Aufgeben gibt’s nicht

Juli 21, 2015

Hattest du auch schon mal einen Moment in deinem Leben, indem du kurz davor warst aufzugeben? Alles hinzuschmeißen? „Aufgeben gibt’s nicht.“, war gestern. In diesem Moment ist dir nämlich alles egal. Die Monatelange Arbeit, all die Mühe, all der Stress, all der Schmerz und jeder noch so kleine Schweißtropfen der letzten Wochen ist Schnee von gestern.

Im Beruf vergisst manch einer, wie viel Arbeitsstunden er in sein Projekt investiert hat, wenn er kurz vor der Umsetzung aufgeben will, weil ihm vielleicht ein winziger Fehler unterlaufen ist. In der Schule vergisst manch einer, wie viel Mühe er sich mit seiner Ausarbeitung gemacht hat, wenn er kurz vor der Präsentation aufgeben will, weil er schreckliches Lampenfieber bekommt. Im Alltag vergisst manch Mann, wie viele Stunden er verschwendet hat um die Beschreibung zu studieren, wenn er kurz vor dem letzten Handgriff aufgeben will, weil ihm eine verdammte Schraube fehlt. Im Alltag vergisst auch manch Frau, wie oft sie bereits nach dem Rezept recherchiert hat, wenn sie kurz vor der letzten Zutat aufgeben will, weil ihr ein blödes Ei runter gefallen ist.

Und dann gibt es manch einen, der vergisst, dass er sich sagenhafte vier Monate ohne Schoki, Gummitiere, Kuchen und andere Leckereien durch eine Diät gequält hat. Dass er sich genau vier Monatelang eins zu eins an einen strikten Ernährungs- und Trainingsplan gehalten hat. Dass er seine Sonntage lieber mit „Mealprep“, anstatt „Couching“ verbracht hat und den freien Samstagabend auch lieber im Gym, als im Club abgehangen ist. Der, der plötzlich vergisst, dass er in vier Monaten sage und schreibe 10% Körperfett verloren hat und nun aussieht, wie der Brokkolimatsch in seiner Tupperdose, oder noch schlimmer. Und zu diesen Menschen gehörte dann wohl ich …

Regel Nr. 1: Gehe niemals in die Süßwaren-Abteilung, wenn du auf Diät bist. Oder besser gesagt besuche in dieser Zeit niemals einen Supermarkt. Oder noch besser gesagt, verlasse gar nicht erst dein Haus. Denn die Gefahr von fiesen Dickmachern am Dönerspieß, von frittierten Kartoffeln, gefüllten Keksen, schokoladenüberzogenen Gebäckstücken und käsigen Teigwaren lauert überall.

Heute war Montag, der 27. April. Der Tag, der die letzte Woche Diät einläutete. Noch immer im Himmel von Kohlenhydraten schwebend, die ich gestern Abend in Form von Tomaten-Mozzarella Buscetta beim Italiener und jeder Menge High-Carb Riegel, als kleine Belohnung meines gestrigen Wettkampfs, vernaschte, wachte ich gutgelaunt auf. Zu meiner Enttäuschung musste ich feststellen, dass die großen Mengen an Kohlenhydrate nun erstmal wieder vom Teller fielen. Glücklicherweise nur noch für fünf Tage. Die Zeit war also absehbar. Oder etwa doch nicht? Diese Frage klärte sich noch schneller, als mir lieb war.

Immer noch gut gelaunt machte ich mich auf den Weg ins Fitnessstudio, um das letzte Brusttraining vor dem Wettkampf zu absolvieren. Wie gewohnt startete ich mein Training mit meiner Hassliebe, dem Crosstrainer. Nach 15 Minuten und laut Anzeige 248 Kalorien leichter begann ich mit dem Krafttraining. Ich ergatterte mir einen Platz an der Langhantel, direkt am Fenster. Die ersten zwei Sätze waren geschafft und da hörte ich ihn auch schon schwärmen „Hast du die schon probiert? Ey, die toppt echt alles. Voll der Foodporn, Digga.“ „Klar, Digga. Hab ich mir gestern erstmal ordentlich gegönnt. Aber Beste ist eh die Pizza von Toni. Foodporn Deluxe“, schwärmte der Zweite. „Hast Recht, Junge. Mit dem Käserand, 1A.“, schwärmte der Erste wieder. „RUHEE! Verdammt. Könnt ihr eure Gespräche nicht um eine Woche verschieben? Es gibt auch Leute, die auf Diät sind.“, zischte ich die zwei Jungs an, die mich jetzt ganz unschuldig und erschrocken ansahen. Ja, auch ich konnte zur Tarantel werden. Von wegen stilles, graues Mäuschen. In der Diät war gehörte ich eher zur Gattung der Ratten. Zu den fiesen, stinkenden, wohlbemerkt. Da waren selbst die beiden Jungs überrascht. „Chill mal.“ „Ja, echt mal. Komm mal runter. Ging nur um ne Pizza.“, lachte der Zweite wieder. „Nein, ging es nicht, verdammt. Es ging um die Pizza von Toni. Die geilste Pizza der Stadt. Es ging eben um den Pizzaladen, an dem ich jeden verfluchten Tag vorbeilaufe, und seid exakt vier Monaten keines Blickes mehr würdige. Der Pizzaladen auf dessen Dach mein verfluchter Hass und Segen zugleich liegt. Rafft ihrs endlich?“, fluchte ich ein zweites Mal. „Geht klar. Und jetzt reg dich ab“, schnauzte der Erste. Diskussion beendet. Nach 10 Minuten machten die beiden sich dann auch aus dem Staub und verabschiedeten sich mit einem „Viel Erfolg weiterhin bei deiner Diät.“ Daraufhin hatte ich nichts mehr zu antworten, außer einem lauten Atemstoß, als ich die nächsten 30 Kilo nach oben drückte. Als ich die erste Brustübung in Ruhe beendet hatte, wechselte ich zur Butterfly Maschine über. Von hier aus hatte man einen guten Ausblick. Nur leider nicht den Ausblick aufs Meer oder den Strand, sondern den Ausblick auf den Dönerladen, der sich auf der anderen Seite des Fitnessstudios befindet. Aus welchem Grund auch immer viel es mir heute besonders schwer meinen Blick von diesem Laden zu lösen. Noch nie war mir vorher aufgefallen, dass der Laden einen gelben Anstrich hatte und vor der Tür eine riesen Anschlagtafel mit dem Wochenangebot aufgeschlagen war. Anstatt mich in den Pausen zwischen den einzelnen Sätzen mit Trinken und durchatmen zu regenerieren, studierte ich die Wochenangebote von oben nach unten, von rechts nach links und von links wieder nach rechts. Dabei bemerkte ich gar nicht, wie sich die Regenerationspausen, die laut Trainingsplan nur 30 Sekunden dauern sollten, um ganze zwei, drei, dann plötzlich fünf Minuten verlängerten. Bis ich die Wochenangebote inklusive Preise auswendig konnte. Pommes waren diese Woche im Angebot. Rechneten sich aber im Vergleich zum Pommdöner nicht und der normale Döner, stand auch nicht im Verhältnis zum Veggiedöner, stellte ich fest. Noch nie hatte ich für diese Maschine so lange gebraucht. Ich hatte nicht mal gemerkt, dass ein älterer Herr bereits Schlange stand und vergeblich auf den freien Platz an dem Butterfly wartete. Immer noch in Gedanken an den Dönerladen von gegenüber begab ich mich zur letzten Übung, der Schrägbank. Diese stand ein Glück auf der anderen Seite unseres Studios. Hoch konzentriert führte ich die ersten zwei Sätze aus. Doch als ich mitten im dritten Satz war, kam irgendein Wahnwitziger auf die blendende Idee, ordentlich durchzulüften. Er öffnete alle Fenster und keine Sekunde später und das Fitnessstudio roch nicht mehr nach Rost, Schweiß und Eisen, sondern nach Fladenbrot, Dönerfleisch und Zaziki. Da verließ mich glattweg alle Kraft und die Stange fiel mir auf die Brust. „Autsch“, schrie ich. Und versuchte mich unter der Langhantel zu befreien. Ein letzter Blick aus dem Fenster zum Dönerladen verriet mir, dass ich mich nun auf schnellstem Weg nachhause machen sollte, bevor noch ein Unglück, ein großes Unglück passiert. Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte ich mir einem Handtuch, in der Hoffnung den unglaublich gut riechenden Duft von frisch … (ich bin jetzt lieber still), im Gesicht aus dem Studio, schwang mich aufs Rad und wollte den Weg nachhause ansteuern. Richtig, WOLLTE. Denn urplötzlich viel mir noch ein, dass mein Brokkoli leer war, da ich das letzte halbe Kilo bereits zum Frühstück verfuttert hatte. Somit blieb mit ein Edeka Besuch nicht erspart. „Kein Brokkoli = kein Futter“, lautete die Devise in der Diät. Ich schaffte es tatsächlich am Dönerladen vorbeizuradeln, ohne die Luft anzuhalten und auch Toni’s Pizzaladen passierte ich ohne Hinzuschauen.
Im Edeka angekommen, wurde ich allerdings auf die härteste Probe aller Proben gestellt. Wahrscheinlich die Probe, bei der sich vermutlich auch der richtige Profi Bodybuilder vom Amateur unterscheidet.

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Als meine es das Glück nun endlich gut mit mir, empfing mich direkt am Eingang des Supermarktes ein großes Plakat, auf dem in Großbuchstaben geschrieben war: „Das Kilo Brokkoli diese Woche im Angebot zu einem unschlagbaren Preis“. Mein Herr schlug einen dreifachen Salto und ich sprintete los. In der Gemüseabteilung angekommen, Griff ich mir gleich einen großen Plastikbeutel um gleich 5 Kilo Brokkoli zu besorgen. Musste ja schließlich für die letzten Tage Diät vorsorgen. Weil das Glück aber diesen Tag sowieso schon auf meiner Seite lag (die Ironie lässt grüßen), musste ich nicht nur zu meiner Enttäuschung, sondern auch zu meiner Wut, meiner nicht mehr vorhandenen Belastbarkeit und meiner geknickten Psyche feststellen, dass das Regel, in dem sich der Brokkoli befand, leer war. Alles was zu finden war, war ein kleiner, übrig gebliebener grüner Stängel. „So ein Mist“, entfuhr mir ein böser Schrei, auf den ein heftiger Schlag mit der Faust in das leere Regal folgte. „Wieso, wieso ausgerechnet ich? Wieso ausgerechnet jetzt?“, winselte ich vor mich hin. „Aufgeben gibts nicht“, fiel mir wieder ein. Somit zog ich das Smartphone aus der Hosentasche und öffnete myfitnesspal, die App schlechthin. Myfitnesspal, auch bekannt als „der beste Freund in der Diät“. Ohne ihn geht quasi nichts mehr. Immer dabei, immer up to date oder besser ausgedrückt: immer up to food. Und an diesem Tag war er auch Retter in der letzten Not und bewahrte mich vor einer Hungerkatastrophe. Ohne Brokkoli war ich nämlich völlig aufgeschmissen. Brokkoli war nicht nur eine Beilage, nein. In der Diät war Brokkoli viel mehr. Brokkoli war Eiweiß-, Kohlenhydrat-, Vitamin und Ballaststoffquelle zugleich. Der Brokkoli war der Held, der wahre Alleskönner. Nun zurück zu myfitnesspal. Myfitnesspal ist die App, in der man sein Essen „trackt“ oder anders gesagt, in der man all die Dinge einträgt, selbstverständlich mit der genauen Grammangabe inklusive Nachkommastelle, die man am Tag verzehrt. Am Ende des Tages hast du dann den genauen Überblick über die Menge der Kohlenhydrate, der Fette, der Eiweiße und der tausend anderen Nährstoffe, die an diesem Tag auf deinem Teller lagen (oder wie bei mir in deiner Tupperdose). Da man sich in der Diät eins zu eins an die Ernährung halten muss, wird so eine App schnell mal zum besten Freund.

Als die App geöffnet war, verriet sie mir was heute auf dem Plan stand: 500g Brokkoli zum Frühstück, die bereits verdrückt waren. Nochmal 500g zum Mittag mit 200g Hähnchen und 50g Reis und 250g Brokkoli mit 200g Tomate zum Abendessen. „Und wie soll ich diesen Tag nun überleben ohne in einer Hungersnot zu enden, wenn meine Ernährung zu 70% aus Brokkoli bestand?“, machte sich panische Angst in mir breit. „Aufgeben gibts nicht“, erinnerte ich mich wieder. Deshalb durchsuchte ich ganz myfitnesspal nach einem Gemüse, dass dem Brokkoli glich. Nein, nicht seinem Aussehen, sondern seinen genauen Nährstoffen. Myfitnesspal spuckte mir eine ganze Liste Gemüsesorten aus, von denen ich mehr als die hälfte problemlos ausschließen konnte, da sie zu viele Kohlenhydrate hatten. Möhren hätten quasi bedeutet, dass ich den Reis zum Mittag komplett streichen kann und auch der Blumenkohl war nicht gerade ein Low Carb Verfechter. Das letzte Gemüse was mir übrig blieb war die Zucchini und auch die entsprach nicht den exakten Werten des Brokkoli. „Sollte ich die 0,2g mehr fett riskieren? Sollte ich auf die knappen 2g Eiweiß, die mir durch die Zucchini fehlten, verzichten? Oder sollte ich dann einfach mein Hähnchen nicht in Kokosöl anbraten, sondern in Wasser?“, stellte ich mir die Fragen. Letztendlich entschied ich mich aber doch für die Zucchini inklusive schlechtes Gewissen. Ein schlechtes Gewissen wegen einer Zucchini. Verrückt oder?

IMG_0469Völlig frustriert stellte ich mich an die Kasse, deren Schlange bis in die Süßwarenabteilung reichte. „Nicht das auch noch“, dachte ich mir, als ich eine gefühlte Ewigkeit neben Schokolade, Gummitieren und dann auch noch neben meinen Lieblingskeksen ausharren musste. Wie gerne ich in diesem Moment doch in das Regal gegriffen hätte. Wie gerne ich am liebsten kopfüber in das Regal gefallen wäre. „Aufgeben gibts nicht“, läutete es mir wieder ein und ich konzentrierte mich auf die letzten Meter zur Kasse. An der Kasse angekommen sah ich eine kleine Packung zuckerfreies Zimt Kaugummi, das geschlossen auf dem Boden lag. „Das kommt dann auch noch mit.“, hörte ich mich plötzlich sagen, hob das Kaugummi auf und streckte es der Verkäuferin zum abscannen entgegen. Direkt nach dem
Bezahlen stopfte ich mir die halbe Packung in den Mund. Der Geschmack von Zimt setzte sich auf meiner Zunge ab. Der Geschmack von Zimt, ZIMT, ZIMMMMTTT!!! „Scheisse“, brüllte ich und spuckte das Kaugummi in hohem Bogen auf den Boden. Zimt hatte Kalorien. Zimt hatte Kohlenhydrate und Zimt stand nicht in dem heutigen Eintrag auf myfitnesspal. Jetzt kamen mir die Tränen. Ich ließ den Einkauf fallen und ließ mich zu Boden fallen. Der Tag war für mich gelaufen.

Und die nächsten Tage wurden nicht besser. Das einzige was mich in den letzten Tagen noch glücklich machte, war, dass mir Mama am nächsten Tag neuen Brokkoli mitbrachte und ich somit die letzten Tage nochmal das volle Brokkolimatsch-Programm auffahren konnte.

Am Freitag war Wettkampftag der vierte. Und für mich der letzte dieser Saison. Die Stunden vor dem Wettkampf verliefen wie üblich. Die 5 Kilo Schminke und auch die drei Farbanstriche waren schon Routine. Genauso wie der trockene Mund, weil man ja nichts trinken durfte und der knurrende Magen. Alles nichts Neues. Und auch der Wettkampf verlief wie jeder andere auch. Vorstellung jeder Athletin. Frontpose links, Frontpose rechts. Seitenansicht links. Wieder eine Viertel Drehung nach rechts zur Rückenansicht. Bevor es zur vorletzten Pose, der Seitenansicht rechts ging und schließlich wieder mit der Frontpose endete. Dabei immer den Arsch raus, den Bauch rein und das ununterbrochene Lächeln.
Dann der erste Vergleich, dann der zweite Vergleich und zum Schluss nochmal alle. Abschließend der T-walk der sechs Finalistinnen und dann die Siegerehrung. Das Gefühl wieder dort oben zu stehen, alles gegeben zu haben, und nicht aufgegeben zu haben, auch wenn es viele Momente gab, in denen man kurz davor war … Dieses Gefühl war wieder da. Einfach unbezahlbar. Allerdings war der Moment, die Stunden nach dem Wettkampf anders, als bei den vorherigen Wettkämpfen. Es war der letzte Wettkampf und der Freischuss zurück in den Alltag, ins alltägliche Leben mit Schoki, Gummitieren und anderen Leckereien. Den Alltag ohne strickten Ernährungs- und Trainingsplan. Der Alltag ohne schlechtes Gewissen, wenn du anstatt Brokkoli Zucchini kaufen musst. Und der Alltag ohne schlechtes Gewissen, wenn du Kaugummi mit Zimtgeschmack isst.

Somit beendete ich diesen Wettkampf und diese Saison mit einer Nacht im Schokoparadies. Ich wachte zwar am nächsten Morgen mit einem Zuckerschock auf, aber zum ersten mal wieder mit einem guten Gewissen und dem Stolz gekämpft zu haben.

„Aufgeben gibt’s nicht“, ist und bleibt eben doch das Gesetz.

3 Comments

  • tagebuchschreiberin Juli 26, 2015 at 18:29

    Verdammt cool dass du sowas machst und diszipliniert durchhältst! Und darüber so toll schreibst! 🙂

    (aber Blumenkohl ist sehr wohl Low Carb 😉 )

  • Johnny Flash August 10, 2015 at 13:05

    aufgegeben wird nur ein Brief 😉

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