Mein einzig wirklich wertvoller Jahresvorsatz

Januar 4, 2017

360 Tage habe ich daran gearbeitet, mich zum Kopfmensch zu entwickeln. Die letzten sechs Tage habe ich dann festgestellt, dass ich ein Herzmensch bin.
Das Laub verfärbte sich in einem herrlich warmen Gelb, die Tage wurden kürzer, die Nächte länger und die Eiseskälte kerbte sich heimlich unter meiner Haut ein. Und tief im Inneren, im innersten Inneren, irgendwo zwischen dem linken und dem rechten Lungenflügel, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Es war kein Schmerz. Nicht etwa ein Ziepen in der Brust oder ein Stich im Herz. Es war lediglich das Gefühl, dass gerade irgendetwas verdammt falsch läuft.
Und als ich herausfand, dass ich es bin, die da gerade verdammt falsch läuft, hielt ich an. Das war sehr ungewöhnlich für mich, denn normalerweise bin ich keine Anhalterin. Wenn ich laufe, so richtig Fahrt aufgenommen habe, dann gibts für mich keinen Halt. Nichtmal eine Hand, eine warme Männerhand vielleicht, kann mich dann bremsen. Ich bin ziemlich eigensinnig, ich weiß.
Umso mehr überraschte es mich, dass ich dieses Mal zum Stehen kam, als ich doch eigentlich so schnell rannte, dass ich beinahe selbst ins Stolpern kam.
Es war komisch, komisch einfach dort zu stehen und nichts zu versuchen, außer einen regelmäßigen Atem zu finden. Auch als die ersten Atemzügen wieder in ein und demselben Takt spielten, ließ mich dieses befremdlich komische Gefühl nicht los. Ich rannte weiter. Einfach weiter. Immer geradeaus.
Das Jahr 2016 neigte sich dem Ende, sechs Tage blieben noch übrig.  Ich befand mich an der See. Da rannte ich zunächst wieder, so schnell ich konnte, aber dann, ganz plötzlich, blieb ich unten am Wasser stehen. Nicht wegen der Tatsache, dass irgendetwas mit mir falsch läuft, sondern weil es einfach nichts gab, wo ich hätte hinrennen können. Ich war am Ende angekommen. Vor mir die hohen Wellen, die an die Brüstung schlugen und einen alten Katamaran ins wanken brachten.
Durch die See gezwungen, stehen zu bleiben, einen Moment lang anzuhalten, fand ich den Atem, der mir all die letzten Monate fehlte, fand die Zeit, die sich nach mir sehnte, um nachzudenken. Und als mir am sechsten Tag eine Windböe mein Haar streichelte und mich unter der Nase rieb, verstand ich, was mit mir nicht stimmte: Ich bin Herzmensch, kein Kopfmensch.
Eine kleine Anekdote zu den letzten Monaten meines Lebens.
Ich bin wirklich davon ausgegangen, dass ich ein Kopfmensch bin. Und weil die Überzeugung sich so fest in mich eingrub, richtete ich einige Dinge, die in meinem Leben passierten, danach aus. Einige viele Dinge, die meinen Kopf dermaßen beanspruchten, dass keine Zeit mehr blieb, um überhaupt, auch nur mal eine Sekunde lang auf mein Herz zu hören. Überhaupt mal anzuhalten. Sogar als ich das erste Mal merkte, dass etwas nicht stimmte, flüchtete ich mich wieder in Haufenweise Arbeit, vergrub das Gefühl unter abertausend Worten.
Die letzten sechs Tage des Jahres kam dann aber mein Schlüsselmoment. Ich hatte Urlaub. Und das bedeutete Zeit, viel Zeit, denn alles was ich mir vornahm, war ein einziges Buch zu lesen. Das war meine Aufgabe, die ich nach einem langen, kalten Tag erledigte. Und dann wachte ich am zweiten Morgen meines Urlaubs auf und hatte nichts zu tun. Überhaupt nichts. Nichtmal ein zweites Buch hatte ich mir eingesteckt.
Ich ging spazieren, stundenlang, und ganz von allein schaltete mein Kopf auf stumm und ich spürte, wie wahnsinnig schwer mein Herz über die letzten Monate hinweg geworden ist. So schwer, dass mir bewusst wurde, dass ich dieser Herzmensch bin, der ich nie dachte, zu sein.
Weil diese Woche Urlaub so prägend war, habe ich jetzt einen einzigen, wirklich wertvollen Jahresvorsatz: Mich Herzmädchen zulassen.

5 Comments

  • Ben Froehlich Januar 5, 2017 at 8:24

    Es ist interessant, wie man sich selbst sieht und wie es andere tun. Beim Lesen deiner Texte wird mir und auch den meisten anderen Lesern aufgefallen sein, wie viel Herz da drinsteckt. Gerade das macht neben deiner stilistischen Kunstfertigkeit und deiner Ehrlichkeit dein Handwerk aus. Es ist also nicht verkehrt, mehr auf das Herz zu hören und ich sage das als ein Mensch, der sein Herz zu oft schon nicht mehr hört und den Weg dorthin zurück sucht. Ich bin mir aber sicher, dass du auch eine Mona-Herzmensch ebenso wie eine Mona-Kopfmensch sein kannst, denn beides ist mal nötig. Du hast nun dein Buch fertig geschrieben und hast vielleicht für dieses Projekt auch etwas mehr Kopf als Herz benötigt, um durchzuhalten. Mach nur weiter so und höre auf die Stimmen von Herz und Kopf, vielleicht reden sie sogar im Einklang 😉

    • Mona Kuehlewind Januar 6, 2017 at 15:34

      Lieber Ben! Danke für deinen Kommentar, der mich sehr gefreut hat und auch zum Nachdenken gebracht hat. Tatsächlich ist es so, dass wenn ich schreibe, mehr Herz als Kopf verwende. Allerdings macht das Schreiben vielleicht nur 20% meines Lebens aus. Die restlichen 70% arbeite ich an anderen Projekten, sitze in der Uni &&&. Und in diesen 70% steckt leider viel viel mehr Kopf als Herz drin.
      Ganz liebe Grüße an dich!

  • T Januar 5, 2017 at 17:01

    Als ich deine Zeilen las, dachte ich einen Augenblick, ich lese über mich selbst. Mein Jahr ging genauso zu Ende..Mit 5 Tagen frei, nachdem ich alles, was ich mir 15 Jahre lang beruflich aufgebaut habe, hinter mir gelassen habe. Auch ich habe mich sofort in alten Verhaltensmustern wiedergesehen – noch nicht einmal einen Tag nachdem alles abgewickelt war und ich mir vorgenommen habe, nun erst einmal komplett runterzufahren und wieder meiner Intuition Raum zu geben. Und dann war da genau dieser Moment wie du ihn beschreibst, als du als ich wie du, da unten dem Meer stand und es nichts mehr gab, wohin ich rennen konnte. Erst erschreckend, dann musste ich über mich selbst schmunzeln. Und dann war es wie eine Erlösung. Frei und leicht. Das war der Moment, wo ich wirklich losgelassen habe. Es nicht nur gesagt habe, sondern es sich auch tatsächlich so angefühlt hat. Noch rechtzeitig, um meine neuen Pläne – die ich nämlich eigentlich gar nicht will – schnell wieder unbemerkt loszulassen und nun das zu machen, was mein Herz mir sagt. Danke für den schönen Artikel 😉

    • Mona Kuehlewind Januar 6, 2017 at 15:39

      Liebe Tine,
      danke für deinen lieben Kommentar, den ich sehr gerne gelesen habe, auch wenn ich bei dem Satz, als du erzähltest, wie auch dir dort unten am Meer standest, einen Moment anhalten musste, weil ich wirklich bedenken hatte, du könntest vielleicht genau den falschen Schritt gegangen sein. Aber nein! Ich bin sehr froh, dass du losgelassen hast. Du kannst stolz auf dich sein. Sehr!
      Grüße an dich <3

  • ragbag Januar 5, 2017 at 17:36

    […] MEIN EINZIG WIRKLICH WERTVOLLER JAHRESVORSATZMEIN EINZIG WIRKLICH WERTVOLLER JAHRESVORSATZ […]

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