Über Filterapps und das nackte Leben

Juni 10, 2015

Und, welchen Filter benutzt du? Den bunt geblümten, den rosa schimmernden oder doch den schwarz-weißen? Also ich benutze ja immer den lila- rosafarbenen mit extra viel Glitzer. Ab und zu auch mal den schwarz-weißen, stimmt.

Es war gar nicht so einfach einen Filter zu finden, der mir gefällt. Es gibt ja eine riesige Auswahl. Als der ganze „Filterwahn“ anfing, da gab es lediglich ein zwei Filter in jedem Netzwerk. Und mittlerweile? Mittlerweile gibt es Apps, deren Auswahl an Filtern größer ist, als das Schuhsortiment bei Deichmann. Da muss man sich nicht wundern, dass es schon mal ein, zwei Stunden bedarf, bis man den richtigen Filter gewählt hat. Manch ein Filter verspricht sogar ein so gutes Ergebnis, dass man für ihn bezahlen muss. Eine Frechheit. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass das Angebot dazu verführt, stundenlang vorm Handy zu hängen.

Erst gestern habe ich mir die dritte Filterapp runtergeladen, mit ganzen 25 neuen Filtern. Ich war im Paradies. Bis mein Akku versagte und sich mein iPhone verabschiedete. Mist. „Ich war noch gar nicht fertig, du dummes Ding. Ich habe gerade erst die Helligkeit, die Schärfe, den Kontrast und die Temperatur ausgewählt“, motze ich mein iPhone an. Nach 10 Minuten hatte ich mich beruhigt, mein iPhone sich erneut aufgeladen und ich konnte meine Arbeit fortsetzen. Hier noch ein bisschen mehr rot, da noch ein bisschen mehr gelb. Zwei weitere Klicks und meine Haare waren etwas länger, meine Haut einen Tick brauner, damit die Bauchmuskeln mehr zum Vorschein kommen, und das Muttermal an meiner rechten Wange, was ich eh noch nie leiden konnte, ersetzte ich mit dem Zauberstab durch einen hautfarbenen Punkt. Fertig. Zwei Minuten später und das Bild war bei Facebook, Instagram und Twitter online. 5 Minuten später und es bekam die ersten „Likes“. 6 Minuten später und ich las aufgeregt die ersten Kommentare. „Wow“, „toll siehst du aus“, „klasse Foto“. José aus Brasilien fragte sogar nach einem Date und Valentino aus Italien, der laut seinem Profil schon Mitte fünfzig war, fragte ob man mich heiraten könnte. Schmunzelnd legte ich mein Handy zur Seite und widmete mich dem Fernsehprogramm. Das vibrieren meines iPhones holte mich wieder zurück in die Realität, in die „Realität Facebooks“ besser gesagt. Ein weitere Kommentar von einer Bella aus den USA. „Ich glaube ich kenne den Filter. Ist das „C1 von VscoCam“?, schrieb sie. Ertappt. Was sollte ich jetzt antworten? Irgendwie war das eigene Ego ja doch zu groß, um zu gestehen, dass man einen Filter benutzt hatte. Sein eigenes ich quasi einmal durch die „Wunschmaschine“ zog. Also entschloss ich mich Bellas Kommentar zu löschen. Ich weiß nicht wieso, vielleicht war es Schicksal, aber ich dachte plötzlich an einen Satz, den mir ein Freund einmal sagte, als ich mich bei ihm mal wieder ausheulte. Damals sagte er zu mir „Mona, du läufst immer vor der Wahrheit weg, versuchst sie zu verschleiern, zu verstecken oder gar neu zu erfinden. Aber nie stellst du dich ihr.“ Damals, das war vor 5 Jahren, als ich noch kein Instagram, Facebook oder Twitter kannte, versprach ich ihm mich zu ändern oder besser gesagt die Wahrheit lieben zu lernen. Das hatte auch eigentlich funktioniert, sehr gut sogar. Eine Zeit lang bin ich auch mal ungeschminkt vor die Tür gegangen, habe zugegeben, dass ich vor dem Schlafengehen immer unter meinem Bett nach sehe, ob sich nicht vielleicht doch ein Monster darunter versteckt. Eine Zeit lang, habe ich erzählt, dass ich mich manchmal immer noch dabei ertappe an meinen Fingernägeln zu kauen, die Bravo durchzublättern oder still und heimlich Astrid Lindgren Filme zu schauen und Hörbücher zu hören. Eine Zeit lang bin ich sogar mit vollgefuttertem Bauch ins Schwimmbad gegangen, ohne mich dabei für mein kleines Bäuchlein zu schämen. Eine Zeit lang, da habe ich Bilder online gestellt, ohne Filter. Und heute? Heute setze ich keinen Fuß mehr ohne Make-up vor die Tür. Heute erzähle ich, dass ich weder Angst vor Monstern noch vor der Dunkelheit habe. Heute gebe ich auch nicht mehr zu an meinen Fingernägeln zu knabbern, die Bravo zu lesen oder Astrid Lindgren Filme zu schauen. Heute wirst du mich niemals mit voll gegessenem Bauch im Schwimmbad sehen, höchstens nach 3 Tagen Diät. Heute streue ich lieber eine Handvoll Glitzer über die Wahrheit. Glitzer über meine Wahrheit, über die Wahrheit meines Lebens. Und siehe da, es scheint zu gefallen. Heiratsanträge werden einem ja sogar angeboten.

Irgendwie war ich auf einmal traurig. Traurig verlernt zu haben, das Leben zu lieben, ohne extra viel Glitzer. Traurig, vergessen zu haben, dass das eigene Leben auch Glitzer besitzt. Genug Glitzer um glücklich zu sein. Im Grunde genommen, gilt es ja nur den Glitzer in unserem Leben zu finden und wenn wir ihn gefunden haben, ihn nie wieder aus den Augen zu verlieren. Und ich glaube es gibt genauso viel Glitzer im Leben, wie es Filter gibt, wenn nicht sogar mehr. Schon allein deine Familie, dein Partner oder deine Partnerin, könnte dein Glitzer sein. Manchmal sind es auch die kleinen Dinge, wie ein fettiges Schnitzel mit Pommes, Ketchup und Majonäse oder ein Eiweißshake, die eine große Portion Glitzer ausmachen.

Noch mitten in der Nacht habe ich Bella eine Nachricht geschrieben, und sie gebeten ihren Kommentar noch einmal zu schreiben. Am nächsten Morgen sah man unter meinem Bild nur noch zwei Kommentare. Der Eine beinhaltetet Bellas Frage nach dem Filter und der Andere war meine Antwort. Ein in Großbuchstaben und mit vier „A’s“ geschriebenes „JAAAA“ gefolgt von einem „Sonst sieht man meine Bauchmuskeln nicht.“. Sowohl José als auch Valentino hatten ihre Kommentare gelöscht. Die Filtermona mit der extra Portion Glitzer war wohl interessanter. Die echte Mona, die ohne Filter, konnte da nicht mithalten, sie war wohl zu viel Wahrheit. Schade. „Ich hätte zu gerne eine brasilianisches Date oder eine italienische Hochzeit, wie Romeo und Julia, gehabt.“, kicherte ich zufrieden und mit einem Hauch von Ironie in mein iPhone und löschte die letzte Filterapp.

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