Vielleicht war es nur die Hoffnung und der Wunsch

Juli 27, 2015

„Im Leben kann es einer der härtesten Rückschläge sein, dass man, wenn man nach etwas, nach dem man sehr lange Zeit gesucht hat und von dem man geglaubt hat, dass es das Richtige ist. Das wenn irgendwann der Moment kommt, wo es drauf ankommt und sagt: Hey, jetzt gehts los. Jetzt ist es, jetzt ist es zu spät. Jetzt geht es los und dann … Ist man nicht mehr sicher und man hat immer geglaubt, dass man vielleicht den richtigen Weg gegangen ist und irgendwann merkt man: Okay, vielleicht war das nur die Hoffnung und vielleicht war das nur der Wunsch, dass man den richtigen Weg gefunden hat. Und dann merkt man, dass das nicht so ist und dann tut es vielleicht sehr, sehr weh. Wie soll ein Mensch das ertragen?“

Und gestern Abend da kam dieser Moment. Dieser Moment, wo es drauf ankommt.
Ich öffnete mein Facebook Profil. Nachdem ich gefühlte hundert Facebook Profile gestalkt, mindestens fünfzig Fanseiten von Bodybuildern aus aller Welt angeschaut hatte und über den neusten Klatsch und Tratsch bestens informiert war und zudem auch noch wusste, dass meine Nachbarin heute morgen bereits stolze 436 Kalorien auf ihrem neuen Hometrainer verbrannt hatte, öffnete sich eine kleine Anzeige auf meinem Bildschirm. „Facebook erinnert Sie daran, dass sie ihr Profil noch nicht vervollständigt haben.“ „Was soll denn das? Reichen denn die ganzen „halbnackten“ Wettkampfbilder, die sich natürlich auch auf Facebook geschummelt haben, nicht?“, guckte ich meinen Bildschirm verdutzt an. „Sollte ich die Nachricht jetzt ignorieren? Oder sollte ich sie besser ernst nehmen?“ „Aber wenn Letzteres die richtige Entscheidung ist, dann sollte ich mich doch zunächst fragen, wieso mir Facebook diese Anzeige überhaupt frei schaltet, wenn mein Profil mittlerweile sowieso ein halbes Museum meines Körpers war, oder?“ Da gibt es dann auch nur zwei Antworten. „Entweder gefalle ich Facebook nicht, auch nicht halbnackt, oder aber Facebook kann nicht genug von mir bekommen.“ Ich überlegte hin und her, her und hin. Dann traf ich Entscheidung Nr. 2 die Anzeige ernst zu nehmen und ließ mein Gewissen in dem Glauben, dass Facebook nicht genug von mir bekommen könne.
Begeisterung sah anders aus, als ich zunächst meine Facebook Alben durchforstete. Ich selbst hatte nur zwei Stück. Eines mit Profilbildern, in denen lediglich Selfies aus allen Perspektiven und Winkeln zu finden waren und ein weiteres Album, in dem sich meine Titelbilder befanden. Bilder von Städten und Landschaften. Als ich die Seite weiter runterscrollte entdeckte ich ein weiteres Album mit Bildern von sämtlichen Facebook Freunden, die Bilder von mir ins Netz gestellt hatten. Darunter verbargen sich hauptsächlich die halbnackten Wettkampfbilder. In dem allerletzten Album befanden sich ein paar fremde Bilder, auf denen mich Freunde einst markiert hatten. Meine zwei Alben außer Acht gelassen, widmete ich meine volle Aufmerksamkeit dem Album, in dem sich die Wettkampfbilder befanden. Ganze fünfundvierzig Stück. Als würde ich die Bilder zum ersten Mal sehen, schaute ich mir Bild für Bild ganz genau an. Nichtmal die verrutschte Silikoneinlage auf dem dritten Foto, die meine Brüste puschen sollte, übersah ich. Und auch die Extension, die drohte abzugehen und das einen Auge, auf dem ich vergessen hatte die künstlichen Wimpern aufzukleben, konnte sich nicht vor meinem Blick verstecken. Trotz aller Unannehmlichkeiten und kleinen Strapazen war mein Lächeln auf jedem Bild zu finden. Obwohl „Lächeln“ schon gar kein Ausdruck mehr war. Es war eher ein „Strahlen übers ganze Gesicht“, „ein Strahlen, das breiter als die Hüften war.“ Auf den Bühnenbildern sah ich irgendwie verdammt glücklich aus. Sogar noch viel glücklicher, als ich mir ohnehin schon dort oben vorkam. Die Bilder trugen Überschriften, wie „die kleine Bodybuilderin“, „Mona in Glitzer“, „mit großem Selbstbewusstsein dabei“ und auf einem Bild wurde ich sogar als „Kämpferin“ betitelt. Verrückt wen und was ich laut meiner Facebook Freunde alles darstellte. Das sollte mir erst einmal einer nachmachen als Heldin, Kämpferin, Bodybuilderin und Frau mit Selbstbewusstsein gleichzeitig bezeichnet zu werden. Irgendwie ein tolles Gefühl, aber irgendetwas bereitete mir ein mulmiges Gefühl im Bauch. Das vorletzte Bild sollte mir die Antwort auf das merkwürdige Magenziehen geben. Das vorletzte Bild hatte eine Freundin auf meinem letzten Wettkampf heimlich von mir geschossen. Schon einige Male hatte ich sie darum gebeten den Schnappschuss endlich zu löschen, doch jedes Mal wimmelte sie mich mit einem Kichern und einem „Ach, ich weiß gar nicht was du hast. Ist doch voll süß.“ ab. Dieser Schnappschuss dokumentierte vermutlich den unglücklichsten Augenblick aller Augenblicke. Er hielt die letzten Minuten vor dem Wettkampf fest. Auf dem Bild war ein fast kohlrabenschwarzes Mädchen zu erkennen. Ein Mädchen, das den Kopf nicht in den Sand steckte, aber in eine Tupperdose mit 20g abgewogenem Reis und trockener Hähnchenbrust. Dabei sah sie aus, als könnte sie locker fünf Pizzen, mindestens zehn Big Mac’s und eine extra Portion Eis vertragen. Sie war so dünn, dass nichtmal mehr ihre Bauchmuskeln zu sehen waren und auch der Bindfaden am Po eine Form wie drei Tage Regenwetter machte. So dünn war sie. Ihr Blick verriet weder ob sie traurig, noch ob sie glücklich war oder beides zugleich. Ihr Blick war einfach gesagt ausdruckslos. Egal wie oft ich mir das Bild ansah, egal wie oft ich mir dabei einredete, dass Mädchen nicht zu kennen, das Bild aus allen Perspektiven betrachtete, den Laptop auf den Kopf stellte, nach Links und nach Rechts drehte, das Bild und das Mädchen blieben immer dasselbe. Das Mädchen war und blieb ich. Und ganz Facebook kannte dieses Mädchen. Ganz Facebook kannte mich.

Im Bindfaden und mit einem vom Glitzer verfallenem Körper sah ich beinahe aus wie, wie … ein anderer Mensch. „Autsch, das tat weh!“, schimpfte ich meinen Bauch, der sich heftig zusammenzog. Meinem Bauch gefiel die Wahrheit ganz und gar nicht. Die Wahrheit das ich nicht mehr ich selbst war, bereitete mir heftige Bauchschmerzen. Die Wahrheit war also die Antwort auf das heftige Magenziehen.
Ein zweites Mal klickte ich mich durch das Album. Immer schneller huschten die Bilder an mir vorbei. Beinahe wirkten sie wie ein kleiner Film. Ein Film ohne Happy End. Ein Film an dem anfangs alles gut ist. Die Welt ist schön und heil. Alle sind glücklich und zufrieden. Alle denken sie befinden sich auf dem richtigen Weg. Doch dann kommt dieser Moment, wo es drauf ankommt und dann sind sie sich nicht mehr sicher und dann merken sie: Okay, vielleicht war es nur die Hoffnung und vielleicht war es nur der Wunsch, dass man den richtigen Weg gefunden hat. Und dann merken sie, dass das nicht so ist und dann tut es sehr, sehr weh. Dann stecken sie ihren Kopf in 20g abgewogenen Reis und trockene Hähnchenbrust und vergessen wer sie sind.

Als ich mit Sicherheit meine komplette Tränenflüssigkeit verloren hatte und jedem meiner Facebook Freunde eine kurze Nachricht zukommen ließ, sie sollen die Bilder doch bitte schleunigst löschen. Mit der Begründung, dass ich das in Wirklichkeit alles gar nicht sei. Ich erklärte ihnen, dass ich in der Wettkampfzeit vorgegeben habe jemand zu sein, der ich in Wahrheit gar nicht bin. Ich habe so viel Glitzer auf meinen Körper gestreut, dass ich plötzlich aussah, wie eine „Kämpferin“, wie eine „Bodybuilderin“ und wie eine „selbstbewusste Frau“.

Und irgendwo hinter dieser Fassade steckte ich. Mona. Mona, die eigentlich gar keine richtige Bodybuildern war. Nichtmal eine Kämpferin oder Heldin.

Gerade als ich den Laptop schließen wollte, fiel mir ein, dass ich vor wenigen Wochen selbst eine Art „Fanpage“ bei Facebook erstellt hatte. Dort bezeichnete ich mich selbst als „Sportlerin“. „Doch war ich das wirklich? Traf dieser Titel überhaupt auf mich zu?“ Diese Frage stellte ich mir heute zum ersten Mal. Ohne lang zu überlegen loggte ich mich auf die Seite ein. Einen Klick später und sie war gelöscht. Ja, ich bin sportlich, sportbegeistert und in gewisser Weise auch sportsüchtig. Aber ich bin keine Sportlerin.
Ich bin keine Sportlerin, weil ich fünfmal die Woche trainiere, mich zu 80% gesund ernähre und in Kleidergröße 36 passe. Ich bin auch keine Bodybuilderin, weil ich Krafttraining betreibe, einmal auf der Bühne stand und Brokkoli, Reis und Hühnchenbrust esse. Und Kämpferin bin ich auch nicht, weil ich auch schlechte Tage habe, manchmal auch aufgebe, und hin und wieder mal verliere.

Und jetzt merke ich: Okay, das war damals nur die Hoffnung und nur der Wunsch, dass man den richtigen Weg gefunden hat. Und jetzt merke ich dass das nicht so ist und das tut sehr weh.
Aber letztendlich gibt es nur einen Titel, dem ich mich gerecht fühle. Einen Titel, der so wirklich passt. Dieser Titel ist mein eigener Name. Ich bin Mona. Einfach nur Mona. Ich passe nur in diese vier Buchstaben. Diese vier Buchstaben sind es, die zeigen, wer ich wirklich bin.

Und ich weiß, dass wenn ich für immer in diesen vier Buchstaben bleibe werde, mich nicht noch einmal verlaufen werde, mich nicht noch einmal mit Glitzer überstreuen werde, dass ich dann den richtigen Weg finden werde. Ganz bestimmt. Ich muss einfach nur immer ich selbst sein, dann finde ich den richtigen Weg, stimmt’s?

11 Comments

  • Der Pfeifenkopf Juli 28, 2015 at 9:29

    Du kannst alles sein was du nur willst, und auch genau das liest man aus deinen Postings heraus. Du entscheidest selber wer und was du bist. Schubladendenken ist so gut wie immer falsch und trifft nie das was wir sind oder was wir von uns selbst denken, dass wir sind.
    Ich drück dir die Daumen das du das richtige Bild von dir selber findest. Eines mit dem du nicht nur leben kannst, sondern in dem du auch aufgehst und dir denkst: Ja! Das ist es!

  • healthyfoodbaby Juli 28, 2015 at 21:37

    Ich finde deinen Text wirklich schön geschrieben. Ich finde es toll, dass du dich so öffnest und auch mir ist das schwer gefallen. Und ich kann „der Pfeifenkopf“ auch nur zustimmen. Irgendwann macht alles einen sinn:)

    • Mona Juli 28, 2015 at 21:40

      Vielen Dank für den lieben Kommentar! Ja, da habt ihr beide recht. Man muss manchmal eben nur die Geduld bewahren und stets einen „klaren Kopf“ behalten 🙂

  • souveraenanders August 10, 2015 at 9:35

    Liebe Mona,
    was für ein aufwühlender Text. Er hat mich gerade zum innehalten gebracht und zum Nachdenken.
    Wenn du Du bist, wirst du deinen Weg finden.
    Und ihn mit allen Widrigkeiten bestehen, sowie die großartigen Momente zu schätzen wissen.
    Das Leben ist Wandel. Was gestern okay war, kann heute auf einmal doof sein.
    Doch wenn du mit dir glücklich bist, dann ist alles in Ordnung. Wenn du gestern mit dir glücklich warst, obwohl gestern vorbei ist und du heute ganz anders handeln würdest, dann kannst du dennoch deinen Frieden schließen.
    Ich glaube, der beste Weg ist immer der, der sich richtig anfühlt.
    Und am besten fühlt es sich doch an, ganz man selbst zu sein. 🙂

    Liebe Grüße,
    Anna

  • Mütze August 18, 2015 at 21:29

    Ich werde sehr oft gefragt, warum ich selber einen Blog schreibe, warum andere Menschen interessieren sollte, wie es mir geht.

    Als ich Deinen Text gerade gelesen habe, sprach sehr viel Ehrlichkeit und Erkenntnis da draus. Ich kenne Dich nicht, aber der Text hat mich berührt, er hat mich spüren lassen, was vielleicht der ein oder andere fühlt, wenn er/sie bei mir etwas ließt.Bestes Beispiel war diese Textstelle:

    „Meinem Bauch gefiel die Wahrheit ganz und gar nicht. Die Wahrheit das ich nicht mehr ich selbst war, bereitete mir heftige Bauchschmerzen.“

    Viele Grüße!
    Mütze

    • Mona August 18, 2015 at 23:54

      Mütze! Lieben lieben Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich immer sehr, wenn ich Menschen mit meinen Texten ansprechen kann und sie vielleicht sogar etwas berühre.
      Mach weiter so und verlier niemals den Mut und die Lust am bloggen. Wenn es dir gut tut, tust du genau das richtige und vor allem, wenn du du selbst dabei bist!
      Liebste Grüße <3

  • SinnSara August 19, 2015 at 19:32

    Hat mich sehr berührt.
    Fühlt sich bekannt an.
    Ich finde es schwer ich selbst zu sein.
    Auf der anderen Seite, um eine Filmstelle aus ‚I❤ Huckabees‘ zu zitieren “ How am I NOT myself?!“

    Egal welchen Weg man geht –
    die Essenz, die einen ausmacht bleibt im Grunde die selbe.

    Versuch und Irrtum ist das ganze Leben. Auch, was Identitätsfindung angeht.
    Mal definiert man sich stark über den Beruf oder ein Hobby.
    Mal definiert man sich stärker über die Beziehungen, die man im Leben hat.

    Die wichtigste Beziehung jedoch, empfinde ich, genau wie du, als die zu sich selbst.

    Damit hat man die beste Substanz als Grundmasse um die eigene Persönlichkeit zu modellieren und weiterzuentwickeln; sich quasie immer wieder neu zu erfinden um neue Seiten – oder auch alte, an sich zu entdecken.

    Hach ja.
    Nun bin ich gespannt, was mich in weiteren deiner posts erwartet.
    Ich geh mal stöbern:)
    Liebe Grüße

    • Mona August 19, 2015 at 20:50

      Hallo du liebe! Vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar. Hat mich sehr gefreut zu hören, dass du meine Meinung teilst. Und wie du schon sagtest, es gibt unendlich viele Wege, mit denen man sich versucht zu identifizieren. Jeder Weg bietet eine andere „Identifikation“. Doch der beste, wenn auch schwierigste und längste weg, ist der Weg oder die Beziehung zu sich selbst.

      Ich würde mich freuen, weiterhin von dir zu hören! LIEBE GRÜSSE ZURÜCK <3

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