Wenn du aussiehst wie der Brokkolimatsch in deiner Tupperbox

Juni 16, 2015

„Willst du auch ein Stück?“, fragte mich meine Oma und holte den frisch gebackenen Apfelkuchen aus dem Ofen.

Der Duft von frischem Hefeteig, Zimt und Rosinen zog durch den Raum. „Sag mal hast du schon Alzheimer, oder was?“, pöbelte ich sie an und öffnete meine Tupperbox. Mit gesenktem Kopf blickte ich auf den Brokkoli, der mittlerweile der reinste Matschhaufen war. „Tut mir leid. War nicht so gemeint. Aber du weißt doch, ich bin auf Diät.“ „Schon gut, Schätzchen. Ich wollte dir doch nur etwas Gutes. Also wieder nur die Gabel?“ „Ja, bitte nur die Gabel.“, piepste ich ihr jetzt nur noch entgegen. Es mussten Stunden vergangen sein, als ich die letzte Gabel Brokkolimatsch in den Mund schob. Das Kuchenblech auf dem Tisch war schon halb leer. Mein Opa hatte sich bereits zum Mittagsschlaf in seinen Sessel verzogen und Oma rührte noch in ihrem Kaffee herum. Jetzt legte sie den Löffel zur Seite und blinzelte mich an. Das machte mich unsicher. „Ist was? Habe ich gekleckert?“, guckte ich sie fragend an. Stille. Nur das Schnarchen von Opa und die viel zu laut gestellte Stimme der Nachrichtensprecherin aus dem Fernseher, waren zu hören. „Ich mache mir Sorgen, Mona.“ Der letzte Happen Brokkoli blieb mir beinahe im Hals stecken. Ich hustete. „Ach, wirklich? Um was denn?“, schaute ich sie schockiert an. „Um dich. Um dich, Mona.“

Du verweigerst jedes Stück Kuchen, jede noch so kleine Süßigkeit, sogar Obst schlägst du ab. Und auch dein Lieblingsgericht, von Oma, kann dich nicht mehr begeistern. Seit Wochen sehe ich dich nur noch Brokkoli essen, der jedes Mal aussieht, als hätte er bereits drei Tage in der Ecke gelegen. Na gut, ab und an ist ja wenigstens auch mal ein Stück Hähnchen in deiner Tupperbox oder ein paar Körner Reis, die man mühelos an einer Hand abzählen kann. Aber sieh dich doch mal an. Nichts mehr ist an dir dran. Kein Gramm Fett mehr. Weder in deiner Tupperbox, noch auf deinen Hüften. Du siehst aus, wie ein Schluck Wasser. Oder nein. Weißt du wie du aussiehst? Wie dein Brokkoli. Genauso zerfallen. Genauso verloren. Genauso wenig wie man deinen Brokkoli noch als solchen identifizieren kann, kann man dich erkennen, die Mona, die du vor wenigen Wochen noch warst.“

Von ihren ehrlichen Worten selber total erschrocken, beendete sie endlich ihren Monolog. Das daraus kein Dialog wurde, war ja wohl klar. Ohne ein Wort zu sagen, stand ich auf, verließ die Küche und ließ Oma allein in der Küche zurück.

Als ich im Badezimmer angekommen war, schloss ich die Tür hinter mir ab und stelle mich vor den Spiegel. Bereits seit einigen Tagen ging ich jeglichem Spiegel aus dem Weg. Irgendwie hatte ich Angst. Wovor Angst? Angst davor mich selbst nicht mehr zu erkennen. Mich irgendwie verloren zu haben. Mir reichte es schon, dass mir mittlerweile jede Hose zu groß war. Ich jedes verdammte Mal den Gürtel drei Löcher enger machen musste und meine Hose am Po immer noch viel zu weit war. BH’s brauchte ich erst gar nicht mehr zu tragen, denn es war ja sowieso nichts mehr da, was man hätte verstecken müssen. Und meine Brille, die rutschte ununterbrochen von der Nase, als die letzten Fettpölsterchen sich von meinem Gesicht verabschiedeten.

Außerdem war pausenlose Müdigkeit, extrem hohe Empfindlichkeit und massive Stimmungsschwankungen keine Seltenheit. Als wäre das nicht genug, passte sich mein Tempo dessen einer Schnecke an. Des Weiteren traten die seltsamsten Erscheinungen auf, wie das Riechen von Kohlenhydraten, sprich von Mehl, Nudeln oder auch Haferflocken, die meterweit von mir entfernt waren.

Eine weitere seltsame Erscheinung war das Wiederholen von Worten, oder ganzen Sätzen, innerhalb eines Gesprächs. Das komischste aber war, dass ich manchmal einfach abschaltete und die Welt um mich herum für einen kurzen Moment vergaß.

Das führte einmal dazu, dass ich beim Fahrradfahren vergaß zu lenken, und vor einen Zaun fuhr, die Leine von meinem Hund einfach losließ und dieser daraufhin in einen Bach sprang oder ich während einer Mathe-Präsentation, in der Schule, eine Gleichung mit dem Wort „Kohlenhydrate“ auflöste, anstatt mit x = 6. Verrückt oder? Doch zwei positive Seiten hatte die ganze Diät. Erstens schienen einige meiner Mitmenschen sich häufig köstlich über mich zu amüsieren. Denn an Tollpatschigkeit und Konzentrationsstörungen mangelte es nun wirklich nicht. Und zweitens blieb ich von den monatlichen Unterleibschmerzen, den nerventötenden Kopfschmerzen und dem unwohlen Gefühl, also den Problemen, mit denen sich die Frau jeden Monat, für ein paar Tage, herumquälen muss, verschont. Ja, meine Tage blieben aus.

Nun stand ich mit geschlossenen Augen vor dem Spiegel. Vorsichtig blinzelte ich mit den Augen und versuchte mich ganz langsam meinem Spiegelbild zu nähern. Erst öffnete ich das rechte Auge. Alles verschwommen. Dann öffnete ich auch das linke Auge. Für einen Moment war ich blind. Es dauerte eine ganze Weile, bis mein Gehirn wieder einschaltete. Das war also übrig geblieben. Das war also das, was die Diät mir gelassen hatte. Kleine, müde Augen, knochige Wangen, eine recht blasse Haut, ein paar Pickel und heruntergefallene Mundwinkel.  Die letzten Tage Diät hatten tatsächlich ihre Spuren hinterlassen. Oma hatte Recht. Ich sah wirklich nicht besser aus, als der Brokkolimatsch in meiner Tupperdose. Von der Mona, die letzte Woche noch in Berlin, bei ihrem ersten Wettkampf auf der Bühne stand, war heute nicht mehr viel zu erkennen. „Selbst daran schuld. “, wenn man nicht auf seinen Coach hört und noch weniger isst, als man eigentlich sowieso nur noch essen sollte. Ja, ich gebe es zu. Oma hatte ja Recht. Die letzten Tage gab es wirklich nur noch Brokkoli und Hähnchen. Und ja, die Reiskörner konnte man wirklich mühelos abzählen. Irgendwie hatte ich das Gefühl noch mehr aus mir rausholen zu können, wenn ich noch ein bisschen weniger esse. Dass unser eigenes Gefühl uns manchmal einen fiesen Streich spielt, lernte ich nun auch.

Zwei Tage später, am Freitag, den 24. April, war dann der Tag meines zweiten Wettkampfes. Die deutschen Newcomer Meisterschaften in Fulda. In den vergangenen zwei Tagen herrschte Funkstille zwischen Oma und mir. Irgendwie war das auch besser so, für uns beide.

Am Wettkampftag hatte ich wieder die tollste und treuste Begleitung bei mir, die ich nur hätte vorstellen könne. Meine Mama. Die Wahl seiner Begleitung sollte wirklich, wirklich gut überlegt sein. Denn deine Begleitperson wird dich vermutlich durch alle Gefühlslagen begleiten müssen. Sie wird von nichts verschont bleiben und hat diesen Tag wirklich einen Fulltimejob. Sie wird dir die Reiswaffel in den Mund stopfen müssen, wenn du kurz davor bist jegliche Kontrolle zu verlieren und in die Tafel Schoki beißen willst, die du dir eigentlich als kleines „Highlight“ für nach dem Wettkampf aufgehoben hast. Sie wird dich bei jedem Toilettenbesuch begleiten müssen, damit du nicht, völlig unkontrolliert, aus dem Wasserhahn trinken willst, weil du am Wettkampftag auf jeden Tropfen Wasser verzichten musst. Sie muss dir ständig die Bestätigung geben, dass du toll aussiehst, damit dein Selbstbewusstsein, was an diesem Tag vermutlich nicht das Beste sein wird, nicht ganz in den Keller rutscht. Außerdem muss sie ständig hinter dir herdackeln, mit einem Schminkkoffer ausgerüstet sein und dein Handy immer parat halten, damit du deine Lieben auf dem Laufenden halten kannst. Wenn sie ab und zu mal ein paar Fotos knipst, wäre das natürlich auch echt toll. Und ganz nebenbei muss sie dir die Daumen drücken, damit sich der ganze Zirkus am Ende auch lohnt. Meine Mama war diesem Fulltimejob definitiv gewachsen.

Nachdem ich mein Gesicht wieder in den Schminkkoffer geklatscht hatte und ich die ganze Prozedur ein zweites Mal durchlaufen hatte, hieß es nun warten. Oder? Verdammt, nein. Nur noch 2 Minuten. Von allen Seiten klatschen gefühlte zwanzig kalte Hände das Öl auf meine Haut, damit alles schön glänzt. Mein Trainer drückte mir zwei Hanteln in die Hand, um die Schultern noch ein bisschen aufzupumpen. Irgendwo an meinen Füßen spürte ich, wie mir jemand die High Heels zumachte. Von draußen hörte ich bereits den Moderator unseren Auftritt ankündigen. Dann das Publikum applaudieren.

Ein lautes Husten entfuhr mir, als mir jemand eine halbe Dose Haarspray in die Extension sprühte.

Und das letzte, was ich wahrnahm, bevor ich auf die Bühne stolzierte, war zwei Hände, die die Silikoneinlagen unter mein Bikinioberteil stopften.

Der Reihe nach geordnet ging es endlich auf die Bühne.

Das Gefühl war wieder da. Dieses unbeschreiblich tolle Gefühl, dass man gar nicht in Worte fassen kann.

Zum Teil ist man stolz. Stolz dort oben zu stehen, einfach stolz auf sich selber. Zum Teil ist man aber einfach auch unheimlich glücklich. Glücklich darüber so viel Lob zu bekommen, für all die harte Arbeit der letzten Monate. Doch zum größten Teil ist es ein Gefühl, dass einem sagt, dass man das richtige getan hat. Das es genau der richtige Weg war, beziehungsweise DEIN richtiger Weg. Dass es die richtige Entscheidung war die Tupperdose mit Brokkolimatsch zu essen, anstatt das Stück Apfelkuchen. Das es richtig war eine mathematische Gleichung mit „Kohlenhydraten“ aufzulösen, anstatt mit x = 6. Und das es auch das aufgeschürfte Knie, nach dem kleinen Fahrradunglück, wert war. Wenn du dort oben stehst, im Licht der Scheinwerfer, dann bist du glücklich, weil du zum ersten Mal in seit Monaten (!!) wieder strahlst. Weil du wieder aufblühst, wie eine Blume, die nach der kalten Winterzeit wieder aufgeht. Einfach, weil du zum ersten Mal seit Monaten wieder lebst.

Auch mein zweiter Wettkampf endete für mich mit keinem Pokal. Aber dafür endete er mit einem Moment, indem ich wieder lebendig war. Mit einem Moment, der mir nochmals einen Schub mehr Selbstbewusstsein schenkte.

Bevor ich es vergesse. Nach dem Wettkampf war das erste was ich las, eine SMS von Oma, in der sie mir schrieb „Ich habe dich nicht vergessen. Ich drücke dir die Daumen.“ „Ich dich auch nicht, Oma.“, schrieb ich ihr mit zittrigen Händen und ein paar Freudentränen zurück.

„Nach dem Wettkampf ist vor der Wettkampf“, saß ich meiner Mama strahlend in McDonalds, mit einem Proteinriegel, gegenüber, während sie genüsslich in einen Burger biss.

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