Mit Augen zu essen

Oktober 6, 2015

Heute habe ich mal mit „Augen zu gegessen“. Klingt komisch, oder? War es anfangs auch, um ehrlich zu sein.
Wie ich auf die Idee kam, weiß ich bis jetzt noch nicht, aber ich weiß das ich es morgen wieder machen werde. Und Übermorgen auch. Und Überübermorgen auch. Und ich glaube sogar für immer.
Die Idee mit „Augen zu“ zu essen, kam mir bereits gestern Abend in den Sinn, als ich im Bett lag und, wie üblich, den Kalorienrechner in meinem Handy prüfte. Die Zahl stimmte. Ich hatte meinen Tagesbedarf an Kalorien wieder einmal exakt getroffen. Nicht zu viele Kohlenhydrate, nicht zu viel Fett aber einiges an Eiweiß. So war ich weder im Kalorienüberschuss noch im Kaloriendefizit. Seit 476 Tagen gab es keinen Tag, an dem die Zahl, die mein Kalorienrechner am Abend ausspuckte, nicht stimmte. Seit 476 Tagen erreichte ich die Zahl auf den Punkt genau. Auch heute. Punktlandungen waren eh schon immer mein Ding. Zumindest wenn’s um Essen und Nicht Essen ging. Ich legte das Handy zur Seite und freute mich schon auf morgen. Auf Punktlandung Nummer 477.
Als ich heute morgen aber aufwachte, war mir nicht nach Punktlandungen. Das fing schon damit an, dass das Gewicht auf der Waage höher war, als gestern. Als ich dann in der Küche stand, heißes Wasser aufsetzte und mir einen Tee machte, klingelte das Telefon. Nach zehn Minuten legte ich den Hörer wieder auf. Der Tee war jetzt kalt. „So ein Mist.“ Die nächste Punktlandung erzielte ich, während ich den Haferbrei kochte. Eigentlich stand auf meinem Kalorienrechner nur 100g Apfel und 100g Banane. Der letzte Apfel, der noch übrig war, wog allerdings 146g und die Banane war auch ein richtiges Monster und brachte ganze 178g auf die Waage. Dann musste ich 124g Obst zu viel essen. Das machte gar keinen Spaß. Zumal ich jetzt auch wusste, dass ich heute verlieren werde. Die erste Fehllandung nach 476 Punktlandungen.
Kannst du dir vorstellen wie hart das ist? In den letzten 476 Tagen hast du 476 Punktlandungen erzielt. Du hast immer nur gewonnen. Du hast nie verloren. Kannst du dir vorstellen wie erniedrigend das jetzt ist? Wie weh das tut jetzt zu verlieren?
Ich konnte meinen kleinen Bruder damals nie verstehen, wie er weinen konnte, nur weil er ein Memoriespiel von Hundert verlor. Aber jetzt wusste ich, wie er sich damals gefühlt haben musste. Ich konnte es plötzlich verstehen und fing auch an zu weinen.
„Du bist ein schlechter Verlierer“, hallten meine eigenen Worte, mit denen ich damals meinen Bruder auslachte, durch meinen Kopf. „Du bist ein schlechter Verlierer“, „Du bist ein schlechter Verlierer“, wiederholte sich meine Stimme immer wieder.
Ich erinnerte mich an meinen kleinen Bruder, der damals immer ein neues Spiel holte und zu einer Revanche herausforderte. Und dann gewann er meistens und war wieder glücklich.
„Neues Spiel neues Glück“, hallten jetzt seine Worte, die er damals verkündete, durch meinen Kopf. „Neues Spiel neues Glück“, „Neues Spiel neues Glück“, wiederholten sich seine Worte immer wieder.
Und er hatte recht, ich musste ein neues Spiel beginnen und eine Revanche herausfordern. Aber es gab ein Problem. Ein sehr großes sogar.
Damals, spielten wir mindestens immer zu zweit. Und wir hatten einen ganzen Schrank voller Spiele. Mein Bruder ging einfach an den Schrank, holte ein neues Spiel und forderte von mir eine Revanche. Wir fingen an der Reihe nach zu Würfeln und unsere Figuren Schritt für Schritt nach vorn zu bewegen.
Heute spiele ich aber allein. Die letzten 476 Tage habe ich allein gespielt. Ich hatte keinen Schrank mit Spielen. Mein Spiel war immer nur das eine, das mit dem „Essen nach Plan“, das ohne Würfel aber mit dem guten Gewissen. Ich konnte also an keinen Schrank gehen und mir ein neues Spiel rausnehmen und ich konnte auch niemanden herausfordern.
Das einzige Spiel, was ich also hatte war das Spiel mit dem „Essen nach Plan“ und einem guten Gewissen. Und der einzige Gegner, den ich hatte, war ich selbst.
Somit blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Gegner, mich selbst, erneut herauszufordern.
Weil man aber erst „neues Glück“ haben kann, wenn man auch ein neues Spiel beginnt, musste ich das Spiel ändern. Das ich aber nur ein Spiel besaß, stellte sich zunächst aber erstmal als Problem dar. Als mir dann aber einfiel, dass jedes Spielbrett auch eine Rückseite mit einem neuen Spiel besaß, fiel mir ein, dass ich das Spiel „Essen nach Plan“ auch einfach umdrehen konnte. Einfach „Essen ohne Plan“ spielen.
Einfach für dich. Aber nicht für mich. Das Spiel hasste ich ungefähr so, wie der Verlierer das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ hasst, wenn er verliert. Aber es war nicht nur der Hass, den ich diesem Spiel gegenüber entwickelte. Ich hatte auch Angst. Ungefähr so viel Angst, wie man bei „Mensch ärgere dich nicht“ Angst hat, rausgeschmissen zu werden. Nur noch ein bisschen mehr.
Aber „neues Spiel, neues Glück“ und deshalb drehte ich heute morgen das Spiel „Essen nach Plan“ um und spielte „Essen ohne Plan“.
„Essen ohne Plan“ war bei mir eher „Mit Augen zu, essen“. Aber es funktionierte tatsächlich. Der Anfang war schwer. Wie bei „Mensch ärgere dich nicht“, wurde ich mehrmals rausgeschmissen. Ich öffnete doch ab und an die Augen und wog das ein oder andere Gramm ab, bevor ich es in den Mund nahm und schmiss mich damit selber raus. Aber dann „würfelte ich wieder Mut“, also quasi eine sechs, und durfte nochmal von vorne starten. Dann hatte ich auch einen guten Lauf. Bis zum Mittagessen. Da schmiss ich mich erneut raus, weil ich prüfen wollte, wie viel Kalorien 70g Nudeln haben. Aber ich gab nicht auf. Und versuchte mich bei der nächsten Mahlzeit wieder anzustrengen. Es verlief alles gut, bis ich dann mein Handy aus der Tasche holte und prüfte, was ich bereits an Kalorien zu mir genommen hatte. Mit einem mal, schmiss ich mich mit einem Mal raus. Aber komplett. Verlieren wollte ich aber nicht. Ich konnte nicht. Ich würfelte, und würfelte und würfelte und irgendwann hatte ich so viel „Mut gewürfelt“, dass ich gewann. Ich backte noch um 22 Uhr ein Brot und aß es mit einem Mal auf. Nicht, weil ich den Tag über nur wenig aß, ganz im Gegenteil war ich schon „knapp vor Kalorienüberschuss“. Aber ich aß das ganze Brotleib auf, weil es mir so lecker schmeckte und ich damit gewinnen wollte. Ich wollte meinen Gegner, mich selbst, der so laut schrie, dass ich das Brot nicht essen solle, besiegen. Und deshalb aß ich das ganze Brotleib und gewann das Spiel.
Um 24 Uhr fiel ich ins Bett, als Siegerin, und war mir sicher, dass ich morgen wieder „Essen ohne Plan“ oder „Mit Augen zu, essen“ spielen werde und versuchen werde mich morgen nicht fünfmal rauszuschmeißen, sondern vielleicht nur noch viermal. Und übermorgen dann nur noch dreimal. Und vielleicht werde ich es bald schaffen und das Spiel in einem Zug gewinnen.

„Mit Augen zu, essen“ ist kein Spielchen was man zu zweit, zu dritt oder zu viert spielt. Es handelt sich hierbei um kein Brettspiel. Man braucht auch keine Figuren oder einen Würfel. „Mit Augen zu essen“ ist ein Spiel, das man nur allein spielen kann. Und das einzige, was man braucht, ist Mut. Wenn du Mut hast, dann kannst du „mit Augen zu, essen“ spielen. Dann garantiere ich dir zur 100% Gewinn.

23 Comments

  • gartenkuss Oktober 6, 2015 at 16:30

    Für mich bist du eine sehr mutige Siegerin. Respekt und liebe Grüße von gartenkuss

  • julieleinchen Oktober 6, 2015 at 17:20

    1:1 dasselbe Rezept habe ich vor ein paar Tagen gepostet – Zufall? 😉

  • julieleinchen Oktober 6, 2015 at 17:33

    Bitte einen Link zu meinem Blog setzen, danke! 🙂
    Als Tipp für die Zukunft, lies dir doch mal diesen Post durch: http://ivy.at/archives/3452
    Sowas kann durchaus Konsequenzen haben.

  • Mona Oktober 6, 2015 at 17:49

    Ich mache es sofort, wenn ich zuhause an dem Laptop bin. Bin gerade nur über das Handy online. Ich entschuldige mich aber nochmals, das war wirklich gar keine Absicht! Ich folge dir ja auch und lese deinen Blog sehr sehr gern. Danke für die Information 🙂 aus Fehlern lernt man ja nur! 🙂

  • sternfluesterer Oktober 6, 2015 at 19:50

    Manchmal kommt man auf das Naheliegende nicht. Und das ein Spiel, wenn man es als Brettspiel begreift, sehr oft zwei Seiten hat, ist eigentlich naheliegend.

    Ich finde es großartig, dass Du diese Metapher gefunden und so, wie beschrieben, für Dich zu nutzen gewusst hast.

    Ich werde weiter über Deine Idee und deren Umsetzung nachdenken, denn womöglich kann ich auch insoweit wieder ein bisschen von Dir lernen.

    Ganz unabhängig von all dem, schließe ich manchmal die Augen, um etwas ganz besonders spüren, empfinden, genießen zu können. Wenn ich eine schöne Musik höre, zum Beispiel, oder wenn ich am Meer bin, oder wenn ich etwas esse manchmal auch: Wie wundervoll eine einfache Pellkartoffel mit ein bisschen Salz und Kräuterquark schmecken kann, oder ein Stückchen frischen Brotes.

    Solche Momnente besonderen Empfindens machen mir bewusst, wie reich ich eigentlich bin.

    Ich glaube, Du könntest jemand sein, der ähnlich zu empfinden imstande ist …

    Es war, wie immer, besonders schön bei Dir und von Dir zu lesen.

    Viele, nur ganz liebe Grüße an Dich, Mona!

    • Mona Kuehlewind Oktober 6, 2015 at 20:42

      Guten Abend! Wie schön, wieder von dir zu lesen. Ich kann mich gar nicht genug bedanken, wie sehr mir deine Kommentare gefallen. Sehr tiefsinnig und hoch emotional. Einfach total schön! All deine Kommentare ergeben bestimmt ein tolles Buch, wenn man sie zusammenbinden würde 🙂

      Hab noch einen schönen Abend,
      Mona

      PS: Und ja, ich glaube, dass ich jemand bin, der ähnlich imstande ist dies zu empfinden 🙂

      • sternfluesterer Oktober 7, 2015 at 8:43

        Das ist ein sehr wertschätzendes Kompliment. Dankeschön! Aber es machen doch in großem Maße Deine Texte, Deine Einträge, die mich in der Art und Weise kommentieren lassen, wie ich das tue. Also hast Du durchaus einen großen Anteil daran.

        Ein Buch würden meine kleinen Notizen und Anmerkungen hier aber sicher kaum ergeben. Es sind ja doch nur Gedankenfetzen, Einlassungen, die ohne den Input von Dir womöglich weniger erklärbar oder verständlich wären. Und es sind, zwar wohl überlegte, aber doch nur Momentaufnahmen.

        So ähnlich sehe ich es mit den Texten und Versen in meinem eigenen Blog. Auch sie sind im Fluss und widerspiegeln den Fluss meines Lebens. Mit seinen Entwicklungen aber auch seinen Widersprüchen. – Das bemerke ich vor allem, wenn ich mal ins Stöbern gerate, also ältere Texte oder Gedichte hervorkrame und neu auf mich wirken lasse. Das ist hochinteressant …

        Und dann ist es ein schöner Effekt der Bloggerei, wenn man durch Kommentare Bestätigung, Widerspruch , Reflektion von Dritten erfährt, natürlich nur dann, wenn das sachlich geschieht. Ich kann mich insoweit glücklich schätzen, dass ich in meiner „Community“ da ein paar sehr treue und von mir inzwischen überaus geschätzte Menschen gefunden habe, von denen ich einige im Sinne wirklich guter Freunde sehe.

        Als ich mit dem Bloggen begann vor gut vier Jahren, hätte ich das nie und nimmer für möglich gehalten …

        Auch heute, liebe Mona: Schölnste Grüße an Dich!

  • Gaby E Oktober 6, 2015 at 21:44

    Mit *Augen zu essen * genießt man bewusster. Msn kaut langsamer, schmeckt intensiver. Eigrntlich sollten wir immer so essen.
    In unserer heutigrn schnelllebigen Zeit wird das Essrn oft nur vetschlungrn, ohne Genuss.

    • Mona Kuehlewind Oktober 6, 2015 at 21:50

      Von dieser Seite aus habe ich die Metapher noch gar nicvt betrachtet aber ich muss dir da voll und ganz zustimmen. Mit „Augen zu essen“ bedeutet auch sich Zeit zu nehmen und zu genießen 🙂

      • Gaby E Oktober 6, 2015 at 21:54

        Stimmt
        Ich mache das ab und zu ganz bewusst. Ist oft nicht ganz einfach wenn die Gedanken abschweifen, weil mir wieder einfällt was ich noch machen wollte, was noch an Arbrit ansteht.

  • Mitzi Irsaj Oktober 12, 2015 at 21:54

    Ich werd’s versuchen. Mit Augen zu essen.
    Schön ist es hier, auf deinem Blog.
    Liebe Grüße

  • hansjoachimantweiler Oktober 31, 2015 at 20:06

    Genüssliche Mona

    Die Wissenschaft hat fest gestellt
    Das Augenlicht Liebe enthält
    So blickt der Mensch mit großem Auge
    Sieht dies und das die süße Traube
    Weil Er zu kurz die Trauben oben
    Sagt Er wie bitter weil erhoben
    Ein andrer Mensch liebt was Er sieht
    So ist Ihm alles süß und lieb
    Wird weder handelnd noch im Geiste Dieb
    Das Augenlicht im Tode bricht
    Denn tote Körper braucht die Seele nicht
    So sei ein jeder Mensch gewahr
    Das Augenlicht ist rein und klar
    Wenn Es durch Seine Herzensbrille schaut
    Ist nirgendwo der Weg verbaut

    danke lächeln für den Augenschmaus
    Dir Joachim von Herzen Leckermaus

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