Viel zu viel Alltag

August 18, 2015

Für mich begann am 1.08.2015 eine große Reise.

Ich machte mich nicht mit falschen Wimpern, Silikoneinlagen und 300 Swarovski Steinen auf den Weg nach Berlin, um im „Bindfaden“ vor den kritischen Augen einer Jury rumzutänzeln. Ich machte mich mit Verspätung und einer Portion „zu viel Alltag“ auf den Weg nach Hamburg, um mich bei meinem ersten Großeinkauf von einem Einkaufswagen um die Nase herumführen zu lassen und mich von meinem neuen Nachbar im Nachthemd erwischen zu lassen. Aber keine Angst und Bange, bis auf ein paar Seufzer, schweißnasse Hände und einen knallroten Kopf bin ich heil davon gekommen.

Also wenn das ab heute mein Alltag ist, dann lasse ich mich spätestens in zwei Wochen krankschreiben. Entweder hole ich mir dann ein Rezept, dass mir kostenlosen und unbefristeten Aufenthalt im Hotel-Mama verschreibt, oder noch besser einen Shopping-Gutschein aushändigt oder noch viel viel besser: Ein Rezept, mit dem ich mir kostenlos neues Eiweißriegel holen kann. Das wär’s! Gerade jetzt, wo mich nicht nur meine Ersparnisse etwas im Stich gelassen haben, sondern auch der Fitnessladentyp, der mir versprochen hatte mir regelmäßig neue Riegel nach Hamburg zu schicken. Blödmann.
Wie ich euch bereits erzählt habe, war mein Hab und Gut schneller umgezogen als ich. Während der Brokkoli in meiner Hamburger Küche sich schon selbständig zum Brokkolimatsch machte, der Salatkopf anfing ein paar Blätter zu verlieren und der Magerquark bereits anfing zu schimmeln, war ich noch nicht da. Ich war irgendwo anders. Wo genau weiß ich auch nicht, jedenfalls war ich nicht da, um Brokkoli, Salat und Magerquark zu retten. Ich war irgendwo, wo ich mich erstmal selber retten musste. Unglücklicherweise dauerte das Ganze zwei Wochen. Als ich endlich hier ankam war natürlich jede Rettung zu spät. Der Brokkoli war Brokkolimatsch, der Salatkopf war bloß noch ein Kopf ohne Salat und die Packung Magerquark ließ auch den Magen mager. Statt einem „Willkommens-Dinner“ begrüßte mich also auf direktem Weg, sagen wir mal, der Alltag. Wo andere längst frühstückten, machte ich mich am Montag, zwei Wochen nach dem Umzug, direkt auf den Weg in den Supermarkt. Die Einkaufsliste war lang, der Hunger groß, und das Geld knapp. Ich schnappte mir einen Einkaufswagen und fuhr los. Bananen, Äpfel, Pfirsiche und frische Erdbeeren fanden schnell ihren Platz im Wagen. Pilze, Blumenkohl, Zucchini, Tomaten und Paprika folgten. Um den Brokkoli machte ich lieber einen großen Bogen. Den nächsten Stopp machte ich dann in der Kühlabteilung. Eier, Magerquark, Frischkäse und jede Menge „Light-Produkte“ fielen in den Wagen. Zuletzt noch Volkornnudeln, Kartoffeln und … „Verdammt“, ich hatte die Getränke vergessen. Und 1,5 Liter Flaschen auf Eiern und Bananen macht sich erfahrungsgemäß ja nicht so beliebt. Außer man will Rührei und Bananenbrei schon im Supermarkt genießen. Jedenfalls entschied ich mich dagegen und freute mich stattdessen auf ein leckeres Omelette aus der Pfanne und eine frische, knackige Banane als Dessert. Doch dazu musste ich erstmal einen Weg finden das Wasser einzuladen. Entweder Wagen ausräumen, Wasser zuerst reinstellen und alles wieder einräumen oder einen zweiten Wagen holen, oder … „Ich hab’s! Ich frage einen STARKEN Mann nach Hilfe.“ Ich sah mich um. Vor mir schob ein Opi seine Einkäufe in einem Rolltor her. Von links streifte mich eine junge Frau mit einer Whiskey Flasche unter dem Arm und als ich mich umdrehte blickte ich direkt in einen Einkaufswagen mit fünf Brokkoliköpfen, zehn Schachteln Eiern und jeder Menge Magerquark. Und ganz unten lugte sogar ein Eiweißriegel hervor. Der Wagen musste einfach einem Bodybuilder gehören. „Wem auch sonst?“ Ich parkte meinen Wagen neben den Wagen des vermutlichen Bodybuilders und sah mich nach einem attraktiven und jungen Abbild Arnold Schwarzenegger’s um. Nach drei Minuten entschied ich mich einfach an dem Wagen zu warten. Und keine Minute später kam dann auch schon Arnold Schwarzenegger’s … hm, nun ja … Arnold Schwarzenegger’s Gegenstück. Ein Mann jungen Alters, mit rundem Bauch, Pausbäckchen und reichlich Hüftgold schlenderte auf mich zu und schmiss eine Tüte Chips in den Wagen. Völlig verdutzt schaute ich die Tüte Chips an, die mein Bild eines Bodybuilders nun völlig zerstörte. „Ist für nen Cheatday (Schummeltag in einer Diät)“, grinste mich der pummelige Mann an. Ohne ein Wort zu sagen, eilte ich davon. Weil Option Nummer drei also wegfiel, entschied ich mich für Option Nummer zwei, einen zweiten Wagen zu holen. Option Nummer zwei stellte sich allerdings als echte Herausforderung an. Frag bitte nicht wie, aber irgendwie schaffte ich es mich mit zwei Einkaufswagen durch die engen Gänge des Supermarktes zu balancieren, ohne dabei die Regale auszuräumen. An der Kasse kassierte ich dann nicht nur eine ordentliche Rechnung, die mein Wochenbuget sprengte, sondern auch jede Menge erschrockener Blicke. Blicke nach dem Motto „Wie viele Kinder hast du denn bitte zu ernähren?“ Die Antwort lautet natürlich: keines. Lediglich den Magen eines Elefanten und das Herz eines Bodybuilders.

Mit fünf Einkaufstüten und einem dicken Rucksack auf dem Buckel schlurfte ich nachhause. Also das Cardio Training blieb für die nächste Zeit erstmal aus. Das übernahm ab heute wohl das Einkaufen. Ich war klitschnass.

Als ich das „Willkommens-Dinner“ erstmal nachgeholt hatte, setzte ich mich auf die Couch und machte mir eine Art „TO-DO-Liste“ für den Tag. Punkt 1, Einkäufe erledigen, hakte ich bereits ab und Punkt 2 (Frühstücken) und Punkt 3 (Mittagessen) hakte ich gleich in einem ab, denn es war bereits 15 Uhr. Als vierten Punkt kritzelte ich „Putzen“ auf die Liste. Als fünften Punkt folgte „Abendessen“, Punkt 6 war „TV schauen“ und Punkt 7 beendete auch schon die Liste mit „um 22 Uhr schlafen gehen“. Ich machte mich gleich an die Bearbeitung der Liste ran und nahm Putztuch, Besen und Staubsauger zu Hand. Die Musik lief und ich fegte zu den neusten und angesagtesten Hits durch die Wohnung. Das 45 Quadratmeter viel zu viel waren, stellte ich erst jetzt fest. Leider zu spät. Als ich mir fünf Minuten eine Pause gönnen wollte und mich aufs Bett warf, klingelte das Telefon. Meine Oma. Aus dem „Ich wollte NUR mal hören, wie es dir geht“ wurde ein „Ich wollte NUR mal hören, wie es dir geht, was du machst, wie du dich eingelebt hast, wo du schon überall rumgestreunter bist, ob du jemanden kennen gelernt hast, ob du glücklich bist und wann du mal wieder deine Oma besuchen kommst.“ Irgendwann war es dann 18 Uhr und ich war immer noch bei Punkt vier. Um 19 Uhr fiel mir dann ein, dass ich morgen den ganzen Tag unterwegs sein werde und somit noch vorgekocht werden musste. Somit verschob ich Punkt 5, 6 und 7 nach hinten und bereitete mein Futter für den nächsten Tag vor. Essen war schließlich oberste Priorität. Um 20 Uhr meldete sich mit der Tagesschau auch mein Magen, der bereits seid zwei Stunden auf sein Abendessen wartete. Das schaffte ich tatsächlich in 15 Minuten zu servieren und nein, es war keine Tiefkühlpizza, sondern ein Anruf beim Pizzaservice, der mir eine riesige Portion italienischen Salat lieferte.

Der Tag endete um 22 Uhr. Zwar hatte ich Punkt 6 übersprungen, aber Punkt 7 wieder erfüllt. Oder? Natürlich nicht. Ich hatte vergessen die Tür zuzuschließen und bei dem Alltag hatte ich auch vergessen die Post aus dem Briefkasten zu holen. Ich knipste das Licht wieder an und machte mich im Nachthemd auf den Weg zum Briefkasten. Dabei machte ich zwei unschöne Bekanntschaften. Zum ersten trat ich auf etwas flauschiges, „Oh Gott, Nachbars Katze!“, die mit einem lauten „Miau“ aufschrak und ihr Herrchen weckte. Der stand nämlich keine Minute später auf der Matte. Zuerst wollte er mich schimpfen, doch dann sah er meine leichte Bekleidung und begrüßte mich mit einem freundlichen „Guten Abend, neue Nachbarin“, und ließ die Tür ins Schloss fallen. Peinlich.
Zurück in der Wohnung schloss ich die Tür ab und legte mich ins Bett. 22:30 Uhr und ich schloss die Augen. Bevor mich der Schlaf einholte, ließ ich den Tag noch einmal Revue passieren.
Ich stellte fest, dass ich jetzt tatsächlich angekommen war. Jetzt gab es keine Mama mehr, die den Haushalt schmeißt und auch keinen Papa mehr, der Abends die Tür abschließt.
Dafür gab es aber jetzt ein neues Leben mit jede Menge alltäglichem Wahnsinn und ein klein bisschen zu viel Alltag. Aber nur kleines bisschen.
„Gute Nacht.“
Oder Moment mal, habe ich die Balkontür zugemacht, den Herd ausgestellt und das Licht im Bad ausgeschaltet?

3 Comments

  • mrunbekannt August 18, 2015 at 21:43

    Cheatday 😀 Gibt es sowas überhaupt? Aber auch mit Waschbärbauch hätte er dir dein Wasser bestimmt zur Kasse getragen.

  • martinxy August 20, 2015 at 8:30

    Servus Mona, na dann lass ich auch mal Grüße da 😀 Cooler Blog, guter Schreibstil, Daumen hoch und lass immer mal was von dir hören!
    Und viel Spaß und Erfolg für alles weitere in der neuen Stadt 😀 schaffst du, hab ich auch geschafft und bin weißgott nicht der intellenteste ^^
    Martin

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