Warum bist du so gemein zu mir?

Februar 10, 2016

„Warum bist du nur so?“, frage ich und bemerke wie du ein zweites Mal meinen linken Oberarm antippst und deine Hand schnell wieder wegziehst, als hättest du auf eine heiße Herdplatte gefasst. „Was meinst du?“, fragst du und lässt deine Hand nun ein bisschen länger auf meinem Oberarm ruhen. „So gemein“, schlucke ich und fange eine salzige Träne mit der Zungenspitze auf.

Ich ziehe mir die Decke vom Gesicht und suche dich. Aber ich kann dich nicht finden. Ich spüre nur, wie deine Finger immer länger und länger meinen Oberarm berühren, so als würden sie sich an die „heiße Herdplatte“ gewöhnen. Ich drehe mich auf die Seite, will dir direkt ins Gesicht schauen und dir sagen, dass du gemein bist.
Vielleicht will ich dich auch ohrfeigen und dir ins Gesicht spucken. Aber da fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, ob du überhaupt ein Gesicht hast. Ich blinzele die Augen fester zusammen. Ich kann dich trotzdem nicht erkennen und mir fällt ein, dass ich gar nicht weiß, wonach ich suche.
„Wer bist du?“, fauche ich in die Dunkelheit und warte auf deine Antwort. Stille. Ich kann dich nicht finden. Ich kann nur spüren, wie du dich an die „heiße Herdplatte“ gewöhnst, und deine Hand immer länger auf meinem Oberarm verweilt.
„Wer bist du?“, „Warum bist du so, warum bist du so gemein?“, winsele ich und ziehe mir die Decke wieder tief ins Gesicht. Dann schlafe ich ein.

Ich wache mitten in der Nacht auf und spüre den sanften Druck, den du auf meinem linken Oberarm hinterlassen hast.
Das Licht der Straßenlaterne, das durch den weißen Seidenvorhang dringt, blendet mich für einen Moment. Ich reibe mir die Augen und setzte mich auf.
Ich sehe mich um. Suche wieder nach dir. Aber du scheinst nicht mehr da zu sein. Die Tür ist einen winzigen Spalt geöffnet und ich wundere mich, wie es dir jedes Mal gelingt die alte Holztür zu öffnen, ohne das das Quietschen mich aus dem Schlaf holt. Überhaupt frage ich mich, wie du es schaffst den Boden zu berühren, ohne das die alten Dielen knarren?
Dann fällt mir wieder ein, dass ich ja gar nicht weiß wer du bist und ob du überhaupt Füße hast, die den Boden berühren. Und ich frage in den leeren Raum „Wer bist du?“ und erhalte nichts als Stille. Endlos lange Stille, die ich unterbreche, als meine nackten Füße über die alten knarrenden Dielen schleichen und mich zum Spiegel leiten.
Der Mond scheint so hell, dass ich meine Silhouette im Spiegel erkennen kann. Die Uhr schlägt fünf Uhr in der früh.
Unten im Hof höre ich eine Tür ins Schloss fallen, Füße, die über den Nassen Asphalt platschen. Ich denke an dich, will zum Fenster gehen und dir nachwinken, doch dann springt ein Motor an. Quietschende Räder und ein klappernde Auspuff verlassen die Hofeinfahrt.
Es ist bloß der Herr Nachbar in seinem VW Golf, der zur Arbeit fährt. Nicht du.
Ich schweife meinen Blick durch den Raum und lasse ihm auf meinem Spiegelbild ruhen. Ich sehe den roten Fleck auf meinem linken Oberarm. Du musst dich in den letzten sechs Stunden wohl an die „heiße Herdplatte“ verdammt gut gewöhnt haben, so rot und groß wie der Fleck erscheint. Ich drehe mich ein bisschen nach rechts, sodass ich den Arm besser fokussieren kann. Ein dicker, fetter Fleck. Man könnte meinen es sei ein „Knutschfleck“. Aber das ist keiner.
Du küsst mich nie.
Du bist nie so, nie so lieb zu mir. Du bist immer so, immer so böse zu mir.

Ich erinnere mich noch an den Abend, als ich dich gefragt habe, ob du mich nicht küssen möchtest. Dreimal habe ich meine Frage wiederholt. Dreimal habe ich gehofft, du würdest mir antworten. Dreimal habe ich gehofft, du würdest dich einfach zu mir rüber beugen, meine Lippen liebkosen und deinen Speichel in meinen Rachen fließen lassen. Dreimal habe ich gehofft. Nach dem dritten Mal ist die Hoffnung gestorben und ich irgendwie auch. Ein kleines bisschen jedenfalls.
Dann habe ich mich gefragt, ob du überhaupt Lippen hast, solche wie M., so schmale zarte Lippen, oder solch volle weiche Lippen wie Tante Liz sie hat? 
Ich weiß es bis heute nicht.
Ich stehe noch immer vor dem Spiegel. Habe mich inzwischen zur rechten Seite in den Spiegel gedreht und begutachte meinen rechten Oberarm. Er ist schön. Schöner als der Andere, mit dem dicken, fetten Fleck und den ganzen, den ganzen … „Aua“, kreische ich leise. „Aua“, kreische ich etwas lauter.
Und tatsächlich, du hattest dich an die „heiße Herdplatte“ gewöhnt und konntest jetzt unbeschwert meinen linken Oberarm mit deiner Hand abtasten.
Du musstest in der Zwischenzeit in das Schlafzimmer zurückgekehrt sein und standest nun hinter mir, um meinen Arm zu berühren, ihn abzutasten und mich spüren zu lassen.
Es fühlt sich an, als würdest du mit deinen Fingernagel meinen Arm zerkratzen. Aufkratzen. Wieder aufkratzen. All das was da ist, da auf meinem linken Oberarm wieder aufreißen.
„Warum bist du so?“, kreische ich ein letztes Mal bevor ich mich aufs Bett fallen lasse und mich unter der weißen Bettdecke verkrieche und beschließe hier bis morgen früh zu verweilen, bis der Schmerz endlich nachlässt und du fort bist.
Die letzten Tage fand ich großen Gefallen an meiner Bettdecke. Früher mochte ich sie nicht. Früher fand ich die rosa Blumen peinlich, total kindisch. Wenn Besuch kam, habe ich die Decke immer unter dem Bett verstaut und habe gelogen, dass meine Bettdecke in der Waschmaschine sei, wenn man mich fragte, ob ich denn gar keine Decke hätte. Früher mochte ich sie nicht. Aber heute ist sie quasi mein bester Freund.
Wenn du mich besuchen kommst, wenn du so unheimlich gemein zu mir bist, dann verkrieche ich mich oft unter meiner Bettdecke. Hier lässt du mich in Ruhe. Vielleicht, weil du die rosa Blumen peinlich findest.
Du könntest mich darum bitten die Bettdecke auszutauschen, aber du sagst ja nichts. Du hast noch nie etwas zu mir gesagt. Ich frage mich, ob du sprechen kannst. Deutsch? Arabisch? Französisch oder Russisch?
Ich hocke noch immer unter der Bettdecke. Kringele mich zusammen wie eine Katze. Der Druck auf meinem Arm ist wieder stärker. Ich spüre die offene Wunde. Ich spüre wie das Blut aus der Wunde tropft. Ein Tropfen nach dem Anderen. Und mit jedem winzigen Tröpfchen Blut, das von mir fließt, tut es ein bisschen mehr weh. Ich drücke den Kopf ein bisschen mehr in die Matratze hinein und versuche den Schmerz zu unterdrücken. Aber ich kann nicht.
„Weißt du, wie sich das anfühlt?“, setzte ich an doch halte Inne bei dem Gedanken daran, dass du möglicherweise keine Gefühle besitzt. „Egal“, schüttele ich den ungeheuren Gedanken von mir ab und setzte erneut an …
„Weißt du, wie sich das anfühlt? Es fühlt sich an, als würde man ein Buch öffnen. Ein altes, längst vergessenes Buch, was man völlig verstaubt aus der untersten Schublade kramt. Als würde man dieses Buch in der Hand halten, sich fragen, warum man es ganz unten verstaut hat und sich dann wieder erinnert, dass das Buch von einer „Horror“ Geschichte erzählt, durch die man jede Buchseite mit einem Zittern umblättert, durch die man Nachts nicht schlafen kann und böse Albträume bekommt. Es fühlt sich an, als würde man dieses Buch nun wieder öffnen, die Geschichte ein zweites Mal erzählen, nur böser. Mit mehr Gruselfiguren, mehr bösen Hexen und Wölfen.
Weißt du jetzt, wie sich das fühlt? Als würdest du die Narben an meinem linken Oberarm wieder aufreißen. Als würdest du die längst vergessenen Narben wieder aufbeißen, wie ein wilder Hund oder ein böser Wolf. Wie der böse Wolf reißt du die Vergangenheit wieder auf und ich erinnere mich. Erinnere mich an das, was ich längst vergessen habe und fange wieder an zu sein, so wie damals. Ich sage dir hör auf, hör auf damit, aber du beißt dich weiter ins Fleisch, pulst dich noch tiefer in die Wunde und stocherst in ihr herum. Ich sage hör auf, aber du beißt dich weiter durchs Fleisch und erzählst mir von der längst vergessenen Vergangenheit.
Und dabei war die Wunde doch schon verheilt. Das hat so lang gedauert. Weißt du, das hat so lang gedauert, bis sich der erste Grint gebildet hat, bis der Juckreiz vorbei war und ich nicht wieder angefangen habe den alten Grint abzuziehen. Es hat so lang gedauert bis ich aufgehört habe die Wunde wieder aufzuknuspern.
Als die Wunden, die zarten Einkerbungen in meinem linken Oberarm verheilt waren, hat es wieder eine ganze Zeit gedauert, bis ich vergessen konnte, was damals war, in der Vergangenheit. 
Und jetzt war ich froh, froh, dass alles vorbei war und du „Hund“ beißt alles wieder auf und ich.“

„Wer bist du, wer bist du?“, wimmere ich. Aber natürlich. Du antwortest nicht.

Ich werfe die Bettdecke vom Bett und strecke alle vier von mir aus. Ich schreie nach dir. Ich schreie „Los, komm schon“, „Hol dir, was du haben willst“. 
Ich präsentiere mich wie Frischfleisch auf einem Teller, wie ein Knochen im Napf eines Hundes, und warte nur darauf endlich erlöst zu werden. 

Der erste Sonnenstrahl fällt durchs Fenster und landet auf meiner Haut. Sie sieht jetzt noch leerer, noch fader noch blasser aus.
Aber da ist etwas, da ist etwas, das Glitzert, das Schimmert und Funkelt. Es sind die Narben. Die Narben auf meinem linken Oberarm. Es ist das Blut, dass plötzlich aufhört zu tropfen und es ist ein Eckchen Grint, was sich vorsichtig auf die Wunde setzt.
Und in dem Blut erkenne ich dunkle Punkte. Dunkle Blättchen, die aussehen wie Nagellack, der abgeblättert ist. Dein Nagellack, der abgeblättert ist, als deine Finger meine Haut aufgerissen haben und sich in meiner Wunde gesuhlt haben.

„Dein Nagellack“, wiederhole ich. Noch einmal. Noch Zweimal. Ich halte den Atem an und schrecke auf „Du bist kein Mann?“

Ich hebe die Hand und will mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischen, dabei fällt etwas kleines, dunkles auf die Bettdecke und ich lenke meine Hand in Richtung Fenster und stelle fest, dass ich einen neuen Nageltermin brauche – mein dunkler Nagellack ist abgeblättert.

5 Comments

  • matthiasnowak Februar 10, 2016 at 18:18

    Ich liebe es, wenn Texte mehrdeutig und rätselhaft sind. Die Lektüre hat Spaß gemacht. Sehr gut!

  • die_zuzaly Februar 11, 2016 at 13:49

    Faszinierende – tiefgründiges Rätsel – habe es als phänomenales Geschehen aus dem Unterbewusstsein verschlungen – die mich an einen Albtraum erinnert – das mich stockstarr ans Bett festnagelte –
    Wahnsinnig schön ins Detail gegangen – solche Geschichten gelingen nur – wenn zweigleisig gefahren wird –
    wenn Realität und Fantasy sich vereinen – EINS WERDEN – lg die_zuzaly 😀

    • Mona Kuehlewind Februar 11, 2016 at 14:35

      An einen Albtraum wollte ich dich nicht erinnern, entschuldige!
      Aber schön gesagt, ich gebe dir Recht … „Realität und Fantasie“.

      Liebste Grüße an Dich!

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