THE POWER OF A CITY – Zwei Wochen in Mailand

März 20, 2016

„Mona?“ Ich neige den Kopf zur Seite und sehe sie an. „Mir ist etwas aufgefallen.“ Jetzt blinzele ich ihr etwas tiefer in die Augen, lege den Kopf auf meine rechte Schulter und ziehe die Mundwinkel ein bisschen nach unten – ich glaube ich sehe aus wie ein Dackel, ein treudoofer Dackel, der sein Herrchen nicht versteht.
„Sieh mich nicht so verständnislos an. Du weißt genau, was ich meine“, grinst sie. Ich wackele mit dem Kopf hin und her. „Schon wieder. Genau das meine ich. Du nickst nur noch oder wackelst mit dem Kopf. Du bist so still geworden, Mona“, sagt sie jetzt. „Ja“, denke ich und nicke mit dem Kopf. Eine Haarsträhne fällt mir ins Gesicht und verdeckt die Sicht. Ich schließe die Augen, lasse noch eine Haarsträhne in mein Gesicht fallen und schließe damit den Vorhang.
Ende der Vorstellung. Ich gehe von der Bühne, ohne Applaus. Nicht mal mit ein bisschen Stolz, weil ich weiß, dass sie sich Sorgen macht.
„Sorry“, wollte ich noch sagen, aber dann fiel der dunkle Vorhang dazwischen und alles was uns trennte, waren ein paar dicke Haarsträhnen und ein bisschen Unverständnis – doch alles war zu viel. Wie immer.
Seit zwei Wochen habe ich diesen Kloß im Hals und er will einfach nicht verschwinden. So viel ich schlucke, gurgele, rülpse oder Wasser ich in mich schütte, er hängt irgendwo in meiner Kehle fest.
Gestern habe ich mit einem Zahnstocher in meinem Rachen gebohrt, weil ich dachte, ich könne den Kloß herauskitzeln. Aber er scheint gar nicht kitzelig zu sein und ich gab irgendwann auf.
Seit zwei Wochen ist er nun schon da drin und versperrt den Worten ihren Weg. Deshalb bin ich so still geworden. Nur wegen dem Kloß, der meinen Worten den Weg versperrt.

Angefangen hat alles, als ich die letzte grüne Olive, die von der Pizza gefallen war, aufpickste und in den Mund steckte. Ich putze mir noch mit der Serviette den Mund sauber und ließ die Olive noch ein paar Runden in meinem Mund kreisen, spielte mit der Zunge noch ein bisschen an ihr herum. Mit dem nächsten Schluck versuchte ich sie herunterzuschlucken, aber sie blieb am Gaumen hängen. Ich biss sie einmal in der Mitte durch, versuchte es ein zweites Mal, aber sie kam wieder hoch. Ich nahm einen Schluck Rotwein und versuchte die beiden Olivenhälfen herunterzuspülen. Nach fünf Schlucken, einem leeren Rotweinglas und einer angeheiterten Mona, schaffte es die Olive in meine Kehle zu finden. Als mich mein Gegenüber darauf hinwies, dass meine Wangen rot anliefen, bemerkte ich bereits, dass irgendwas in meiner Kehle feststecke – vielleicht eine grüne Olive, vielleicht ein dicker Kloß, vielleicht aber auch nur ein bisschen Abschied.
Dieser Abend war nämlich unser letzter. Unser letztes Pizza Date, beim Italiener um die Ecke, wo es immer gratis Rotwein, Pizzen größer als der Teller und Toiletten ohne Türschloss gab. Laurenzo, hieß der gute Kerl, dessen Pizzeria wir so lieb gewonnen haben. Die kleine verrauchte Pizzeria in der „Via Lanzone“, in der sich jeden Abend viel zu viele Italiener tummelten, aber wir jeden Abend den Tisch in der hintersten Ecke bekamen, auf dem ein kleines Teelicht brannte und auf dem alten Holztisch man die Speisekarte aufgekritzelt hatte.
Aber nicht nur die Pizzaria, in der man so viel „Amore“ sagte und versprühte, sondern auch Laurenzo, der Pizzabäcker, war ein feiner Kerl.
Nach dem ersten Abend bei Laurenzo, kannten wir uns per Name, nach dem zweiten Abend waren wir per Du und nach dem dritten Abend tauschten wir unsere Handynummern aus und reservierten den Tisch für den nächsten Abend per WhatsApp.
Natürlich fanden wir auch Geschmack an den Pizzen. Einmal bestellte ich Risotto. Einmal und dann immer nur Pizza, irgendwie jeder hier Pizza aß und das ganze Ding ja auch „Pizzeria“ und nicht „Risottoria“. Und Laurenzos Pizzen schmeckten grandios. 
Jeder Abend bei Laurenzo war ein bisschen wie „Zuhause sein“ und „vor Lachen Bauchweh haben“ – wir lachten wirklich sehr viel. 
Jeder Abend war toll. Jeder Abend machte Spaß und jeden Abend kam man gerne wieder her, um bei einem Glas Rotwein und einer Pizza Prosciutto das wahre Leben zu betrinken und die Träume und unerfüllten Wünsche zu feiern. Jeden Abend durfte ich in so viel Unwahrheit, Traum und Wunsch feiern, dass es plötzlich weh tat, als der letzte Abend kam, der letzte Besuch in Laurenzos Pizzeria. Das tat so weh, dass mir alles im Hals stecken blieb. Die Olive, die Pizzeria, das Lachen, das Glücklich-Sein, Laurenzo und Mailand. Ach ja, übrigens, ich war in Mailand.
Jetzt sage ich lieber „Ich habe einen Kloß im Hals“, weil niemand verstehen würde, würde ich sagen, dass mir Mailand im Hals feststeckt. Das würde ich ja auch niemandem glauben, würde mir jemand erzählen, dass ihm eine Großstadt im Hals feststeckt. 
Aber so ist es nun mal. Mailand steckt mir verdammt nochmal im Hals. Ich hatte zwei tolle Wochen. Um genau zu sein die Schönsten, die ich seit langer Zeit hatte, und deshalb tat es so weh, als ich Laurenzo das letzte Mal umarmte und ihm ein „Amore“ in das Ohr flüsterte (das einzige italienische Wort, was ich in zwei Wochen lernte) und er mir einen feuchten Kuss auf die Wange drückte. 
Im Flugzeug, weit über den Wolken, fernab von jeglicher „Amore“, wurde der Kloß in meinem Hals immer größer. Mailand hinterließ verdammt nochmal einen wahnsinnig großen Kloß im Hals. Nicht die eine Millionen Einwohner, nicht die 200 Quadratkilometer Fläche, nicht die überfüllten Pizzakarten und das viele „Amore“ an jeder Straßenlaterne, steckte mir so im Hals fest. Aber die Eindrücke, die Erlebnisse und Erfahrungen blieben irgendwie hängen. In mir und an mir.
Klar, gibt es Fotos, klar habe ich noch Laurenzos Handynummer und klar werde ich wieder kommen, aber auch klar: Mein Zuhause ist in Hamburg.
Ich habe jetzt zwei Wochen gebraucht, um klar zu kommen. Hier in Hamburg fehlt mir alles, was ich in Mailand hatte: Gute Pizza, viel Lachen, viel viel Glücklich-Sein und ein bisschen „Amore“. 
Ich vermisse Mailand wirklich sehr und hätte niemals für möglich gehalten, was für eine Power eine Stadt doch besitzen kann – mich so verrückt nach ihr zu machen!
Zwei Wochen Mailand haben einiges auf den Kopf gestellt. Mich am mesiten. Ich landete nach zwei Wochen wieder auf deutschem Boden und es fühlte sich an, als würde der Boden gleichzeitig verloren gegangen zu sein. Jeder Schritt auf deutschem Boden fühlte sich plötzlich an wie ein Schritt auf heißen Steinen. Jeder Schritt tat ein bisschen weh. Und ich lief mir sogar Blasen an den Füßen. Irgendwann fiel ich in ein Loch, weil es hier keine Pizzeria Laurenzo gab und keinen Rotwein, mit dem man das Leben betrinken konnte. Ich weinte manchmal. Meistens lag ich aber einfach nur da, knabberte an meinen Fingernägeln und grübelte, wie ich mich heimlich nach Italien schmuggeln könnte.
So langsam habe ich aber das Gefühl, das ich wieder klar komme, wieder mit der Welt klar komme, die wir in Mailand immer betrunken haben. So langsam komme ich wieder klar mit meinem Spiegelbild, den Nachrichten in der Zeitung, der Politik, Todesfällen und dem echten Leben eben. Aber ich glaube ich brauche noch ein bisschen. Ein bisschen Zeit um wieder zu lernen und zu akzeptieren – das Leben eben.
Mailand ist Lachen, Mailand ist Glücklich-Sein, Mailand ist Amore und Mailand ist, was Hamburg nicht ist und was auch kein anderer Ort der Welt jemals sein kann – das hat Laurenzo geschworen und ich bin mir ziemlich sicher, dass er recht hat.
„MILAN YOU GOT ME“

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3 Comments

  • Ouwe Feniks März 20, 2016 at 21:04

    Super Beitrag. Hast echt eine schöne Schreibe!

  • Ben Froehlich März 21, 2016 at 7:14

    Schön zu wissen ist dabei aber, dass für manche Menschen Hamburg Lachen, Glücklichsein und Amore ist, sowie Mailand es für viele Menschen eben nicht ist. Mailand kann überall sein, denn nach meiner Erfahrung heißt Mailand nicht Mailand, sondern Freiheit. Es ist die Freiheit, die sich im Urlaub einstellt, weil die Sorgen in der Heimat blieben. Es ist die Freiheit einer neuen Stadt in die man zog, weil es sie einen neuen Anfang bedeutet. Es ist die Freiheit einer neuen Liebe, die man beginnt, weil die Probleme noch nicht bekannt sind. 😉
    Schön geschrieben und es hat mich an die Mailands in meinem Leben erinnert. Vielen Dank dafür.

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