Falsche Wimpern, Silikoneinlagen und 300 Swarovski Steine

Juni 1, 2015


„Arsch raaaauus!“, „MONA, Arsch raaaus!“, waren die einzigen Worte, die ich wahrnahm.

Völlig benebelt und wie in Trance blinzelte ich in das Licht der Scheinwerfer, die mich jetzt aus dem Schatten, aus der kleinen dunklen Ecke, ganz hinten rechts, hervorholten. „Und mit der Startnummer 26, Mona Kühlewind, von der Sportschule Gudensberg“, erklang die tiefe, männliche Stimme des Moderators. Mein Name prasselte scheinbar wie ein Regenschauer über das Publikum ein. Jubelgeschrei, applaudierende Hände und irgendwo dazwischen konnte ich sie sehen. Die schwarzen, wild zerzausten Haare, der rosa Lippenstift und das vertraute Lächeln. Zaghaft, kaum bemerkbar, hielt sie ihren rechten Daumen nach oben. Mit der Brille auf halb acht, der Kamera längst nicht mehr in Position gehalten und der Coca Cola dem Nachbarn in die Hand gedrückt, schaute sie mir jetzt direkt in die Augen und ich konnte sehen, dass sie weinte.“

Samstag halb sieben, in einer Berliner Jugendherberge. Fern ab von jeglichem Getümmel und Großstadtleben, weckte mich ein „Bonjour Madame“ und ein darauf folgendes „Hello, can only speak english“. „Was zur Hölle war hier los?“ Wie von einer Tarantel gestochen sprang ich auf. Vergaß dabei völlig, dass ich mich in einem Hochbett befand und stieß mir den Kopf an. „Aua!“, schrie ich auf. „Everything ok?“, entgegnete mir die fremde Stimme. Als ich den Kopf hob, blickte ich in die Augen einer kleinen Chinesin. Noch bevor ich antworten konnte, stolzierte meine Mama, mit einer Laune als hätte sie gerade vier Brötchen mit extra viel Nutella und einer großen Tasse Kakao verschlungen, ins Zimmer. „Das sind unsere zwei Mitbewohnerinnen. Madame Simon und Linh Lee. Sie kamen gestern, als du schon schliefst.“ Mit einem noch immer geöffneten Mund, als hätte man mir die Sprache genommen, begutachtete ich die beiden Damen mit einem Hauch von Fassungslosigkeit. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass ich mir den Kopf angehauen hatte, mein Magen knurrte, als könnte er ein ganzes Steak zum Frühstück verdrücken und mein Hals trockener war, als die Sahara, durfte ich nun erfahren, dass ich die ganze Nacht mit wild fremden Personen ein Zimmer geteilt hatte. Nun gut. Das änderte alles nichts daran, dass die Zeit lief. Ich nur noch, moment .. „Scheiße!“, schrie ich auf, rammte mir nochmals den Kopf an der Decke an, stolperte die halbe Treppenleiter herunter, rannte ins Bad und ließ die Tür lautstark ins Schloss fallen. Das letzte was ich noch wahrnahm war die verunsicherte Stimme der Chinesin, die fragte „What does that mean, „scheizzee“?

Mir blieb nicht mehr viel Zeit zur Vorbereitung. Um genau zu sein 15 Minuten. Glücklicherweise blieb mir das Duschen erspart, da ich schon die erste Farbschicht auf meinem Körper hatte. Eine wirklich tolle Erfindung, diese Farbe, dachte ich mir. Andere bezahlen 1000 Euro für zwei Wochen Mallorca, um endlich die gewünschte Bräune zu bekommen und ich kaufe einmal Farbe für 25 Euro und sehe aus wie ein halbes Hähnchen. (Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: die Farbe ist der Teufel höchst persönlich!!) Nachdem zehnten Versuch die Kontaktlinsen einzusetzten, gelang mir auch dies und ich konnte mich für einen Moment zurücklehnen. Doch keine Sekunde später und meine Mutter klopfte an der Tür. „Möchtest du etwas essen oder trinken?“ „In der Jugendherberge gibt es ein großes Buffet, sogar mit Reiswaffeln und Haferflocken.“ „NEIN!“, fuhr ich sie an. „Entschuldigung, ich habe es ganz vergessen.“, jammerte sie mir entgegen. Mein Magen stimmte gleich mit in ihr Jammern ein. Nichts essen, nichts trinken, hieß es vor dem Wettkampf. Höchstens ein bisschen Eiklar. Aber dann konnte ich es auch gleich lassen.

Noch ein letzter kritischer Blick in den Spiegel und wir machten uns, bewaffnet mit einer Isomatte, zwei Decken und DER TASCHE (in dieser befanden sich die wichtigsten Dinge für den Auftritt, sprich Bikini, Schuhe und Schmuck), auf den Weg zur Deutschen Bodybuilding Junioren und Masters Meisterschaft.

 Als wir ankamen, herrschte bereits ein großer Ansturm. Viel zu braune Männer und Frauen, soweit das Auge reichte. Einige von ihnen waren bereits geschminkt. Obwohl „geschminkt“ an dieser Stelle das völlig falsche Wort ist. Sie sahen aus, als seien sie direkt mit dem Gesicht in ihre Make-up Tasche gefallen

Ich versuchte einen Weg zu meinem Coach zu finden. Streifte dabei unzählige nackte Männerkörper, rempelte sämtliche Taschen um und trampelte so manch einem über die Füße. Im Schlepptau immer dabei, meine Mama, deren Endorphin Ausschüttung, verursacht durch die Nutella Brötchen, noch immer auf Hochtouren zu liefen schien. Nach einer halben Ewigkeit kamen wir dann bei meinem Coach an.

Nachdem wir unser „Isomattenlager“ aufgebaut hatten und ein paar Minuten Zeit hatten zu entspannen, realisierte ich zum ersten Mal, dass es heute soweit war. Es gab kein Zurück mehr. Mein erster Wettkampf stand mir kurz bevor. War ich wirklich bereit dafür? Fragen über Fragen, für die es jetzt keine Zeit mehr gab sie zu stellen, geschweige denn eine Antwort auf sie zu bekommen.

Glaub mir, es gibt nichts Schlimmeres als tausende von Fragen zu haben, aber nicht eine einzige Möglichkeit zu haben, auch nur eine dieser Fragen zu stellen. Das fühlt sich ungefähr so an, wie damals in der ersten Klasse. Wenn du zum ersten Mal stillschweigend das Klassenzimmer betrittst. Dich ganz hinten, auf den letzten Platz am Fenster verkrümelst, weil du niemanden kennst. Du fühlst dich hilflos, allein und doch bist du irgendwie glücklich und ein klein wenig stolz darauf, einen Platz gefunden zu haben.

Genauso ging es mir an diesem Samstag auch. Ich fühlte mich wahnsinnig hilflos, aber ich war stolz wie Oskar es bis dorthin geschafft zu haben. Denn wann hat man schon mal die Möglichkeit falsche Wimpern, Silikoneinlagen und 300 Swarovski Steine zu tragen und dabei noch bewundert zu werden und Komplimente zu bekommen, anstatt für völlig verrückt gehalten zu werden?Vier Stunden später und auch ich sah aus als hätte ich mein Gesicht direkt in den Schminkkoffer geklatscht. Der letzte Farbanstrich folgte und ich sah aus, als hätte man mich aus dem tiefsten Dschungel importiert. Weil alle guten Dinge drei sind und die 5 Kilo Schminke, sowie die dunkle Farbe meinen Körper noch nicht genug in Szene setzten, hing ich mir noch die überdimensionalen Glitzerohrringe an, steckte mir einen dicken Klunker an den Ringfinger und zog zwei viel zu große „Bling-Bling-Armbänder“ über mein Handgelenk. Alle guten Dinge sind drei? Meistens schon, aber nicht heute. Deshalb hing ich mir noch Extension in die Haare und schlüpfte in meine Highheels, mit einem Absatz, der einem Streichholz glich. Fertig. Halt, bevor ich es vergesse und damit du hier nichts falsch verstehst. Einen Bikini hatte ich natürlich auch an. Naja, im Grunde genommen war es nicht irgendein gewöhnlicher Bikini, wie man ihn im Sommer trägt.Nein, es war ein

Bikini, für den ich eine halbe Weltreise machte. Bis nach Stuttgart reiste, um mir einen Stoff auszusuchen, ihn maßanfertigen zu lassen und am Ende weit mehr als 300 Euro hinblätterte.

Ich bin nicht verrückt. Ich bin nur, naja, etwas anders. Vielleicht.

Fünf Stunden später und wir standen hinter der Bühne. Mein Magen hatte bereits aufgegeben zu protestieren. Er hatte wohl bemerkt, dass jegliche Art von Protest kläglich scheiterte. Mein Hals war allerdings immer noch trocken wie die Sahara. Doch das Allerschlimmste war die Aufregung, die zitternde Knie, die bibbernde Zähne, und die schweißnasse Hände.

30 Minuten später und all das Warten hatte ein Ende. Jetzt war es an der Zeit.„IT’S GAME TIME!“

Kaum hatte ich die Bühne betreten und mich positioniert, schaltete mein Gehirn ab.

„Arsch raaaauus!“, „Mona, Arsch raaaus!“, waren die einzigen Worte, die ich wahrnahm. Völlig benebelt und wie in Trance blinzelte ich in das Licht der Scheinwerfer, die mich jetzt aus dem Schatten, aus der kleinen dunklen Ecke, ganz hinten rechts, hervorholten. „Und mit der Startnummer 6, Mona Kühlewind, von der Sportschule Gudensberg.“, erklang die tiefe, männliche Stimme des Moderators. Mein Name prasselte scheinbar wie ein Regenschauer über das Publikum ein. Jubelgeschrei, applaudierende Hände und irgendwo dazwischen konnte ich sie sehen. Die schwarzen, wild zerzausten Haare, der rosa Lippenstift und das vertraute Lächeln. Zaghaft, kaum bemerkbar, hielt sie ihren rechten Daumen nach oben. Mit der Brille auf halb acht, der Kamera längst nicht mehr in Position gehalten und der Coca Cola dem Nachbarn in die Hand gedrückt, schaute sie mir jetzt direkt in die Augen und ich konnte sehen, dass sie weinte. Meine Mama.

Die Welt stand für mich einen Augenblick still. Alles prallte an mir ab. Es fühlte sich an, als wäre ich in einer Seifenblase eingeschlossen, nur mit meiner Mama. Eine Seifenblase, in der wir nicht reden brauchten, denn ihr Blick sagte mir mehr, als tausend Worte. Sie war stolz.

Unglaublich stolz. Ich wollte sie in den Arm nehmen, doch genau in diesem Moment platzte die Seifenblase und ich nahm wieder meine Umgebung war. Aber ich nahm sie jetzt als ein völlig anderer Mensch wahr.

Ich wusste plötzlich, warum ich hier oben stand, warum ich mich halbnackt vor hunderten von Menschen präsentierte. Mit falschen Wimpern, Silikoneinlagen und 300 Swarovski

Steinen.

Ich wollte ein Stück Lebenserfahrung gewinnen, das mir mehr Mut, mehr Selbstbewusstsein und mehr Stolz schenken würde. Und genau aus
diesem Grund sage ich, dass ich mit meinem ersten Wettkampf, meinen ganz persönlichen Sieg mit nachhause gebracht habe.

Mein Sieg war kein Pokal. Mein Sieg war ein Schub mehr Selbstbewusstsein.

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1 Comment

  • Johnny Flash August 10, 2015 at 11:59

    keep on the good work!

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