Eine Pause ohne Pause

August 14, 2015

Für mich begann am 1.08.2015 eine große Reise.

Ich machte mich nicht mit falschen Wimpern, Silikoneinlagen und 300 Swarovski Steinen auf den Weg nach Berlin, um im „Bindfaden“ vor den kritischen Augen einer Jury rumzutänzeln. Ich machte mich mit falschen Befürchtungen und gefühlten 300 Kartons auf den Weg in mein neues Zuhause in Hamburg, um mich im „alten Shirt, einer verarzten Jeans und Oma’s Latschen“ vor den bildschönen Augen eines Möbelpackers zu blamieren und vor Scham im Boden zu versinken. Keine Angst und Bange, ich bin wieder aufgetaucht.

Wie lange stehe ich eigentlich schon unter der Dusche? Hatte Mama nicht gesagt ich soll „strom- und wassersparend“ leben? Ach egal. Bleibt ne Ausnahme. Ist ja schließlich die erste Dusche. Nein, nicht das du jetzt denkst, dass ich jetzt erst im 21. Jahrhundert angekommen bin und Bekanntschaft mit der Erfindung der Dusche gemacht habe. Es ist bloß die erste Dusche im eigenen Heim. Seit einer guten Woche bin ich offizielle Hamburgerin. Ich wohne jetzt in einer 2-Zimmer Altbauwohnung, mitten in der City. Verrückt, oder? Ich meine, habe ich gestern nicht noch meinen Vertrag im Fitnessstudio um sechs Monate verlängert? Und habe ich gestern nicht noch Oma am Telefon versprochen jeden Montag zum Kaffeetrinken vorbeizukommen und sogar ein Stück von ihrem „high carb-, high fat-, high calorie-Kuchen“ zu kosten? Ach, und da war doch auch noch der Typ vom Fitnessladen, den ich gestern gefragt habe, ob er mir die Eiweißriegel nächste Woche nachhause liefern lassen kann, oder? Nein. Falsch. Im Fitnessstudio habe ich gestern keine Vertragsverlängerung unterschrieben, sondern die Vertragskündigung eingereicht. Das Versprechen an Oma war auch nur gelogen, weil ich nicht wollte, dass sie in eine Panikattacke verfällt, wenn ich ihr mitteile, dass ihr „kleines Mädchen“ schon morgen in die Großstadt zieht, oder flieht? Und den Typ vom Fitnessladen habe ich gestern nicht gefragt, ob er mir die Eiweißriegel nachhause liefern kann, sondern ob er sie nächste Woche mit der Post nach Hamburg schicken kann.

Jetzt ist eine Woche vergangen. Es ist Montag. Eigentlich sollte ich jetzt am Kaffeetisch bei Oma sitzen. Eigentlich sollte ich ein Stück von ihrer Kalorienbombe kosten, aber ich beiße lieber in einen Eiweißriegel vom Fitnessladen-Typ, der sie tatsächlich nach Hamburg schickte. Ich stehe schon viel zu lang unter der Dusche. Aber hier darf ich es ja. Hier ist ja keine Mama, die bereits nach fünf Minuten an der Tür hämmert und protestiert ich solle doch nicht so viel Wasser verschwenden, weil es Kinder gibt, die .. Ja genau. Ich darf es hier auch, weil es keinen kleinen Bruder gibt, der 10000 Mal die Tür aufreißt und 20000 Mal den Lichtschalter an- und ausschaltet. Und ich darf es hier, weil es keinen Papa gibt, der nach zehn Minuten den Strom abstellt, weil ich ja nicht auf die liebe Mama gehört habe. Ja, ja, hier darf ich jetzt. „Ding-Dong“, die Klingel. Stille. „Dinnnng-Dooong“, ein zweites Mal die Klingel. „Ach, Benni wird schon die Tür aufmachen.“ „Dinng-Doonng“, ein drittes mal Klingel. „BEEEN! Mach doch mal die Tür auf, ich stehe gerade unter der Dusche.“, schreie ich. Keine Antwort. „Verdammt!“. Jetzt fiel es mir wieder ein. „Ich war ja allein.“. Mit wassertriefenden Haaren, einem Handtuch umwickelt, dass ich auf halben Wege beinahe verlor, eilte ich barfuß zur Wohnungstür. Die riss ich natürlich auch gleich auf, anstatt vorher durch den Spion zu gucken. Die Bestrafung ließ keine Sekunde auf sich warten und folgte zugleich. Ein äußerst attraktiver Mann, in gelb-blauer Montur, stand mir gegenüber und hob zur Begrüßung die Hand. „Hi.“, piepste ich kleinlaut. Dabei rutschte mir das Handtuch, dass ich um meinen Haare gewickelt hatte, ins Gesicht. „Ihre Möbel sind da.“, sagte er endlich. „Eh, ähm, ehh, hä? Waaas? Jetzt, hier, gleich?“, stotterte ich. „Jetzt, hier, gleich.“, grinste er. „Na ganz großes Kino“, dachte ich mir, als ich wenige Minuten später einen Blick in den Lieferwagen warf. Eigentlich hatte ich nur ein Sofa, ein Bett und zwei Billy-Regale bestellt. Was ich in dem Lieferwagen allerdings sah, machte den Eindruck, als hätte ich ganz Ikea leergekauft. „Die ersten 10 Minuten, in denen wir die Möbel ausräumen, bekommen sie kostenlos. Alle weiteren Minuten kosten sie.“, rief er mir über die Schulter zu, als er den ersten Karton aus dem Wagen zog und in Richtung Wohnung stolzierte. Diese Information war mir neu.
„Punkt 1: In Hamburg zahlt man(n) nicht nur auf der Reeperbahn, sondern auch direkt vor der eigenen Haustür.“, kritzelte ich am Abend in mein Notizbuch.

Am Ende waren es ganze 65 Minuten. Mein Portemonnaie war um 55 Euro ärmer, aber mein Bizeps um einige „Gains“ reicher. Ich verabschiedete den attraktiven Möbelpacker (dieser Bezeichnung ist er eigentlich gar nicht gerecht) und begrüßte den Beinmuskelkater. „Was ein Nachmittag!“
Den restlichen Tag verbrachte ich zwischen Möbelkartons, Werkzeug und den letzten übrig gebliebenen Eiweißriegeln.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker wie gewohnt, um Punkt 8:00 Uhr. Allerdings nicht zum morgendlichen Cardio vor dem Frühstück. Die Sporthose flog also gleich an die Seite. Stattdessen kramte ich ein altes Shirt und eine Hose, die ich zuletzt vor zwei Jahren trug, aus dem Schrank. Meine Sportschuhe ersetzte ich durch „Oma’s alte Latschen“. Um 9:00 Uhr ging das Spektakel dann los. Zuerst wurde tapeziert, dann gestrichen, die ersten Möbel aufgebaut und zwischendurch wurde der ein oder andere Eiweißriegel in den Mund geschoben.

Ein geregelter Ablauf der Mahlzeiten blieb irgendwie auf der Strecke. Genauso wie eine abwechslungsreiche Gestaltung der Meals. Das fing schon damit an, dass ich meinen Haferbrei am Morgen, durch einen Eiweißriegel ersetzten musste, da mir der Weg in die Küche durch sämtliche Kisten und Kartons versperrt wurde. Für Snacks zwischen den Mahlzeiten war irgendwie keine Zeit und somit musste sich mein Magen mit drei Mahlzeiten am Tag zufrieden geben. Das klappte auch ganz gut. Die Portionen fielen dementsprechend „XXL-mäßig“ aus, aber Hauptsache die Kalorien und Nährwerte passten. Im Grunde genommen gab es auch jeden Tag dasselbe. Zum Frühstück der Riegel, zum Mittagessen das „Standard-Bodybuilder-Essen“, Reis, Hähnchen und Brokkolimatsch, und zum Abendessen einen XXL Salat mit Thunfisch und Ei und als Dessert Magerquark mit Nüssen. Schnell, einfach aber gesund. So verlebte ich also „Essentechnisch“ die ersten Tage in meinen eigenen vier Wänden.

„Wie es „Trainingsmäßig“ aussah?“ Zugegeben, dazu machte ich mir vor dem Umzug echt die meisten Gedanken, oder besser gesagt, die meisten Sorgen. Seit gut einem Jahr gab es nicht einen Tag, bis auf den Sonntag, an dem ich mit dem Training pausierte. Und jetzt stand ich plötzlich ohne Fitnessstudio da. Den Vertrag hatte ich ja gestern gekündigt. Einerseits machte ich mir Gedanken und andererseits machte ich mir Sorgen. Gedanken machte ich mir ums „Zunehmen“ und Sorgen machte ich mir ums „Muskelverlieren“. Allerdings stellte sich bereits nach zwei Tagen heraus, dass diese Sorgen völlig unbegründet waren. Es ging sogar so weit, dass ich mir Gedanken um meinen Ernährungsplan machte und überlegte die tägliche Kalorienzufuhr zu erhöhen. Besorgt war ich nämlich nicht ums „Muskelverlieren“, sondern ums „Abnehmen“. Wie das passieren kann ohne Fitnessstudio? Reicht dir die Antwort, wenn ich dir sage, dass ich insgesamt 103 Nägel in die Wand gehauen habe? 18 Löcher gebohrt habe? Vier Deckenleuchten aufgehangen habe (inklusive einen 15 Kilo schweren Kronleuchter)? Reicht es dir, wenn ich dir verrate, dass ich gefühlte 1000 Mal die Leiter hoch und runter geklettert bin, drei Wände gestrichen und tapeziert habe? Und reicht es dir, wenn ich dir erzähle, dass ich Möbel in allen Variationen und Größen aufgebaut habe, jeden Abend mit Putzeimer und Putzlappen durch die Wohnung gefegt bin und bei all dem Spektakel nicht einmal richtig durchgeatmet habe? Glaubst du mir jetzt, dass ich jeden Abend schlagkaputt ins Bett gefallen bin und das Gefühl hatte 2813132 Kalorien verbrannt zu haben? Somit machte ich eine Trainingspause ohne Trainingspause, verstehst du?
Das waren also die ersten Tage in meinem neuen Zuhause. Die Möbel, die ich mitnahm waren hier und auch die Eiweißriegel lagen bereits in meiner Küche. Aber ich, ich war die ersten Tage noch nicht hier. Es fühlte sich an, als wäre ich irgendwie auf halben Wege nach Hamburg ausgestiegen. Nicht um per Anhalter wieder zurück zukehren, aber um einfach nochmal durchzuatmen, ein bisschen Luft zu schnappen, weil ich wusste, dass der neue Alltag nicht mehr viel Platz zum Ein- und Ausatmen, zum Luft holen, lassen würde.

Jetzt sind zwei Wochen vergangen. Und auch ich bin angekommen. Ich bin jetzt hier. Gerade sitze ich auf meinem Balkon, lasse mich von der Sonne brutzeln und nippe dabei an einem Eiweißshake.
Ja richtig, ich habe wieder Zeit zum „snacken“ und vor allem Zeit um mein neues Leben zu beginnen. „LET’S DO IT“ oder doch lieber „LET’S LIVE IT“?

 

9 Comments

  • julieleinchen August 14, 2015 at 17:44

    Ein wirklich schöner Text, ich lese deinen Blog so gerne! Warum bist du nach Hamburg gezogen, wenn ich fragen darf? Und wo hast du vorher gewohnt? 🙂
    Alles Liebe, Julie
    http://www.julieleinchen.com

    • Mona August 14, 2015 at 19:32

      DAAANKE <3 Ich bin von Kassel nach Hamburg gezogen, weil ich ab Oktober mein Studium hier beginne 🙂

  • smallbutnice August 16, 2015 at 15:00

    Du hast einen sehr schönen Schreibstil!

  • Elke Gubbei August 16, 2015 at 18:51

    Hat dies auf aktuell.hierkaufichein.de rebloggt und kommentierte:
    Gut geschrieben von Jemandem der auszog um Hamburg kenen zu lernen

  • Bellamoves August 17, 2015 at 12:47

    Irgendwann möcht ich auch mal mit machen :-))
    Toller Text
    Liebe Grüße
    Doreen bellamoves

  • Der Typ von FoodLoaf August 18, 2015 at 4:45

    Zu der Frage im Abschluss deines „Berichts“: „Let´s live it“ ist die bessere Wahl. „Let´s do it“ hat so einen „Zwang-Charakter“. Ab und zu mehr „Leben/leben“ und weniger „Disziplin“ ist wichtig, sonst begrüßt man irgendwann die Gummizelle von innen – so jedenfalls meine Meinung. Aber ich weiß, leichter gesagt als getan. Ich kenne mich da aus 😉

  • Erdi Gorch Fock August 18, 2015 at 11:13

    Moin Mona, Glückwunsch zum Umzug. wird schon allens sutje werden. Liebe Grüße Erdi