MEIN LIEBLINGSORT – Fünf Tage an der Nordsee

März 29, 2016

Das mit dem Wohlfühlen, das ist so eine Sache. Darüber könnte man einen Roman schreiben.
Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick, aber ich Glaube an den einen Ort, den jeder Mensch besitzt, an dem er sich wohlfühlen kann. So richtig, richtig wohlfühlen kann. Ich glaube aber auch, dass nichts für die Ewigkeit ist und ich glaube ich, dass jener Ort, an dem man sich so unbeschreiblich wohlfühlen kann, jeden Tag ein Anderer sein kann. Na gut, vielleicht nicht jeden Tag. Doch zu jeder Lebensphase hat man einen neuen Lieblingsort, da wette ich mit dir.
In meiner Kindheit war die Schaukel mein Lieblingsort. Ich habe versucht mit den Turnschuhen Löcher in die Wolken zu treten und habe versucht die Sonne mit dem Zeigefinger zu berühren. Ich bin immer so hoch geschaukelt, dass ich meine Großmutter nicht hören konnte, die besorgt nach der kleinen Mona schrie. Ich schaukelte so hoch, dass ich alles vergaß für einen kurzen Augenblick. Ich schaukelte immer höher und höher, trat Löcher in die Wolken und fühlte mich so wohl. So wohl, unbeschwert und frei und viel größer als all die Anderen, obwohl ich in Wahrheit immer die Kleinste war.
Lange Zeit waren auch Mamas Arme und Papas Schultern meine Lieblingsorte. Mamas Arme, die mich so festhielten, dass ich mich nur mit Mühe von ihnen lösen konnte. Mamas Arme, die mich so festhielten, dass ich den Wind nicht spürte und die Kälte mich nicht frösteln lies. Mamas Arme, die mich hielten, als ich kurz vorm fallen war und Mamas Arme, die jede Träne auffingen und jeden Einbrecher aufhielten. Papas Schultern, waren mein Thron. Von dort oben hatte ich einen grandiosen Ausblick und war so viel größer als alles andere. Ich konnte so viel besser sehen, das die Sängerin auf der Bühne vergessen hatte sich die Schuhe zu schnüren und ich konnte so viel besser sehen, dass sich drei kleine Äffchen im Baum entlang hangelten. Ich konnte so viel besser sehen und sein, dass ich mich auf Papas Schultern unendlich wohlfühlen konnte.
Irgendwann kam die Zeit, in der mich Papas Schultern nicht mehr halten konnten und Mamas Umarmungen immer seltener wurden – wenn nur zag- und ein bisschen zwanghaft.
Aber wie das so ist, in dem Alter der Pubertät, gelten Mamas Umarmungen als peinlich und unangenehm. Man sucht sich Arme, von denen man denkt, dass sie einen so viel besser halten können, dabei sind es nur Arme, die selber noch Bandagen tragen. Das sind Arme, die selber noch Arme brauchen, doch so tun, als seien sie besser als jeder andere Arm. Arme die lügen und denken, sie seien groß. Arme die dir sagen, dass sie dich lieben, obwohl sie gar nicht wissen, was liebe sind. Aber genau solche Arme wurden zu meinem Lieblingsort, an dem ich mich in jener Zeit wohlfühlen konnte. Am Ende merkt man dann, dass es die falschen Arme waren und man wünscht sich, dass Menschen nur einen Arm besitzen – dann hätte es vielleicht auch nicht so weh getan, als sie dich losließen.
Nach dieser Zeit hatte ich erstmal genug von Lieblingsorten und streunerte wie ein verlorener Hund von Tag zu Tag. Zwischendurch machte ich mal einen Abstecher in abgelegenen Bars und Kneipen, in Discotheken und versüfften Clubs, zählte diese zu meinen Lieblingsorten und war froh dabei zu sein.
Mein Vorletzter Lieblingsort war Hamburg. Weil ich plötzlich als groß und erwachsen galt und mich auch ein bisschen so fühlte.
Mein letzter Lieblingsort war ein Mensch, dessen Arme oder Schultern nicht nur mein Lieblingsort waren, sondern auch sein Wesen. Seine Art mir „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ zu sagen, seine Art mich zu küssen und zu lieben. Mein letzter Lieblingsort war ein Mensch, den ich glaube, geliebt zu haben.
Weil ich aber noch nie an Ewigkeit geglaubt habe und mir bewusst war, wie oft ich bisher meinen Lieblingsort gewechselt habe, überraschte es mich nicht, als ich auch den letzten Ort verließ.
Ich glaube es war ein Mittwoch. Mitte Januar. Es überraschte mich nicht, aber es tat zum ersten Mal ein bisschen weh.
Am Donnerstag bin ich mit meiner Familie an die See gefahren. An die Nordsee, wie wir es so oft tun. Aber dieses Mal war es anders. Zugegeben, ich war schon lange nicht mehr hier und bin in der Zwischenzeit erwachsener geworden und habe gelernt, die kleinen Dinge zu lieben. 
Früher hätte ich jeden Urlaub vor unserem „Nordseeurlaub“ bevorzugt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mich den Abend vor der Abreise im Baumhaus versteckt habe oder mit dem Fahrrad in den Wald gefahren bin. Nach endlosen Diskussionen und Versteckspielen, gab der Klügere, also ich nach, und fuhr mit.
Jetzt, nach zwei Jahren, fuhr ich wieder mit und dieses Mal ganz ohne Versteckspielen. Ich packte meinen Koffer schon am Vorabend, verriet meinen Freunden, dass ich die nächsten fünf Tage am Ende der Welt, im Funkloch oder besser gesagt an der Nordsee sein werde und war am Donnerstag Nachmittag die erste, die im Auto saß und sagte: „Ich freue mich auf die See.“
Als ich dort oben ankam, schien sich nichts verändert zu haben. Alles hatte auf mich gewartet. Selbst der kleine Teddybär lag noch auf meinem alten Bett, als hätte sich zwei Jahre lang niemand um ihn geschert. Ich presste ihn fest an mich, hörte den Wind ums Haus pfeifen und sah aus dem Fenster. Und in diesem Moment realisierte ich, dass es gut war, gut, dass ich hergekommen war und jetzt da war – für den Teddybären, für meine Familie und vielleicht auch ein bisschen für mich.
Und ich will nicht gar nicht viel erzählen. Ich habe versucht jeden Moment einzufangen. Jeden Moment mit der Kamera für euch einzufangen. Aber es scheint mir unmöglich. Mir war es unmöglich das was ich in jenem Moment fühlte, einzufangen. Die Wellen, die gegen die Steine schlugen, der Grashalm, der meine Nase kitzelte, als ich mich mit einer Decke in den Dünen versteckte oder die Muscheln, die unter meinen nackten Füßen zerbrachen. All die kleinen Momente, die Augenblicke, in denen ich leben spürte, und mich so unendlich wohlfühlte, konnte ich nur schwer einfangen. Ich habe es probiert, aber trotzdem einen großen Teil da gelassen. Damit wenn ich wieder komme, mich wieder daran erfreuen kann.
Ich habe versucht meinen neuen Lieblingsort einzufangen, wollte ihn am liebsten mit nach Hause nehmen, aber ich musste ihn dort lassen. Dort, wo er jetzt auf mich wartete.
Es waren wunderbare Tage dort oben. Ich konnte mich an so vielen kleinen Dingen erfreuen. Erfreute mich an der Sonne, die auf dem Meer schimmerte, erfreute mich an den Muscheln, die ich zu einer Muschelkette zusammenband und erfreute mich an den Spuren im Sand, die meine nackten Füße hinterließen,
Ich werde noch lange in Erinnerung behalten, wie ich mich mit einer Decke in den Dünen verkroch. Wie ich auf meiner Decke lag, das Meeresrauschen wie Musik meinen Herzschlag kontrollierte und ich nur da lag und tief ein und ausatmete – das war wunderschön. Aber auch die Fahrradtouren, die langen Spaziergänge, die nie zu Ende gehen wollten, der heiße Kakao mit Sahne und die vielen leisen Momente und kurzen Augenblicke, die ich zum ersten Mal zu schätzen wusste, in denen ich mich wohlfühlen konnte, machten mir die Nordsee zu meinem Lieblingsort.
„NORTH SEA, I WILL MISS YOU“

 

 

 

 

 

4 Comments

  • Uwe Ullrich März 29, 2016 at 20:34

    Danke Mona, gefaellt mir sehr gut.

  • zettelwirtin März 30, 2016 at 7:50

    Liebe Mona, das war wunderschön, von Deiner Reise durch Deine Lieblingsorte zu lesen. Es war auch eine echt interessante Idee, einmal eine solche Rückschau zu halten, und ich mag das Bild, das Du von Dir auf der Schaukel gemalt hast (mit Wörtern).

    Tatsächlich ist eine Nordseeinsel heute mein Lieblingsort und ein Satz, den Du schriebst, hat bei mir etwas klingen lassen: „Alles hatte auf mich gewartet.“ Genauso ist es bei mir, wenn ich dort wieder hinkomme.

    Danke für diesen schönen Beitrag.

  • Anonymous März 30, 2016 at 10:06

    Ich habe gemerkt, dass Du Dich in diesen Tagen an der Nordsee sehr wohl gefühlt hast. Danke für Deinen wundervollen Text.

  • matthiasnowak März 30, 2016 at 19:06

    Ein schöner Gedanke, dass andere Menschen Lieblingsorte sein können!

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