Valentine’s Day: Mein erster Valentinsbrief

Februar 14, 2016

Dieser Sonntag ist wohlmöglich einer der schrecklichsten Sonntage überhaupt. Im Kalender habe ich diesen Sonntag direkt durchgekritzelt und meinen Wecker habe ich gestern Abend auch erstmal ausgestellt.
Ich mag ja keine Sonntage. Sonntage haben immer so eine endlos lange, niemals aufhörende Langeweile an sich. Sonntage habe immer so viele Augenringe, gähnende Gesichter und geschlossene Augenlieder an sich. Sonntage sind langweilig und müde. Sonntage sind still, noch stiller als der Friedhof. Da hört man wenigstens Geschluchze und Wassergeplätscher, das aus grünen Gießkannen auf die vertrockneten Blumen fließt. Aber Sonntage sind stiller. 
„Wie ich mir den Tod vorstelle“, hat man mich einmal in der fünften Klasse gefragt. „Wie Sonntage“, habe ich damals geantwortet. Ich wusste eben schon immer, dass ich Sonntage nicht mag.
Aber diesen Sonntag mag ich von allen Sonntagen am wenigsten. „Warum?“ Erstens gibt es beim Bäcker keine Runden Quarkteilchen, sondern nur Herzförmige Berliner. Zweitens sind die Menschen heute nur am knutschen. Und drittens ist heute Valentinstag. 
Deshalb: Wecker aus, Gardinen zu und noch eine Schlaftablette hinterher. „Ich bin Montag wieder da“, verabschiedete ich in einer kurzen SMS von Mama und fiel in einen langen, tiefen Schlaf – einen „Valentinsschlaf“.
Tatsächlich, der Wecker blieb heute morgen still. Nichtmal Mama hatte es gewagt mich mit einem Anruf aus meinem „Valentinsschlaf“ zu holen. Aber trotz aller Stille riss ich die Augenlieder um Punkt 13:00 Uhr auf und schoss wie von einer Tarantel gestochen hoch. 
Ein Klopfen an der Tür hatte mich geweckt, ein tiefes „Hey, bist du da?“ unterbrach die Stille und war Auslöser von dem, was dann noch kam. „Doch, klar, moment“, stotterte ich, stolperte mit Decke zur Tür, schleifte das halbe Bett hinter mir her und lugte durch den Spion. Eine Sekunde später riss ich die Tür auf. Ein kleiner, braun gebrannter Mann stand da, sein Gesicht war von dem Strauß Rosen versteckt, den er mir entgegen streckte. „Für dich, Bella“, flüsterte seine warme, tiefe Stimme. Sie war so tief, dass ich mich beinahe erschrak, und mich für einen kurzen Moment fragte, woher er bloß all die Tiefe nahm, wenn er doch so klein war. Zucken begann ich aber erst so wirklich, als er mich „Bella“ nannte und ich ihm mit traurigen Augen gestehen musste, dass ich nicht Bella heiße, sondern Mona. „Bella wohnt da drüben“, wisperte ich und deutete auf die Nachbarstür hin.
Jetzt mochte ich diesen Sonntag noch weniger. Trotzdem konnte ich es nicht lassen einen Blick in den Briefkasten zu werfen und unter der Fußmatte nachzusehen, ob man mir nicht doch einen Liebesbrief hinterlegt hatte.
„Heute ist Valentinstag und ich habe wieder keinen Liebesbrief bekommen. Mein 19. Valentinstag in Folge, ohne Brief“, fluchte ich und trampelte wie ein wildes Tier auf der hässlich grauen Fußmatte herum.
Als mir die Füße vom Trampeln weh taten, stapfte ich in die Wohnung zurück und knallte die Tür hinter mir zu. Ein bisschen Putz bröckelte von der Wand, eine kleine Staubwolke ließ mich husten und nach Luft ringen und irgendwie von irgendwo und irgendwem landete ein Brief auf meinen nackten Füßen.
Ich ließ mich an der Wand hinunterfahren und begann zu lesen.

♥︎ ♥︎ ♥︎

„Heute ist Valentinstag und du hast wieder keinen Liebesbrief bekommen. Dein 19. Valentinstag in Folge, ohne Brief.

Ich möchte dich jetzt nicht anstacheln, nein, ich möchte dir nur sagen, dass deine Mama auch keinen Liebesbrief bekommen hat, Oma und Tante Elfi auch nicht. Ich wollte dir nur sagen, dass du nicht die Einzige bist.
Ich weiß, dass willst du nicht hören. Ich weiß, dass du selten hören willst, was ich sage. 
„Erinnerst du dich an gestern, als ich dich darum gebeten habe eine Sportpause einzulegen? Erinnerst du dich daran, wie du mit dem Kopf geschüttelt hast und protzig eine Runde Joggen gegangen bist? Dann bist du los gerannt und über irgendwas auf dem feuchten Waldboden gestolpert und ausgerutscht. Du hast dir den Fuß umgeknickt. Das hat ziemlich weh getan, stimmts?“
„Oder erinnerst du dich an den Tag, als ich dir geraten habe auch mal ein Stück Sahnetorte bei Oma zu essen? Erinnerst du dich, wie du den Teller weggeschoben hast, und beim Kaffeekranz am Tee genippt hast? War bestimmt genauso lecker wie das Stück Sahnetorte, habe ich Recht?“
Ich weiß, dass willst du nicht hören. Wann willst du das auch schon?
Heute ist Valentinstag und du hast wieder keinen Liebesbrief bekommen. „Ist dir egal?“, sagst du. „Du lügst“, antworte ich.
Ich weiß doch, dass du heute morgen in den Briefkasten geschaut hast, obwohl ein Sonntag ist. Ich weiß, dass du unter der Fußmatte nachgesehen hast, ob man dir einen Brief hinterlegt hat. Ich weiß, dass du dein E-Mail Postfach geöffnet hast, was du an einem Sonntag nie tust, um nachzusehen, ob man dir einen Liebesbrief gesendet hat. 
„Ist dir scheinbar doch nicht so egal, hm?“
Okay. Okay. Du willst es nicht hören. Ich bin ja still.
Aber nicht jetzt. Später vielleicht. Wenn ich meinen Namen unter den Brief gesetzt habe, ihn mit einer feuchten Zungenspitze zugeklebt habe und ihn unter dein Kissen versteckt habe. Dann vielleicht bin ich still. Dann vielleicht, wenn ich dir verraten habe, dass ich dein „Valentine“ bin.
Deshalb nochmal ganz auf Anfang. Vergiss die Zeilen, die dort oben stehen. Scheinwerfer aus und Kerzenlicht an. Jetzt komme ich. Dein „Valentine“.“

Liebe Mona,

lange hast du darauf gewartet. Lange hast du darauf gewartet, dass man dir einen Brief am Valentinstag schenkt. Lange Zeit musstest du mit ansehen, wie Männer um die letzte Rose im Supermarkt kämpften und lange Zeit musstest du dir anhören, wie deine beste Freundin dir einen Liebesbrief nach dem anderen vorlas. Lange Zeit, um genau zu sein 19 Jahre.
An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht mich bei dir zu entschuldigen, dass ich dich so lange habe warten lassen. Aber, wenn ich ehrlich bin, tut es mir gar nicht leid.
Ich wollte warten. Warten bis du erwachsen bist. Ich meine so richtig erwachsen, nicht nur mit Periode und Körperbehaarung, sondern so richtig richtig erwachsen. Mit Kopf und Verstand, verstehst du?
Deshalb habe ich einfach gewartet. Für mich war das auch nicht immer leicht, weißt du. An vielen Valentinstagen hätte ich dir gerne geschrieben. Letzten Valentinstag ganz besonders, als du mit einer großen Tafel Schokolade „Titanic“ geschaut hast, fünf Mal hintereinander, und dabei Rotz und Wasser geheult hast. Da hätte ich dir gerne einen Brief geschrieben. Um dich zu trösten. Ein bisschen bei dir zu sein. Aber ich habe dann doch gewartet und ich glaube, dass falls es ein „Richtig“ und ein „Falsch“ gibt, es die richtige Entscheidung war.

Wie du vielleicht schon merkst, bin ich kein Romeo, denn er hätte dich letzten Valentinstag nicht allein gelassen, sondern von hinten ganz fest umarmt.
Ich bin auch kein Prinz, denn der wäre auf einem weißen Ross hinter dir her geritten.
Und leider, leider muss ich dich enttäuschen, denn ich bin auch nicht George Clooney. Sonst hättest du schon längst den laufenden Motor eines Bugatti aufheulen hören.
Ich bin weder ein Klitschko noch ein Schwarzenegger, denn mein Bizeps beschränkt sich lediglich auf die Größe einer Tomate. 
Ich bin auch kein Comedian wie Otto Waalkes, denn dazu fehlt mir eine Dosis mehr Humor.
Ich bin ich. Manchmal klein, manchmal groß, manchmal wild, manchmal ruhig. Manchmal laut und manchmal leise. Manchmal schreie ich, manchmal flüstere ich auch einfach nur, tippe an die Schulter und hauche ins Ohr. Manchmal schlage ich aber auch mit dem Löffel gegen die Wand, lasse den Putz bröckeln und schlage den Löffel um die Ohren.
Manchmal bin ich klein, manchmal bin ich groß. Manchmal bin ich so viel und doch so wenig. Aber immer bin ich da, immer bin ich für dich da, Mona.

Wir haben schon oft miteinander geredet. Wir haben schon oft zueinander „ja“ gesagt, viel öfter aber „nein“. Wir haben schon oft miteinander gelacht, viel öfter aber gestritten. Wir haben auch schon oft miteinander geplaudert, viel öfter aber diskutiert. Wir haben schon oft miteinander kommuniziert, erinnerst du dich?

Gesehen haben wir uns noch nie. Ich meine uns gesehen. Dich habe ich schon gesehen. Dich sehe ich oft. Jeden Tag. Jeden Tag beobachte ich dich, wie du aufstehst, dir die Augen reibst, gähnst, dir durch das Haar fährst und aufstehst. Wie du dich im Spiegel betrachtest – du hast schöne große Augen – ein paar Posen deinem Spiegelbild zuwirfst – du siehst gut aus – und ins Bad tappst. Ich kenne sogar deine Badroutine. Ich sehe es jeden Tag. Wie du erst warmes Wasser laufen lässt, dann Kaltes. Wie du „Oh happy Day“ unter der Dusche summst und dich mit Zahnpasta bekleckst. Ich sehe dich jeden Morgen, wie du dir deinen Haferbrei aufsetzt, wie du mit dem kleinen Löffel und nicht dem großen Löffel die Schüssel leer kratzt, wie du ein paar Schlücke Tee hinterher wirfst und das ganze mit Leitungswasser runter spülst. Den hastigen Blick auf die Uhr und der Schreck in deinen weit aufgerissenen Augen, lasse ich mir nie entgehen. Ich beobachte dich den ganzen Tag und selbst beim Sex habe ich dich im Auge. Entschuldige, aber ich bin immer da und habe dir damals auch gesagt, dass du aufhören sollst, als du dich beinahe vollständig dem Körper deines Ex-Freundes hingegeben hast. Erinnerst du dich? Damals hast du tatsächlich gehört. Hast ihn aus dem Bett und später aus dem Haus geschmissen.
Ich habe dich danach geküsst. Weil ich stolz auf dich war. 

Du bist nicht sonderlich Gehorsam. Ungezogen aber auch nicht. Du bist nur sehr dickköpfig und eigensinnig. Das ist manchmal okay, aber manchmal ist oft zu viel, weißt du?
Dass du eine Kämpferin bist, dass weiß ich. Immer mit dem Kopf durch die Wand. Stimmt’s?
Und manchmal habe ich mich gefragt, warum ich überhaupt für dich da bin. Du bist eigensinnig und eine Kämpferin und ich bin nur ich. Manchmal klein und manchmal groß.

Aber weißt du eigentlich wie oft deine Schnürsenkel offen waren? Weißt du eigentlich wie oft du gefallen wärst, wenn ich nicht da gewesen wäre und sie dir gebunden hätte? 
Du rennst generell immer mit offenen Schnürsenkeln durch die Gegend. Immer mit offenen Schnürsenkeln und dem Kopf durch die Wand. Und ich habe sie dir oft gebunden. Die braunen zu den braunen Schuhen, die Schwarzen langen und die dunklen kurzen der Winterstiefel. 

Aber weißt du, weißt du eigentlich, dass ich in letzter Zeit kaum noch Schnürsenkel binden musste? Meistens hast du sie geschlossen, bevor du wieder mit dem Kopf durch die Wand gerannt bist. Du hast viel gelernt in den letzten Jahren. Ich bin stolz auf dich.
Und ich wage es zu sagen, dass ich dich liebe. Sehr sogar. 
Das war nicht immer so und erst recht nicht immer leicht. Oft hatte ich das Gefühl dich zu lieben, aber im falschen Moment. Ich habe dich geliebt und „ja“ gesagt, wenn du nur mit dem Kopf geschüttelt hast, „nein“ geschrien hast und mich nicht geliebt hast. 
Aber mittlerweile glaube ich dich zu lieben. Sehr sogar. Und ich glaube du liebst mich auch. Ein bisschen jedenfalls. Weißt du jetzt, wer ich bin?

Bevor ich den Brief abschließe möchte ich dir noch etwas sagen. Und versteh mich bitte nicht falsch.
Ich möchte dir sagen, dass du eigensinnig und dickköpfig bist. Dass du ehrgeizig und zielstrebig bist. Ich möchte dir sagen, dass du sensibel und gutgläubig bist. Ich möchte dir sagen, dass du Kopfmensch bist und dir sagen, dass du eiskalt und feuerheiß zugleich sein kannst. Ich möchte dir sagen, dass du klein bist und niemals groß genug für die Welt sein wirst. Ich möchte dir sagen, dass du fehlerhaft bist, dass du ganz viele Ecken hast. Ich möchte dir sagen, dass du verbesserlich bist.

Ich möchte dir jetzt sagen, dass du nicht weinen sollst, dass du ruhig weiter atmen und weiter lesen sollst. Bis ganz unten. Bitte. Bitte hör einmal auf mich.

Ich möchte dir sagen, dass ich da bin, dass ich immer für dich da bin. Ich möchte dir sagen, dass ich deine Ecken ausbessern werde, ich möchte dir sagen, dass ich deine Kanten schleifen werde. Ich möchte dir sagen, dass ich dich nicht in deiner Eiseskälte nicht erfrieren und in deinem Feuer nicht verbrennen lasse.
Ich möchte dir sagen, dass ich immer deine Schnürsenkel binden werde, wenn du es möchtest.
Ich möchte dir sagen, dass ich dich möchte, weil wir zusammen groß sind und groß genug für die Welt. Ich möchte dir sagen, dass wir zusammen mehr Kanten als Ecken haben.
Ich sage dir: „Zusammen sind wir unverbesserlich“

Dein „Valentine“,
Dein „Ich“

2 Comments

  • Ana März 15, 2016 at 19:00

    Hi Mona, hier Ms.Braiin von blogger.com (neuesausderstille.blogspot.de)
    Habe eben erst daran gedacht, deinem Wunsch nachzukommen, und bei dir reinzuschauen. Als erstes las ich deinen Valentinsbrief und ich bereue, dass ich nicht früher reingelesen habe. Wunderschön geschrieben, herzergreifend und ein schöner Aufbau!
    Liebe Grüße

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