[Weekly Recap] Von Michelle Obama und Karottenkuchen

Oktober 16, 2016

„Herein“, murmele ich genervt, weil ich weiß, dass gleich Mama mit ihrem Wuschelkopf durch den Türspalt lugt und mich fragt, ob ich eine heiße Milch mit Honig trinken möchte, da ich schon den ganzen Nachmittag ein seltsames Grummeln im Magen haben. „Herein“, stöhne ich noch einmal und funkele die Tür mit grimmiger Miene an. Keine Reaktion. „Du kannst hereinkommen, Mama“, sage ich ein letztes Mal, ziehe die Buchstaben dabei so weit auseinander, dass mir das Atmen schwer fällt. Ich keuche und ringe nach Luft. Werfe die Decke vom Bett, ziehe mir die Kapuze ins Gesicht und stampfe über die alten Dielen. Vor meiner Zimmertür bleibe ich kurz stehen, lehne meinen Kopf an das weiße Holz und lausche der Stille, die sich durch den Flur schlängelt. Müde lasse ich den Kopf in den Nacken fallen und öffne die Tür widerwillig. „Verdammt“, fluche ich und kicke einen Schuh zur Seite, über den ich beinahe stolpere. In der Küche setze ich heiße Milch auf, klettere auf die Arbeitsplatte, um den Honig aus dem obersten Regal zu holen. „Ich bin allein“, flüstere ich. „Ich bin allein und Mama nicht da, um mich zu kraulen, um mich zu umarmen oder um mir einfach nur eine heiße Milch mit Honig zu machen.“ 
Dass ich vor 15 Monaten der trauten Heimat den Rücken gekehrt habe, bereue ich nur selten. In ganz wenigen Momenten, in seltenen Atemhauchen von Zeit, fühlt sich meine Entscheidung falsch an. Aber das ist wirklich so, so selten, das sind nur dämliche Gewissensbisse, die meine Sicherheit, das Hamburg eine meiner beste Entscheidungen war, nicht klein kriegen können. 
Klar habe ich gerade Bauchkrämpfe, klar vermisse ich Mama, aber diese Woche war so eine Woche, die mir jeden Tag bewiesen hat, dass ich alles richtig gemacht habe. Dass ich angekommen bin. Dass ich hier zuhause bin. In Hamburg. Allein.

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GEDACHT habe ich diese Woche sehr viel. Weniger an andere, sogar so wenig, dass ich vergessen habe meine Großmutter zur allsonntäglichen Telefon-Verabredung anzurufen, aber mehr an meine nächste Zeit. Ich habe mir viele Gedanken über die kommenden Wochen gemacht: Mein 20. Geburtstag, ein anschließender Besuch in der Heimat, die Adventszeit, die Weihnachtstage und die Geschenke, die ich dieses Jahr nicht kaufen, sondern basteln möchte. Auch habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich das ganze hier auf meinem Blog weiterführen möchte. Und bin zu dem Entschluss gekommen, das Alles wieder ernster zu nehmen. Ernst im Sinne von Regelmäßigkeit.

GEFÜHLT habe ich jede Menge Vorfreude auf den Herbst und die darauffolgenden Weihnachtszeit. Verrückt, aber gestern Abend habe ich wirklich schon gebrannte Mandeln und Glühwein gerochen und sogar zweimal in den Backofen gesehen, ob nicht doch schon die ersten Weihnachtsplätzchen gebacken sind. Vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, freue ich mich dieses Jahr ganz besonders auf Heiligabend, weil wir zum aller ersten Mal in der Familiengeschichten mit der ganzen Sippe, wirklich mit allen, unter dem Weihnachtsbaum stehen wollen. „Oh, ich Fröhliche!“

GENOSSEN habe ich jeden einzelnen Schritt, den ich diese Woche über den kalten Asphalt beschritten habe. Der Asphalt, der die ersten Herbstanfänge einatmete und meine Beine durch überfüllte Straßen, lange Alleen und enge Hintergassen führte. Mit einer frischen Windböe im Haar und einem Stein, den ich vor mir her kickte, habe ich im Pelzmantel und Wollschal, die kalten Temperatur, die trockenen Lippen und die rote Nasenspitze genossen. Ich bin Herbstmädchen – durch und durch.

GELIEBT habe ich die Wahlkampfrede von Michelle Obama auf dem Demokraten-Parteitag in New Hampshire. Nicht nur, weil sie sich besonders an diesen Unmensch Trump wandte, der sich mit sexuellen Übergriffen gegen Frauen gebrüstet hat, sondern auch, weil sie sich für uns Frauen stark machte und thematisierte, wie wir mit unserer Verwundbarkeit umgehen. Vor allem diese Zeilen haben mich zutiefst berührt:


„Wir dachten, all das wäre Geschichte, oder? Unzählige Frauen haben über Jahre hinweg dafür gekämpft, dass diese Gewalt, dieser Missbrauch aufhören, dass diese Respektlosigkeiten ein Ende finden. Aber nun schreiben wir das Jahr 2016 und hören genau diese Sachen Tag für Tag im Wahlkampf. Wir ertrinken geradezu darin. Also tun wir, was wir Frauen schon immer getan haben: Wir versuchen, den Kopf über Wasser zu halten, es durchzustehen, uns nicht anmerken zu lassen, wie sehr es uns quält. Wir wollen nicht zeigen, was es bei uns anrichtet, wollen nicht schwach sein. Vielleicht haben wir Angst davor, verletzlich zu wirken. Vielleicht haben wir uns einfach daran gewöhnt, unsere Gefühle herunterzuschlucken, stillzuhalten, so zu tun, als ob es uns nichts ausmacht. Vielleicht wollen wir es aber auch einfach nicht wahrhaben, dass es auch heute noch Menschen gibt, die Frauen so gering schätzen. Viel zu viele gehen damit um, als wäre es eine Schlagzeile von vielen, als wäre unsere Empörung nicht berechtigt, als wäre all das normal – als gehöre all das zur Politik.“

Auch wie Michelle Obama kann ich nicht aufhören, daran zu denken. Kann nicht vergessen, was über Donald Trump ans Licht gekommen ist. Kann nicht verstehen, warum er kurz vor der Präsidentschaft steht. Kann nicht akzeptieren, wer er war und was er tat, wer er ist und was er tut, wer er sein wird und was er tun wird. Genau wie Michelle Obama kann ich nicht brav mit dem Kopf nicken und zusehen, wie noch mehr durch ihn zerbricht. Ich bin eine Frau und ich habe eine Stimme. Und ich sage: GO HILLARY, GO!

GEFREUT habe ich mich über viele Dinge diese Woche: über einen herzerfreuenden Cappuccino und ein Stück vom hamburgbesten Karottenkuchen in der Kaffeerösterei „Elbgold“, über lange Gespräche und Philosophien mit Freunden, über einen Hund, der mich beim Vorbeigehen mit seiner feuchten Nase angestupst hat und über ein Kompliment eines kleinen Mädchens in der Bahn, dem meine Augen so gefielen.

GESUNGEN oder mehr gesummt, habe ich diese Woche, immer mal wieder, „Save Me“ von Listenbee. Die Zeile „You are the only one that could save me“ sprang mir dabei besonders oft durch den kleinen Kopf.

GETRÄUMT habe ich von einem ganz besonderen Menschen, dessen Person mir in den kalten, dunklen Herbsttagen wieder einmal (oder immer noch) sehr, sehr fehlt.

4 Comments

  • Ben Froehlich Oktober 16, 2016 at 23:48

    Ich weiß nicht, ob ich mit dir schimpfen soll, weil du dich doch deinem Buch widmen wolltest und deswegen hier nicht schreibst, oder ob ich nicht doch einfach nur freudig strahlend deinen Eintrag durchlese. Nun, ich freue mich über den Eintrag. Vielen Dank dafür und ganz besonders für die Botschaft an euch Frauen. Allerdings gilt dieser Aufruf umso mehr auch uns Männern, die wir in unserer privilegierten Situation oftmals gar nicht merken, wie gut es uns ganz selbstverständlich geht und dass es an uns ist, dass es allen anderen Menschen auch so selbstverständlich gut gehen sollte. Ein kleines Beispiel: Ich würde mich freuen, wenn die Lampe vor meinem Fenster des Nachts aus wäre. Ich kenne aber eine ganz besondere Frau, die sich darüber gar nicht freuen würde, die froh darüber ist, dass des Nachts Licht scheint, weil sie schon im Dunkeln verfolgt wurde. Mir kam der Gedanke gar nicht, welche Sicherheit ihr das Licht geben könnte.

    • Mona Kuehlewind Oktober 17, 2016 at 13:00

      Lieber Ben! Du brauchst nicht mit mir schimpfen, das tue ich selber, hin und wieder, mit mir selbst. Denn was mein Buch anbelangt, kann ich nicht viel erzählen. Derzeit mache ich eine Pause – ich kann psychisch einfach gerade nicht. Zu viele schwere Worte, die mich gerade doch irgendwie ein bisschen belasten. Ich werde die Tage aber mal mehr erzählen und dazu einen Blogpost verfassen.
      Aber ich denke, dass ich bald wieder weitermachen werde – ich hoffe es sehr!

      Lieben Dank für deinen Kommentar und bevor ich es vergesse, will ich dir sagen, dass du so ziemlich den schönsten Vornamen der Welt hast. Mein Bruder heißt auch Ben 🙂

      • Ben Froehlich Oktober 17, 2016 at 22:44

        Vielen Dank, in der Tat scheint Ben ein Name zu sein, der durchweg positiv empfunden wird. Er ist jedoch leider nur ein Pseudonym. 😉 Ich bin nun gespannt auf den angekündigten Blogpost und vielleicht schreibe ich dann auch was zu meinem Schreibprojekt ^^

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