Und welchen Display hast du?

September 3, 2015

 

Sie beißt in ihren Schokoriegel. Ich beiße in meine Banane.

Während sie dabei an ihrer Coca Cola nippt, trinke ich einen Schluck Wasser.

Bei 32 Grad trägt sie Jogginghose und Pullover. Ich trage Minikleid.

Als sie dann in der Brigitte einen Artikel über „das beste Eis der Welt“ ließt, blättere ich in der Women’s Health nach kalorienarmen Rezepten.

Als der Busfahrer eine Pause bei McDonald vorschlägt, springt sie jubelnd auf, während ich mit einem Seufzer die Augen schließe und mich in tief in den Sitz zurücklehne.

Und als sie mit ihrem Schatz am Telefon über die Frage „gehen wir heute Abend zu McDonald oder Burger King“ diskutiert, rufe ich meine fitnessbegeisterte Freundin an und hake nach, ob bei ihr noch ein Besuch beim Italiener drin ist, oder ob sie ihren Tagesbedarf an Kalorien schon verbraten hat.

Als sie dann mit ihren fleischigen Fingern den roten Knopf auf ihrem Handy drückt und das Gespräch mit ihrem Schatz mit einem freudestrahlenden „Ich liebe dich auch“ beendet, öffnet sich ihr Display.

Ein schlankes Fitnessmodel räkelt sich im Bikini am Strand. Ein bisschen mehr Glitzer, ein bisschen mehr Swarovski und ein bisschen mehr bräune und man könnte das Bild fast mit einem Wettkampfbild von mir vergleichen.

Die Frau hat inzwischen bemerkt, dass ich sie beobachte. „Sieht gut aus, oder“, fragt sie mich grinsend und hält mir das Bild des Fitnessmodels unter die Nase. Ich zucke bloß mit den Schultern. Sie wirft wieder einen Blick auf ihren Display und schaut wieder zu mir auf. „Wenn ich sowas wie ein zweites Leben haben sollte, dann werde ich einfach einen Typ aus der Mukkibude heiraten, Sport studieren, anstatt Teenie Mama zu werden und mich im Yogakurs mit meiner Freundin anmelden, anstatt mit ihr sämtliche Backkurse zu besuchen.“ Ich muss grinsen. „Also ist die Frau dein Ziel?“, frage ich misstrauisch. „Ja. So ungefähr.“

Schweigen. Nach wenigen Sekunden würde die Stille durch die schreiende Stimme meiner Freundin unterbrochen, die noch immer am Telefon war. „Mona! Monaa! Sag doch was!“ 2300 Kalorien war das letzte was ich verstand, als ich auch auf den roten Knopf drückte und das Gespräch beendete.

Die Frau hatte anscheinend von der Konversation mit meiner Freundin mitbekommen. „Und du? Bist du auch so ein Fitnessfreak?“ Wieder zucke ich bloß mit den Schultern.

„Es gibt doch nur solche und solche Menschen.“ „Wie meinst du das?“, frage ich verwundert. „Es gibt die einen Menschen, die ein erfülltes Leben haben und dann gibt es da noch die anderen Menschen, die ein unerfülltes Leben haben.“ Ich muss schlucken.

„Siehst du den Mann da vorne?“, fragt sie mich und deutet auf einen älteren Herrn, zwei Reihen vor uns, der seit zwei Stunden Quiz Duell auf seinem Handy spielt. Ich nicke. „Der gehört zu den einen, die mit dem erfüllten Leben.“ „Wie kannst du die Menschen unterscheiden?“, frage ich sie verwundert. „Das ist ganz einfach. Du musst dir bloß den Handy Display der Menschen anschauen. Die mit dem erfülltem Leben haben als Bild entweder einen netten Moment aus der Vergangenheit, an den sie sich gern erinnern, oder ein Foto von sich selbst, Freunden und der Familie. Und die mit dem unerfüllten Leben haben meist fremde Bilder. Bilder von Sängern, Models, Schauspielern, oder aber auch Lebensweisheiten und philosophisch klingenden Worten.“

„Dann hast du ein unerfülltes Leben?“, horche ich nach. „Ja“, flüstert sie zurück. Auf einmal klingt sie anders. Gar nicht mehr so hart. Gar nicht mehr so stark. gar nicht mehr so „dick“. Sie klingt auf einmal so weich. So schwach. Irgendwie so verletzlich und traurig. Doch nach wenigen Sekunden fängt sie wieder an zu Lachen. „Naja, wenigstens habe ich ein Leben und einen Display“, lacht sie mir entgegen. „Es soll ja schließlich auch Menschen ohne Display geben, die die kein Leben haben. Die „Armen Schweine“ „Das wären dann übrigens weder die einen, noch die anderen, sondern die … die leblosen eben“, ergänzt sie.

„Zeig mal dein Display Foto“, kreischt sie plötzlich. Und noch bevor ich „nein“ sagen kann, hat sie auch schon mein Handy zwischen den Krallen und öffnet meinen Display. Irgendwas wollte sie noch sagen, aber es scheint als hätte mein Display ihr die Sprache verschlagen. Mit offenem Mund starrt sie auf den kleinen Display. Ich senke den Kopf und schaue zu Boden. „Ich gehöre dann wohl zu den leblosen“, hauche ich kaum hörbar in die Luft.

Mein Bildschirm war schwarz.

Anstatt mir zu antworten, schiebt die Frau mir das Handy rüber auf den Sitz und streicht mir mit der Hand über den Rücken. Ihre fleischige Hand fühlt sich unheimlich warm an. Ein bisschen wie Heimat. „Ich muss jetzt gleich aussteigen. An der nächsten Haltestelle muss ich raus.“, sagt sie mit sorgsamer Stimme. „Okay“, schluchze ich zurück.

Erst als die Reifen des Busses quietschen und er langsam zum stehen kommt, nimmt die Frau ihre warme, fleischige Hand von meinem Rücken. Sie packt ihre Sachen zusammen, kramt den letzten Schokoriegel aus ihrer Tasche und bricht ihn durch. „Hier, das wird dir helfen“, sagt sie und drückt mir den halben Riegel in die Hand. Ich schüttele mit dem Kopf. „Glaub mir“, drängelt sie. Mit mulmigen Gefühl nehme ich den Riegel entgegen und verabschiede die Frau mit einem vorsichtigen, kaum bemerkbaren „danke“.

Als die Frau den Bus verlässt und der Bus die Türen schließt, rücke ich auf den Fensterplatz. Und da sehe ich sie noch einmal. Die Frau steht da und winkt mir zum Abschied. Die fleischige Hand, die noch eben auf meinem Rücken lag, hält nun die Hand ihres Mannes. Sie sieht glücklich aus. Verdammt glücklich. Der Anblick der beiden entlockt mir ein leichtes Grinsen und ich winke zurück.

Langsam beginnen die Räder des Busses zu rollen und der Bus setzt sich in Bewegung. Wie vom Blitz getroffen, schnappe ich mein Handy und renne an das grosse Fenster ganz hinten im Bus. Ich klettere auf die Sitze und zucke meine Handykamera raus. Noch bevor sich die Frau umdreht, und mit ihrem Mann glücklich die Haltestelle verlässt und das Bürger King ansteuert, auf das sie sich letztendlich geeinigt haben, knipse ich ein Foto von den beiden.

Ich klettere zurück auf meinen Sitz und rufe das Menu meines Handys auf. Unter „Hintergrund und Helligkeit“ ändere ich dann meinen Display Hintergrund.

Die schwarze Wand, die leblose Mona erscheint mit einem Bild zweier Menschen, die strahlen wie Honigkuchenpferde und obwohl sie nicht perfekt sind, überaus glücklich sind. Und dieses Glück, was sie ausstrahlen, war mein Ziel. Mein Ziel war es im Grunde genommen einfach glücklich zu sein.

Ab diesem Tag an gehörte ich laut der Frau wohl zu den Menschen, die ein unerfülltes Leben haben, denn ich hatte jetzt ein Bild von zwei fremden Menschen auf meinem Display.

Was die Frau allerdings vergaß: der Mensch ist im ständigen Wandel. Nicht nur in einer sich wandelnden Welt, sondern auch in einer sich wandelnden Selbst. Deshalb hat der Mensch immer wieder die Chance sich zu verändern, sein Leben umzugestalten, sich völlig neu zu strukturieren. Und dafür ist es nie zu spät, nie.

Am liebsten würde ich der Frau das jetzt noch mit auf den Weg gehen. Gerne würde ich ihr sagen, dass sie nicht mit einem „unerfüllten Leben“ irgendwann einmal sterben muss, sondern das sie noch die Chance hat ihr Ziel zu erreichen. Na gut, vielleicht wird sie kein Fitnessmodel, und vielleicht wird sie auch keinen Typ aus der Mukkibude mehr angeln, aber sie hat die Chance etwas zu verändern, noch etwas aus sich zu machen.

Für mich fühlt sich mein neuer Display an, als hätte ich bereits etwas verändert.

Das dunkle, triste schwarz, was ein lebloses, trauriges Leben prospektierte wird nun von einem Bild abgelöst, das zeigt, dass ich wieder lebe. Das ich Träume pflege, Wünsche habe und Ziele verfolge.

Die Frau würde wieder sagen „Es zeigt, dass du ein unerfülltes Leben hast.“

Ich aber würde ihr in gewisser Weise widersprechen und ihr sagen „Es zeigt, dass ich NOCH ein unerfülltes Leben habe.“

29 Comments

  • Anonymous September 3, 2015 at 11:32

    Toller Beitrag mit viel Lebenssinn. Hab` Dich lieb, Mama

    • Mona Kuehlewind September 3, 2015 at 11:33

      Überraschender Kommentar, danke Mama! Ich habe dich auch lieb <3

  • SinnSara September 3, 2015 at 12:24

    Inspirierender Beitrag!

    Auf meinem ein Display? Ein Schauspieler.
    Schätze, gehöre wohl auch zu denen, mit NOCH unerfülltem Leben:-)

    P.S.: Danke übrigens für die Nominierung. Meist endet die Kette bei mir, aber zum Glück wurden ja auch noch andere nominiert. Aber die Geste weiß ich sehr zu schätzen.

    Lieben Gruß
    S.

    • Mona Kuehlewind September 3, 2015 at 13:02

      Lieben Dank! Wichtig ist, dass die Betonung auf „noch“ liegt. Viel Spaß und erfolg bei der Erfüllung deines Lebens.
      Ach, das ist doch kein Problem. Alles gut!
      Liebste Grüße zurück,
      Mona <3

  • Nancy September 3, 2015 at 16:06

    Liebe Mona,
    wieder mal ein sehr sehr schöner Text.
    Liebe Grüße, Nancy

    • Mona Kuehlewind September 3, 2015 at 16:06

      Das freut mich zu lesen, danke Nancy!

      • Nancy September 4, 2015 at 20:58

        Ich habe gerade einen sehr persönlichen und für mich wichtigen Text geschrieben… Vielleicht möchtest du den ja mal lesen. Das würde mich sehr freuen.

  • Michael Buller September 3, 2015 at 22:12

    Interessante Geschichte und obwohl ich viel
    mit der digitalen Welt zu tun habe (das Smartphone ist elementar) hab ich diese Auflösung der Startbildschirme noch nie so gesehen (Danke dafür ….das werde ich mal in einen Vortrag ausprobieren)

    Aber nun zum eigentlichen Punkt….viele Menschen den ich begegne warte wohl auf den Tag in den sich ihr Leben verändert. Leider passiert nichts was man nicht selber in die Hand nimmt.
    Man hat nur ein Leben (mit begrenzter Zeit) und da tauchen viele Möglichkeiten auf die einen vor eine Wahl stellen….etwas zu tun oder eben so weiter zu machen (was meist zu nichts führt).

    Es gibt einen Spruch: Lebe wie wenn du stirbst, wünschen wirst gelebt zu haben.

    Gruss Michi

    • Mona Kuehlewind September 3, 2015 at 22:37

      Ich habe mir neulich auch erst zum ersten mal darüber Gedanken gemacht, warum nicht alle Menschen denselben Bildschirm haben, wieso man überhaupt den Bildschirm ändern kann und so habe ich diese „Hypothese“ entwickelt.
      Den Spruch habe ich, um ehrlich zu sein, gerade zum ersten mal gehört. Er wird sicherlich nicht zu meinen Lieblingszitaten gehören aber es ist was dran. Obwohl wir ja eigentlich gar nicht wissen können, ob wir uns das dann wirklich wünschen .. Liebe Grüße, Mona 🙂

      • Michael Buller September 3, 2015 at 22:43

        Na das ist doch genau worums geht….nichts zu bereuen und die Dinge in die Hand nehmen! Bin lange Rettungsdienst gefahren (fast 10 Jahre anstatt Bundeswehrdienst) und das Leben kann sich in Sekunden ändern….das lernt man da! Man kann in Angst vor dem Leben verzweifeln oder was draus machen ….und eigentlich bereut man nur die Dinge die man nicht gemacht hat!

        Michi

        • Mona Kuehlewind September 3, 2015 at 23:05

          Ja, da hast du recht. Wir sollten endlich anfangen unser Leben zu lieben und zu Leben! Und zwar wir alle 🙂

  • Ben Froehlich September 4, 2015 at 7:56

    Der Vergleich erinnert mich an ein Zitat von Einstein, welches lautet: „Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den Menschen, der ihn benutzt aus?“ Ich war damals peinlich berührt, denn mein Schreibtisch war recht leer und aufgeräumt zu jener Zeit. Davon abgesehen, dass er mittlerweile recht chaotisch aussieht, habe ich aber eh verstanden, dass solch eine Theorie eben auch nur eine Theorie ist. Kann mein Geist so leer sein, wenn er Geschichten erfindet und sie in wohligen Worten schreibt? Kannst du eine leere Person sein, wenn du doch so viel Gefühl zeigst?

    Ich für mich bin ganz gern ein Träumer. Mal fühlt sich mein Leben sehr erfüllt an und mal nicht, denn da sind Wünsche, die nicht erfüllt wurden. Mir ist wichtig, dass ich bei den Zielen, die ich habe, das Träumen nicht vergesse. Manch ein Traum wird unerfüllt bleiben, mein Leben wird es deswegen nicht sein. Ich würde das „noch“ in ein „gerade“ umwandeln 😉

  • Anni Green September 4, 2015 at 18:49

    Das ist eine Geschichte die mich gefesselt hat. Danke dir :).

  • JanJan September 7, 2015 at 0:28

    Sehr schön geschrieben Mona, es regt zum Nachdenken an. Es gibt Menschen, die wohl niemals die Erfüllung finden werden, weil sie tief in sich unfähig sind glücklich zu sein.

  • Jane September 7, 2015 at 10:19

    toll!

  • brausefee September 10, 2015 at 14:38

    Ich habe einen ganz buntes Display, mit vielen Farben.
    So würde ich auch mein Leben sehen. 🙂
    Es hat viele farbenfrohe Facetten.
    Mein Leben ist sehr glücklich und ich bereue nichts..es ist so, wie es sein soll <3
    Die Philosophie Deines Textes gefällt mir sehr 😉
    Schönen Tag noch <3
    Grüße aus KÖln

  • monsterfetzens September 21, 2015 at 23:47

    Liebe Mona! Einfach wunder-wunderschön !!
    Wahnsinn !!!
    Hast Du vielleicht schon ein Buch geschrieben ?? Wenn nicht, hättest Du damit sicher gar keine Probleme 😉
    Gute Nacht ♡
    Natascha

    • Mona Kuehlewind September 21, 2015 at 23:51

      Welch schöner Kommentar. Genau das richtige, was ich jetzt zum einschlafen gebrauchen kann. Danke dir!
      Leider noch nicht, aber das wird nicht mehr Ewigkeiten dauern.

      Gute Nacht,
      Mona <3

      • monsterfetzens September 21, 2015 at 23:54

        Das kann ich mir sehr gut vorstellen.
        Dir liegt das ganz klar im Blut, also sehr gern ♡♥♡
        Glück wirst Du dafür nicht brauchen, sonst würde ich es Dir von ganzem Herzen wünschen.
        Dann schlaf mal schön, liebe Mona 😉

  • Marnit Roswein September 30, 2015 at 11:35

    Immerhin ein Bild von jemandem, den du kennst. Bist auf dem besten Weg…

  • neunzehn60 Oktober 7, 2015 at 22:04

    Klasse. Wirklich Klasse, die Story!

  • fralo19 Oktober 24, 2015 at 15:01

    sehr schön geschrieben

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