Prinzessin Mona war einmal

August 26, 2015

Für mich begann am 1.08.2015 eine große Reise.

Ich machte mich nicht mit falschen Wimpern, Silikoneinlagen und 300 Swarovski Steinen auf den Weg nach Berlin, um im „Bindfaden“ vor den kritischen Augen einer Jury rumzutänzeln. Ich machte mich mit vielen neuen Plänen auf den Weg nach Hamburg, um mich zehntausend Stunden mit der wohl größten Erfindung des 20. Jahrhunderts, dem Internet zu beschäftigen, während aufgerissene Kartons, vollgefüllte Kisten und halbaufgebaute Möbel auf mich warten müssen. Aber keine Angst und Bange, ich bin keinem „Online Game“ verfallen, sondern lediglich der Sucht des Bloggens verfallen.

„Ihr Akkuzustand beträgt 4%. Wir empfehlen Ihnen dringend ihr MacBook aufzuladen.“ Nur was, wenn das Ladekabel in einem von gefühlten zwanzig Kartons liegt? Gibts nicht sowas wie nen‘ Notfallakku oder vielleicht eine Notfallhotline für energielose MacBooks, versteckte Ladekabel und verzweifelte User? „Ganz ruhig, Mona.“, beruhige ich mich selbst. „Die letzten vier Prozent werden ja wohl nicht gleich die Welt untergehen lassen.“ Dachte ich jedenfalls. Denn als ich gerade das neue Layout für meine Website speichern wollte, verabschiedete sich der Mac. Vor mir öffnete sich ein schwarzes Fenster.

Die Welt ist untergegangen und riss gleich meine Geduld mit.

Als ich mich nach 30 Minuten wieder beruhigt hatte, den Mac mit allen lieben Worten beschimpft hatte und mich selbst gleich zehnmal geohrfeigt hatte, nahm ich das Handy in die Hand und wählte sowas wie eine Notfallhotline. Jedenfalls war er sonst immer mein Retter in der Not. Papa.

Tatsächlich meldete er sich so schnell wie die Feuerwehr am anderen Ende des Apparats. Als hätte er tatsächlich eine Ausbildung beim Notfalldienst absolviert, löcherte er mich sofort mit den „W-Fragen“.

Wer, Was, Wie, Wann und Wo. Das Problem war nur, dass es die falschen „W-Fragen“ waren.

WER ist der Junge auf deinem neuen Bild? Was arbeitet er? WIE alt ist er? WANN stellst du ihn uns vor? WO kommt er überhaupt her? Ist er Ausländer? „PAPA!“, unterbreche ich ihn. „Erstens ist das nur ein Kumpel, zweitens geht dich das auch gar nichts an und drittens war die letzte Frage keine „W-Frage“ mehr.“, protestiere ich. „Ich dachte nur du würdest etwas verstecken.“, hörte ich ihn durchs Telefon immer noch misstrauisch grinsen. „Das einzige was sich versteckt ist das verdammte, blöde, bescheuerte, hässlich-stinkende Ladekabel.“, schnaubte ich zurück.

„Ach, lass mich raten. Fräulein Prinzessin lebt nach drei Wochen in ihrem neuen Zuhause immer noch zwischen Kartons, Kisten und halb aufgebauten Möbelstücken, sitzt 24 Stunden vorm Fenster und wartet auf ihren Prinz in Arbeitsmontur und mit dem Werkzeugköfferchen unterm Arm?“, lacht Papa. „Weder noch. Ich lebe vielleicht seit drei Wochen zwischen Kartons, Kisten und halb aufgebauten Möbelstücken, aber der Schminktisch und die Garderobe sind schon komplett. Und außerdem sitze ich nicht 24 Stunden vorm Fenster und warte auf einen Prinz, erst recht nicht auf den in Arbeitsmontur und Werkzeugköfferchen. 24 Stunden sitze ich nur vorm MacBook und warte auf sämtliche Ladevorgänge, Uploads und und und.

Nach fünf Minuten war unser Telefonat auch schon beendet mit dem Ergebnis „Papa, der Retter in der Not“ war einmal. Ich musste mich also allein auf die Suche nach dem Ladekabel machen.
Während meiner Suche stieß ich nicht nur auf die Schoko-Eiweißriegel, die ich schon seit fünf Tagen gesucht hatte, sondern auch auf die Realität. Und die tat ein bisschen weh. Mir wurde mit jeder Kiste, die ich aufriss, um festzustellen, dass sich auch in dieser Kiste kein Ladekabel befindet, bewusst, dass ich mein eigenes Leben führe. Ich trug jetzt plötzlich die volle Verantwortung. Mein Schicksal und vor allem mein Weg lag jetzt ganz allein in meiner Hand. Ich war jetzt keine Prinzessin mehr. Ich war Königin. Zwar ohne König, aber ich war auf einmal sowas wie „Herrin des Hauses“.

Kiste für Kiste wühlte ich mich durch Teller, Schüsseln, Kleidung, Kissen und Bilder, aber nirgendwo konnte ich das Kabel finden. Draußen wurde es dunkel, die Tagesschau hatte ich verpasst. Ich war bereits bei der dreiundzwanzigsten Kiste und mit den Nerven beinah am Ende. Um mir aber noch die allerletzten Nerven zu rauben, durchwühlte ich die letzten vier Kisten auch noch. Als ich am Boden der siebenundzwanzigsten Kiste angekommen war und zum siebenundzwanzigsten Mal feststellte, dass sich auch hier kein Ladekabel versteckt, fiel ich mit dem Kopf in die Kiste und schlief ein.
Mitten in der Nacht wachte ich von einem fürchterlichen Traum auf.

Ich hatte geträumt hier in Hamburg nicht klargekommen zu sein. Ich hatte geträumt, dass ich mich in meinem eigenen Chaos nicht mehr zurecht gefunden habe. Zwischen fehlendem Ehrgeiz, mangelnder Ordnung, Hoffnungslosigkeit und planlosen Aktionen im Alltag versunken zu sein. Ich träumte davon sämtliche Kisten ausgeräumt zu haben, um ein Ladekabel zu suchen. Aber ich gab irgendwann auf und rief mit tränenunterlaufenen Augen nach drei Wochen Papa an der Arbeit an. Ich heulte erst seine Sekretärin voll und erzählte ihr wie fruchtbar doch alles hier in Hamburg sei. Sie leitete mich dann weiter. Allerdings wurde ich zuerst mit Thomas verbunden, Papa’s Arbeitskollegen, dem ich auch noch einmal meine Leidensgeschichte aufdrückte. Als ich nach einer weiteren Weiterleitung dann Papa am Apparat hatte und ihn anflehte mich zurück zu holen, lachte er mich aus. Er lachte so heftig, dass ich noch mehr anfing zu weinen. Er lachte mich aus. Mit einem „Pech gehabt“ verabschiedete er sich dann, als er vor Bauchschmerzen vom Lachen kaum noch atmen konnte. Ich war verloren.

Ich knipste das Licht an und stellte fest eingeschlafen zu sein. Mein Zimmer sah aus wie im „Schweinestall“. Aufgerissene Kisten, Papierfetzen, sämtliche Kleinteile, Kleidungsstücke, Bücher und Stifte lagen überall verteilt auf dem Boden und irgendwo dazwischen saß ich. Ich entschied mich, alles erstmal unters Bett zu schieben, um ein bisschen Ordnung zu schaffen. Als alles soweit verstaut war, konnte ich nach drei Wochen wieder den alten Dielenboden meines Schlafzimmers sehen. Ich hatte ganz vergessen wie schön er war. So schön, dass ich mich langlegte, alle vier von mir ausstreckte und mucksmäuschenstill einschlief und wieder in denselben Traum verfiel wie vorhin.

Allerdings war der Traum nicht ganz derselbe. Nach drei Wochen im neuen Heim rief ich wieder meinen Papa auf der Arbeit an. Dieses Mal heulte ich aber nicht seine Sekretärin voll, sondern erzählte ihr freudestrahlend, wie gut es mir geht und wie gut ich in Hamburg zurecht komme. Als sie mich weiterleitete und ich wieder bei Thomas landete, machte ich diesen ganz neidisch, indem ich ihm meine aus meinem neuen Leben berichtete. Als ich schließlich wieder Papa am Hörer hatte, flehte ich ihn an mich nicht in den nächsten Ferien nachhause zu holen. Ich erzählte ihm von der endlos lagen Suche nach dem Ladekabel. Ich erzählte ihm wie verhext die Kisten alle waren, aber das ich das Kabel ganz am Ende doch fand, nachdem ich Ordnung in meinem Zimmer schaffte und das Kabel in der hintersten Ecke entdeckte. Daraufhin konnte ich wieder Papas Lachen hören. Aber er lachte mich nicht aus. Dieses Mal lachte er mit mir. Es war ein schönes Gefühl, als ich ihn mit einem „Pech gehabt“ verabschiedete, während tausend Endomorphine durch meinen Körper schossen und ich kaum noch atmen konnte. Ich kam auf einmal in Hamburg klar. Ich hatte Ordnung geschaffen, glänzte mit Ehrgeiz, überzeugte mit Hoffnung und geplanten Aktionen.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und wusste, was zu tun war. Ich räumte mein komplettes Schlafzimmer auf. Das Papier flog in die Papiertonne, Kleidungsstücke fanden ihren Platz in den Schränken. Die Bücher kamen ins Regal und auch die Zahnbürste fand endlich ihren Platz im Bad. Und als alles verstaut war, entdeckte ich tatsächlich das Ladekabel. Ohne Witz, ich hätte fast weinen können. Riss mich aber nochmal zusammen, um das Ladekabel zu schnappen und an das MacBook zu hängen.
Während das MacBook sich auflud, wählte ich Papas Handy Nummer. Ich erzählte ihm von den verhexten Kisten, meiner Aufräumaktion und am Ende von dem gefunden Ladekabel.

Er lachte, aber er lachte mich nicht aus. Als er mit großer Enttäuschung erfuhr, dass ich in den nächsten Ferien nicht nachhause kommen möchte, beendete ich das Telefonat mit einem „Mona, die Prinzessin, war einmal“.
Nach diesem Erlebnis und einer träumerischen Nacht wusste ich, dass ich niemals aufgeben darf, so unmöglich und verrückt die Zukunft auch sein mag. Mit ein bisschen Ordnung, ein wenig Ehrgeiz und einem Hauch guter Hoffnungen werde ich das Leben meistern, auch wenn mich möglicherweise noch die ein oder andere Kiste auf Abendteuerreisen schicken wird.

Ich bin da guter Dinge.

9 Comments

  • Ben Froehlich August 26, 2015 at 21:04

    Diesen Moment kennt wohl fast jeder 😉 ich bin gerade selbst noch im Umzug und hab bereits alles verkabelt 😀

  • souveraenanders August 28, 2015 at 20:32

    Ein sehr inspirierender Beitrag lieber Monaten! 🙂

    • souveraenanders August 28, 2015 at 20:33

      Oh nein wie peinlich, entschuldige Mona, mein Handy Rechtschreibprogramm hat zugeschlagen.

      • Mona Kuehlewind August 28, 2015 at 21:30

        Gar kein Problem, bin das schon gewohnt 😀 mein Handy hat mehrere Wochen gebraucht um „Mona“ auch als „Mona“ zu erkennen und nicht als „Monat“ 😀

    • Mona Kuehlewind August 28, 2015 at 21:29

      Lieben Dank 🙂

  • mariashealthytreats August 31, 2015 at 22:43

    Wie immer wunderbar geschrieben! 🙂

  • julewech September 26, 2015 at 0:34

    So ist es IMMER !
    Je verzweifelter wir etwas suchen, um so hartnäckiger versteckt es sich … 😉
    Und wenn wir aufhören danach zu suchen und uns mit etwas anderem beschäftigen … dann taucht es plötzlich auf … ganz so , als könnte es nicht ertragen , daß wir unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen geschenkt haben …
    Für dein weiteres Leben wünsch ich dir ganz viel Finderglück !

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