SUNDAY COLUMN: Sie ist eine Lady 

Oktober 9, 2016

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Ich habe es satt. Ich habe es satt, was ihr erwartet und was ihr glaubt, wer wir sind. Ich habe es satt, was ihr behauptet, was ihr glaubt zu wissen und was ihr sagt. Ich kann eure Blicke nicht mehr sehen, kann nicht mehr hören, was ihr sagt. Ich kann nicht mehr glauben, wer ihr seid und wer ihr einmal ward.
Ich sitze in der Bahn. Bin auf dem Weg in der Stadt. An der nächsten Station steigen viele Menschen aus, ebenso viele steigen ein. Neben mir ist noch ein Platz. Gegenüber von mir zwei. Aus dem Gedrängel höre ich Fußstapfen, die lauter klingen, als die anderen. Ein Keuchen und ein Schniefen. Kurz darauf eine fleischige Hand, die sich an einer Sitzlehne stützt und geradewegs auf mich zukommt. Ich mache automatisch platz. Rücke auf meiner Sitzbank ein Stück nach rechts. Presse mich an das kalte Fenster. Kurz vor meinem Platz bleibt die Hand stehen. Die Lehne gräbt sich in das Handfett. Ich sehe auf und sehe in das angestrengte Gesicht einer jungen Dame. Sie lächelt mir zu. Ihr Gesicht fällt dabei in ein Doppelkinn. Sie nickt mir kaum sichtbar zu, bedankt sich fürs Platz machen und setzt sich auf die zwei Sitze gegenüber von mir. Ein Stöhnen entfährt ihr. Ihr Kopf kippt ans Fenster und fängt eine große Schweißperle auf. Auf den Platz, den ich ihr freigemacht habe, setzt sich ein Mann, der in ein lautes Telefonat verwickelt ist. Als er die Frau sieht, die sich nun unter der Achsel kratzt, unterbricht er für einen winzigen Atemhauch von Zeit sein Gespräch und verleiht seiner Miene einen ekelerregenden Ausdruck. Ich lächele der Dame freundlich zu und blicke aus dem Fenster. Außen ist alles schwarz. Viel zu schnell rast die Bahn an den Gebäuden der Vorstadt vorbei. Ab und zu erkenne ich Gesichter, die sich in den dünnen Scheiben spiegeln. Blicke, die die Frau mir gegenüber beäugeln. Manchmal lege ich einen Finger auf ein Gesicht, um mir den Anblick der gaffenden Augen zu ersparen. Doch immer wieder tauchen neue Gesichter auf: Eine junge Frau, die ihr Gesicht verzieht, eine andere, die die Stirn runzelt und die Augen hochzieht, ein Mann rollt die Augen und fängt an zu lachen, ein kleines Kind, das am Rockzipfel seiner Mutter klebt, deutet mit der Hand auf die Dame. Die Mutter flüstert ihrem Kind irgendetwas ins Ohr und beginnt zu husten. Wieder werfe ich der Dame ein freundliches Lächeln zu, das sie dieses Mal nicht erwidert. Sie sieht, genau wie ich, aus dem Fenster. Nur legt sie keinen Finger auf die Spiegelbilder der Menschen, die sie anglotzen. Ihre Finger sind in ihrem Gesicht. Streichen sich ab und zu über die Augenlieder und wischen den Schweiß von der Stirn. Ihr Blick ist starr ins Dunkle gerichtet. Beinahe ausdruckslos und doch irgendwie viel mehr sagend, als jedes Wort. Ich merke, wie sie merkt, dass jeder sie anstarrt. Ich merke, wie sie merkt, dass die Fahrgäste über sie tuscheln und ihr Kichern hinter Händen oder langen Haaren vergraben. Ich merke, wie sie merkt, dass sie verletzt wird und dass es ihr gewaltig weh tut. 
An der übernächsten Station steigt sie aus. Ein jeder verfolgt ihren Gang, bis sich die Bahn wieder fort bewegt und die Menschen ihr nächstes Opfer suchen, dem sie ihre gaffenden Blicke würdigen. Ich verdecke meine Beine unter meiner Tasche, die ich mir auf den Schoß lege, mache mich klein und hänge den Kopf leicht nach unten. An der nächsten Station drängele ich mich fluchtartig durch die Menschenmenge und springe aus dem Wagon. Ich werfe mir die Tasche über die Schulter. Mein T-Shirt rückt ein Stück nach oben und ich bete: „Hoffentlich hat niemand meinen Hüftspeck gesehen.“ 
Es vergehen Wochen und ein ganzer Sommer.

Ich denke oft an die junge Frau. Die gaffenden Blicke kreisen mir immer wieder durch den Kopf und lösen in mir Unsicherheit aus. Ich betrachte mich viel öfter als sonst im Spiegel, wähle meistens schwarze Kleidung und ein Tuch, das ich zur Not um meine Hüften legen kann. An manchen Tagen bilde ich mir dann ein, dass mich jeder anstarren würde und verliere Stück für Stück mein Selbstbewusstsein. 
Warum ich immer erst an einen Punkt kommen muss, an dem ich nur noch auf einem wackeligen Stein vor einer tiefen Klippe stehe, um etwas zu ändern, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau der Extreme bin und immer erst den Schmerz spüren muss. Und damit meine ich nicht den Stich, sondern den Schlag. Ich meine den ganz großen Schmerz. 
So auch jetzt. So auch jetzt, als ich mich von den Menschen und ihrem verdammten Ideal beeinflussen lassen habe und beinahe mein Selbstbewusstsein verloren hätte. Doch kurz davor habe ich die Bremse gezogen, habe mich im Spiegel angesehen und meinem Unterbewusstsein gelauscht, dass mir zugerufen hat, dass ich gut bin so wie ich bin. Und so gut, um mich vor nichts und niemandem verstecken zu müssen. 
Und heute fühle ich, dass ich stärker bin. Viel stärker als zuvor. Ich trage ein Armband mit der Aufschrift „Supergirl“ und ich fühle mich mit Kurven und Hüftgold großartig. Und so darf sich jede Frau fühlen. Jede Frau, egal wie sie aussieht, egal wo sie herkommt, wie sie sich kleidet und verhält. Jede Frau ist wunderschön und eine Bereicherung für Mann, Frau und die ganze Welt.

Fernab von schönen Models mit langen Beinen, schmaler Taille und makelloser Haut präsentiert der neuen Werbespot der H&M Herbstkollektion genau dieses Frauenbild, was Jedermann sehen muss und über das er zumindest einen Moment lang nachgedacht haben sollte. Vielleicht können wir bald alle ein besseres Leben leben führen und uns wohlfühlen – so wie wir alle eine Lady sind.

3 Comments

  • miriam rosendahl Oktober 9, 2016 at 16:47

    Toller wütender Mut machender um Fassung ringender und schließlich das Lachen wiederfindender Artikel – weiter so! Ganz viele Grüße an die Mutige! Deine Miriam

  • Ouwefeniks Oktober 9, 2016 at 17:49

    Wie verdammt Recht Sie haben.
    Nebenbei angemerkt: Es gibt eine Menge Gegenden auf der Welt, in denen eine ordentliche Rolle Hüftgold eher als schick gilt.

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