessen“ gesagt?“ „Vergessen und einfach nicht denken?“ „Ja, das hatte sie!“, lachte ich plötzlich.
Ich musste einfach aufhören zu denken. Darüber nachzudenken wie ich, wo ich, was ich und ob ich atmen soll, kann oder will. Ich musste es einfach tun, so wie Oma. Einfach gar nicht erst nachdenken.
Und das ist doch einfacher getan, als überhaupt gesagt, oder?

13 Comments

  • sternfluesterer Oktober 15, 2015 at 13:41

    Oh, das ist ein wunder Punkt, liebe Mona, ein ganz wunder. Auch für mich, für mein und in meinem Leben. „Aufhören zu denken“. Nicht so differenziert sein. „Einfach(!) loslassen“, entspannen!

    Gerade gestern, in meiner Therapiestunde, hat das eine große Rolle gespielt. Und ich habe auch viele Male gedacht: Warum kannst du das nicht? Hätte dir das jemand beibringen können? Weniger zu denken? Gar nicht zu denken?

    Ich bin so froh, dass ich denke, dass ich gelernt habe, differenziert zu denken, Dinge zu hinterfragen, möglichst allseitig zu betrachten und so, hoffentlich so oft wie möglich, kein Vorurteil zu fällen. –

    Ich bin so froh darüber, weil diese Art des Denkens erkannt und GELERNT zu haben, für mich die einzige, wirklich die einzige Befreiung gewesen ist, die ich in Zusammenhang mit der so genannten „Wende“ 1989/90 erlebt und genossen habe (Ich bin in der DDR geboren und habe dort fast 28 Jahre meines Lebens gelebt). Sie ist das einzige, worauf ich in diesem Kontext stolz bin, was ich für mich als wahre Bereicherung erfahren habe.

    Und nun zeigt mir mein Therapeut, das, was ich vor allem in den letzten Jahren schon mehr und mehr geahnt habe:

    Diese Art zu Denken kann auch eine Last werden, eine Last sein. Vor allem bei empfindsamen, empathischen Menschen. Die wiederum besonders geneigt sind, gerade so zu denken. – Ein Teufelskreis?

    Das mag ich nicht so hinnehmen. – Ich möchte gern weiterhin so differenziert sein, ich möchte gern weiter denken, genau auf diese Art. Ich möchte aber auch, ich wünsche mir, und weiß, dass mir das schrittweise besser gelingen muss, dabei nicht mehr diese Panikattacken, dieses anhaltende heftige „unter-Strom-Stehen“, das auch quasi atemlos macht, aushalten müssen und die „Löcher“, die depressiven Phasen danach auch nicht.

    Kleine Entspannungstechniken sollen mir dabei helfen. Ich soll sie an Rituale des Tages binden und lernen, sie dann bewusst zuzulassen, sie bewusst anzuwenden. Immer wieder, und seien es auch da nur 30 Sekunden und dort nur eine Minute.

    Bislang schaffe ich das nur selten, denke nicht daran, wenn es wichtig und richtig werde. Habe schon gar keinen Automatismus dafür gefunden, bisher. – Oft denke ich erst dran, wenn mein Innenleben schon längst wieder 200 mit mir fährt.

    Aber ich habe mir vorgenommen, es immer wieder zu versuchen, in der Hoffnung, dass es letztlich etwas bewirkt, in dem Sinne, nicht mehr so atemlos zu werden, zu sein und gar zu bleiben.

    Eine Entspannungsmethode versuche ich nun gerade beim und durch das Essen zu finden. – Ich versuche, mein Essen viel bewusster als jemals , zu erspüren, zu schmecken, zu genießen. – Ich esse schon immer um einiges langsamer als die meisten meiner Zeitgenossen. Aber das ist mir schon immer egal gewesen. Ich mache das weiter, bewusster, als Moment der Entschleunigung als Moment DURCHZUATMEN. –

    Ich habe bemerkt, wenn ich so langsam und schmeckend, genießend esse (morgens mein Müsli, am Nachmittag mitunter ein Stückchen Lieblingskuchen, abends den Kräuterquark auf dem frischen Schwarzbrot), dass dann mein Atem ruhiger wird. Und ich könnte mir vorstellen, dass Du, wenn Du bewusst SO zu essen versuchst, das Atmen beim Essen nicht mehr vergessen wirst, wenn Essen immer weniger eine Herausforderung als ein Stückchen Entspannung für Dich wird, das DU zulässt, so wie DU es für Dich als angenehm empfindest.

    Dass Essen für Dich bisweilen buchstäblich zu Atemnot findet, ist denke ich ein Überbleibsel Deiner Krankheit, denn als Du krank warst, war jedes Essen für Dich eine Herausforderung, eine Anforderung.

    Jetzt bist Du mehr Du selbst geworden, hast zu erkennen begonnen, dass Lebensqualität und damit die eigene Fähigkeit für sich und andere da zu sein, mehr bedeutet als Kalorien zu zählen. Bewusst zu essen, dabei Dinge zuzulassen, nach denen Dein Wohlbefinden sich sehnt. Warum also nicht Entspannung?

    Wie gesagt, ich beginne gerade, das zu probieren. Bin noch auf dem Wege, versuche es. Und stelle, wenn es irgend geht (auch da bin ich noch in der Probephase), jeder Mahlzeit ein kleines Ritual voran oder beende sie damit: Einen Moment die Augen schließen, die Arme ganz lang hängen lassen, die Schultern senken, ganz bewusst, ihnen das Angespannte nehmen. Und still in mich hinein hören. Nur 20 Sekunden lang.

    Vielleicht kannst Du das ja auch mal versuchen, wir wären dann schon wieder zwei, die das probieren ;). – Ich meinerseits werde wohl, wenn Du Dich drauf einlässt, nunmehr bei jedem meiner Versuche einen kleinen Entspannungsgedanken auch bei Dir verweilen lassen.

    Ich glaube, wir können es schaffen, nicht mehr atemlos zu essen. Und dann haben wir wieder viel Zeit und Kraft zum Denken, so wie wir es möchten, so wie wir es (auch) brauchen. Weil wir WIR sind und dass bleiben möchten.

    In diesem Sinne ganz viele allerliebste und Zuversicht schenkende Grüße von mir an Dich!

    P.S.:

    Das ist heute aber ein arg langer „Kommentar“ geworden, hoffentlich nervt es Dich nicht.

    Ich habe übrigens, weil wir zuletzt ja mal über HASS und NEID geschrieben haben, zwei Texte für Dich, die ich vor längerer Zeit mal verfasst habe. Vielleicht magst Du sie lesen (sind aber beide ein bisserl länger) – Du findest sie hier:

    https://gedankenorbit.wordpress.com/2013/01/05/hass-15399502/

    https://gedankenorbit.wordpress.com/2011/10/05/neid-11968834/

    Auch die jeweiligen Kommentare zu den beiden Aufsätzen sind durchaus interessant.

    Übrigens:

    Du darfst mir natürlich auch sehr gern Deine Meinung zu diesen Texten oder überhaupt zu dem Geschreibsel in meinem Blog sagen, wann immer Du willst. – Trau Dich ruhig, ich schätze Dein Denken, Deine Meinung sehr. –

    Es wäre also nichts, was Dich atemlos machen müsste 😉

    Nochmals: Liebe Grüße!

    • Mona Kuehlewind Oktober 15, 2015 at 20:03

      Einen wunderbaren Guten Abend wünsche ich Dir!
      Mein Kommentar auf deinen „Kommentar“ erfolgt erst jetzt, obwohl ich deinen „Kommentar“ schon vor einigen Stunden gelesen habe.
      Warum ich dann jetzt erst antworte?
      Ich brauchte ein bisschen Zeit. Ein bisschen Zeit um über deine Worte nachzudenken. Vielleicht habe ich dabei wieder zu viel gedacht. Vielleicht hätte ich gar nicht erst nachdenken sollen und gleich antworten sollen aber ich konnte nicht. Deine Worte haben mir so viel gelehrt, mir so viel Gutes und Lehrreiches geschenkt, dass ich erst einmal darüber nachdenken musste.
      Stück für Stück musste ich nachdenken. Ich musste nicht nachdenken, über den Inhalt deiner Worte, denn den habe ich auf Anhieb verstanden, aber ich musste nachdenken, wohin ich deine liebe Worte am besten platziere, damit sie mir nie, NIE verloren gehen und ich immer wieder auf sie zurückgreifen kann. Letztendlich habe ich so viel darüber nachgedacht, so viel, so oft deine Worte gelesen, dass sie sich automatisch in meinem Kopf festgesetzt haben. Ich hoffe sie bleiben!
      Ich lese sehr oft und sehr gern auch dein „Geschreibsel“, aber mir fehlen am Ende immer die richtigen Worte. Ich bin niemand, der gerne kommentiert. Ich lasse Dinge lieber auf mich wirken und behalte meine Gedanken für mich .. Ich weiß, dass das nicht die beste Eigenschaft ist, aber ich denke lieber allein. Ich bin auch lieber allein.
      Ich wünsche mir, dass du es schaffst. Das wir beide es schaffen. Ich wünsche es mir so sehr. Für dich. Und für mich.

      Alles, alles Liebe!!

      • sternfluesterer Oktober 15, 2015 at 20:59

        Liebe Mona, was für eine Reaktion auf meinen Kommentar. – Dabei habe ich wieder nur meine Gedanken für Dich aufgeschrieben, ein bisschen Anregung darin verpackt, von dem, was ich selbst versuche zu lernen.

        Ich kann aber, und das werde ich auch nie, weil das anmaßend wäre, für mich und meine Gedanken nicht beanspruchen, dass sie „richtig“ sind, richtig für Dich. Bitte hinterfrage sie stets für Dich.- Ich bin kein Weiser und keiner, der die Dinge kennt. Ich kann aus der Ferne nicht wirklich beanspruchen, helfen zu können. Das wäre unseriös, Scharlatanerie. – Ich bin nur jemand der selbst immer wieder auf der Suche ist, der seine Erfahrungen dabei teilt, seinen Sachstand, sein Empfinden. Nicht weniger. Aber eben auch nicht mehr.

        Ach Mona! – Du schreibst, dass Dir die richtigen Worte fehlen würden, etwas zu dem zu schreiben, was ich in meinem Blog poste. –

        Ich glaube, Du bist da zu kritisch Dir gegenüber. Denn hier bei Dir findest Du so viele gute, interessante und anregende Worte. Das „richtig“ habe ich jetzt bewusst weggelassen, weil das doch eh‘ immer irgendwie relativ ist, was richtig ist und was nicht. Für den einen ist es mehr dies, für den anderen mehr das.. – Außerdem würde ich von Dir gar nichts „erwarten“ – ich weiß nur, dass mir selbst eine kleine Meinung von Dir viel wert ist, ein „Ja“, ein „Nein“, ein „Das hat mir gefallen“ oder ein „Warum siehst Du das so?“ oder auch ein „Das habe ich nicht verstanden“.

        Du hast ein großes Potenzial andere Menschen zu bereichern, ich bin überzeuigt davon, auch, wenn Du nur Fragen stellen würdest.

        Nun will ich Dich keineswegs zu Kommentaren nötigen, ich wollte nur noch mal deutlich sagen, dass Du keine Angst, keine Scheu haben müsstest, bei mir etwas zu schreiben.

        Vielleicht würdest Du nach und nach sogar ein bisschen mehr Vertrauen in Dich gewinnen, doch etwas kommentieren zu können. Ein Austausch lebt doch davon, das man miteinander spricht, miteinander kommuniziert. – Und vielleicht wäre das auch eine kleine Schule für Dich, denn niemand sieht Dir zu, keiner schaut Dir auf die Finger, oder fixiert gar Deine Augen, wenn Du schreibst. Du könntest, dürftest ganz entspannt sein beim Schreiben, und … ATMEN (sic!). ICH würde Dich ganz ruhig atmen lassen, so, wie ich es heute in meinem Kommentar an Dich beschrieben habe.

        Aber, wie gesagt, ich respektiere jeder Deiner Entscheidungen, Du sollst, Du musst frei sein.

        Das mit dem alleinsein mögen kann ich gut verstehen. Ich brauche das auch, Und ich brauchte das schon immer. Ich bin kein Mensch für laute, große Gesellschaften, ich habe nie Diskotheken oder Partys gemocht. (Schon gar nicht solche, wo der Alkohol früher oder später die Oberhand gewinnt)- Eine kleine Runde, mit vertrauten Menschen, solchen, die mir Freund geworden sind, hingegen, die schätze ich inzwischen sehr, die gibt mir sogar richtig Kraft. Und leider bietet sich dafür in meinem Leben immer nur so selten Gelegenheit.

        Wenn ich hier auf Deinen Blog komme, finde ich immer ein bisschen von jenem Empfinden, dass ich von solchen kleinen Runden mitnehme. – Auch deshalb freue ich mich, mich mit Dir austauschen zu können, und auch deshalb war da mein Wunsch, dass auch auf meinem Portal machen zu können. Damit auch Du vielleicht ein bisschen solches Empfinden für Dich erspüren kannst. – Das ist einfach ein Angebot von Herzen.

        Aber nochmal: Du entscheidest. – Du bist und bleibst so oder so für mich ein ganz bemerkens- und schätzenswertes junges Mädchen.

        In diesem Sinne wünsche ich Dir eine angenehme Nacht. Schlaf gut, und träume von was Schönem!

        Viele ganz liebe Grüße!

  • gkazakou Oktober 16, 2015 at 15:50

    du schreibst gut.

  • hansjoachimantweiler Oktober 17, 2015 at 20:39

    Liebende atemlose Mona

    Ich bin wohl auch Flachatmer
    Das ist keine Krankheit eher eine Lebensgrundhaltung
    Der Hinweis atme nicht flach ist vergebens
    Dein Unterbewusstsein hört nur nicht
    Für Mich sieht Es so aus
    Seit dem 11. 9. steigt die Angstfrequenz der Erdatmophäre täglich
    Das ist gewollt
    Meine Umfragen haben übereinstimmend ergeben
    Von den vier reinen unvermischten Grundgefühlen Wut Angst Trauer und Freude
    Überwiegt die Angst
    Auf die Nachfrage wieviel Prozent von 0 bis 100
    Antworteten die Menschen 80 bis 85% früher 70/75
    Das atmen wir ein
    Und aus
    Und Du kannst einen alchymischen Umwandlunsprozess anwenden
    Stell Dir vor Es könnte ja sein ist höherdimensional betrachtet auch so wahr
    Du atmest mit jedem Luftholen Liebe ein
    Ja pure reine ungespritzte frei von Konservierungsstoffen
    Ursprüngliche Liebe
    Und so davon erfüllt atmest Du Sie wieder aus
    Ein Selbstversuch
    Eine Systemrevolution
    Immerhin
    Viel Freude beim atmen

    danke
    Dir Joachim von Luftikuß

  • christlicheperlen Oktober 17, 2015 at 22:17

    Super geschrieben. Trifft ins Herz. Viele Grüße!

  • derfuchsi Oktober 17, 2015 at 23:18

    Das fiel mir sofort beim lesen dazu ein. https://www.youtube.com/watch?v=fYFITTlMYiQ Sorry, konnte ich mir nicht verkneifen :).

  • Jule Wech Oktober 20, 2015 at 1:34

    Liebe Mona ,
    ich könnte dir jetzt einen Vortrag über die Physiologie des Atmens halten … ich arbeite mit Patienten , die nach Langzeitbeatmung von der Beatmung entwöhnt werden … aber im Grunde weiß ein jeder Mensch vom Moment seiner Geburt an , wie es geht …
    Was dich plagt , ist diese gewisse Atemlosigkeit , die einen in bestimmten Momenten befällt … manchmal nehmen uns Situationen den Atem , manchmal sind es andere Menschen , die uns den Atem rauben … und manchmal sind wir einfach atemlos … meist , weil wir vor irgentetwas Angst haben …

    Atem ist Leben … Essen ist Leben … Lieben ist Leben …

    Also : Atme , esse , liebe , lebe !

    Du kannst das !

    Ganz lieben Gruß
    Jule

    • Mona Kuehlewind Oktober 20, 2015 at 19:26

      Du hast genau verstanden, von welcher Atmung ich geschriebene habe. Danke dir für deinen Kommentar und deine ermutigenden Worte!

      Alles Liebe,
      Mona

    %d Bloggern gefällt das: