Noch einmal

November 15, 2015

Wie oft hast du heute aus einem „noch einmal“ ein „noch zweimal“ gemacht? Einmal, zweimal oder doch schon dreimal?
Ich bin ehrlich. Ich habe heute kein einziges Mal das „noch einmal“ in ein „noch zweimal“ verwandelt. Wirklich nicht. Ich habe immer „noch einmal“ gesagt und es „noch dreimal“ gemacht. Manchmal sogar „noch viermal“. Man, bin ich ein Held.
„Ich weiß. Ich bin eine verdammt schlechte Lügnerin“, habe ich eben noch zu mir selbst in den Spiegel gehaucht und mir die Schokoladenfinger von dem „noch dreimal“, dem dritten Stück Kuchen, abgeleckt. Eigentlich habe ich mir nach dem ersten Stück Kuchen das „noch einmal“ geschworen. Das ich dabei aber die Finger hinter dem Rücken gekreuzt habe, hatte ich noch gar nicht bemerkt. Aus dem „noch einmal“, dem zweiten Stück Kuchen, wurde dann jedenfalls das „noch dreimal“, das dritte Stück Kuchen.
Und dann ist mir aufgefallen, dass das nicht das erste Mal war, dass ich mich heute selbst belogen habe. Ich hatte auch „noch einmal“ während des Frühstücks gesagt, als ich das erste Mal mit dem Messer durch das Nutellaglas strich, und eigentlich „noch dreimal“ gemeint. Die Tafel Schokolade war am Ende auch leer, obwohl ich mir nach dem ersten Stück eigentlich nur das „noch einmal“ versprochen habe und nicht das „noch zehnmal“. „Noch einmal“ wollte ich dann in die Tüte Gummibären greifen und nicht „noch fünfmal“. Zum Abschluss habe ich dann „noch dreimal“ zum Schokoladenkuchen gesagt und den heißen Kakao mit einem „noch zweimal“ angelächelt. Das erste Mal, als ich mich nicht selbst belogen habe, war, als ich in den grünen Apfel biss. „Noch einmal“, grinste ich und biss tatsächlich nur noch ein einziges Mal in den Apfel. Das war der kleine grüne gesunde Apfel, mit dem ich mich wirklich nicht selbst belogen habe.
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, wünsche ich mir, mich mit ihm auch belogen zu haben. Ich wünsche mir zu ihm das „noch zehnmal“ gesagt zu haben, mit dem ich heute die Schokoladentafel beglückte.
Früher hatte man mir einmal gesagt, dass man stets das halten solle, was man selbst sage. „Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen“, schworen wir uns und unterstrichen es meistens noch mit einem „Indianer Ehrenwort“. Das ging auch eine ganze Zeit gut. „Noch einmal“ ein Bissen vom Croissant, „noch einmal“ mit dem Löffel durchs Nutellaglas und „noch einmal“ eine Hand voll Gummietierchen.
Dann kam aber die Zeit, in der wir älter worden. „Verspochen ist versprochen und wird nicht gebrochen“, grinsten wir uns an und kreuzten heimlich hinterm Rücken die Hände. Das war auch der einzige Grund, warum ich immer mit dem Rücken an der Wand lehnte oder ich mich mit dir um den Platz in der letzten Reihe des Klassenzimmers stritt.
Und irgendwann war die Schulzeit vorbei und es gab keine Plätze in der letzten Reihe mehr, um die Finger hinter dem Rücken zu kreuzen. Deshalb sind wir still geworden, haben nur noch „versprochen“ gesagt und „… ist gelogen und wird sowieso gebrochen“, gedacht.
Das war auch das erste Mal, dass ich „noch einmal“ gesagt habe und dich dann „noch dreimal“ geküsst habe. Erinnerst du dich? Ich war zum ersten Mal bei dir. Es war am späten Abend. Ich sollte eigentlich nachhause. Meine Mama wartete bereits und klingelte im Sturm. Von draußen hörten wir ihr Brüllen, dass sie „noch einmal“ klingeln wolle und dann ohne mich fahren werde. Als sie „noch zweimal“ klingelte, war ich beruhigt, dass auch sie ihr Wort brach und küsste dich beruhigt noch ein drittes Mal.
Seit diesem Tag an erwische ich mich und dich ständig dabei, wie wir „noch einmal“ sagen und es „noch zweimal“ tun. Ich erwische mich und dich dabei wie wir uns selbst betrügen, belügen und die Finger hinter dem Rücken kreuzen. Ich habe es vorhin gesehen, weil du nicht an der Wand lehntest. Du hast „noch einmal“ in die eisige Kälte geflüstert und mir „noch dreimal“ über den Arm gestreichelt.
In diesen Situationen wünsche ich mir Kind zu sein. Ein Schulkind aus der siebten Klasse. Als Felix mir noch den Platz in der hintersten Reihe freihielt, wir unsere Geheimnisse mit einem „Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen“ besiegelten und das „noch einmal“ mit einem „Indianer Ehrenwort“ bejubelten.

Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich dir nur noch einmal eine Chance gegeben. Dann hätte ich nur noch einmal deine Nummer gewählt und an deiner Tür geklingelt. Ich hätte dir tatsächlich am Telefon gesagt, dass ich dich noch einmal und dann nie wieder sehen will. Ich hätte dir mit tranigen Augen und einem schmerzenden Herzen gesagt, dass das deine einzige und letzte Chance ist. Ich wäre nur noch einmal mit dir ausgegangen, hätte nur noch einmal mit dir diniert und nur noch einmal mit dir die Enten gefüttert. Ich hätte wahrscheinlich auch nur noch einmal zu dir gesagt, dass du mir fehlst, dass ich immer an dich denke und dich nie vergessen habe. Ich hätte wirklich nur noch einmal gesagt, was ich für dich empfinde. Ich hätte dir nur noch einmal gesagt, dass ich dich liebe. Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich dir nur noch einmal eine Chance gegeben und nicht noch zehnmal.

Wäre ich noch ein Kind, dann wäre ich nur noch einmal in den Laden gegangen. Dann wäre ich nur noch einmal in den Schuhladen gegangen. Ich hätte nur noch einmal die Schuhe anprobiert und mich noch einmal im Spiegel begutachtet. Ich hätte tatsächlich mich nur noch einmal drehen wollen. Ich hätte sie tatsächlich nur noch einmal eine Nummer größer anprobieren wollen und sie nur noch einmal mit den roten High Heel daneben vergleichen wollen. Wahrscheinlich hätte ich auch nur noch einmal das Preisschild umdrehen wollen und noch einmal die Verkäuferin fragen wollen, ob sie auch sicher ist, dass der Schuh nicht herabgesetzt ist. Wäre ich noch ein Kind, dannn hatte ich nur noch einmal die Schuhe testen wollen und nicht noch fünfmal fünf andere Schuhe anprobieren wollen.

Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich nur noch einmal versucht etwas zu verstehen. Dann hätte ich nur noch einmal das Mathebuch nach der richtigen Formel des Satz des Pythagoras durchsucht. Dann hätte ich nur noch einmal den Duden zur Hand genommen. Ich hätte nur noch einmal die Hände über den Kopf geschlagen, bis ich den Kopf in den Sand gesteckt habe. Ich hätte nur noch einmal versucht einen Wikipediatartikel zu verstehen und das Internet nur noch einmal nach einer Antwort gefragt. Ich hätte nur noch einmal den Taschenrechner gebeten eine Formel zu berechnen und nur noch einmal nach dem englischen Wörterbuch gegriffen. Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich nur noch einmal „Was?“ gesagt und nicht noch sechsmal „Ich bin doof“ gesagt.

Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich mich nur noch einmal im Spiegel angeschaut. Dann hätte ich nur noch einmal den roten Lippenstift aufgetragen und die Wimpern getuscht. Dann hätte ich tatsächlich nur noch einmal die Augen mit einem schwarzen Stift ummalt. Ich hätte mir wirklich nur noch einmal das Haar gekämmt und nur noch einmal in die Wangen gekniffen. Ich hätte nur noch einmal den Rock zurecht gerückt und nur noch einmal die Mütze ins Gesicht gezogen. Ich hätte mir nur noch einmal mit den Fingern über die Hüften gefahren und nur noch einmal festgestellt, dass ich zugenommen habe. Ich hätte nur noch einmal meine runden Bäckchen und mein fülliges Gesicht gesehen. Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich mich beim Blick in den Spiegel nur noch einmal geschämt und nicht noch dreimal.

Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich nur noch einmal an dich gedacht. Ich hätte mir nur noch einmal das Bild von ihm angeschaut und hätte nur noch einmal mit den Fingern darüber gestrichen. Ich hätte nur noch einmal an sein Bellen gedacht. Ich hätte nur noch einmal gefühlt, wie mich seine nasskalte, feuchte Nase meine Hand an stupst. Ich hätte nur noch einmal gespürt, wie ich ihm mit den Fingern durch sein langes Fell fahre, ihn hinter den Ohren kraule und meinen Kopf auf sein im Takt pochendes Herz lege. Ich hätte nur noch einmal dein Grab besucht und hätte nur noch einmal die Runde deines Lieblingsspazierganges gedreht. Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich nur noch einmal deinen Namen gesagt und nicht noch hundert mal.

Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich nur noch einmal an das Essen gedacht. Ich hätte nur noch einmal daran gedacht, was ich essen möchte. Dann hätte ich nur noch einmal daran gedacht, welches Brötchen besser schmeckt und ob ich lieber Nutella oder Honig draufhaben möchte. Ich hätte nur noch einmal überlegt, wie viel ich schon am Tag gegessen habe. Ich hätte nur noch einmal „nein“ zur Schokolade gesagt und nur noch einmal das drei Gänge Menu von gestern Abend bereut. Ich hätte nur noch einmal daran gedacht, ob das Essen gesund oder ungesund ist. Wäre ich noch ein Kind, dann dann hätte ich mir nur noch einmal das Stück Kuchen verboten und nicht noch viermal.

Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich nur noch einmal nein gesagt. Ich hätte nur noch einmal nein zu dir gesagt. Dann hätte ich nur noch einmal nein zu den Schuhen und nur noch einmal nein zum Mathebuch gesagt. Ich hätte nur noch einmal nein zu meinem Spiegelbild gesagt. Ich hätte wirklich nur noch einmal nein zu ihm gesagt und nur noch einmal nein zum Essen gesagt. Wäre ich noch ein Kind, dann hätte ich nur noch einmal nein zum Leben gesagt.

15 Comments

  • bodyguard4you November 15, 2015 at 19:31

    einmalistkeinmal …

  • psychohummanist November 15, 2015 at 20:49

    Hat es einen Grund, warum in der erste Hälfte des Textes jede Form von „noch einmal“ so dargestellt wurde und in der zweiten Hälfte nicht mehr?

    • Mona Kuehlewind November 15, 2015 at 20:52

      Nein, mich haben die Anführungszeichen irgendwie nur irgendwann gestört. Ich hätte den Text am Ende natürlich nochmal korrigieren können, aber ich korrigiere nie. Ich versuche alles immer so zu lassen, wie ich es zuerst geschrieben habe, damit es vielleicht noch etwas persönlicher wirkt .. Ich hoffe es stört dich nicht?!

      • psychohummanist November 15, 2015 at 20:57

        Nein, keineswegs. Es fällt neben dieser Erkenntnis auch auf, dass in der oberen Hälfte diese „Makierungen“ Dinge beschreiben, die schon passiert sind. In der unteren Hälfte wird das beschrieben, was hätte passieren könnte.

        • Mona Kuehlewind November 15, 2015 at 21:07

          Ja, vielleicht habe ich dann genau diese Dinge in Anführungszeichen gesetzt, weil sie am meisten weh tun und ich sie am wenigsten wahrhaben will.

          • psychohummanist November 15, 2015 at 21:08

            Eine wirklich gute Idee *daumen hoch*

          • Mona Kuehlewind November 15, 2015 at 21:12

            Deiner Erkenntnis sei Dank *Daumen hoch*

  • Mic November 15, 2015 at 21:05

    Ein sehr schöner Text! Ich muss zugeben, dass ich mir bei vielen deiner Texte vornehmen muss, sie „noch einmal“ zu lesen, weil ich glaube, sie beim ersten Mal nicht richtig verstanden zu haben. Bei diesem hier ist das nicht der Fall! 🙂

    • Mona Kuehlewind November 15, 2015 at 21:08

      Danke für deinen Kommentar. Aber ist das ein Appell an mich, sollte ich versuchen deutlicher zu schreiben? Hast du einen Wunsch, Kritik oder Anregung? Ich wäre dir sehr dankbar 🙂

      • Mic November 15, 2015 at 21:39

        Nein, das ist weder ein Appell, noch Kritik. Wenn überhaupt, dann ist es ein Wunsch an mich, mich besser auf deine Texte einzulassen :-)!

        • Mona Kuehlewind November 15, 2015 at 21:42

          Das musst du ganz und gar nicht. Aber ich finde es schön, wenn du dir überhaupt die mühe machst und dir die zeit nimmst, meine Geschichten ein zweites mal zu lesen. Das zeigt ja auch, dass sie dir ein bisschen gefallen. Das freut mich total. DANKE!

          • Mic November 15, 2015 at 21:44

            Gerne!

  • sternfluesterer November 16, 2015 at 16:13

    Je älter man wird, um so mehr werden viele „noch einmals“ zu letzten Wünschen. Man ahnt, man weiß, das für mehr, für „noch zweimal“, „noch dreimal“ keine Zeit bleiben wird. – Dass man während eines zweiten oder eines dritten mals anders versäumt, was es nicht wert ist, versäumt zu werden.

    Manchmal denke ich, dass es gut gewesen wäre, den Wert eines „noch einmals“ schon in jüngeren Jahren besser zu erfassen und zu begreifen. Dann wäre manches mal aus einem „noch einmal“ eben kein „noch zweimal“, „noch dreimal“, noch x-mal“ geworden. – Vieles, sehr vieles, was öfter geschieht, wird mit jedem mal beliebiger. Es ist schade, wenn ein Leben beliebig geworden ist oder beliebiger wird.

    Aber das ist ein sehr schwieriges Thema, und ein noch viel schwierigeres Tun, sich dem zu stellen und mit den entsprechenden Erkenntnissen einträchtig zu leben.

    *

    Dein Text war diesmal einer der schwereren für mich – er hat mich auf Gedankenreise in eigene vergangene Zeiten geführt. Das passiert mir in den letzten Wochen vor allem, häufiger. Ich will das gar nicht. Es geschieht einfach, wenn irgend etwas Auslösendes da ist. Was das ist, weiß ich vorher nie. – Ich wusste also auch nicht, dass Dein Text so ein Auslöser sein würde …

    In jedem Falle gilt: Es hat noch nie einen Text von Dir gegeben, der mich nicht irgendwie so angesprochen hat, dass er nicht ein Nachdenken auslöste.

    Schönste Grüße an Dich, liebe Mona.

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