Adventstiramisu, Vanillekipferl und Größe 40 

Juni 22, 2015

 

 

Prolog: „Hallo. Mein Name ist Mona und ich bin 17 Jahre alt. In meiner Freizeit unternehme ich viel mit Freunden und der Familie. Hobbys habe ich keine besonderen, oder zählt Essen dazu? Wenn ja, dann möchte ich hinzufügen, dass ich eine kleine Naschkatze bin und wenn du mich glücklich machen willst, mir lieber eine Tafel Schoki anstatt einen Strauß Blumen schenken solltest. Und bevor ich es vergesse und du auf die Idee kommen solltest einen Abend mit mir verbringen zu wollen, dann wäre es super, wenn du mich zu dir nachhause einladen könntest, am besten schon die Schokolade und die Chips bereit hältst, wir den Pizzaservice anrufen und nebenbei eine DVD schauen. Ein McDonalds Date wäre auch okay. Hungrige Grüße, Mona.“

Alles begann an einem kalten Wintertag im Dezember 2013, vier Tage vor Heiligabend. Als die Sonne auch die letzten Schneereste in unserem kleinen Dorf zum Schmelzen brachte, entschieden sich meine Eltern, gleich nach Weihnachten einen Kurztrip in die Berge zum Skifahren und Snowboarden zu machen. Hell auf begeistert, machten meine Mama und ich uns an jenem Tag auf die Suche nach der geeigneten Ausrüstung für die bevorstehende Reise. Ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern. Es war der letzte Samstag vor Heiligabend. In den Kaufhäusern wimmelte es nur so von Besuchern. Herumtollende Kinder, schreiende Mütter, quengelnde Babys und irgendwo dazwischen erklangen die vertrauten Strophen von „Jingle Bells“. Der Duft von Zimt, Lebkuchen, Bratäpfeln und frischen Plätzchen zog durch die Straßen. An jeder Ecke sah man Menschen vollgepackt mit Kartons, eingepackten Paketen und vollgefüllten Einkaufstaschen. Vor den Kaufhäusern wurde man von freundlich winkenden, verkleideten Weihnachtsmännern begrüßt. Mit einem „Ho, ho, ho! Fröhliche Weihnachten.“, empfingen sie die Kunden, während sie Zuckerstangen und Pralinen verteilten. Der Grund warum ich jeden Weihnachtsmann auch mindestens zweimal passierte. Den Trubel konnte man ja nur mit dem einen oder anderen Stück Zucker überleben. Als Mama und ich uns durch die Menschenmasse am Eingang gequetscht hatten, ging die Diskussion auch schon los. Mama wollte unbedingt die Ausrüstung in dem Sportladen, in der obersten Etage, besorgen. Ich allerdings bevorzugte meine Skihose bei H&M zu kaufen. Dass es dort nicht die qualitativ hochwertigsten Skiklamotten gab war mir auch klar, aber es war zumindest die preisgünstigere Variante. Außerdem hasste ich Sportläden bis auf den Tod. Ich fühlte mich dort immer so fehl am Platz. Irgendwie verloren. Ungefähr so wie ein Elefant im Porzellanladen. Oder besser gesagt war ich der Elefant.

Ich hatte wirklich ein bisschen zugelegt über die Weihnachtszeit. Wie viel Kilo es genau waren, wusste ich nicht, unsere Waage begrüßte immer nur diese „Size Zero“ Menschen. Wog man mehr als 60 Kilo, zeigte sie nur in Großbuchstaben die Fehlermeldung „Error“ an. Papa wollte sich eigentlich schon seit Wochen um neue Batterien kümmern, aber ich glaube er hatte es sich anders überlegt, denn auch er hatte ein kleines Bäuchlein bekommen. Vermutlich war es ihm deshalb ganz recht, dass die Waage kaputt war. Aber wenigstens stand jetzt seinem Auftritt als Weihnachtsmann, bei unserem kleinen Nachbarsjungen von nebenan, nichts mehr im Weg. Aber was konnte ich auch dafür, wenn Oma jeden Adventssonntag mit Plätzchen, Vanillekipferln und Zimtschnecken vorbeikam? Letztens machte sie sogar ein Adventstiramisu. Das war der Wahnsinn. Sie verkündete sogar stolz, dass sie Beeren reingetan habe, „für die dunkelrote weihnachtliche Farbe“, verkündete sie kleinlaut. „Oder vielleicht um dein doch schlechtes Gewissen, wegen der vier Becher Sahne, zu beruhigen, die du da hineingekippt hast, meine Liebe?“, fragte Opa mit einem schelmischen Grinsen und schob das Tiramisu beiseite. „Na ganz klasse“, dachte ich mir, als ich bereits die dritte Portion verdrückte. Da es aber jetzt sowieso schon zu spät war, schnappte ich mir auch noch Opas Schälchen BEEREN-Adventstiramisu.

So, als ich nach einer halben Ewigkeit nachgab und Mama mich im Schlepptau hinter sich herzog, erkämpften wir uns unseren Weg in Richtung Sportladen. Der Weg zu H&M wäre definitiv leichter gewesen, und vor allem kürzer, denn H&M befand sich noch auf der untersten Etage. Das einzig Gute, dass wir fünf Stockwerke hoch mussten, war, dass wir bestimmt sechs Weihnachtsmänner passierten, von denen mir jeder mindestens vier Schokopralinen zusteckte. Einen Weihnachtsengel trafen, der mir eine kleine Tüte Vanillekipferl schenkte und uns ein kostümierten Weihnachtswichtel nachrannte und mir einen kleinen Marzipanwichtel in die Hände legte. Doch der krönende Abschluss kam erst noch … NICHT. Ich wusste schon immer, dass Sportläden der Teufel höchst persönlich waren. Keine zwanzig Meter entfernt und ich sah schon die dumme Kuh in ihrem viel zu kurzen „Weihnachtskostüm“, mit ihren 90-60-90 Maßen und den viel zu langen Beinen, wie sie uns strahlend zuwinkte, und auf ihren 13cm Hacken herumtänzelte, als müsste sie auf Toilette. Sie sah wirklich aus, als wäre die Weihnachtszeit an ihr vorbeigegangen, als hätte sie nicht mal ein Plätzchen, nicht mal einen Krümel verschlungen. „Bitte lass uns umdrehen.“, flehte ich meine Mama an. Doch die war gar nicht mehr zu bremsen, denn neben der dummen Kuh, stand „Mister-Sixpack“, natürlich auch im viel zu knapp bemessenen „Weihnachtskostüm“, mit diesem typischen „Muttersöhnchen“ und „Schwiegermutter Liebling“ Aussehen und mit dem Grinsen, wie ein Honigkuchenpferd. „Nicht das auch noch.“, dachte ich mir, als meine Mama ihr Handy zuckte und von mir und „Mister-Sixpack“ ein Foto machte. Entweder wusste der Besitzer des Sportladens nicht, dass Kinder in Deutschland den Weihnachtsmann anhimmelten, und keine „Weihnachtsbunnys“, die problemlos beim Playboy hätten auftreten können, oder er war nebenbei noch Bordellbesitzer und hatte die beiden für ein paar extra Kröten vor seinen Laden platziert.

Wie dem auch sei, kaum hatten wir uns durch den Eingangsbereich gedrängt, standen wir auch schon in der Ski- und Snowboardabteilung. Die dumme Kuh von draußen war uns scheinbar gefolgt, denn kaum zog Mama die ersten Hosen aus dem Regal, hörte ich hinter mir ein „Darf ich ihnen behilflich sein?“. „Große klasse. Jetzt wurden wir auch noch von der dummen Kuh beraten.“ Die Zeit zog sich wie Kaugummi. Als der zwölfte Skihelm dann passte, ich Skischuhe gefunden hatte, die halbwegs zum Aushalten waren und Hunger wie ein Bär hatte, ging es weiter mit der Skihose. Als Mama all ihre Wünsche äußerte, von einem Modell mit Schneefang bis hin zu einem „high waisted“ Modell, zog die dumme Kuh, die mir mittlerweile schon fast leidtat, eine knall Pinke Skihose aus dem Regal und hielt sie mir an. „Die müsste passen. Größe 38.“, verkündete sie und schob mich in die Umkleidekabine. Mein Magen knurrte bereits. Ein Glück hatte ich ja noch die Tüte mit den Vanillekipferln. Schnell schob ich mir ein Paar in die Backen und schlüpfte aus meinen Klamotten. „Was brauchst du denn so lang?“, erklang die ungeduldige Stimme meiner Mutter. „Gleich fertig.“, antworte ich mit vollgestopften Wangen. Noch einmal checkte ich die Pinke Hose und zog sie mir über die Knöchel. „Irgendwie ein bisschen eng.“, stellte ich bereits an den Waden fest. Ich zog jetzt ein bisschen fester. Dann noch ein bisschen fester. Komisch. Irgendwie wollte sie nicht so recht, wie ich es wollte. Vergeblich versuchte ich die Hosenbeine noch etwas zu weiten, zog den Reisverschluss bis ganz runter und öffnete die Reisverschlüsse an den Beinen, dann auch die Reisverschlüsse der Taschen. Nichts. Die Hose hing wie eingefroren an meinen Waden fest. „Mona!“, erklang die jetzt fast wütende Stimme meiner Mutter. „Irgendwas ist hier schief gelaufen. Ich glaube die Hose wurde falsch ausgezeichnet. Es muss ein Irrtum in dem Schildchen vorliegen. Ich glaube das ist Größe 36, anstatt Größe 38.“ „Lass mal sehen.“, antwortete die dumme Kuh und zog mit einem Ruck den Vorhang der Umkleide auf. Mit halb nackten Beinen, einem rosa Tanga und den Wangen mit Vanillekipferln vollgestopft, stand ich nun in einer offenen Umkleidekabine. Vier Augen guckten mich nun sprachlos von unten bis oben an. Der Blick der dummen Kuh heftete an meinen nackten Beinen, als ihr ein „Ach du sch ….“, entfuhr. Die letzten Buchstaben konnte sie sich gerade noch verkneifen. Mir rollten bereits ein paar Tränen die Wangen hinunter. Ich weiß nicht, ob aus Scham oder aus Wut. Wahrscheinlich wegen beidem. „Soll ich Größe 40 holen?, unterbrach Mama mit einem Piepsen die Stille. „Nein, schon ok.“, flüsterte ich zurück und zog den Vorhang wieder zu. Urplötzlich fing ich an zu weinen, so richtig zu weinen. Erstens hatte ich mich vor einer Verkäuferin und meine Mutter mehr als blamiert. Wahrscheinlich hatte der Ladenbesitzer jetzt auch noch ordentlich was zu lachen, wenn er nach Ladenschließung die Überwachungskameras checken würde oder ich würde gleich der neue Star bei „Upps die Pannenshow“ werden. Und zweitens war ich so wütend auf mich selber, so enttäuscht und irgendwie total verzweifelt. Zum ersten Mal realisierte ich, dass ich dick war. So dick, dass ich nicht mehr in Größe 38 passte und jetzt quasi die Hosen mit meiner Oma tauschen konnte. Größe 40. „Verdammte scheiße, Größe 40.“, schluchzte ich und schlug gegen die Wand. Ich glaube ich hockte noch Ewigkeiten in der Umkleide, bis der kleine, zierliche und wuschelige Kopf meiner Mama durch den Vorhang lugte. „Alles ok? Wollen wir jetzt gehen?“, fragte sie besorgt. Ich nickte stumm, zog mich wieder an und folgte ihr. Die dumme Kuh hatte unsere Einkäufe bereits verpackt. Bevor wir den Laden stillschweigend verließen, strich sie mir noch einmal über die Schulter und verabschiedete mich mit einem gelogenen „Du bist ein hübsches Mädchen.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, schubste ich ihre Hand zurück und verließ Schnur Straks den Laden. Drei Stockwerke weiter unten und mir war, als hätte ich etwas vergessen. „Ich bin gleich wieder da, Mama.“, krächzte ich durch die Menschenmenge. Drei Minuten später und ich befand mich erneut in dem Sportladen. Geradewegs ging ich auf die dumme Kuh zu, ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen. „Hier, das ist für dich. Frohe Weihnachten.“, lachte ich ihr zu und drückte ihr die restlichen Vanillekipferl in die Hand.

Was aus den Vanillekipferln letztendlich wurde, weiß ich bis heute nicht. Auch was aus der dummen Kuh wurde, blieb lange Zeit ein Geheimnis.

Für mich jedoch änderte sich von diesem Tag an Einiges. Im Grunde genommen mein ganzes Leben. Weihnachten 2013 sah man mich schon nur noch an einem Wasser nippen, anstatt der Coca Cola und das Adventstiramisu, ich meine BEEREN-Adventstiramisu, von Oma, ließ ich, wie Opa, stehen. Und vom Weihnachtsbraten, aß ich lediglich den Beilagen Salat. Und den Skiurlaub, den ersetzte ich durch die ersten Besuche im Fitnessstudio. 2014 brach an.

Was ich bis dato noch nicht wusste war, dass 2014 das Jahr werden würde, in dem der einst so gehasste Sportladen mein neuer Lieblingsladen werden würde und das ich mich nicht mehr über die viel zu dünnen „Weihnachtsbunnys“ beschweren würde, sondern eher über die ganzen Weihnachtsmänner, Wichtel und Engel, die mit Süßigkeiten nur so um sich schmissen, und über meinen Papa, der es immer noch nicht geschafft hatte neue Batterien für die Waage zu besorgen.

 

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