[Weekly Recap] Von Liebeskummer, meinem Buch und Erwachsensein

Oktober 30, 2016

Ich stehe vorm Fenster. Der Wind schleicht durch die winzigen Poren des alten Rahmens, dessen weiße Farbe langsam abblättert. Mit der Hand streiche ich über die bereits abgeblätterten Stellen und spüre jede Faser des alten Holzes, ramme mir einen Splitter in den Daumen, quieke kurz auf und verstumme noch im selben Moment. Die Blätter der Bäume haben sich in ein warmes Gelb verfärbt. Wenn die Sonne durch die Baumkronen scheint, einen Hauch von Glitzer auf den nassen, dunklen Asphalt wirft, sieht es beinahe so aus, als läge ein lauwarmer Sommerabend vor uns. Aber der Wind, der durch die Poren schreit, ist der beste Beweis für einen Abend in Oma’s Wollsocken und einer Kanne butterdunklem Schwarzen Tee . Mit Milch. Natürlich. Mit Milch.
Still ziehe ich die Gardinen zu, kehre dem Fenster den Rücken und tapse ins Wohnzimmer. Dort angekommen setze ich mich im Schneidersitz auf die eingesessene Couch und schalte den Fernseher an, was ich nie tue. Was ich nur tue, wenn mein Unterbewusstsein die Oberhand hat. Denn ja, mein Unterbewusstsein mag durchaus diese Fernsehabende, die man mit irgendeiner überkalorischen Süßigkeit und am besten noch mit einem zuckersüßen Getränk vor irgendeiner schlecht gespielten Serie oder vor einer Quizshow verbringt, bei der man nur die Hände über den Kopf verschlägt, weil man ja sowieso alles viel besser weiß als der arme Kandidat, dessen Schweißperlen durch die helle Kamerabeleuchtung erst so richtig schön zur Geltung kommen. 
Heute sind es die ersten Zimtsterne und ein heißer Kakao, die sich den Platz auf der Couch mit mir teilen. Ich zappe durchs Programm. Irgendwann bleibe ich stehen, weil es eine tiefe Männerstimme ist, die meine Aufmerksamkeit gewinnt. Ich lege die Fernbedingung zur Seite und lehne mich zurück. Der erste Zimtstern wandert in meinen Mund. Und die tiefe Männerstimme mit einem verruchten, verqualmten Unterton erklingt ein zweites Mal aus einem Auto, dessen Motorhaube lediglich zu erkennen ist. Zuerst denke ich, dass ich die Stimme kenne, doch beim genaueren Hinhören erkenne ich, dass er eine Oktave zu tief spricht. Dann wechselt die Szene. Eine Frau mittleren Alters schreitet in einem engen roten Kleid über die Straße. Geht geradewegs auf das Auto zu. Sie wirft ihr blondes Haar in den Nacken. Die Szene wechselt. Die tiefe Männerstimme ist wieder zu hören. Sie flüstert irgendetwas, kaum hörbares, in sich hinein. Die Kamera schwenkt auf seine Hände, die seine Fliege richten. Ich zucke zusammen. „Ich kenne diese Hände“, entfährt mir ein leises Piepsen. Die Szene wechselt. Das breite Grinsen der Frau ist zu sehen. Dann ihre langen Beine, die immer schneller, sicherer werden. Und schließlich vor der schwarzen Motorhaube zum Stehen kommen. Das Licht des Autos geht aus. Die Tür öffnet sich. Seine schwarzen Lackschuhe setzten am Boden auf. Er richtet seinen Körper auf. Ich halte Inne. „Den Körper“, schlucke ich. „Den kenne ich.“ Das breite Kreuz, die ausgefüllten Schultern, die straffe Brust und die Brusthaare, die am Hemdkragen heraus lugen, all das kommt mir so bekannt vor. Ein letztes Mal wechselt die Szene. Sie geht auf ihn zu. Langsam, aber immer noch sehr sicher. Dann seine Schritte, die ihr entgegen gehen. Seine Augen, seine grauen Augen, in die ich immer so gern geschaut habe, sind starr auf die Frau in Rot gerichtet. Dann strecken sie ihre Hände nach dem anderen aus, kommen in der Mitte zusammen, ziehen ihre Körper eng aneinander. Ein winziger Spalt ist noch da. Ein winziger Spalt zwischen ihnen. Zwischen ihren Mündern. Doch er wartet keine Sekunde. Keine Sekunde wartet er, bis er seine Lippen, seine schmalen, mir vertrauten Lippen, auf ihre legt. Sie mit einem weichen Kuss bedeckt. Ihre Hände fahren durch sein Haar. Mir bleibt der Atem stehen. Eine Träne hinterlässt eine salzige Spur auf meiner blassen Haut und ich bereue, nie ein rotes Kleid zu unseren Dates getragen zu haben.

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GEDACHT habe ich diese Woche sehr viel. Wie ich es eigentlich immer tue und quasi in jeden Wochenrückblick schreiben könnte. Aber diese Woche habe ich an ein anderes „sehr viel“ gedacht. Diese Woche habe ich sehr viel an die Liebe gedacht, mir tausend Fragen gestellt, wieso, weshalb, warum. Nicht wieso, weshalb, warum es Liebe gibt, sondern wieso, weshalb, warum es bei mir nicht so funktioniert, wie beispielsweise bei einigen meiner Freunden, die die Wochenenden mit Pärchenabenden verbringen und beinahe schon am Nachmittag die Enten im Park füttern. Klar, ich kann sagen, dass ich das alles schon hinter mir habe und das wäre nichtmal gelogen, aber wäre das mit fast 20 Jahren nicht zu früh? Wäre es nicht zu früh, wenn ich nun die nächsten 80 Jahre, die ich noch vorhabe zu leben, ein „Scheiß drauf“ auf Beziehungen gebe und mit jedem Glas Sekt auf mein Singleleben heimlich anstoße? Ja, wäre es. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich noch nie mit einem Mann Enten im Park gefüttert. Und das möchte ich doch unbedingt nochmal tun.

GEMERKT habe ich, dass ich also wieder möchte. Ich meine, so richtig verliebt sein. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich genau das eigentlich schon seit einem Jahr versuche, doch nicht kann, weil es da immer wieder jemanden gibt, der mir gegen die Schädeldecke klopft und leise flüstert: „Ich komme zurück.“ Und auf dieses „Zurück“ warte ich dann immer. Wie ein Fahrgast, der mit kalten Füßen am Bahnhof steht, durch den eine starke Windböe fegt, sich in seine Daunenjacke einmummelt, die rote Nase schnäuzt und auf den niemals ankommenden Zug wartet, stehe ich immer so da und warte, dass er wieder kommt. Dass er noch einmal durch meinen Bahnhof fährt und mich dieses Mal vielleicht auf eine Weltreise, anstatt auf eine Deutschlandtour entführt.

GEFREUT habe ich mich über die erste Weihnachtssünde. Es war eine ganze Packung Lebkuchen mit Zartbitter überzogen, die ich mir zu Beginn der Woche gekauft habe und die nun leer ist. Eigentlich hatte ich mir geschworen, dass ich mir die ersten Lebkuchen kaufe, wenn es November ist, doch wenn man neun Mal an einem vollgefüllten Weihnachtsgebäck-Regal im Supermarkt vorbeigeht, kann man beim zehnten Mal unmöglich „nein“ sagen, oder?

GEBUCHT habe ich gleich zwei Dinge, auf die ich mich sehr freue. Zum einen habe ich eine Fahrt zu meiner Familie gebucht und zwar gleich nächste Woche. Ich freue sehr. Auch wenn es erst eine Woche her ist, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben, wir erst vor wenigen Minuten eine SMS ausgetauscht haben und es Tage gibt, an denen ich von den langen Nachrichten meiner Mutter, den Telefonaten genervt bin und ich ihr immer wieder versuche zu sagen, dass sie mich loslassen soll, so richtig, richtig loslassen, fehlt mir meine Familie hier oben im Norden. Immerhin ist sie mir verdammt wichtig. Wahrscheinlich sogar das Wichtigste in meinem Leben. 
Zum anderen habe ich eine Flug nach Brüssel gebucht. Das wird aber mehr oder weniger eine Pflichtveranstaltung der Uni und dient weniger zu meinem Amüsement. Aber ich freue mich darauf.

GESCHRIEBEN habe ich, und dazu muss ich euch einiges erzählen, was ich in einem separaten Beitrag bald machen werde, endlich wieder. Wie vielleicht einige von euch wissen, weil ich meinen Schnabel oder besser gesagt meine Finger ja nicht halten kann zu schweigen, schreibe ich seit Mitte Juli an meinem ersten Buch. Bewusst betitele ich dieses Buch gerade als „mein erstes“, da ich definitiv vorhabe noch viele weitere Bücher zu schreiben. Mein Wunsch wäre es, irgendwann damit mal Geld zu verdienen. 
Dass ich viel Spaß am Schreiben habe, weiß ich schon seit mehreren Jahren, doch dass ich das Schreiben liebe, dass es mir mehr gibt, als mir irgendetwas jemals gegeben hat und geben wird, wurde mir erst bewusst als ich anfing mein erstes Buch zu schreiben. Und tatsächlich vielen mir die ersten 100.000 Worte leicht. Mit 100.000 Worten hatte ich gut Zweidrittel fertig. Ich schrieb jeden Abend 2.000 Worte, die mir wie heiße Schokolade von den Lippen flossen. Alles schien so leicht. So unglaublich einfach und gewohnt, als hätte ich mein Leben lang nichts anderes getan.
Doch dann kam der Moment, in dem es mir zu viel Worte. Die Worte waren auf einmal zu schwer. Die Worte, die den Inhalt in meinem Kopf lebendig machten, drückten auf meine Schultern und zum aller ersten Mal spürte ich ihre ganze Last. Und die war schwer. Unheimlich schwer. So schwer, dass ich Abstand brauchte. Ich suchte Abstand in Büchern, die ich anfing zu lesen und nach zwei Seiten wieder zuschlug. Ich suchte Abstand in Magazinen, an deren Seiten ich mich schnitt. Ich suchte Abstand in alten Chats von Freunden, die ich wieder mit Wut löschte. Ich suchte in allen anderen Worten Abstand, von meinen eigenen Worten, doch nirgendwo fand ich dieses Gefühl, dieses Gefühl von Liebe (so blöd es auch klingt), was mir meine Worte einst gaben. 
Nach beinahe vier Wochen fing ich an, einen Plan zu kreieren. Mein Buch, hinter dem zuvor nie irgendein Plan stand, sollte auf einmal so einen bekommen. Dieser Plan, den ich entwickelte, sollte die Worte nicht schwerer machen, sondern das Ende meines Buches umschmeißen. Das Happy End sollte Geschichte sein. Bewusst entschied ich mich nun gegen das Happy End, denn in einem Happy End hätten all die schweren Worte nur Bestätigung gefunden. Und in einem Ende, wie ich es nun im Kopf habe, werden alle schweren Worte Erlösung finden. 
Und seitdem fällt mir das Schreiben nicht leichter, aber es ist auszuhalten, denn ich weiß, dass am Ende alles vorbei sein wird. All die Worte, all die Geschichte, all das „wir“, was sich in dieses Buch eingeschlichen hat.

GENOSSEN habe ich noch einmal mein 19 Jahre altes Ich. Wenn ich den nächsten Wochenrückblick schreibe, werde ich 20 sein. Mit 20 habe ich mir vorgenommen das erwachsene Ich, was in mir schlummert, was ich auch schon sehr oft gesehen habe, endlich durchzulassen. Bisher habe ich mich in vielen Situationen noch gesträubt, habe das Kind durchgelassen, Papa bezahlen und Mama die Arzttermine machen lassen. Nicht, dass sich das jetzt auf einmal ändern soll, aber dass ich vielleicht mehr zurückgebe. Öfter „danke“ sage als „bitte“ flehe.

3 Comments

  • Ben Froehlich Oktober 30, 2016 at 15:03

    Es ist ein komischer Moment, wenn das fast kopflose Schreiben vom durchdachten abgelöst wird. Es ist wie die Fahrt auf der Autobahn, die mit einem Schlag an der Mauer endet. Jeder Buchstabe flog nur so auf das digitale Blatt Papier und plötzlich stockt es. Das kennt aber jeder Autor. Jeder Autor kennt diese Mauer und jeder Autor schreibt manchmal in die eine Richtung und dann in eine andere. Und jeder Autor, jeder Mensch zweifelt. Dann viel Spaß bei den weiteren 50.000 Wörtern und dann…ja dann fängt ja erst der wirklich fiese Part an. 😉

    • Mona Kuehlewind Oktober 30, 2016 at 15:47

      Das hast du sehr schön beschrieben. Einer Freundin habe ich es letztens ähnlich erzählt. Ich habe ihr erklärt, dass Schreiben wie eine Autofahrt ist, auf der man immer mehr und mehr Fahrgäste einlädt und irgendwann vor einer Brücke steht, die nur 2 Tonnen halten kann, aber das Auto mittlerweile 2,5 Tonnen wiegt. Dann muss man erstmal überlegen, wen man rausschmeißt, was man verändert, damit man weiterfahren kann.

      Und ja, der „fiese Part“. Ich fürchte ihn schon etwas, wenn ich ehrlich bin.

      Lieben Gruß an Dich, Ben.

  • R November 10, 2016 at 18:01

    Erwachsen werden ist wie ein Schritt durch eine Tür aus Luft. Es ändert sich nichts. fühlt sich nur hilfloser an… unorientierter. Wenn die ersten Arztermine nicht mehr von den Eltern gemacht werden… ( eigentlich heißt das man geht nicht mehr zum Arzt und hofft nur das man nicht stirbt. ) dann weiß man selbst, jetzt ist man Erwachsen. Und muss sich diesen irren Weg selbst suchen. Wünsche dir alles gute. Du hast es schon weit geschafft 🙂
    R.

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