Manchmal darf man auch träumen und spinnen

Mai 25, 2016

Manchmal darf man auch träumen. Und spinnen. Das ist völlig okay …

Wir stehen in der Dunkelheit und haben uns nichts mehr und doch so viel zu sagen. Der Regen durchnässt meine Haare. Eine dicke Haarsträhne klebt mir auf der Stirn. Mir ist kalt und ich beginne zu frösteln. Das einzige was mich ein bisschen warm hält sind deine glühend heißen Lippen, die mein Gesicht mit winzig kleinen, behutsamen Küssen bedecken. Ein Kuss auf die Stirn, auf die rechte, dann auf die linke Wange und wieder auf die Stirn. Ein leises stöhnen entfährt mir. Ich zucke zusammen. „Entschuldigung“ will ich sagen, doch du legst mir deinen rechten Zeigefinger auf die Lippen. „Ist schon okay“, sagst du und ein zweites leises Stöhnen entfährt mir. 
Der kalte Regen ist mittlerweile bis auf meine Unterwäsche durchgedrungen, auch du siehst aus wie ein nasser Hund. Aber ein schöner. Ein sehr schöner. 
Für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, was eine Hunderasse du wohl wärest, wärest du ein Hund. Deine braunen großen Augen erinnern mich an die eines Mopses. Doch dein langer, muskulöser Körper, erinnert mich an den einer Dogge oder eines Bernhardiners. Dein unschuldiger Blick, erinnert mich aber auch manchmal an einen Dackel. „Hm, wahrscheinlich wärest du ein Mischling“, denke drücke dir einen nassen Kuss auf die Lippen. Dieses Mal stöhnst du. 
Lange Zeit stehen wir da im Regen und halten uns mit feuchten Küssen warm. Um uns herrscht eine dunkle Stille. Wir haben uns nichts mehr zu sagen und doch so viel. 
„Lass uns gehen“, unterbreche ich die Stille. „Gehen?“, guckst du mich mit deinem Dackelblick an. „Du kleiner Dackel“, schreie ich als du mich auf deinen Rücken schleuderst und mit mir durch den Regen rennst. Wir fangen beide an zu Lachen.
Wir rennen bereits zwei Stunden durch die Dunkelheit. Du wirst gar nicht müde. „Wo willst du hin?“, frage ich dich ein einige Male. Aber du antwortest mir nicht. 
Ein eisiger Windzug fährt mir durchs Haar und kitzelt mich unter der Nase.
Langsam geht die Sonne auf und ich spüre die Frische der Luft. Wir rauschen vorbei an goldenen Feldern und tiefen Flüssen. Eine Schafherde kreuzt uns den Weg, aber du springst einfach über sie. Du wirst gar nicht müde. 
„Bald sind wir da“, lachst du der Sonne entgegen. „Wo?“, krächze ich zurück. Ich bin müde. „Im Norden“, lachst du und ich frage mich welchen Norden du meinst. 
Ich kämpfe mit der Müdigkeit und versuche mich gegen die ständig zufallenden Augenlieder zu wehren – vergeblich. Irgendwann schlafe ich ein und als ich aufwache, sind wir da.
Vor uns liegt ein kleines Grundstück mit einem kleinen Häuschen und einem riesigen Garten mit herrlich großen Apfelbäumen. Gegenüber liegt ein See und dahinter stehen drei weitere kleine Häuser, in deren Gärten Kinder spielen und Hunde toben.
Unser Häuschen sieht aus wie eines von den Bildern, die man aus Schweden kennt. Ein rot gestrichenes Holzhäuschen. Die Rahmen der Fenster sind weiß. „Sind wir in Schweden?“, frage ich. Du nickst und trägst meinen müden Körper in das kleine Haus, das ab jetzt unser Zuhause ist. 
Wie lang ich es hier aushalte, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass das hier immer mein Traum war. 
Den ganzen Sommer verbringen wir in unserem Schwedenhäuschen – wir gehen oft im See baden, bauen im Bikini und Badehose ein kleines Holzboot und gehen auf dem See fischen. Wir essen Köttbullar mit Kartoffeln und trinken vier Tassen Kaffee am Tag. Wir begrüßen Elche als unsere Gäste und sind mit den Nachbarn per du. Wir gehen früh zu Bett und wachen mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Mein Handy schmeiße ich in den See, weil ich hier sowieso keinen Empfang habe. Meine Eltern bekommen alle vier Wochen einen Brief von mir, in denen ich ihnen von dem Neusten erzähle, dass sich meistens auf eine neu entdeckte Pflanze oder einen verbrannten Köttbullar beschränkt. Viel mehr passiert hier nicht. Aber mit mir. Mit mir passiert eine ganze Menge.
Ich komme zum ersten Mal wieder zur Ruhe. Das ich mein Handy in den See geschmissen hat, fühlt sich an, als hätte ich gleich allen Stress, Druck und Medienrummel, hinterher geschmissen. Auf einmal ist der Druck ein neues Bild zu posten, E-Mails zu beantworten und Skype Konferenzen zu führen, weg. Ich hetze mich nichtmehr wegen Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit. Ich erfinde meine ganz eigenen Definitionen von Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit. Zum ersten Mal stehe ich auf, betrachte mich im Spiegel und finde mich schön, weil ich nicht vorher das Bild von xy auf Instagram gesehen habe, die sich mit 90 60 90 Maßen am Strand räkelt. Zum ersten Mal kann ich Atmen, ohne ständig die Luft anhalten zu müssen. 
Den gesamten Sommer in Schweden habe ich so viel Zeit, dass ich mein erstes Buch schreibe, dass einmal ein Bestseller werden soll, wenn es groß ist. 
Du, du hast auch dein Handy in den See geworfen. Du sagst, du fühlest dich nun endlich produktiv. Deine To Do Listen sind lang. Das waren sie schon immer. Doch du schaffst es im Sommer in Schweden die Liste in doppelter Geschwindigkeit abzuarbeiten. Das nenne ich mal Produktivität.
Irgendwann neigt sich der Sommer dem Ende und wir müssen wieder in die Großstadt. Wir haben ein Loft mit Dachtrasse über den Dächern von Amsterdam. Am nächsten Morgen kaufe ich zwei neue Handys. Eines für dich und eines für mich.
Der Alltag ruft und du gehst wieder in die Kanzlei und ich in die Redaktion. 
Du bist Anwalt und musst jetzt wahrscheinlich wieder einige Gespräche mit Frauen führen, die von ihren Männern geschlagen werden, Familien beruhigen, dass der minderjährige Sohn nicht ins Gefängnis kommt und einer alten Dame versprechen, dass der Dieb, der ihre Schmuckschatulle ausgeräumt hat, bestraft wird. Du wirst wahrscheinlich wieder einige neue Mandanten bekommen und abgeschlossene Fälle verlieren. Deine To Do Liste wird wahrscheinlich wieder endlos lang werden und deine Produktivität wird wieder sinken.
Ich bin Chefredakteurin und Gründerin meines eigenen Online-Magazins. Wir stehen kurz vor dem Launch der Print Version. Ich muss noch die letzten Details mit dem Grafiker besprechen und ein paar Texte Korrektur lesen. Ich muss noch einmal alles durchgehen und mindestens zehn Mal überprüfen. Ich muss Alice Schwarzer und Anne Will hinterher telefonieren, um sie morgen bei einem Kaffeeklatsch interviewen zu können. Ich muss wieder Mails beantworten, twittern und Bilder bei Instagram posten. Nebenbei muss ich alles unter Kontrolle haben und nicht den Anschein erwecken, dass ich nervös bin. Und das fällt mir schwerer als gedacht. Bald wird sich beweisen, ob mein Online-Magazin auch auf dem Print Markt mithalten kann. Ich atme uns muss wieder ständig die Luft anhalten. 
Wir freuen uns auf den nächsten Sommer. Dann wollen wir wieder in unser Schwedenhäuschen und unsere Handys in den See schmeißen, Bücher schreiben und unsere Produktivität auf das doppelte erhöhen. 
Doch bevor der Sommer ansteht, werde ich als Reporterin in ferne Länder reisen. Eine lange Trennung steht uns bevor. Drei Monate werde ich unterwegs sein. Du redest nicht gerne darüber. Den Gedanke an die Trennung betrinken wir jeden Abend mit einem Glas Wein und lautem Gelächter auf der Dachterrasse oder vor dem Kamin. Sex ist unser Ausgleich und ein Kuss unser Atemzug. 
Meine Reiseplanung mache ich heimlich. Meistens Nachts wenn du schläfst. Mein erster Reisestopp wird Indien sein. Ich will aus einem Kloster berichten und zum ersten Mal auf einem Elefanten reiten. Mein nächster Stopp wird Südafrika sein. Dort will ich Menschen helfen und auf Safari gehen. Ich will von meiner ersten Safari berichten und Bilder von Menschen schießen, die mit so wenig, so glücklich sind. Dann möchte ich nach Peru reisen, einen Roadtrip durch die USA machen und eine Woche am Nordpol in einem Iglu leben. Aber davon weißt du noch nichts.
Mit dir freue ich mich auf den Sommer in Schweden. 
Ich habe keine Angst dich zurückzulassen. Wir sind schon eine ganze Weile ein Paar und kennen uns gut. Wir lieben uns auch. Wirklich. 
Wir stehen in der Dunkelheit und haben uns nichts mehr und doch so viel zu sagen. Der Regen durchnässt meine Haare. Eine dicke Haarsträhne klebt mir auf der Stirn. Mir ist kalt und ich beginne zu frösteln. Das einzige was mich ein bisschen warm hält sind deine glühend heißen Lippen, die mein Gesicht mit winzig kleinen, behutsamen Küssen bedecken. Ein Kuss auf die Stirn, auf die rechte, dann auf die linke Wange und wieder auf die Stirn. Ein leises stöhnen entfährt mir. Ich zucke zusammen. „Entschuldigung“ will ich sagen, doch du legst mir deinen rechten Zeigefinger auf die Lippen. „Ist schon okay“, sagst du und ein zweites leises Stöhnen entfährt mir. „Es ist Zeit zu gehen“, sagst du. Noch ein Abschiedskuss. Ein ganz langer, intensiver, der sich anfühlt, als würdest du mich ausziehen. „In drei Monaten bin ich wieder da“, verabschiede ich mich und gehe in die Bordkontrolle. „Ich freue mich auf Schweden“, lachst du und winkst mir hinterher. 
„Sommer in Schweden, Sommer in Schweden, Sommer in Schweden“, beruhige ich mein weinendes Herz und blinzele dir ein letztes Mal zu, bis sich die Türen zwischen uns schließen. „Sommer in Schweden.“

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