[Weekly Recap] Von falschen Freunden und Girlboss werden

November 6, 2016

Es ist ein Freitag Nachmittag. Einer dieser Freitag Nachmittage, an dem man bereits um 13 Uhr die Arbeitsunterlagen vorsichtig in die Schubladen schiebt, den Kalender leise eine Woche weiter blättert und den Rechner heimlich herunter fährt. Es ist einer dieser Freitag Nachmittage, an dem die Woche einen endgültig in die Knie gezwängt hat, man dem Wochenende eigentlich nur noch entgegen hechelt.
Ich mag genau diese Freitag Nachmittage. Dann habe ich immer das Gefühl, ich hätte viel geschafft, genug geschafft, um auch ein Wochenende verdient zu haben.
Um Punkt 13 Uhr werde ich also unruhig und schiebe meine Unterlagen ganz vorsichtig beiseite. Mit den Fingern tippe ich hastig die letzten Worte in die ebenfalls letzte Email. Drücke auf senden und stelle fest, den Betreff vergessen zu haben. Normalerweise würde ich die Email nochmal neu aufsetzen, aber stattdessen seufze ich nur und fahre den Rechner herunter. Mit einem schwarzen Kugelschreiber setzte ich hinter die erste Novemberwoche im Kalender ein Häkchen und blättere die nächste Woche auf. Kalenderwoche 45.
Aus dem Büro bin ich mit einem flüsternden „Auf Wiedersehen“ geschlichen. Ob man mein Gehen überhaupt wahrgenommen hat, weiß ich nicht.
Jetzt drücke ich mich durch die Menschenmenge, die sich unten am Bahnhof wie ein wilder Ameisenstaat angehäuft hat. Mit den Ellenbogen boxe ich mich durch die Meute, drängele mich durch eine Schulklasse und trenne ein Händchen haltendes Paar. Schnell werfe ich einen Blick über die Schulter, will ihnen ein „Entschuldigung“ zurufen, doch sehe, dass sich ihre Hände bereits wiedergefunden haben. „Wie verliebt kann man nur sein“, verdrehe ich die Augen und schüttele unauffällig den Kopf. Und nein, ich bin nicht neidisch. Nein. Nein. Nein. Niemals.
Tatsächlich schaffe ich es mit einem großen Sprung in die nächste Bahn, die die Türen gleich hinter mir zuschließt und verdammt, mein Jackenzipfel bleibt zwischen den Türen hängen. Ich überlege, ob ich einfach schreien soll, doch entscheide einfach ruhig zu bleiben, meinen Atem zu regulieren, meinen knallroten Kopf irgendwie in eine angemessene Farbe zu verwandeln. Aber so sehr ich auch versuche die lästige  Plakatwerbung zu lesen, dem Baby im Kinderwagen eine schlechte Grimasse zuzuwerfen oder einfach nur auf mein Smartphone zu starren, die Tatsache, dass ich in der Tür feststecke und wahrscheinlich schon der halbe Wagon davon mitbekommen hat, weil warum sollten sich sonst in regelmäßigen Abständen die Gesichter nach mir umdrehen, löst von Sekunde zu Sekunde immer größeres Schamgefühl in mir aus. So langsam möchte ich wirklich nur noch schreien. Die Bahn setzt sich in Bewegung. Endlich.
„Drei Minuten bis zur nächsten Station“, beruhige ich mich, wohlwissend, dass diese drei Minuten wohl die längsten drei Minuten meines Lebens werden.
Langsam lasse ich meinen Blick durch den Wagen schweifen. Die Leute haben aufgehört sich nach mir umzudrehen. Sie beschäftigen sich nun mit den kleinen rechteckigen Teilen in ihren Händen, werfen sich verschwörerische Blicke zu, schauen belanglos aus dem Fenster ins dunkle Nichts oder geben sich einen feuchten Kuss auf die Lippen. Mein Blick bleibt stehen. Auf ein Paar gerichtet, das mitten im Gang steht und innige Blicke austauscht. Seinen rechten Arm hat er auf ihrer Schultern platziert. „Die arme Frau“, murmele ich in mich hinein. Welche Last sie da tragen muss und wie er die Last in jeder Kurve noch mehr auf ihre Schulter verlagert, lässt mich ganz mitleidig werden. Und nein, ich bin immer noch nicht neidisch. Nein. Nein. Nein. Niemals. „Dann stehe ich doch lieber mit dem Jackenzipfel eingeklemmt in einer Tür, als die Last der Liebe auf meinen Schultern zu tragen“, lache ich viel zu laut. Mein Puls reguliert sich. Ganz langsam nimmt die Röte in meinem Gesicht ab. Und ich bin froh, heilfroh, nur in einer Tür eingeklemmt zu sein.

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GETÄUSCHT wurde ich von Menschen, von denen ich immer dachte, dass ich ihnen etwas bedeute. Es war Mittwoch, der 2. November, mein 20. Geburtstag, und noch am Vorabend habe ich bei Facebook mein Geburtsdatum entfernt, weil ich sehen wollte, wer auch ohne eine Facebook-Erinnerung an mich denkt. Und wie zu erwarten, waren es viel weniger Menschen als im Vorjahr. Und zu den nicht Gratulanten gehörten auch Menschen, deren Geburtsdatum ich ganz genau kenne, aber die meines anscheinend einfach vergessen haben. Oder mich vergessen haben? Wie dem auch sei, strich ich sie noch am Mittwochabend aus meiner Freundesliste und machte einen Haken hinter sie. Ihr Geburtsdatum weiß ich jetzt übrigens auch nicht mehr. Habe ich auch vergessen. Einfach vergessen.

GEFEIERT habe ich meinen 20. Geburtstag, wie ich ihn, für mich persönlich, nicht besser hätte feiern können. Den Mittwochabend verbrachte ich mit zwei Freundinnen beim gemeinsamen Kochen, Reden und Wein trinken. Das Wochenende fuhr ich in die alte Heimat, zu meiner Familie. Dort feierte ich mit all meinen Herzmenschen – das allein machte meinen Geburtstag schon einfach wunderbar.

GESCHENKT hat eine meiner besten Freunde mir ein Buch, das sich „#GIRLBOSS“ nennt und von keiner geringeren als der Unternehmerin Sophia Amoruso geschrieben wurde. Ich habe es in zwei Tagen gelesen. Nicht weil ich finde, dass es gut geschrieben ist, stilistisch ist es das in meinen Augen nämlich nicht, aber weil die Nachricht, die hinter dem Werk steckt, ganz viel in mir ausgelöst hat. Es gab Passagen, da dachte ich, die Autorin redet von mir. Wirklich, aber ich konnte mich noch in keinem Buch so gut mit mir selbst identifizieren, wie in diesem. Und weil Sophia im Kern ein bisschen so zu sein scheint wie ich und mir die Augen geöffnet hat, mir Mut und Inspiration gegeben hat, weiß ich jetzt, was ich will. Und so verrückt es vielleicht auch klingt, aber ich kann mir für mich nichts großartigeres vorstellen als eines Tages ein echter Girlboss zu sein. Und das meine ich ernst.

GEFÜHLT habe ich, dass es jetzt vorbei ist. So wirklich, wirklich vorbei. Ich hatte Geburtstag. Du hattest 24 Stunden Zeit dich zu melden. Normalerweise waren unsere Geburtstage, genau wie Weihnachten und Silvester, Anhaltspunkte, um nach einer laaaangen Funkstille wieder Kontakt aufzunehmen. Ich habe wirklich geglaubt, dass auch mein Geburtstag wieder so ein Anhaltspunkt für dich sein wird. Doch die 24 Stunden waren irgendwann vorbei und unser Chat bei WhatsApp noch immer ganz leer. Ich habe auf dich gewartet, weißt du? Jede Minute war ich quasi bereit, eine Nachricht von dir zu lesen, aber da kam einfach nichts. Gar nichts. Aber ich war da. Ich habe gewartet. Bis zur letzten Minute. Und dann bin ich eingeschlafen. Und selbst am nächsten Tag kam kein nachträglicher Glückwunsch. Auch die Tage darauf kam nichts.
Und jetzt merke ich, dass es vorbei ist. Du hast mich vergessen. Und ich versuche es jetzt auch. Ich vergesse dich. Ich vergesse dich. Ich vergesse dich.

GEFIEBERT habe ich für die Fußballmannschaft meines kleinen Bruders. Nie hätte ich gedacht, dass ich für Fußball noch einmal so viele Emotionen finden könnte. Aber  kaum pfiff der Schiedsrichter das Spiel an stand ich fiebernd am Spielfeldrand und drückte meine Daumen so fest zusammen, dass sie ganz blass wurden. Meinen kleinen Bruder auf dem Platz rennen, auf das Tor zielen sah, spürte ich nichts mehr als Stolz. Vielleicht den größten Stolz, den eine große Schwester nur spüren kann.

GESCHRIEBEN habe ich nicht so viel wie letzte Woche. Aber mein erstes Buch kommt voran. Und von Satz zu Satz spüre ich, dass es so langsam ernst wird, ich mir ein Lektorat und eine Verlag suchen muss. Wenn ihr jemanden kennt, der jemanden kennt oder selber so jemand seid, dann meldet euch bei mir – das wäre großartig! Außerdem möchte ich euch noch eins erzählen, weil wer weiß, vielleicht geht es dem ein oder anderen ja genauso, der auch schon mal ein Buch geschrieben hat oder gerade schreibt. Und zwar habe ich mich entschieden einen Perspektivenwechsel in der Geschichte einzubauen. Anstatt die Hauptperson in der Ich-Perspektive erzählen zu lassen, habe ich in jeweils drei Kapiteln nun drei weitere Personen erzählen und fühlen lassen, die der Hauptperson sehr, sehr nahe stehen. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich auch erst die ersten zwei Personen sprechen lassen, bei der dritten komme ich nicht weiter. Ihre Perspektive kann ich mir so schwer vorstellen, dass es fast unmöglich ist, sie sprechen zu lassen. Ich weiß nicht, ob ich es mir wirklich nicht vorstellen kann oder einfach nicht will, weil ich vielleicht einfach nur eine riesige Blockade in meinem Kopf vor ihren Worten habe. Gibt es da draußen jemanden, dem es ähnlich schwer fiel/fällt?

GELAUSCHT habe ich zwei Männern, die sich während einer Zugfahrt eine Reihe hinter mir lautstark unterhielten. Ich habe mich wirklich versucht mit Lesen, Schreiben und aus dem Fenster starren versucht abzulenken, aber ich konnte nicht anders und musste ihnen einfach zuhören. Und ihr Gespräch war so Klischee behaftet, wie es gar nicht klischeehafter hätte sein können. Erst unterhielten sie sich über Motorräder, dann über Technik, zum Schluss über Autobahnen, die wie, wo lang führen. Ich musste zwei Stunden lang schmunzeln.

7 Comments

  • Ben Froehlich November 6, 2016 at 10:54

    Klär mich doch mal auf, was du damit meinst, ein Girlboss zu werden. Ja, ich könnte das Buch jetzt auch googlen usw. aber ich habe ja Zeit 🙂

  • matthiasnowak November 6, 2016 at 12:31

    Was soll die dritte Person für eine Perspektive einnehmen? Aus der Ferne ohne Kontext lassen sich Textprobleme schlecht lösen. Aber ich helfe gerne!

    • Mona Kuehlewind November 6, 2016 at 22:06

      Die Person soll aus ihrer Perspektive erzählen. Also aus der Ich-Perspektive.
      Aber eigentlich wollte ich nicht speziell mein Buch ansprechen und meinen Inhalt, sondern wollte nur wissen, ob es jemanden gibt, der auch mal versucht hat in einem Buch oder Text die Erzählperspektive zu verwenden und dabei vielleicht ähnlich ins Stolpern geraten ist wie ich.
      Vielleicht kannst du helfen? 🙂

      • matthiasnowak November 7, 2016 at 6:20

        Du hast ein Problem mit der Ich-Perspektive? Damit hatte ich schon meine Schwierigkeiten. Was fällt dir daran schwer?

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