Vergesse dich nicht

August 21, 2016

All die letzten Wochen habe ich an dich gedacht. Ich dachte, ich hätte aus meinen Anfängerfehlern gelernt, dachte, ich würde nie wieder an dich denken. Ich dachte, ich hätte begriffen, dass ich aufhören muss ständig an dich zu denken. Aber in den letzten Wochen habe ich mich immer wieder dabei erwischt wie ich heimlich an dich gedacht habe, nachgesehen habe, ob du dich unter meiner Bettdecke versteckst, ob dein Wagen vor meiner Tür steht, ob du mir einen Brief in den Briefkasten geschmissen hast oder ob du mich beim Einkaufen beobachtest. Und jedes Mal musste ich feststellen, dass ich nicht mehr an dich denken darf. Du bist nicht mehr da. 
In den letzten Monaten bin ich manchmal, mindestens einmal zu oft, wieder in das alte, verfluchte Muster hineingerutscht. Und ich rede nicht von Alkohol und Zigaretten. Ich rede nur von dem Denken. Dem Denken an meine Liebe. An dich.

Es ist Samstag Abend. Ich stehe vor dem Spiegel. Zupfe mein Kleid zurecht und drehe mich im Kreis. Ich begutachte mich von allen Seiten und lege die Stirn in Falten. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das Kleid so steht. Das mehrere hundert Euro schwere Gucci-Kleid so nackt und allein. Das Kleid war ein Geschenk von dir. Ich kann mich noch daran erinnern wie du es mir zu meinem Geburtstag schenktest und ich es gar nicht annehmen wollte. Zwar war es Liebe auf den ersten Blick, aber der Preis bereitete mir ein mulmiges Gefühl. Ich legte es vorsichtig zusammen und verpackte es wieder in den Karton. Am nächsten Tag wollte ich es dir zurückgeben. Doch du sagtest, ich solle es behalten. Ich legte den Karton einfach vor deine Füße, doch du wurdest böse. Schriest mich an, ich soll es gefälligst annehmen. Und dieser Schrei durchzuckte meine Glieder, jedes Einzelne. So zwang mich dein Schrei das Kleid anzunehmen. 
Das letzte Mal habe ich es getragen als wir zusammen ausgegangen sind. Das schwarze Seidenkleid hat mit deinem dunklen Anzug wunderbar harmoniert und hat gesessen wie angegossen. 
Aber ohne deinen Anzug ist das Kleid nicht dasselbe. Ohne dich ist das Kleid nur noch eine billige Kleidergröße 38. „Ich kann das nicht“, betrachte ich mich ein letztes Mal. „Es steht mir nicht mehr.“ Und ich schlüpfe wieder aus dem Kleid heraus und trete es unter das Bett. Nackt stehe ich vor dem Kleiderschrank. Mir bleibt nicht mehr viel bis meine Freundin vor der Tür steht und den Korken der Sektflasche knallen lässt. Hektisch wühle ich in meinen Kleidungsstapeln. „Es muss sexy und gleichzeitig zurückhaltend sein“, beschließe ich und grenze damit zwei Drittel meines Kleiderschrankinhaltes aus. Übrig bleiben drei enganliegende Oberteile mit tiefen Ausschnitt, zwei kurzärmlige Blusen mit Rückenausschnitt und ein Kleid, das mit glitzernden Pailletten überzeugt. Ich entscheide mich Hals über Kopf für das Paillettenkleid, denn ich höre die Stöckelschuhe meiner Freundin bereits die Treppe hinhoch stolpern. Es sitzt ebenso wenig gut wie das schwarte Seidenkleid, aber anders weniger gut und dieses weniger gut ist besser, als das weniger gut zuvor. 
Ich öffne meiner Freundin die Tür noch bevor sie auf die Klingel drücken kann, nehme sie mit offenen Armen im Empfang. 
Der Korken knallt an die Decke und der Sekt schäumt über. Wir trinken aus Plastikbechern und löschen den Brand mit 50 Euro Schampus. Im Hintergrund das Rauschen des alten Radios und unsere Füße, die im Takt der Musik über die knarrenden Dielen torkeln. Wir stimmen uns warm auf die Nacht, in der wir uns in dem nächst gelegenem Club die Füße wund tanzen wollen. Ab und zu werfen wir uns ein Lächeln zu bis wir uns wieder im Bass der Musik verlieren und uns die Schampus-Flasche jetzt abwechselnd an den Hals halten. 
Als wir genug angeheitert sind, holt meine Freundin tief Luft und ich sehe wie viel Überwindung sie die kommenden Worte kosten werden. Ich biete ihr sogar an, ihre Worte für sich zu behalten, will auf die Toilette flüchten, um ihr die Anstrengung zu ersparen, aber sie greift nach meinem Arm und zieht mich zurück. Kurz überlege ich, mich von ihr loszureißen, aber ich spüre den Druck auf meinem Arm und ihre Finger, die sich tief in mein Fleisch eingraben. Und dann setzt sie an: „Ich muss dir etwas sagen.“ Ihre Augen lassen mein Paillettenkleid nicht los. „Das Teil sieht furchtbar aus.“ Der Druck auf meinem Arm lässt nach. Ihre Finger graben sich aus meiner Haut und sie lässt mich los. Mein Blick verfinstert sich, ich hole tief Luft, ringe nach den passenden Worten. Jetzt will sie offensichtlich auf die Toilette flüchten, mir die Anstrengung ersparen. Doch ich greife nach ihrem Arm. Bohre mich tief in ihre Haut und ziehe sie ganz dicht an mich heran. „Hast du einen besseren Vorschlag?“, lautet meine Frage. Die richtigen Worte zu finden, war gar nicht so schwer. Meine Freundin scheint den Drang ihrer Blase vergessen zu haben und schleift mich hinter sich her. Wieder stehe ich in meinem Ankleidezimmer. Meine Freundin wühlt durch meine Kleiderstapel. Sortiert genau wie ich zwei Drittel aus. Und übrig bleiben dieselben drei enganliegende Oberteile mit tiefem Ausschnitt, die zwei selben kurzärmligen Blasen mit dem Rückenausschnitt und ein Kleid, was sie unter meinem Bett hervorzieht und ich längst vergessen wollte. Es ist das schwarze Seidenkleid von dir. Meine Freundin springt wild auf und ab, fleht mich an das Kleid anzuziehen. Ich schüttele mehrmals den Kopf, versichere ihr, dass ich keine gute Figur in dem Stoff mache, doch sie bildet sich ein, es sei wie für mich gemacht. Also gebe ich nach, schlüpfe in das kleine Schwarze. Ich versuche meinen Bauch extra weit herauszustrecken, damit sie sieht, dass es unvorteilhaft ist. Aber sie scheint es nicht zu sehen. Sie applaudiert, tänzelt von einem Fuß auf den anderen. Sie eilt ins Bad und kommt mit einem Lippenstift wieder zurück. Sie übermalt meine blassen Lippen in einem dunklen rot, klemmt mir das lange Haar hinter die Ohren, streicht ein paar Falten glatt und rückt den verrutschen Bh-Träger gerade. 
Und für einen winzigen Atemhauch von Zeit, genau in dem Moment, als wir zur Tür hinausgehen, fühlt es sich gut an, dass Kleid zu tragen. 
Aber der Moment verfliegt und ich sitze mit zitternden Händen in der Rückbank des Taxis. Meine Beine klemme ich fest zusammen. Die Tasche presse ich in meinen Schoss. Meine Freundin sitzt vorne und nippt an der zweiten Sektflasche. Ich will längst keinen Sekt mehr trinken.
„Ich brauche Schnaps“, denke ich, als wir aus dem Taxi klettern und den Club betreten. Die Luft ist stickig und viel zu warm. Das Kleid klebt sich an mich wie meine Lippen sich einst an deinen geklebt haben.
Meine Freundin ist bereits auf der Tanzfläche untergetaucht. Zwischen der tanzenden Menschenmasse sehe ich ab und zu wie sich ihre Arme um den Hals von fremden Männern mit Drei-Tage-Bart schlingen. Sie stand schon immer auf Männer mit Bart. 
Ich hole mir einen Drink. Einen doppelten Schnaps. Und vergrabe mich in die hinterste Ecke des Raumes. Hier ist die Luft noch stickiger und ich muss ein paar Mal husten, bis ich mich an die Luftfeuchtigkeit gewöhnt habe. Dann geht es und ich kippe mir den Schnaps in die Lunge. Es brennt und tut weh und ich meine sogar „Aua“ zu flüstern. Doch der brennende Schmerz in meiner Kehle wird schnell von dem Unwohlsein in dem schwarzen Seidenkleid abgelöst. Es ist längst nicht die Falte, die ständig unterhalb des Bauchnabels auftaucht, es ist auch nicht mein kleiner Bauch, der sich auf dem Stoff abzeichnet. Es ist nur das Gefühl, das Kleid ohne dich zu tragen, das ein Ziepen in meinem Herz verursacht und mich unwohl fühlen lässt. Ohne dich fühle ich mich in diesem Kleid, in der hintersten Ecke des Clubs, nackt. Ohne dich fühle ich mich in diesem Kleid, in der stickigen Luft, unheimlich kalt.
Ich wage einen Schritt auf die Tanzfläche. Versuche mich auf den Beat der Musik einzulassen. Ich ahme ein paar Tanzschritten nach, fuchtele mit den Armen wie mein gegenüber umher, der immer näher auf mich zukommt. Er gefällt mir. Er ist mein Typ. In ganzer Linie. Ich gehe auch einen Schritt auf ihn zu, doch die letzten zwei Schritte lasse ich ihn gehen. Er lässt mich kurz warten, lässt mich kurz seine Person zu beobachten. Wartet ab bis ich ihm ein Lächeln zuwerfe, das ihm das Zeichen gibt, dass er näher kommen darf. Also beobachte ich ihn kurz und bemerke kaum, dass mir nach einer Sekunden schon ein Lächeln über die Lippen huscht. Er hat es bemerkt und tritt ganz nah an mich heran. Er begrüßt mich mit etwas, das ich nicht verstehen kann und so höre ich auf seine Körpersprache, die mir verrät, dass er mit mir tanzen will. Also versuche ich seinem Takt zu folgen, versuche runter zu gehen, wenn er runter geht. Versuche einen Schritt nach links zu machen, wenn er nach links geht. Versuche ihm in die Augen zu schauen, wenn er mich mit einem eindringlichen Blick umgarnt. Doch es fällt mir zunehmen schwer in seine Augen zu sehen. Seine Nähe fällt mir zunehmend schwer. Unsere Zuneigung tut mir weh. Das Kleid zwickt mich und reibt auf meiner Haut. „Ich kann nicht“, sage ich viel zu leise und meine damit, dass ich dich nicht betrügen kann. Einen anderen Mann mich in deinem Kleid anfassen zu lassen, fühlt sich an wie dir fremdzugehen. Und das kann ich nicht. „So bin ich nicht“, hauche ich immer noch viel zu leise in die tanzende Menschenmenge.
Seine Hand, die sich mittlerweile um meinen Körper geschlungen hat und meinen Po streicht, weise ich nun ab. Seine Lippen, die nun in meinen Hals beißen, stoße ich von mir weg. Sein Bein, dass sich in meinen Schritt schiebt, trete ich zur Seite. Und seine Worte, die ich jetzt verstehe und die mich nach einem Date fragen, widern mich an. „Nein“, schreie ich und haue ab.
Ich bahne mir meinen Weg durch die Menschen. Einige Hände streifen mir über den Rücken, bleiben an meinem Po hängen bis ich mich umdrehe und sie wild anschreie. Draußen in der lauwarmen Nacht bekomme ich zum ersten Mal wieder richtig Luft. Ich fülle meine Lungenflügel mit Sauerstoff und setzte mich an den Straßenrand. Eine salzige Träne, die mir über die Wange rollt, fange ich mit der Zungenspitze auf. Ich fühle mich schmutzig. Ekele mich vor mir selber. Ich wollte nie diejenige sein, die fremdgeht. Wirklich nie.
Ich überlege mir eine Erklärung, wie ich dir beibringen kann, dass ich dich betrogen habe. Ich krame nach den richtigen Worten, doch stelle fest, dass es keine gibt. Also bete ich und hoffe, dass du mir verzeihst, wenn ich nachhause komme, den Schlüssel im Schlüsselloch zwei Mal nach links drehe, durch den winzigen Türspalt luge, den Geruch von deinem Aftershave einatme, über die Türschwelle schreite, zu dir ins Bett krieche und dir ins Ohr weine, dass ich dich betrogen habe.
Ich nehme das nächste Taxi nachhause. Ich weiß nicht wie spät es ist, ich weiß nur, dass meine meine Hände schweißnass sind und meine Beine zittern.
Ich ziehe die Schuhe noch vor der Eingangstür aus und tapse barfuß die Treppe hinhoch. Auf dem Weg nach oben muss ich mir einige Tränen aus dem Gesicht wischen, die inzwischen den dunklen Mascara über meine Wange laufen lassen. 
Vor der Tür bleibe ich stehen. Halte die Luft an. Schließe die Augen und zähle bis drei. Dann schiebe ich den Schlüssel in das Loch, drehe zweimal nach links. Ich luge durch den winzigen Türspalt. Den Geruch von Aftershave kann ich nicht riechen. Ich stecke mein Köpfchen noch ein bisschen weiter durch den Spalt, rümpfe die Nase. Ich rieche immer noch nichts. Ich trete über die Türschwelle. Lasse die Tür hinter mir wieder ins Schloss fallen. 
Leise betrete ich das Schlafzimmer. Strampele aus meinem Kleid. Gehe auf meine Seite des Bettes. Setzte mich auf die Bettkante und lasse mich mit dem Rücken zuerst auf das Bett fallen. Dann drehe ich mich auf die Seite, um dich anzusehen. Ich habe die Augen wieder geschlossen. Ich will nicht, dass du meine Tränen siehst. „Es tut mir leid“, winsele ich. „Ich habe dich betrogen“, schießen jetzt die Tränen aus mir heraus. Ich warte auf dich. Auf deine Hand, die mir eine Backpfeife verpasst oder deine Finger, die zärtlich über mein Haar streichen und mir sagen, dass du mir verzeihst. Aber da kommt nichts. Ich öffne die Augen. Und sehe nichts. Nichts außer eine verlassene, leere Bettseite und der Gedanke, dass du nach einem Jahr immer noch neben mir liegen würdest.

2 Comments

  • SamiraJessica September 2, 2016 at 22:13

    Ich kenne dieses komische Gefühl. Diese Erinnerung, die an bestimmten Kleidungsstücken oder auch Gegenständen einfach haften bleiben und damit auch scheinbar auf Ewig verbunden bleiben.
    Ich selbst habe zwei solcher Kleidungsstücke, oder nein, vielleicht auch unbewusst mehr. Sie alle erinnern mich an ein Zeit in meinem Leben (gute wie schlechte), an eine Person oder ein Ereignis und mir ist aufgefallen, dass ich sie seither eigentlich nur noch höchstens ein einziges Mal getragen habe, sie aber immer noch in meinem Schrank wohnen, weil ich sie trotz der allesamt leider negativen Erinnerung nicht wegtun kann….

  • Haftende Erinnerugen – Die Bauchschreibwerkstatt September 6, 2016 at 22:38

    […] © Vergesse dich nicht — Mona Kuehlewind | MKU, 21. August 2016 […]

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